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Assistenzhunde

Helfer auf vier Pfoten

19.06.2017
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Von Carina Steyer / Sie sind rund um die Uhr im Einsatz – öffnen Türen, betätigen Notrufknöpfe oder ziehen Schuhe aus. Assistenzhunde unterstützen Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen im Alltag, indem sie mangelnde oder fehlende Sinnes- und/oder Körperfunktionen so gut wie möglich ersetzen, und verleihen damit ein Stück Unabhängigkeit.

Der älteste und gleichzeitig bekannteste Assistenzhund ist der Blinden­begleithund. Er zeigt seinem Besitzer Treppenstufen, Briefkästen oder Türen über das Führgeschirr an, führt an Hindernissen vorbei oder findet Ausgänge. Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurden die ersten Hunde dieser Art für die zahlreichen erblindeten Soldaten ausgebildet. Inzwischen werden Assistenzhunde zur Unterstützung bei vielen weiteren Erkrankungen und Behinderungen eingesetzt.

Ein wahrer Segen im Haushalt sind Assistenzhunde für lebenspraktische Fähigkeiten, die sogenannten LPF-Hunde. Sie helfen Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, indem sie Waschmaschinen be- und entladen, beim Einkaufen Produkte aus den Regalen holen oder Gegenstände tragen. Je nach Bedarf lernen die Hunde, beim Aus- und Anziehen zu helfen, unterstützen beim Binden der Schnürsenkel oder öffnen Türen. Zum Einsatz kommen sie bei Menschen, die durch einen Rollstuhl oder Prothesen stark eingeschränkt sind.

Auch der Mobilitätsassistenzhund kann einzelne lebenspraktische Auf­gaben übernehmen. Seine Haupt­aufgabe ist es jedoch, einen Menschen mit Gehbehinderung zu stützen. Mobilitätsassistenzhunde verbessern die Standfestigkeit und das Gleichgewicht beim Gehen, helfen beim Aufstehen oder Treppensteigen. Dafür tragen die Hunde ein spezielles Geschirr, an dem sich der Partner festhalten kann. Signalhunde wiederum werden darauf trainiert, Geräusche anzuzeigen oder ihre gehörlosen Besitzer zu der Geräuschquelle zu führen.

Diabetes, Epilepsie und Asthma sind relativ neue Einsatzgebiete für Assistenzhunde. Die Tiere werden ausge­bildet, ihren Halter frühzeitig vor einer drohenden Unter- oder Überzuckerung, einem bevorstehenden epileptischen oder asthmatischen Anfall zu warnen. So soll genügend Zeit bleiben, um sich hinzusetzen, Aktivitäten wie Treppensteigen zu unterlassen, ein Notfallmedikament zu applizieren oder Hilfe zu verständigen.

Wie Hunde die zugrundeliegenden Veränderungen wahrnehmen, ist bisher wissenschaftlich nicht geklärt. Möglich wäre, dass der Körpergeruch, die Mo­torik oder Stimme für Menschen nicht wahrnehmbare Abweichungen aufweist, auf die der Hund reagiert. Antrainierbar sei das Warnverhalten nicht, schreibt das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum auf seiner Website. Vielmehr sei die Fähigkeit angeboren und würde sich bereits im Alter von drei Wochen zeigen. Während der Ausbildung könnten Hund und Halter lediglich lernen, das zuverlässige Warnen zu fördern, zu erhalten und Fehler zu vermeiden.

Wer macht was?

In Abhängigkeit von der Arbeit, die sie für ihren Partner erfüllen, gibt es verschiedene Assistenzhunde.

Blindenführhunde haben die Auf­gabe, sehbehinderte Menschen mithilfe eines Führhundgeschirrs sicher­ an jedem Ort zu führen. So leiten sie beispielsweise durch den Verkehr und zeigen wichtige Orientierungspunkte wie Lifte, Treppen, Zebrastreifen oder Ampeln an.

Assistenzhunde für LPF helfen einem Menschen, der in seiner Mobilität eingeschränkt ist und auf einen Rollstuhl, Krücken oder Prothesen angewiesen ist. Sie helfen bei der Be­wältigung der alltäglichen Aufgaben, indem sie für ihren Menschen Gegenstände vom Boden aufheben, aus ­Regalen holen und Lichtschalter und Knöpfe betätigen.

Mobilitätsassistenzhunde helfen einem Menschen, der Schwierigkeiten beim Gehen hat, indem sie ihn stützen. Hierfür tragen sie ein Mobilitätsgeschirr, an dem sich der Partner festhalten kann.

Signal-/Gehörlosenhunde unterstützen gehörlose und hörbehinderte Menschen beim Verständigen ­beziehungsweise Anzeigen verschiedener Haushaltsgeräusche wie Klopfen oder Läuten an der Türglocke, An­zeigen von Wecker, Telefon, Schreien eines Babys, Feueralarm. Die Hunde sind ausgebildet, physischen Kontakt aufzunehmen, und leiten ihre Partner/in zur Geräuschquelle hin.

Medizinische Warnhunde unterstützen Menschen mit Diabetes, indem­ sie auf deren Unter- oder Überzuckerung aufmerksam machen. Auch Epileptiker oder Asthmatiker werden gewarnt, dass ein Anfall bevorsteht.

Autismushunde erlernen indi­vi­duelle Aufgaben, um das Leben eines Autisten zu erleichtern, wie beruhigen, in Menschenmengen Sicherheit geben oder Bescheid geben, wenn das Kind weg läuft.

Emotionale Brücke

Eine weitere mögliche Erklärung für die spezielle Gabe der Hunde: Das Warnverhalten wird erreicht, wenn der Hund zu seinem Besitzer eine enge emotionale Bindung aufgebaut hat. Bemerkt der Hund eine Abweichung von der »Normalsituation«, erlebt er Angst und Stress. Weil er beides schnell abbauen möchte, zeigt er das gewünschte Warnverhalten. Auch hierbei handelt es sich nur um eine Theorie; empirische Untersuchungen existieren bisher nicht.

Neben der praktischen Unter­stützung im Alltag sorgen Assistenzhunde für wichtige soziale Kontakte, die Isolation verhindern und die Begegnung mit anderen Menschen fördern. Das Zusammensein mit dem Hund wirkt zudem angst- und stressmindernd und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Besonders deutlich wird dies bei Autismushunden, die vorwiegend für Kinder ausgebildet werden. Die Hunde schaffen spielerisch, wo Menschen oft versagen.

Während einige Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung mensch­liche Berührung kaum ertragen können, tolerieren sie die Nähe der Hunde außerordentlich gut. Autismushunde schirmen aktiv vor Reizüberflutung ab, sorgen für Ruhe und können Wutanfälle lindern. Dafür legen sie sich etwa auf Kommando über die Beine. Durch das Gewicht des Hundes, kann das Kind sich selbst besser spüren und beruhigt sich schneller. Oft erleichtern die Tiere auch die Kontaktaufnahme zu anderen Kindern, da sie nicht nur Interesse wecken, sondern auch Respekt und ihrem jungen Halter Selbstvertrauen ver­mitteln.

Assistenz oder Therapie

Assistenzhunde werden immer speziell für einen Menschen ausgebildet. Während ihrer etwa zweijährigen Ausbildung erlernen sie mindestens drei Aufgaben, die die Behinderung des Partners direkt mindern. Zudem müssen sie hohe Standards in der Öffentlichkeit einhalten, zum Beispiel dürfen sie nicht schnüffeln, müssen andere Menschen und Hunde ignorieren und mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit beim Halter sein. Auch im familiären Rahmen sollte der Fokus immer bei der Hauptbezugsperson bleiben. Eine einzige Ausnahme besteht für Autis­mushunde. Hier ist der enge Kontakt zu allen Familienmitgliedern gewünscht. Auch bei Ausflügen ist der Hund oft sowohl mit dem Kind als auch einem Erwachsenen durch eine Leine verbunden.

Davon abzugrenzen sind die so­genannten Therapiehunde. Während Assistenzhunde immer speziell einem Menschen zur Verfügung stehen, helfen Therapiehunde mehreren unterschiedlichen Menschen.

Therapiehunde werden bei pädagogischen, psychologischen oder sozialintegrativen Angeboten für Menschen mit kognitiven, sozial-emotionalen oder motorischen Einschränkungen, aber auch bei gesundheitsfördernden, präventiven oder rehabilitativen Maßnahmen eingesetzt, etwa in Ergotherapiepraxen. Auch sogenannte Besuchshunde, die Altenheime oder Kindergärten besuchen, helfen vielen verschiedenen Menschen. Diese Hunde haben im Gegensatz zu den Assistenzhunden keine mehrjährige spezielle Ausbildung absolviert, halten keine Standards ein und erfüllen nicht mindestens drei direkte Aufgaben für »ihren« Partner.

Schwierigkeiten im Alltag

Assistenzhunde sollen rund um die Uhr für ihren Halter 24 Stunden da sein. Wünschenswert wäre deshalb auch, die selbstverständliche Mitnahme in Supermärkte, Kinos oder Arztpraxen. Dass das nicht immer so einfach ist, liegt vor allem daran, dass lediglich Blindenbegleithunde im Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen gelistet sind. Alle anderen Assistenzhunde werden weder im Schwerbehinderten­ausweis eingetragen noch gibt es bundesweit einheitliche Qualitätsstandards, was die Ausbildung und Prüfung betrifft. Auch Kenndecken werden nicht geregelt abgegeben, sondern können praktisch jedem Hund angelegt werden.

Etwa zwei Jahre dauert es, bis ein Hund zum Assistenzhund ausgebildet ist. In dieser Zeit lebt er entweder bei seinem künftigen Halter und besucht mit diesem die Hundeschule oder bei einer Pflegefamilie. Die Kosten sind in beiden Fällen hoch. Interessenten müssen mit 20 000 bis 25 000 Euro rechnen, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Einzige Aus­nahme sind die Blindenhunde, die als anerkanntes Hilfsmittel von den Kassen finanziert werden. Oft besteht jedoch­ die Möglichkeit, über verschiedene Vereine oder Stiftungen eine Unter­stützung bei der Finanzierung zu erhalten.

Lebenslanges Training

Der Einsatz eines Assistenzhundes ist immer dann sinnvoll, wenn das Leben durch die Erkrankung oder Behinderung deutlich eingeschränkt ist und durch die Hilfe des Hundes verbessert werden kann. Da das Training aber nicht mit der Ausbildung zu Ende ist, sondern täglich weiter geübt werden muss, ist es wichtig, dass nicht nur die Hilfsleistung, sondern auch die zusätzliche Arbeit, die mit dem Tier verbunden ist, gesehen wird. Der Wunsch, sich um ein Tier in dieser Intensität zu kümmern, ist somit unabdingbar.

Vor allem wenn der Hund für ein Kind bestimmt ist, muss der Einsatz nicht nur von den Eltern als sinnvoll ange­sehen werden, sondern auch vom Kind gewollt sein. Besteht womöglich eine Hundeangst, raten Experten dringend von der Anschaffung ab. Bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung sollten neben den üblichen Überlegungen vor der Anschaffung eines­ Tieres auch die ­besonderen Eigenheiten des Kindes bedacht­ werden. Ist es beispielsweise stark geruchsempfindlich oder kann es mit schnellen Bewe­gungen nicht um­gehen, wird der Hund niemals den ­gewünschten Effekt erbringen können. /

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