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Nein sagen ohne Schuldgefühle

19.06.2017
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Von Andreas Nagel / Beruflich sowie privat wird jeder irgendwann einmal um die Übernahme zusätzlicher Aufgaben oder um Gefälligkeiten gebeten. Vielen Menschen fällt es schwer, derartige Bitten von Kollegen oder Freunden abzulehnen. Wer aber immer wieder Ja sagt, wenn er etwas eigentlich nicht tun möchte, hilft zwar anderen Menschen – allerdings auf Kosten der eigenen Interessen. Mit der richtigen Strategie gelingt es, auch einmal abzulehnen, ohne den Gesprächspartner zu verärgern.

Ungewollte Aufgaben werden meist aus Angst vor den negativen Konsequenzen eines Neins übernommen. Viele Menschen haben bereits in der Kindheit erfahren, dass Eltern oder Lehrer auf ein Nein mit Unverständnis, Verärgerung, Kritik oder Zurückweisung reagiert haben. Das führte zu Streit, Sympathieverlust oder sogar zu Strafen. Vielleicht haben auch die eigenen Eltern vorgelebt, dass man vor anderen Menschen immer gut dastehen muss und nicht negativ auffallen darf. Oder die Eltern haben sich selbst für andere Menschen engagiert oder aufgeopfert und ihre eigenen Interessen dabei immer wieder zurückgestellt. Kinder lernen daraus: »Ich muss die Erwartungen meiner Mitmenschen bestmöglich erfüllen. Die Interessen anderer Menschen sind wichtiger als meine eigenen Wünsche.«

Wer häufig Ja sagt, obwohl er lieber Nein gesagt hätte, vermeidet zwar negative Reaktionen seiner Mitmenschen, nimmt dafür aber viele Nach­teile in Kauf. Die meisten Menschen ärgern sich nachträglich über sich selbst, wenn sie ungewollte Aufgaben oder Verpflichtungen übernommen haben­, nur weil sie nicht den Mut hatten, abzulehnen. Sie fühlen sich aus­genutzt, weil die Wünsche anderer Menschen zu Lasten der eigenen Interessen erfüllt werden. Im Extremfall entsteht durch die Vielzahl der übernommenen Zusatzaufgaben, Gefälligkeiten und Hilfeleistungen permanenter Stress und es bleibt keine Zeit mehr für die eige­nen Wünsche und die eigene Regeneration.

Folgen des Ja-Sagens

Machen Sie sich daher klar, was es bedeutet, wenn sie immer wieder zusätz­liche Aufgaben oder Termine wahrnehmen. Prüfen Sie einmal, wie viele Stunden Sie für diese Aufgaben verwenden müssen, und fragen Sie sich, was Sie sonst alles in dieser Zeit tun könnten. Bedenken Sie: Ein Ja zu einer­ Sache bedeutet zugleich Nein zu allen denk­baren Alternativen. Vielleicht kennen Sie die Redewendung: »Wer immer Ja zu anderen sagt, muss aufpassen, dass er nicht Nein zu sich selbst sagt.«

Die innere Einstellung

Die größte Angst vieler Menschen ist es, dass andere ihnen das Nein übel nehmen. Aber was haben Sie in diesem Fall verloren? Dieser Mensch ist offensichtlich nicht bereit zu akzeptieren, dass Sie seinen Wunsch aus bestimmten Gründen nicht erfüllen können. Er mag Sie offenbar nur, solange Sie seinen Erwartungen entsprechen. Erlauben Sie sich daher gelegentlich, Ihren eignen Bedürfnissen oberste Priorität einzuräumen. Das macht Sie nicht zu einem Egoisten: Ein Egoist würde über diese Frage gar nicht nachdenken, weil er sich ausschließlich auf seine eigenen Interessen konzentriert – ohne auf die Folgen für seine Mitmenschen zu achten. Wer Sie dennoch als egoistisch, wenig kooperativ oder unkollegial bezeichnet, ist in der Regel selbst der eigentliche Egoist: Seine Erwartungen werden nicht erfüllt, und er versucht nun, seinen Willen durchzusetzen.

Wenn Sie Ihr Nein geschickt formu­lieren, ist die Wahrscheinlichkeit negativer Reaktionen relativ gering. Verwenden Sie dazu die folgenden Vorgehensweise: Wenn Sie zunächst Verständnis für die Bitte Ihres Gesprächs­partners zeigen, wirkt das folgende Nein viel sanfter. Ihr Gesprächspartner fühlt sich verstanden und ernst genommen. Ein Beispiel: »Es tut mir wirklich leid, dass Du so im Stress bist – aber ich kann Dir heute leider trotzdem nicht helfen.« Oder: »Ich verstehe, dass du das gerne möchtest. Aber heute kann ich dir wirklich nicht helfen.«

Begründen Sie Ihre Entscheidung anschließend so freundlich wie möglich. Bei einer nachvollziehbaren Er­klärung wird Ihr Gesprächspartner sicher­ Verständnis für Ihre Ablehnung haben. Halten Sie Ihre Begründung allerdings knapp, sonst klingt es eher nach einer Rechtfertigung. Beispiel: »Ich würde das gerne tun. Es geht aber leider wirklich nicht, weil…« Oder: »Ich würde dir wirklich gerne helfen, aber mein Terminkalender ist zurzeit komplett voll.« Bieten Sie dann Lösungs­vorschläge an, die Ihr Gesprächspartner auch ohne Ihre Hilfe umsetzen kann: »Versuchen Sie doch zunächst einmal …«

Wenn Sie nicht sofort und endgültig Nein sagen wollen, bieten Sie einen Ersatztermin für das Anliegen Ihres Gesprächs­partners an. In manchen ­Fällen erledigt sich die Bitte bis zu diesem Termin sogar auf andere Weise und Sie hören nichts mehr von der Angelegenheit. Zum Beispiel: »Ich habe übermorgen Zeit für dieses Thema. Sprechen Sie mich dann gerne nochmals an.« Oder: »Ich muss jetzt unbedingt zunächst etwas anderes erledigen. Danach können wir uns um Ihr Anliegen kümmern.« Wenn Sie noch nicht genau wissen, ob Sie eine bestimmte Aufgabe erfüllen können, ­bitten Sie um Bedenkzeit. So können Sie in Ruhe eine Entscheidung treffen und vermeiden, dass Sie durch die Bitte überrumpelt werden. »Ich weiß noch nicht genau, ob ich das tun kann. Ich muss einen Moment darüber nachdenken und sage Ihnen dann Bescheid.« Vielleicht ist es auch möglich, eine Bitte inhaltlich oder zeitlich zumindest teilweise zu erfüllen. »Ich habe leider nicht den ganzen Abend Zeit. Aber wir können uns von 18 bis 19 Uhr treffen.« Oder: »Ich kann dir bei Auf­gabe A helfen­, aber für Aufgabe B habe ich leider­ keine Zeit mehr.«

In den meisten Fällen wird es ausreichen, wenn Sie Ihr Nein deutlich formulieren. Es gibt aber auch Mitmenschen, die trotzdem mit allen Mitteln ver­suchen werden, Sie doch noch zu überreden. Die Trickkiste enthält je nach Situation­ Lob, Schmeichelei, die »Mitleidstour« bis zu Drohungen, Beleidigungen und Erpressungsversuchen. In diesen Fällen ist ein deutliches Wort erforderlich, zum Beispiel: »Du möchtest mich jetzt offenbar mit allen Mitteln dazu bringen, dass ich Ja sage – es tut mir leid, aber es geht wirklich nicht.« Oder: »Ihnen scheint es sehr wichtig zu sein, mich umzustimmen. Aber ich kann nur wiederholen, dass es wirklich nicht geht.« Beziehungsweise: »Ich kann verstehen, dass es dir nicht gefällt, dass ich Nein sage. Ich lasse mir aber deswegen von Dir kein schlechtes Gewissen machen.«

Übung macht den Meister

Wenn Sie bisher zu allem Ja gesagt haben, ist es für Kollegen und Freunde zunächst ungewohnt, auch einmal ein Nein zu hören. Üben Sie das Nein­sagen daher, indem Sie gedanklich ­Situationen durchspielen, in denen Sie bisher­ gegen die eigene Überzeugung Ja gesagt haben. Stellen Sie sich vor, wie Sie in diesen Situationen zukünftig auf ­elegante Weise Nein sagen. Dies gibt Ihnen Sicherheit für den Ernstfall. /