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Raynaud-Syndrom

Bei Kälte weiße Finger

01.09.2014  14:43 Uhr

Von Inga Richter / Im Herbst und Winter leiden viele Menschen, insbesondere junge Frauen, unter Verkrampfungen der feinen Gefäße. Bestenfalls ist dies nur unangenehm. Es können aber auch bislang unerkannte Erkrankungen dahinter stecken.

Die Finger verhelfen uns zu großer Geschicklichkeit. Mit ihrer Hilfe kann der Mensch winzige Handys bedienen, lebensrettende Operationen durchführen oder Äpfel schälen. Doch die Temperaturen der kühleren Jahreszeiten lösen bei 3 bis 5 Millionen Menschen in Deutschland schmerzhafte Durchblutungsstörungen aus, welche die Finger kurzzeitig ihrer Funktionen berauben. Nur ein kurzer Griff in den Kühlschrank, an das Lenkrad oder die Türklinke, und schon werden die Finger weiß, steif und gefühllos. Der Volksmund spricht von »Leichenfingern« oder der »Weißfingerkrankheit«. Ärzte nennen das Leiden Morbus Raynaud. Von einer echten Erkrankung sprechen Experten, wenn die Symptome die Betroffenen körperlich und seelisch belasten.

Gefäße verkrampfen

Dass sich die Blutgefäße der Extremitäten bei Kälte zusammenziehen, ist ein natürlicher Mechanismus. So verhindert der Körper, dass zuviel Wärme verloren geht. Doch bei Raynaud-Patienten schießt diese Reaktion weit über das natürliche Maß hinaus. Die Gefäße verkrampfen derart, dass gar kein Blut mehr hinein passt. Auch die Äderchen der Ohren, Nase und Füße sind anfällig dafür. Sobald sich die Extremitäten wieder erwärmen, kehrt das Blut mit hohem Druck zurück. Insbesondere die Finger färben sich erst blau, dann rot, sie schwellen an, jucken, schmerzen und pochen. Ein solcher Anfall kann wenige Minuten dauern, aber auch mehrere Stunden. Er kann mehrmals täglich auftreten oder im Abstand einiger Wochen.

»Bei Frauen ist die Krankheit mindestens doppelt so häufig vertreten wie bei Männern«, sagt Professor Dr. Erwin Blessing, Chefarzt der Inneren Medizin am Klinikum Karlsbad-Langensteinbach in Baden-Württemberg. Da das primäre Raynaud-Syndrom meist bei Frauen zwischen Pubertät und Menopause auftritt, vermuten Mediziner hormonelle Ursachen. Eine weitere Rolle spielt die Klimazone. In Italien leidet etwa jeder Fünfzigste am Raynaud-Syndrom, in Skandinavien ist es jeder Fünfte. Die Werte für Mitteleuropa liegen dazwischen. In Deutschland ist ungefähr ein Mensch von 20 betroffen. Der Arzt Dr. Jörg H.W. Distler von der Universität Erlangen-Nürnberg schreibt in der »Zeitschrift für Rheumatologie« über das primäre und sekundäre Raynaud-Syndrom, dass »Veränderungen bei den glatten Muskelzellen, den Endothelzellen und den die Gefäßwand innervierenden Nerven nachgewiesen werden konnten.« Warum diese Veränderungen auftreten, weiß man aber noch nicht.

Sekundäres Syndrom

Seltener betrifft das Syndrom auch Frauen jenseits der 50 und Männer, laut den Ergebnissen der Framingham-Studie aus den USA sind das etwa 20 Prozent aller Patienten. Hier sollte der Arzt besonders hellhörig werden, denn es könnte sich möglicherweise um das sekundäre Raynaud-Syndrom handeln, das heißt, die Symptome sind Anzeichen einer bislang nicht diagnostizierten Grunderkrankung. Insgesamt sind etwa 40 Krankheitsbilder bekannt, welche Morbus Raynaud hervorrufen können, darunter die Rheumatoide Arthritis, Arteriosklerose oder Sklerodermie.

Bisweilen verwechseln Betroffene die Durchblutungsstörungen mit Frostbeulen, welche ebenfalls durch fehlerhafte Durchblutung entstehen. Auch Frostbeulen treten an Fingern, Ohren und Nase auf, sie jucken und schmerzen ebenfalls. »Während sich die betroffene Hautpartie bei Frostbeulen anfangs blau bis lila verfärbt, kommt es beim Raynaud-Syndrom zu plötzlichem Weißwerden der Haut«, erklärt Professor Dr. Michael Sticherling, leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor der Hautklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Ein weiterer Unterschied: Bei Frostbeulen gelangt das Blut zwar in die Extremitäten hinein, aber nicht wieder hinaus. Es staut sich somit an den betroffenen Stellen und führt zu Schwellungen. »Was viele nicht wissen«, so Sticherling, »schon Temperaturen über dem Gefrierpunkt können reichen, um Frostbeulen entstehen zu lassen und das Gewebe zu schädigen.« Ähnliches gilt für Morbus Raynaud.

Praktische Tipps

  • Hände warm halten (Handschuhe, Taschenwärmer, Armkreisen, Faustschlussübungen)
  • Nicotin-Abstinenz
  • Sport (Joggen, Tanzen, Schwimmen, Fahrradfahren, aber keine ruckartigen oder für die Hände belastenden Sportarten wie Volley- oder Handball )
  • Gesunde Ernährung mit Vitamin B, C, E und Folsäure
  • Entspannungsübungen bei emotionalem Stress

Komplikationen selten

Hält eine Minderdurchblutung zu lange an, kann dies schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen: gestörtes Nagelwachstum etwa, Gewebszerstörungen oder ein Absterben der Fingerkuppen. Das komme aber nur selten vor, sagt Blessing: »Es ist ja kein Dauerzustand und Finger ertragen einen Sauerstoffmangel relativ lange.« Somit gilt das Raynaud-Syndrom in den meisten Fällen zwar als lästig, aber harmlos – zumindest, solange die Schmerzen die Lebensqualität nicht beeinträchtigen.

Kälte meiden

In erster Linie ist bei der Behandlung Eigeninitiative gefragt. »Kälteexposition vermeiden«, ist laut Blessing eines der obersten Gebote. Das bedeutet: Handschuhe tragen, bestenfalls Fausthandschuhe, vor allem im Winter, aber auch schon im Herbst. Das zweite Gebot lautet Verzicht auf Rauchen. Schon ein Zug an der Zigarette führt zu einer Minderdurchblutung sämtlicher Gliedmaßen. Ferner verengen auch einige Medikamente die feinen Äderchen, beispielsweise Beta-Blocker, Analgetika oder Ergotamin-haltige Migränemittel. Sind die Beschwerden stressbedingt, helfen Entspannungsübungen und sportliche Aktivitäten. Allerdings nur solche, bei denen Hände und Finger geschont werden. Eher abzuraten ist demnach von Volley- und Handball sowie Tennis.

In schwereren Fällen kann der Arzt verschiedene Arzneistoffe verordnen. Die Wirkung der Substanzen beim Ray­naud-Syndrom wurde jedoch kaum durch kontrollierte Studien belegt, schreibt Distler in einer weiteren Ausgabe der »Zeitschrift für Rheumatologie«: »Für den Calciumantagonisten Nifedipin konnte in Metaanalysen sowohl bei primärem als auch bei sekundärem Ray­naud-Syndrom eine verbesserte periphere Durchblutung sowie eine Abnahme der Frequenz und des Schweregrades der Raynaud-Attacken nachgewiesen werden.« Um die anderen Therapiemöglichkeiten (siehe Kasten) zu beurteilen, fehle es jedoch an Erfahrungen mit größeren Patientenzahlen und längeren Anwendungs­zeiten. /

Wirkstoffe, die bei Raynaud-Syndrom eingesetzt werden

  • Calciumantagonisten (zum Beispiel Nifedipin, Felodipin, Amlodipin)
  • ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten
  • Niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (100 mg) als Blutverdünner
  • Serotonin-Reuptake-Hemmer (Fluoxetin)
  • Phosphodiesterase-5-Hemmer (Sildenafil, Vardenafil), nur bei äußerst schwerem Verlauf
  • intravenös appliziertes Iloprost bei der Therapie des sekundären Raynaud-Syndroms bei systemischer Sklerose
  • Infusionen mit Prostaglandinen (Iloprost, Mittel der zweiten Wahl bei fortgeschrittenem sekundären Morbus Raynaud)