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Prämenstruelles Syndrom

Die miesen Tage vor den Tagen

30.10.2013
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Von Ulrike Viegener / Die genauen Ursachen des prämenstruellen Syndroms sind nach wie vor unbekannt. Da die Symptome von Frau zu Frau stark variieren, dauert es oft lange, bis ein Arzt die richtige Diagnose stellt und die Beschwerden adäquat therapiert. Die Auffassung, die betroffene Frau sei lediglich psychisch sehr labil, erwies sich als Fehleinschätzung.

Bereits vor rund 2500 Jahren hielt der berühmte griechische Arzt Hippokrates die Stimmungsschwankungen der Frauen für die Folge eines »verhinderten Abflusses von Menstruationsblut«. Inzwischen steht fest, dass das Geschehen beim prämenstruellen Syndrom (PMS) weitaus komplexer ist. Plötzliche Traurigkeit ist eines der vielen Symptome des PMS.

»Ich fange aus heiterem Himmel an zu weinen und würde am liebsten tagelang im Bett bleiben.« »Ich bin extrem gereizt und muss aufpassen, dass ich das nicht an meiner Familie auslasse.« So oder ähnlich beschreiben betroffene Frauen, wie es ihnen in den Tagen vor den Tagen geht. Richtig mies, könnte man es auf den Punkt bringen.

Insgesamt ist das PMS ein häufiges Phänomen. Bis zu drei Viertel aller Frauen im gebärfähigen Alter bemerken in der zweiten Zyklushälfte körperliche und/oder psychische Veränderungen. Rund 25 Prozent erfüllen die Kriterien eines PMS, etwa 5 Prozent sind richtig krank. In diesen schweren Fällen – für die der Krankheitsbegriff »prämenstruelle Dysphorie« (PMDD) geprägt wurde – ist die Lebensqualität so massiv beeinträchtigt, dass sowohl das Arbeits- als auch das Familienleben leiden.

Lästig bis stark belastend

Wie der Name schon sagt, treten die Beschwerden in der zweiten Hälfte des weiblichen Zyklus, also vor der Menstruation auf. Die Symptomatik des PMS variiert von Frau zu Frau. Einige leiden nur unter ein oder zwei Symptomen, viele quälen sich jedoch mit einem ganzen Bündel von Beschwerden. Mal stehen körperliche, mal psychische Beschwerden im Vordergrund. Die Liste möglicher Symptome ist lang, insgesamt sind rund 150 beschrieben. Zu den häufigsten zählen Krämpfe im Unterleib, ziehende Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Verstopfung, Heißhunger oder Appetitlosigkeit sowie Hautunreinheiten bis hin zur Akne. Müdigkeit und Erschöpfung sind ebenfalls typisch.

Als große Belastung empfinden viele Frauen die Einlagerung von Wasser im Gewebe (Ödembildung), verbunden mit dem Gefühl, aufgedunsen zu sein. Manchmal machen sich die Ödeme als Schwellungen im Gesicht, vor allem an den Augenlidern, sowie an Händen und Füßen bemerkbar, auch eine Gewichtszunahme kann die Folge sein. Ein weiteres belastendes PMS-Symptom ist die Mastodynie: die schmerzhafte Spannung und Schwellung der Brüste mit gesteigerter Berührungsempfindlichkeit, vor allem im Bereich der Brustwarzen.

Als psychische Veränderung treten häufig unerklärliche Stimmungsschwankungen auf. Lachen und Weinen können unvermittelt aufeinander folgen. In schwerwiegenden Fällen trägt die traurige Verstimmung Züge einer Depression. Auch Einbußen des Selbstwertgefühls und Ängste können sich einstellen, oder die betroffenen Frauen erleben sich selbst als leicht reizbar und aggressiv.

Zwar sind die Ursachen des prämenstruellen Syndroms noch nicht bekannt, doch steht sicher fest: Der vom griechischen Arzt Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.) vermutete Stau von Menstruationsblut ist es nicht. Bemerkenswert ist die Altersabhängigkeit des PMS. Meist sind die betroffenen Frauen älter als 30 Jahre, wenn es sie zum ersten Mal erwischt.

Komplexes Geschehen

Die prämenstruellen Störungen beginnen in der Regel 10 bis 14 Tage vor der Menstruation, steigern sich meist bis zur Blutung und klingen schließlich am ersten oder zweiten Tag der Blutung wieder ab. In dem genannten Zeitraum steigt das Gelbkörperhormon Progesteron charakteristischerweise zunächst an und fällt dann wieder ab, und Estrogene werden vermindert ausgeschüttet. Nach dem Eisprung produziert der geplatzte Eifollikel (Gelbkörper) das Progesteron, unter dessen Einfluss sich die Gebärmutterschleimhaut auf die Einnistung einer befruchteten Eizelle vorbereitet.

Bleibt die Befruchtung aus, dann schrumpft der Gelbkörper. Die Progesteron-Produktion versiegt, und die Regelblutung setzt ein. Außerdem bildet die Hypophyse in der zweiten Zyklushälfte vermehrt Prolactin, zu dessen Wirkungen unter anderem ein schmerzhaftes Anschwellen der Brustdrüsen gehört.

Werden die hormonellen Veränderungen der zweiten Zyklushälfte künstlich unterdrückt, treten keine PMS-Beschwerden auf. Rätselhaft bleibt allerdings, warum nur manche Frauen auf die Hormonschwankungen empfindlich reagieren und die Symptomatik von Frau zu Frau so unterschiedlich ist.

Serotonin mit im Spiel

Die Vielfalt der Symptome spricht für ein komplexes, multifaktorielles Geschehen. Experten nehmen an, dass die zyklischen Veränderungen der Geschlechtshormone Schwankungen anderer Hormon- und Neurotransmitterspiegel nach sich ziehen. Speziell der Neurotransmitter Serotonin, der die Stimmungslage entscheidend beeinflusst, scheint eine Rolle zu spielen. Ein hoher Serotonin-Spiegel im Gehirn hebt die Stimmung, wenig Serotonin macht hingegen depressiv.

Passend zu den PMS-typischen Stimmungsschwankungen konnten Wissenschaftler nachweisen, dass sich die Ausschüttung des Neurotransmitters während des weiblichen Zyklus verändert: Nach dem Eisprung nimmt die Serotonin-Konzentration im Körper kontinuierlich ab und rutscht unmittelbar vor der Menstruation kurzfristig ganz in den Keller. Dieser Verlauf ist wahrscheinlich auf die abnehmende Estrogenwirkung zurückzuführen. Die weiblichen Geschlechtshormone stimulieren die Ausschüttung von Serotonin und scheinen die Dichte und Empfindlichkeit von Serotonin-Rezeptoren im Gehirn zu erhöhen.

Der Regelkalender

Viele Frauen haben eine Odyssee hinter sich, bevor ein Arzt die richtige Diag­nose stellt und sie Hilfe bekommen. Schuld ist unter anderem die Vielfalt der Symptome, die zum Teil denen anderer Krankheitsbilder ähneln – etwa Erkrankungen der Schilddrüse.

Wegweisend für die Diagnose ist ein Regelkalender, in dem die Frau während mehrerer Zyklen festhält, wann welche Beschwerden auftreten. Auch kann sie in diesem Tagebuch vermerken, wodurch die Symptome sich besserten oder verschlechterten.

Wenig Salz und Coffein

Der Lebensstil, insbesondere die Ernährung, hat großen Einfluss auf das PMS. Coffein, Alkohol und wahrscheinlich auch Schokolade können – in größeren Mengen konsumiert – die Beschwerden verstärken. Außerdem sollten betroffene Frauen auf zuviel Salz verzichten, da Salz Wasser im Körper bindet und so die Ödembildung fördert. Rauchen kann sich ebenfalls negativ auswirken. Nicht selten bessern sich allein durch eine entsprechende Anpassung des Lebensstils die PMS-Beschwerden. Auch moderate sportliche Betätigung hilft oftmals. Durch Bewegung transportiert der Körper eingelagertes Wasser schneller ab. Außerdem erhöht Aktivität die Durchblutung, was zur Linderung krampfartiger Unterleibsschmerzen beitragen kann. Sport wirkt sich zudem nachweislich günstig auf die Stimmungslage aus. Empfehlenswert sind Rad fahren und Schwimmen – oder einfach nur Spazierengehen. Manche Frauen profitieren von aktiven oder passiven Entspannungsmethoden wie Yoga, autogenem Training, Massagen und Bädern.

Als medikamentöse Behandlung bietet sich – in schweren Fällen mit komplexer Symptomatik – die Gabe hormoneller Verhütungsmittel an, die den Eisprung hemmen. Die meisten Ovulationshemmer mit unterschiedlichen Hormonkombinationen sind allerdings bislang nicht ausreichend auf ihre Wirksamkeit beim PMS untersucht worden. Ein weiterer hormoneller Ansatz ist die Anwendung eines Progesteron-Gels mit dem Ziel, den Abfall des Gelbkörperhormonspiegels in der zweiten Zyklushälfte abzufangen. Speziell bei Mastodynie-Beschwerden scheint sich diese Therapie gut zu eignen.

Stehen bestimmte Beschwerden im Vordergrund, kann die Frau diese häufig selbst behandeln. Als Analgetikum eignet sich Acetylsalicylsäure (ASS) in diesem Fall nicht, da die blutverdünnende Wirkung die Regelblutung verstärken kann. Als Alternative können PTA und Apotheker Ibuprofen oder Naproxen empfehlen.

Pflanzliche Arzneimittel

Standardisierte Johanniskraut-Extrakte mildern nachweislich depressive Verstimmungen – vor allem bei nicht ganz so starken Beschwerden. Bei Schlafstörungen und innerer Unruhe können Phytopharmaka mit Baldrian oder Melisse helfen. Schildert die Frau in der Apotheke hingegen starke Stimmungsschwankungen, sollten PTA oder Apotheker ihr zum Arztbesuch raten. Zur Behandlung starker PMS-bedingter Depressionen sind Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Mittel der Wahl, sie erhöhen die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin im Gehirn.

Mönchspfeffer und Co.

Als weiteres pflanzliches Präparat beim prämenstruellen Syndrom kommt Mönchspfeffer zum Einsatz, der den Hormonhaushalt harmonisieren kann. Die Wirksamkeit des allgemein gut verträglichen Phytopharmakons ist noch nicht ausreichend durch Studien dokumentiert. Wichtiger Hinweis im Beratungsgespräch: Mönchspfeffer entfaltet seine volle Wirkung erst nach einigen Wochen.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Frauen mit schlechter Vitamin-D-Versorgung häufiger unter dem prämenstruellen Syndrom leiden. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Aufnahme von Vitamin D mit der Nahrung einmal unter die Lupe zu nehmen. Laut epidemiologischen Daten liegt diese bei vielen Erwachsenen unterhalb der empfohlenen Tagesmenge. Gegebenenfalls ist eine Supplementierung von Vitamin D zu erwägen.

Calcium scheint PMS-Beschwerden ebenfalls günstig zu beeinflussen. Laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sprechen Daten dafür, dass eine Dosis von 1000 bis 1200 Milligramm Calcium täglich PMS-Symp­tome lindert.

Kein Psycho­phänomen

Manchen Menschen mit Depressionen, Ängsten und chronischen Schmerzen hilft die kognitive Verhaltenstherapie, die auf eine Korrektur ungünstiger Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster abzielt. Es lag nahe, diese Methode beim prämenstruellen Syndrom zu testen. Das Ergebnis war eindeutig negativ: kein günstiger Effekt auf Ängste, depressive Verstimmung und Unwohlsein beim PMS. Diese Nicht-Wirksamkeit eines sonst erfolgreichen psychotherapeutischen Verfahrens untermauert eins: Der Verdacht, PMS sei lediglich ein Psychophänomen, ist endgültig vom Tisch. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
Ulrike.Viegener(at)gmx.de