PTA-Forum online
Vitamin D

Substitution mit Augenmaß

03.06.2015  12:49 Uhr

Von Elke Wolf / Vitamin-D-Supplemente stehen derzeit hoch im Kurs. Es mehren sich die Hinweise, dass sich ein ausgewogener Vitamin-D-Haushalt günstig auf die unterschiedlichsten Erkankungen auswirken kann. PTA sollten dennoch von einer unkritischen Substitution des sogenannten Sonnenhormons abraten.

Keine Frage: Unbestritten ist die Bedeutung von Vitamin D für die Rachitis-Prophylaxe bei Kindern, für die Knochenbildung, also die Regulierung des Calcium- und Phosphat-Haushalts, und zur Prophylaxe und Behandlung der Osteoporose. Beim Erwachsenen, und dabei vor allem bei Senioren, ist ein Mangel an Vitamin D zweifelsfrei mit einem erhöhten Risiko für Knochenbrüche verbunden.

Zahlreiche Veröffentlichungen aus der jüngeren Vergangenheit deuten zudem darauf hin, dass ein ausgewogener Vitamin-D-Haushalt für den günstigen Verlauf verschiedener Krankheiten nicht unerheblich sein könnte. So untermauern Krebsstatistiken aus sonnenreichen und sonnenarmen Gegenden die Theorie, dass Vitamin D eine Schutzfunktion gegen Brust- und Dickdarmkrebs besitzt. Protektive Effekte stehen auch für Multiple Sklerose oder Diabetes im Raum. Beobachtungsstudien geben zudem Hinweise, dass ein Mangel an Vitamin D mit einer erhöhten kardiovaskulären Sterberate assoziiert ist.

Medienberichte über diese Studien haben die Nachfrage nach dem Vit­amin erhöht. Doch Vorsicht: Eine Assoziation in einer Beobachtungsstudie ist nicht mit einer Kausalität gleichzusetzen. Es ist durchaus möglich, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel nur ein Indikator für einen schlechten Gesundheitszustand, also nicht der Grund, sondern die Folge diverser Erkrankungen ist. Nur randomisierte klinische Studien können den Beweis dafür erbringen, ob Zusammenhänge bestehen. Und da sieht es für Vitamin D recht mau aus. Die Popularität von Vitamin-D-Supplementen bei gesunden Menschen wird nicht durch die Ergebnisse randomisierter klinischer Studien gestützt. Das haben zwei Metaanalysen aus dem vergangenen Jahr deutlich gemacht, beide in hochrangigen Journals veröffentlicht. Danach gilt auch weiterhin, dass eine unkritische Vit­amin-D-Gabe nicht sinnvoll ist.

Zweidrittel mit Mangel

Die Diskussion um Sinn und Notwendigkeit einer Vitamin-D-Supplementierung wird dennoch weiter anhalten, schon weil ein großer Teil der deutschen und auch der europäischen Bevölkerung mangelhafte Serumspiegelkonzentrationen an 25-Hydroxyvit­amin D (25-OHD) aufweist. 25-OHD, der Marker für die Vitamin-D-Versorgung im Blut, berücksichtigt sowohl die Vit­amin-D-Zufuhr mit der Nahrung als auch die endogene Synthese über die Haut. In Deutschland liegt nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei etwa 57 Prozent der Männer und 58 Prozent der Frauen aller Altersgruppen die Konzentra­tion des 25-OHD unter dem gewünschten Wert von 50 nmol/l (= 20 ng/ml). Besonders ältere Menschen und Heimbewohner weisen laut RKI einen deutlichen Mangel auf.

Der vom RKI und auch der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) genannte 25-OHD-Zielwert von mindestens 50 nmol/l Serum ist allerdings umstritten. Andere Fachgesellschaften halten diese Zielkonzentration für zu niedrig. Sie sehen Plasmaspiegel zwischen 60 und 100 nmol/l als gesundheitsförderlich an.

Vitamin D in Zahlen

Die Mengen an Vitamin D werden in Internationalen Einheiten (IE) oder in Mikrogramm (µg) angegeben:

  • 40 IE entsprechen 1µg
  • 0,025 µg entsprechen 1 IE
  • 25 µg entsprechen 1000 IE

Die Serumkonzentration wird in ng/ml oder in nmol/ml angegeben:

  • 1 nmol/l entspricht etwa 0,4 ng/ml
  • 1 ng entspricht etwa 2,5 nmol/l

Um dem verbreiteten Mangel in Deutschland zu begegnen, hat die DGE vor drei Jahren neue Referenzwerte für die Vitamin-D-Zufuhr herausgegeben. Sonst für ihre zurückhaltenden Empfehlungen bekannt, hat sie die Zufuhrmengen auf das Vierfache angehoben. Danach sollten Jugendliche und Erwachsene täglich 20 Mikrogramm statt wie bisher 5 Mikrogramm zuführen. Zu berücksichtigen: Da der Beitrag der körpereigenen Vitamin-D-Bildung von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und somit nicht quantifiziert werden kann, werden die neuen Referenzwerte als Schätzwerte unter der Annahme einer fehlenden körpereigenen Synthese angegeben.

Endogene Vit-D-Produktion

In der Tat wird dem Körper Vitamin D3 zwischen 80 und 90 Prozent durch die Synthese in der Haut bereitgestellt und nur zu einem kleinen Teil aus Nahrungsmitteln. Vitamin-D-reiche Nahrungsmittel – Spitzenreiter ist Lebertran mit 12 000 IE pro 100 Gramm, gefolgt von Hering, Wildlachs, Makrele oder Thunfisch mit bis zu 1000 IE – stehen bei den Deutschen nicht hoch im Kurs. Leber, Eigelb und Milchprodukte tragen nur marginal zu einem ausreichenden Spiegel bei.

Um den Bedarf des Körpers an Vit­amin D zu decken, stellt die Leber aus Cholesterol das Provitamin D3 (7-Dehydrocholesterol) her. In den Keratinozyten der Haut entsteht daraus mithilfe von UV-B-Strahlen Cholecalciferol, auch Vitamin D3 genannt. Der wirksamste Wellenlängenbereich liegt dabei bei etwa 300 nm. Cholecalciferol metabolisiert die Leber in die Speicherform Calcidiol, eben jenes 25-OHD, das Labormediziner bestimmen. Bei Bedarf produziert die Niere daraus das biologisch aktive Calcitriol (1,25-Dihy­droxy-Cholecalciferol) und gibt es ins Blut ab.

Unter optimalen Bedingungen stellen die Keratinozyten in der Haut bis zu 20 000 IE Vitamin D pro Tag selbst her. Die tatsächliche Menge ist entscheidend vom Sonnenstand abhängig, der sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten und der geographischen Breite ändert. Dies bedeutet: Unter Umständen ist in Mitteleuropa und besonders in den nördlichen Ländern im Winter die Intensität der UV-B-Strahlen zu gering, um genügend Vitamin D umzusetzen.

Nördlich des 52. Breitengrades (London, Ruhrgebiet) und nach anderen Forschungen schon des 42. Breitengrades (Barcelona, Norditalien) kann im Winter kein Vitamin D in der Haut gebildet werden. Unterhalb des 37. Breitengrads (Los Angeles, Sizilien) sei dagegen eine ausreichende Vitamin-D-Biosynthese sicher über das ganze Jahr möglich. Grundvoraussetzung für einen ausreichenden UV-B-Anteil im Sonnenlicht ist, dass der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen auf die Erde steiler ist als 35 Grad. In Österreich und der Schweiz ist dies von Anfang März bis Mitte Oktober und in Norddeutschland von Ende März bis Ende September gegeben.

 

Erforderliche Expositionszeit

Synthese trotz Creme?

Aber wie sieht es mit Sonnenschutzpräparaten aus? Vereiteln sie die Vit­amin-D-Produktion in der Haut? Experten sind sich darüber einig, dass auch mit einem adäquaten Sonnenschutz eine ausreichende Synthese in der Haut stattfinden kann. Zugrunde liegen etwa folgende Berechnungen:

Die obige Grafik zeigt, wie lange Menschen mit verschiedenen Hauttypen zu verschiedenen Jahreszeiten im hellen Tageslicht bleiben sollten, damit der Körper etwa 800 IE bis 1000 IE – der derzeitige Schätzwert des täglichen Vitamin-D-Bedarfs – synthetisieren kann. Dabei ist auch berücksichtigt, dass mit zunehmender Sonneninten­sität die meisten Menschen weniger Kleidung tragen:

  • Gesicht + Nacken + Hände: etwa 1/8 Gesamtkörperoberfläche;
  • Gesicht + Nacken + Hände + Arme: 1/4 Gesamtkörperoberfläche;
  • Gesicht + Nacken + Hände + Arme + Beine: 1/2 Gesamtkörperoberfläche.

 

So ergibt sich für Hauttyp I bei einem UV-Index von 1, wenn etwa 1/8 der Gesamtkörperoberfläche der Sonne ausgesetzt werden, eine erforderliche Besonnungszeit von 50 Minuten, um 1000 IE Vitamin D zu synthetisieren. Bei Hauttyp III und einem UV-Index von 4 beträgt die erforderliche Sonnenexposition 14,6 min, wenn 1/4 der Körperoberfläche besonnt wird. Wird weniger Haut der Sonne ausgesetzt, verlängert sich die erforderliche Expositionszeit umgekehrt proportional. Die Werte für den Phototyp VI dienen zur Orientierung, wie lange die erforderlichen Besonnungszeiten wären, wenn ein Mensch mit Phototyp I ein Sonnenschutzpräparat mit LSF 25 oder mit Phototyp II ein Präparat mit LSF 15 anwenden würde.

Diese Modellberechnung zeigt, dass bei UV-Indices über 7, wie sie im Sommer auftreten, und jahreszeitüblicher Bekleidung eine ausreichende Vitamin-D-Synthese auch bei Verwendung eines adäquaten Sonnenschutzes erreicht wird. Im Winter ist dies aber kaum möglich, erst recht, wenn Tagescremes mit UV-Filtern verwendet werden. Um eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung auch dann sicherzustellen, raten Fachgesellschaften in den Wintermonaten zu einer Substitution von 800 bis 1000 IE Vitamin D pro Tag. Allerdings sollte zuvor der aktuelle 25-OHD-Spiegel bestimmt werden. Zur Therapie eines diagnostizierten Vit­amin-D-Mangels eignet sich in Abhängigkeit von Körpergröße, Körpergewicht und Alter die orale Gabe von mindestens 2000 IE Vitamin D pro Tag über einen Zeitraum von acht Wochen. Anschließend kann die Therapie bei Erwachsenen mit einer Erhaltungsdosis von 1500 bis 2000 IE pro Tag fortgeführt werden. /