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Bläschen am Auge

Augenherpes: Erkennen und richtig behandeln

Barbara Erbe
01.09.2014  14:44 Uhr

Während eine Herpesinfektion an der Lippe zwar unangenehm, aber in der Regel nicht gefährlich ist, kann sie am Auge großen Schaden anrichten und unbehandelt sogar zur Erblin­dung führen. Zwar ist eine Herpes-simplex-Infektion am Auge selten, PTA und Apotheker sollten Kunden mit unklarer Augen­reizung oder -rötung aber unbedingt dazu raten, einen Augenarzt aufsuchen.

Am einfachsten ist der Augenherpes zu erkennen, wenn er am Lid auftritt. Dann könne man mit bloßem Auge die typischen, vom Lippenherpes bekannten kleinen Bläschen sehen, berichtet der Sendener Augenarzt Dr. Georg Eckert. »Schwieriger ist es, wenn sich nur die Bindehaut rötet. Dann kommen von Verletzungen über Infektionen bis hin zu Krankheiten des Immunsystems viele Ursachen dafür in Frage.« 

 

Die Symptome des Augenherpes sind relativ unspezifisch, meist ist nur ein Auge betroffen: Rötung, Jucken und Brennen, vermehrte Absonderung von Flüssigkeit, das Gefühl eines Fremdkörpers im Auge oder verklebte Augen am Morgen. Die Herpeserkrankung kann der Augenarzt nur durch die Spaltlampe in Verbindung mit weiteren Mikroskopier- und Belichtungsinstrumenten erkennen, gegebenenfalls in Verbindung mit einem Abstrich aus der Bindehaut zum Virusnachweis.

 

Viren in der Hornhaut

Besonders bei einer Erstinfektion mit Herpes-Simplex-Viren (HSV) sei eine frühe Diagnose wichtig, erläutert Eckert, der Pressesprecher des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands ist. »Denn wenn der Herpes nicht vollständig ausheilt, kommt es später erneut zu einer Infektion im Auge – und die Viren vermehren sich dann meist nicht mehr in der Bindehaut, sondern in der Hornhaut.« Die Schäden, die sie in deren tiefen Schichten auslösen, können zu Vernarbungen bis hin zur vollständigen Eintrübung der Hornhaut mit Erblindung führen; schlimmstenfalls kann eine Hornhauttransplantation notwendig werden.

 

Noch gefährlicher ist nur eine – glücklicherweise sehr selten auftretende – Infektion der Aderhaut, also der Haut, die sich zwischen der Netzhaut und dem Augapfel befindet. Da dieser Bereich die Versorgung der Netzhaut gewährleistet, kann dort eine nicht oder zu spät behandelte Herpesinfektion zur Erblindung führen.

 

Schnell behandeln

Wichtig sei, dass die (Erst-)Infektion rasch erkannt und antiviral behandelt wird, um lokale Schäden an der Hornhaut zu vermeiden, erklärt Professor Dr. Thomas Mertens, ärztlicher Direktor am Institut für Virologie des Universitätsklinikums Ulm. »Tierexperimente deuten darauf hin, dass die Gefahr einer Virus-Reaktivierung und erneuten Erkrankung in späteren Jahren steigt, wenn der Erstbefall sehr heftig war mit einer hohen Virusbeladung der Nervenzellen«, betont der Präsident der Gesellschaft für Virologie. Daher ist die frühzeitige und ausreichende antivirale Behandlung auch aus diesem Grund wichtig. Denn die in den sensiblen Nervenzellen schlummernden Herpes-Simplex-Viren werden immer dann wieder aktiv, wenn das Immunsystem geschwächt ist – etwa während einer Erkrankung oder bei starker Sonneneinstrahlung.

 

Vermehrung verhindern

Da sich im Körper latent vorhandene Herpesviren nicht eliminieren lassen, geht es – gerade bei einer Erstinfektion – darum, so rasch wie möglich zu verhindern, dass sich die Viren vermehren. Aus diesem Grund rät der Virologe Mertens dringend zu einem systemischen Virustatikum mit dem Wirkstoff Aciclovir oder einer anderen systemisch applizierbaren, HSV-wirksamen Substanz. »Man kann diese virenhemmenden Stoffe zwar auch als Augentropfen oder -salben geben, aber die systemische Gabe ist sicherer und effektiver.« Ausnahme: Der Wirkstoff Trifluridin wird ausschließlich topisch am Auge angewendet, da er bei systemischer Gabe toxisch wäre.

 

Doppelte Infektion

Manchmal kann es neben der Herpesinfektion noch zu einer bakteriellen Infektion kommen, wenn sich aus geplatzten Herpesbläschen Wunden bilden und Bakterien dort eindringen. In diesem Fall kann auch ein Antibiotikum helfen.

Gerade bei geröteten Augen komme es aber leider viel zu häufig vor, dass Ärzte zunächst ein Antibiotikum verschreiben, ohne vorher zu prüfen, ob es sich um eine bakterielle oder um eine virale Infektion handele, bedauert Eckert. Die Patienten glaubten fälsch­licher­weise, die Augentropfen hätten geholfen, wenn der Herpesbefall nach einigen Tagen wieder abklinge. Doch die Viren sind noch aktiv und wandern über Nerven­bahnen in das Gehirn. Riskant ist die vor­schnelle Anti­biotika-Gabe, da sie das Auftreten von Resistenzen fördert. 

Die WAAAR (World Alliance Against Antibiotic Resistance) hat Ende Juni zum umsichtigen Einsatz von Antibiotika geraten, da bakterielle Krankheits­er­re­ger mit einer Antibio­tika-Resistenz in den vergangenen 20 Jahren weltweit deutlich zuge­nom­men haben. »Jede nicht sachgerechte Anwendung fördert die Entstehung und Verbreitung resistenter Mikroorganismen«, heißt es in der von der Paul-Ehrlich-Gesellschaft mit getragenen Erklärung: »Dies gilt vor allem für Antibiotika, die aufgrund ihres breiten Wirkspektrums und ihrer hohen Wirkintensität einen besonderen Stellenwert in der kalkulierten Initialtherapie schwerer Infektionen besitzen.«

 

Sonne und Stress meiden

Neben der Behandlung mit virenhemmenden Mitteln rät Eckert Patienten mit Augenherpes, ähnlich wie beim Lippenherpes, direktes Sonnenlicht und Stress möglichst zu meiden. »Hin und wieder liest man auch, Herpes am Augenlid lasse sich mit Wärme beziehungsweise mit einem Wärmestift behandeln – bisher sind mir dazu aber keine überzeugenden Ergebnisse zu Ohren gekommen« , so der Augenarzt.Wer schon einmal von Augenherpes geplagt wurde, bekommt ihn übrigens mit über 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit im Laufe der Zeit nochmals. Dann handele es sich um eine Reaktivierung des Virus, das von einer Ganglienzellen in die vom zugehörigen Nerven versorgte Peripherie auswandert, nicht um eine Neuinfektion, erläutert Mertens.

 

Jede HSV-Manifestation an der Hornhaut sollte umgehend antiviral behandelt werden. »Denn auch nach einer erfolgreichen Behandlung ist das Herpes-simplex-Virus ja nicht eliminiert, sondern befindet sich – für andere Menschen nicht ansteckend und ohne Virusvermehrung – wieder im Nervengewebe.« Deshalb kann es zu einem Rückfall kommen. Der Ort der Erstinfektion bestimmt dabei weitgehend auch den Ort der Rezidive.

 

Insgesamt tragen ungefähr vier von fünf Erwachsenen das Herpes-Simplex-Virus in sich, berichtet Mertens. Davon bildet aber längst nicht jeder im Laufe seines Lebens eine Herpesinfektion aus – und erst recht nicht am Auge.

 

Im Kindesalter eingefangen

»Die meisten Menschen fangen sich das Herpesvirus im Kindesalter zwischen drei und fünf Jahren ein«, berichtet der Augenarzt Eckert. »Gerade bei kleinen Kindern kommt es immer wieder vor, dass die Eltern etwa beim Gutenachtkuss ungewollt Viren auf die Lider übertragen.« Ob es dann aber tatsächlich einmal zu einer Erkrankung kommt, ist auch eine Frage der persönlichen Disposition. »Wer einmal Lippenherpes hatte, bekommt in aller Regel auch in Zukunft wieder Lippenherpes und muss keinen Augenherpes fürchten. Wer allerdings schon einmal Augenherpes hatte, sollte diese Möglichkeit bei zukünftigen Augenentzündungen immer im Hinterkopf be­halten.« /