PTA-Forum online
Orange

Herbstfarbe

30.10.2013  10:57 Uhr

Von Annette Behr / Langsam werden die Tage kürzer. Das Laub färbt sich allmählich gelb und orange. Scheint die Sonne dazu, ist der Herbst eine harmonische Jahreszeit des Übergangs.

»Mit geschlossenen Augen, das Gesicht in Richtung Sonne geneigt, sehe ich das strahlendste Orange«, sagte neulich ein Freund zu mir. Wer es ausprobiert, merkt, dass er recht hat. Und mit der Sonne beginnen und enden helle, schöne Tage. Beim Sonnenaufgang verfärbt sie sich von Orange zu einem satten Gelb, beim Untergang von strahlendem Gelb über warme orange Nuancen bis zu einem leuchtend roten Feuerball.

Im Herbst bereitet das Orange der Natur die Menschen auf die kältere Jahreszeit vor. So langsam ziehen sich jetzt die Besucher aus den Cafés und von den Parkbänken in ihre Wohnung zurück. Vielleicht streicht so mancher jetzt noch schnell ein Zimmer in dem sonnigen Ton. An Farben zeigt sich deutlich, wie jahreszeitabhängig auch die Gestaltung unserer vier Wände ist. So sehnen wir uns im Herbst und Winter instinktiv nach Wärme und Gemütlichkeit, wissen Farbpsychologen. Accessoires wie orangefarbene Kissen und Kerzen verbreiten Wärme in der dunkleren Jahreszeit. Weil Orange Helligkeit, Lebensfreude und Fröhlichkeit signalisiert, setzen es Therapeuten und Coaches bewusst bei der Gestaltung ihrer Räumlichkeiten ein. »Orange ist eine Wohltat für das Auge und verbreitet sofort ein wärmendes Gefühl«, meint auch meine Physiotherapeutin. Im orange gestrichenen Raum verwöhnt sie ihre Kunden zusätzlich mit kuscheligen weichen, orangen Decken. Häufig liegt in der kalten Jahreszeit der Duft von Orangen im Raum. So wird die Behandlung bei ihr zu einer Entspannung für alle Sinne.

Die Orange, oder auch Apfelsine, als köstliche südländische Frucht, ist Namensgeberin der Farbe. Schon ein Glas Saft der reifen Früchte enthält die geballte Kraft südlicher Sonne mit viel Vitamin C. Sieht wunderbar aus, schmeckt köstlich und macht glücklich. Diese und ähnliche Aussagen verdanken wir auch den Botschaften aus der Orangensaftwerbung. Viele Menschen assoziieren mit dieser Farbe daher: sonnig, spritzig und gesund. Fürsten und Könige bauten nicht umsonst Nebengebäude an ihre Schlösser, in denen sie die kälteempfindlichen Gewächse mit den sonnigen Früchten kultivierten.

Die orange­farbene Hälfte

Wie die Sonne färbt sich auch die Frucht je nach Sorte in sämtlichen gelben, orangen und manchmal auch rötlichen Tönen. In Spanien, dem europäischen Mutterland der Orange, nennen die Ehemänner ihre Frauen manchmal »Media naranja«, orangefarbene Hälfte. Eine äußerst charmante und liebevolle Bezeichnung, finde ich. In Deutschland soll es sogar Brauch gewesen sein, dass junge Frauen ihrem Geliebten eine Orangenfrucht vom Balkon aus zuwarfen. Als Zeichen ihrer Zuneigung versteht sich.

Die Griechen kleideten den Gott des Weines, Dionysos, in ein orangefarbenes Gewand. Im alten Rom hüllten sich die Frauen in orange Kleider, wenn sie Bacchus ehrten, wie sie den Gott des Weines nannten. Heiterkeit, Genuss und Geselligkeit verbanden die Menschen schon damals mit der Farbe Orange.

Im fernen Osten steht die leuchtende Farbe für Stille, Weisheit und das einfache Leben: Orange ist die Farbe des Buddhismus. Die ursprünglich aus Indien stammende Glaubensrichtung strebt nach geistiger Weiterentwicklung durch ethisches Verhalten und Entwicklung von Mitgefühl. Junge Mönche meditieren in Klöstern und werden dort mit den Lehren Buddhas vertraut. Ihre traditionell gelbe oder orange Kleidung besteht aus Baumwolle. Ursprünglich wurden die Stoffe mit Safran gefärbt.

Wandel und Freiheit

In den chinesischen Lehren des Konfuzius symbolisiert Orange den Wandel, das heißt den ständigen Wechsel zwischen Stillstehen und Voranschreiten. Die Wechselwirkung beider Prozesse versinnbildlicht auch das bekannte Zeichen von Yin und Yang, dem aktiven männlichen sowie dem reaktiven weiblichen Prinzip. Der Konfuzianismus versteht sich als Lehre und als Religion ohne Kirche. Im heutigen China steht Orange für Wohlwollen, Gastfreundschaft, Macht und Glück. Der orange Goldfisch symbolisiert die Erleuchtung.

In der westlichen Welt stand die Farbe Orange ursprünglich für den Sieg des irischen Protestantismus über den Katholizismus. In den katholischen Bräuchen kam die Farbe kaum vor. Bisweilen wurde der Satan in Orange dargestellt. Das »Gelbrot« verbanden viele Gläubige damals mit allem, was teuflisch, schädlich oder giftig war.

Ganz anders hingegen in den Niederlanden: Dort hat das »Oranje« fast schon die Bedeutung einer Nationalfarbe. Auch das Königshaus trägt die Farbe nicht nur im Namen, Oranje-Nassau, sondern auch in ihrem Familienwappen. Traditionell besteht eine Verbindung mit der südfranzösischen Stadt Orange und den einstigen Freiheitskämpfen gegen die Spanier.

Aus der niederländischen Schreibweise »Oranje« leitet sich der Name der Oranier ab, der Dynastie, der auch das regierende Königshaus der Niederlande angehört. In Brandenburg und Berlin erinnern beispielsweise das Schloss Oranienburg und die Oranienburger Straße an diese Zeit. Orange, obwohl nicht mehr in der holländischen Flagge vertreten, spielt im kulturellen Leben der niederländischen Bevölkerung noch immer eine große Rolle.

Färberei

Der bei uns mehr als Gewürz bekannte Safran wird auch zum Färben von Stoffen eingesetzt. In Europa kommt meist die Färberdistel, auch als Saflor oder falscher Safran bekannt, zum Einfärben gelber, oranger oder roter Textilien zur Verwendung. Weitere natürliche Färbemittel sind die Samenkapseln des aus Brasilien stammenden Orleans-Strauches. Zum Beispiel erhält Wolle durch diese Pflanze ein leuchtendes, beständiges Orange. Auch Henna ist eine gebräuchliche Naturfarbe, um gelbe, orange und rote Töne zu erzeugen. Beim Einsatz zum Haare färben sollte man jedoch auf Überraschungen gefasst sein: Henna erzeugt je nach Haarfarbe und -struktur eine andere Nuance.

Besonders sichtbar wird diese farbige Vorliebe bei Fußballspielen. Die holländischen Fußballfans tauchen mit Trikots, Mützen, Perücken, Schals und orange geschminkten Gesichtern ganze Stadien in ein leuchtendes Meer. Auch die Fußballspieler selbst laufen in Oranje auf.

Schrill und Laut

Nur 3 Prozent der Deutschen wählen in Umfragen Orange als Lieblingsfarbe. Die Ursprünge dieser Unbeliebtheit könnten in den 1970er-Jahren liegen, der Flower-Power-Ära, einer lauten Zeit des Aufbruchs und der Befreiung von bürgerlichen Konventionen. Viele, hauptsächlich junge Menschen trugen damals schrille Kleidung mit bunten Blumenmustern, Plateauschuhe, lange Haare, Schlaghosen, Hotpants und gehäkelte Ponchos. Häufig eine Reizüberflutung der Sinne. Fast zeitgleich kamen leichte und billige Gegenstände aus Kunststoff auf den Markt, vor allem orange Plastikstühle, Tische, Schränke, Geschirr nebst Lampenschirmen. Auch meine Mutter verfiel diesem Modetrend. Ich kann mich noch gut an die großmustrigen, orangefarbenen abwaschbaren Tapeten in meinem Jugendzimmer erinnern. Durch diese verschwenderische Anwendung des Orange, in Kombination mit viel glänzendem Plastik, erhielt die Farbe ein aufdringliches, billiges und unseriöses Image. Offensichtlich haben sich viele Menschen an der Farbe satt gesehen. Orange diente danach nur noch als Signal- und Warnfarbe für Wegweiser und Schutzwesten oder in vielen Städten als Erkennungszeichen der städtischen Müllabführ.

Ansonsten wird die Farbe meist immer noch geächtet. Und auch ich muss wohl nachhaltig geschädigt sein: In meiner Wohnung findet sich nichts, aber auch gar nichts in Orange.

Mit einem derartig ruinierten Ruf hat es keine Farbe leicht, wieder Sympathiepunkte zu ergattern. Allerdings erlebt Orange zurzeit ein Revival in der Mode, lese ich in einer Frauenzeitschrift. Es ist die Herbstfarbe und für jede Frau ein »Must have«, erfahre ich. In kräftig, hell, matt oder sehr dunkeln Nuancen kommen Kleidungsstücke und Accessoires daher. Wenigstens ein klitzekleines oranges Accessoire besitze selbst ich seit Kurzem. In meiner neuen, dunkelblauen Leinentasche leuchtet ein oranges Futter. Ich finde, das zählt auch. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
blaubehr(at)gmx.de