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Asthma und Sport

Geht doch!

01.09.2014  14:43 Uhr

Von Maria Pues / Ist es nicht geradezu fahrlässig, Menschen, bei denen körperliche Anstrengung einen Asthmaanfall auslösen kann, ausgerechnet Sport zu empfehlen? Nein, sagen Experten. Ganz im Gegenteil. Gerade der Herbst eignet sich dazu, mit Ausdauersport zu beginnen.

Von 100 Asthmatikern leiden etwa 70 bis 90 unter einem Anstrengungs­asthma. Das bedeutet, unter Belastung schwillt die Bronchialschleimhaut an, die Schleimproduktion steigt, die Atemwege verengen sich, ausreichend Luft zu holen fällt zunehmend schwerer. Husten, Giemen und/oder Atemnot treten auf; oft begleiten ängstliche bis panische Gefühle die Symptome. Bei anderen Asthmatikern lösen beispielsweise Pollen einen Anfall aus, bei manchen lässt sich gar kein äußerer Anlass identifizieren.

Ist es nicht gefährlich, den Betroffenen mehr Bewegung zu empfehlen, wenn dabei das Risiko für einen Asthma­anfall steigen kann? Nein, sagen Experten wie Dr. Michael Barczok, Lungenfacharzt in Ulm und Pressesprecher des Berufsverbandes der Pneumologen. Denn wenn Asthmapatienten sich mehr bewegen, können sie die Schwelle, ab der es bei ihnen zu einem Asthmaanfall kommt, immer weiter nach oben verschieben. Die Zahl der Anfälle nimmt ab.

Weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es in Ruhe zu keinem Anfall kommt, vermeiden manche Asthmatiker jede Anstrengung, erläutert der Pneumologe im Gespräch mit PTA-Forum. Ob sie ihr Asthma gut unter Kontrolle haben, bemessen die Patienten vor allem daran, wie häufig sie ihr Notfallspray benötigen. Damit, es selten zu verwenden, fühlen sich viele wohl – aber nur, solange sie es sich in ihrem Sessel bequem machen. »Sie wiegen sich in einer falschen Sicherheit«, warnt Barczok. Mit der Zeit geraten sie bereits bei geringen Belastungen in Luftnot, ein Anfall droht bereits beim Gang in den Keller. Ängstlich vermeiden sie weiter möglichst jede Anstrengung und geraten in eine abwärts führende Spirale. Aber es gibt einen Weg aus dem Teufelskreis: mehr Bewegung. Der beste Zeitpunkt, es zu tun ist wie immer: Jetzt!

Der Herbst ist die beste Zeit

Diesmal gibt es dafür auch einen konkreten Grund. »Der Herbst ist für Asthmatiker die beste Zeit für Sport im Freien«, sagt Barczok. Die Zeiten starken Pollenflugs und hoher Ozonwerte sind dann weitgehend vorüber, die nasskalten Tage kommen erst später. Besonders jetzt können PTA Asthmatiker zu mehr Bewegung motivieren. Dabei sollten sie den Patienten genau erklären, was sie vor dem Start in ein »bewegtes Leben« beachten sollten.

Vor allem Ausdauersportarten wie Wandern und Walken, Radfahren und Rollschuhlaufen beziehungsweise In­line-Skaten, Schwimmen und Spa­zieren­gehen eignen sich für Asthmatiker. Auch Tanzen gehört dazu. Das liegt daran, dass man bei diesen Sportarten sein Belastungslevel selbst wählen und in kleinen Schritten und zu jeder Zeit anpassen kann. Benötigen Asthmatiker eine Pause, können sie diese meist sofort einlegen. Wer vor allem beim Sport im Freien einen Asthmaanfall fürchtet, kann aber auch zunächst auf dem Trimmrad zu Hause oder in einem Fitnessstudio beginnen. So gestärkt an Atmung, Muskulatur und Selbstbewusstsein kann der nächste Schritt in die Natur führen.

Muskeln stärken

Auch Kraftsport eignet für Asthmatiker. Dass das Mehr an Muskeln auch der Atmung zugute kommt, leuchtet manchem Laien vermutlich nicht auf Anhieb ein. Schließlich atmet es sich ja – wenn man nicht gerade einen Asthma­anfall hat – von ganz allein. So scheint es jedenfalls. Dies trifft aber nur zu, wenn ausreichend Muskulatur vorhanden ist. 

Nimmt diese, zum Beispiel mangels Training, ab, so verflacht auch die Atmung. Stramme Waden und ein starker Rücken sorgen daher nicht nur für mehr Luft, wenn das Training im Freien stattfindet. Alles, was die Muskulatur des Bewegungs- und Haltungsapparates stärkt, kommt letztlich auch der Atmung zugute. Die Atem­tiefe nimmt zu, die Atmung wird kraftvoller, der Ruhepuls sinkt. Kleiner Nebeneffekt: Wer überflüssige Pfunde mit sich herumschleppt, kann sie so loswerden. Auch dies verbessert die Atmung.

Nicht-Asthmatiker sollten sich, wenn sie mehrere Jahre nicht (mehr) sportlich aktiv waren, vor dem Start ärztlich untersuchen lassen. Asthmatiker sollten vor allem ihrem Pneumologen von ihrem Vorhaben berichten. Dieser kann, falls erforderlich, zunächst mögliche weitere Erkrankungen wie bestimmte Herzerkrankungen, bei denen Training eher schädlich sein kann, ausschließen, und er kann dem Patienten angepasst an dessen Lungenfunktion eine für ihn geeignete Sportart empfehlen. Für manche Patienten ist außerdem der Einsatz eines Peak-Flow-Meters hilfreich. Das einfach zu bedienende Messgerät zeigt an, mit welcher maximalen Geschwindigkeit der Betreffende ausatmen kann. Je niedriger der gemessene Wert, umso verengter sind die Atemwege. Der Arzt kann beispielsweise eine Grenze festlegen, unterhalb der ein Patient sein Bronchospasmolytikum anwenden sollte, denn nicht jeder spürt auch, wie seine Atmung abnimmt. Das Peak-Flow-Meter kann den Sportler frühzeitig vor einem Asthmaanfall warnen.

Kein Kaltstart

Vor jeder Trainingseinheit gilt: erst einmal aufwärmen. Das tut der Muskulatur gut, bringt aber vor allem die Atemwege auf Betriebstemperatur. So sollte der Sportler vor einer Wanderung oder dem Dauerlauf ein paar Mal abwechselnd schnell und langsam gehen oder laufen. Erst danach sollte es richtig losgehen. Viele Asthmatiker haben die Erfahrung gemacht, dass sie nicht an jedem Tag gleich leistungsfähig sind. Neben der persönlichen Konstitution können bei ihnen auch Umweltfaktoren wie Klima, Pollen oder eine erhöhte Feinstaubbelastung eine Rolle spielen. Für sie ist es daher besonders wichtig, auf ihre innere Stimme – und ihren Puls – zu hören: Beginnen sie, heftiger als sonst zu atmen, sollten sie die Belastung reduzieren, um nicht zu hyperventilieren.

Nicht nur im Notfall

Manchen Asthmatikern, vor allem Patienten mit Anstrengungsasthma, raten Mediziner außerdem, das bronchienerweiternde Spray bereits vor dem Sport einzusetzen. Dies kann einem Asthmaanfall während des Sports vorbeugen. Die Hintergründe sollten PTA den Patienten erläutern, denn viele Asthmatiker setzen ihr Notfallspray wirklich nur im äußersten Notfall und selbst dann ungern ein. 

Sie scheuen eine Anwendung bereits vor dem Beginn von Beschwerden, die sich möglicherweise gar nicht einstellen. »Letztlich benötigen viele Asthmatiker auf diese Weise aber weniger Notfallspray«, sagt Barczok. Die Patienten sollten ihr Spray etwa zehn Minuten vor dem Sport inhalieren. Aber Vorsicht vor falschem Ehrgeiz: Das Notfallspray ist kein Mittel, um die Leistungsgrenze schneller nach oben zu pushen. Die Belastung sollte auch mit Spray nur in kleinen Schritten gesteigert werden. PTA sollten Asthmatiker auch vor weiterem Übermut warnen: Ihre Dauer­medikation dürfen die Patienten, auch wenn sie sich durch das regelmäßige Training besser fühlen als je zuvor, nicht eigenmächtig absetzen. Ob sich die Überempfindlichkeit der Bronchien gebessert hat, kann nur der Pneumologe feststellen. Er entscheidet, ob die Dauermedikation verändert werden soll.

Patienten sollten aber auch wissen, was zu tun ist, wenn sie doch einmal einen Anfall erleiden. Dazu gehört natürlich die Anwendung des Notfallsprays. Aber auch die Lippenbremse sowie gestützte Haltungen wie der Kutschersitz oder die Torwarthaltung (siehe Grafik) können die Atmung verbessern. Während eines Asthmaanfalls haben Patienten das Gefühl, nicht richtig einatmen zu können. Der Grund ist aber häufig nicht die Einatmung, sondern eine unvollständige Ausatmung. PTA sollten Patienten dies erklären, damit diese sich ermahnen, zunächst – eventuell mit Lippenbremse – ruhig und vollständig auszuatmen, bevor sie langsam einatmen.

Welcher Sport für wen?

Patienten, die vor allem in sehr trockener Luft einen Asthmaanfall entwickeln, können PTA zu Sport im Wasser raten. Die höhere Luftfeuchtigkeit und die höhere Temperatur können sich bei ihnen positiv auf die Bronchialschleimhäute auswirken und eventuell fest sitzende Verschleimungen lösen, die dann leichter abgehustet werden können. Neben ganz normalem Schwimmen gibt es außerdem eine ganze Reihe trendiger Sportmöglichkeiten: verschiedene Formen der Wassergymnastik, Aquajogging oder Aquaspinning, Trimmradfahren im Wasser.


Ein Tapetenwechsel für die Atemwege – auch das kann gut tun, zum Beispiel in Form eines Kurztrips am Wochenende oder ein paar Urlaubstagen in Pollen- und Milben-freier Luft. Die ist ab einer Höhe von etwa 1600 Meter über NN zu haben. Auch von großen Ballungszentren aus sind die deutschen Mittelgebirge sogar für einen Tagsausflug – und oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln – erreichbar. Ins Gepäck gehört stets das Akutspray. Wer ein paar Tage wegfährt, muss auch seine Dauermedikation einpacken. Darüber hinaus sollten Asthmatiker ihre Touren gut planen. Vor allem auf die zu bewältigenden Höhenunterschiede sowie auf mögliche klimatische Besonderheiten sollten sie achten. Tipps gibt es unter anderem auf den im Kasten aufgelisteten Websites.

Lungensport in der Gruppe

Was können PTA und Apotheker aber Asthma-Patienten im Rentenalter raten, die zum letzten Mal in ihrer Schulzeit Sport getrieben haben? Das ist weniger selten als mancher denkt. Auf der faulen Haut gelegen haben diese Betroffenen selten, sondern viel gearbeitet oder sich um die Kinder gekümmert. Für Sport hatten sie wenig Zeit oder Gelegenheit. Besonders diese Patienten haben häufig Angst, bei einem Asthmaanfall falsch zu reagieren. Für sie wie auch für Betroffene mit starken Beschwerden eignet sich möglicherweise eine Lungensport-Gruppe unter fachkundiger Anleitung besser.

Asthmatiker, die das alles immer noch nicht überzeugt, können PTA oder Apotheker einen weiteren Pluspunkt nennen. Da eine asthmatische Erkrankung praktisch immer mit einer erhöhten Schleimproduktion auf den Bronchien einher geht und der Schleim ein guter Nährboden für die Vermehrung von Viren und Bakterien ist, erleiden Asthmatiker im Winter überdurchschnittlich häufig schwerere Infekte der Atemwege. Wer im Herbst mit dem Sport (wieder) beginnt, beugt auch diesen gefürchteten Infekten im Winter vor, denn Sport stimuliert auch das Immunsystem.

Bei allen Vorteilen gibt es aber auch Phasen und Anlässe, die eine Sportpause verlangen. Bei akuten Infekten sollten PTA Asthmatikern raten, dem Immunsystem und den Atemwegen Ruhe zu gönnen. So kann das Immunsystem sich um die Erreger kümmern. Und Asthmatiker laufen nicht Gefahr, dass die Atemwege bei einem Infekt auf eine weitere Belastung mit einem Asthmaanfall reagieren. Auch eine akute Verschlechterung des Asthmas (eventuell mit niedrigen Peak-Flow-Werten) sollte sich zunächst normalisieren.

Mehr Selbstbewusstsein

Zum guten Schluss: Nicht nur die Atmung profitiert von regelmäßiger Bewegung im Freien, sondern auch Seele und Selbstbewusstsein. Vor allem Sport im Grünen reduziert Stress-Symp­tome und damit das Risiko für Asthmaanfälle. Gleichzeitig verbessert er die Fähigkeit, mit belastenden Situationen – unter anderem einem Asthmaanfall – umzugehen. Körperliches Wohlbefinden, innere Ausgeglichenheit und das Bewusstsein der eigenen Leistungsfähigkeit steigern darüber hinaus das Selbstbewusstsein. Welchen Sport soll der Astmatiker aber nun wählen? Wichtig ist, dass er Freude bereitet, denn er sollte lieber mehrmals pro Woche in kleineren Einheiten als einmal alle ein bis zwei Wochen in einer großen Einheit praktiziert werden. Auch sagt niemand, dass es bei einer Sportart bleiben muss. Es gibt für jedes Klima und Wetter und für jede Gemütsverfassung eine geeignete Sportart. Abwechslung tut gut. /

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