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Demenz und Musik

Lieder für die Lebensfreude

01.09.2014
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Von Diana Haß / Am Weltalzheimertag am 21. September wird mit einer Vielzahl von Aktionen auf die Situation von Demenzkranken aufmerksam gemacht. Die Krankheit ist nach wie vor nicht heilbar. Aber es gibt viele Hilfsmittel, die die Lebensqualität und die Orientierung der Betroffenen positiv beeinflussen können. Der Einsatz von Musik gehört dazu.

Derzeit sind in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 auf 3 Millionen ansteigen wird. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. Wer erkrankt, verliert zunehmend die Orientierung im Hier und Jetzt. Eine Demenz (lateinisch: »ohne Geist« oder »abnehmender Verstand«) geht meist mit einer diagnostizierbaren Erkrankung des Gehirns einher. Anfänglich sind vor allem die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses, die Merkfähigkeit und das Denkvermögen eingeschränkt. Im Verlauf der Krankheit verschwinden auch Inhalte des Langzeitgedächtnisses. Erworbene Fähigkeiten wie das Lesen einer Uhr, das Essen mit Besteck, Lesen und auch Sprache können verloren gehen. Typische Begleitsymptome sind Verhaltensstörungen wie Apathie, zielloses Herumirren, Gereiztheit oder Aggression.

Musik schafft Ordnung

Zwar können die Symptome im Anfangsstadium verzögert werden, heilbar ist eine Demenzerkrankung jedoch nicht. Für den Erkrankten besonders bedrohlich ist das Gefühl, dass etwas in Unordnung geraten ist und er keine Möglichkeit mehr hat, wieder eigenständig eine Ordnung herzustellen. Daraus resultieren dann oft die Begleitsymptome. Eine Möglichkeit, eine Ordnung zu schaffen und einen Bezug zu persönlichen Erinnerungen herzustellen, liegt im Einsatz bekannter Musik. Die Musiktherapie im Alter, auch Musikgeragogik genannt, wird bereits in vielen Senioreneinrichtungen eingesetzt, so auch im Demenzwohnbereich einer Senioreneinrichtung in Gütersloh.

Textsicher trotz Demenz

»Grün, grün, grün sind alle meine Kleider…« Mit einem Lächeln auf den Lippen und fester Stimme singen die Menschen im Sitzkreis in der großen Wohnküche den Text. Auch bei »Mein Vater war ein Wandersmann« und zahlreichen weiteren Volksliedern sitzt jede Zeile. Dabei könnten viele der demenzkranken Senioren, die so kräftig und fröhlich mitsingen, nicht sagen, wie alt sie sind oder welcher Wochentag ist. »Doch alte Musiktexte haben sie noch perfekt im Gedächtnis«, sagt Gineva Stork, die Leiterin der Sozialen Betreuung.

Türen öffnen

Hier setzt die Musiktherapie für Demenzkranke an: Mithilfe bekannter Lieder werden die Türen zur Erinnerung geöffnet. »Mein Vater war wirklich ein Wandersmann!«, ruft eine Seniorin beispielsweise. »Sind Sie selbst auch gerne gewandert?«, fragt Stork. So entspinnt sich ein Gespräch über Natur, Erinnerungen und das Laufen. In der Biografiearbeit, die eine zentrale Rolle spielt im Umgang mit Demenzkranken, wirkt Musik wie ein Schlüssel zu einer Tür, hinter der die Erinnerungen verschlossen sind. Musik erreicht Menschen, die Sprache nicht mehr erreicht, und sie weckt Erinnerungen.

Emotionen und Erinnerung

Diese Tatsache ist längst in zahlreichen Studien wissenschaftlich belegt. Die Erklärungen für das Phänomen, dass Musik ein Schlüssel zur Erinnerungswelt der Demenzkranken ist, fußen auf zwei Begründungen. Zum einen transportiert Musik vielfältige Emotionen. Freude, Wehmut, Sehnsucht, Liebe oder Geborgenheit können ausgedrückt und somit auch gelebt werden. »Menschen können in der Musik fast jede Emotion ausleben. So steigert Musik das persönliche Wohlbefinden. Das Klima in einer Senioreneinrichtung wird durch den Einsatz von Musik wirksam verändert. Das strahlt auf alle aus«, sagt auch Professor Dr. Eckart Alten­müller von der Musikhochschule Hannover. Bestimmte Musik­stücke sind zudem unweigerlich mit Erinnerungen an positive Lebensereignisse verbunden, beispielsweise die erste Liebe, die Jugendzeit oder eine intensive Familienphase. Wenn Menschen diese Musik hören, werden die Erinnerungen an die damit verbundenen Erlebnisse wieder wach.

Bezug zur Biografie

»Dabei ist ganz wichtig, dass in der Arbeit mit Demenzkranken Musik eingesetzt wird, die auch einen Bezug zu ihrer Biografie hat«, sagt der Demenzcoach Graziano Zampolin. Wer beispielsweise sein Leben lang vor allem Klassik gehört hat, wird auf Hard Rock nicht reagieren. Zampolin spricht aus eigener Erfahrung. Im vergangenen Jahr hat der Hannoveraner zusammen mit Rainer Schumann, dem ehemaligen Schlagzeuger der Rockband »Fury in the Slaughterhouse«, das Musikprojekt »Klang und Leben« gegründet. Dabei kommen professionelle Musiker in Senioreneinrichtungen und spielen und singen für und mit Demenzkranken Lieder aus ihrer Vergangenheit. Vor allem Schlager aus den 1950er-Jahren sorgen für Lebensfreude bei den Senioren. Wenn »Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett«, »Sag mir quando, sag mir wann«, »Ganz Paris träumt von der Liebe« oder »Bel Ami« ertönt, hält es viele Senioren nicht mehr auf den Sitzen.

»Wir erleben immer wieder, wie sich die Menschen öffnen. Manchmal sieht man das nur in den Augen, manchmal springt jemand spontan auf und fängt an zu tanzen. Oder jemand, der schon lange nicht mehr gesprochen hat, singt plötzlich ganze Strophen. Das zu erleben, rührt mich jedes Mal«, sagt Schumann von »Klang und Leben«. Das Projekt, das bisher in rund 40 Senioreneinrichtungen zu Gast war, soll weitere Kreise ziehen. Derzeit sind außerdem zwei Bücher in Planung. Und mithilfe von Sponsoren soll eine Akademie entstehen, in der sich Interessierte zum Musikcoach für Demenzkranke fortbilden können.

Gemeinsam genießen

Auch wenn das Gehirn nicht mehr zuverlässig funktioniert, können Menschen lebensfrohe Momente genießen. Sie können Ordnung und Orientierung erleben, indem sie sich an bekannte Musiktexte und damit verbundene Erlebnisse erinnern. Sie können Gemeinschaft erleben, indem sie zusammen singen. Wenn in der Senioreneinrichtung in Gütersloh die Melodien auf der Gitarre anklingen, stimmen die ersten Senioren sofort ein. Einige sitzen erst einmal dabei und hören zu. Nach einer Weile singen oder summen auch sie mit. Je länger die Senioren gemeinsam singen, desto entspannter wird die Atmosphäre. »Auch wer unruhig oder unzufrieden ist, kann beim Singen oder Zuhören loslassen«, sagt Gineva Stork – und schaut zufrieden in die gelösten Gesichtszüge der Menschen um sie herum. /

Internet-Adressen

Für das Projekt »Klang und Leben« können sich Senioreneinrichtungen bewerben oder Sponsoren melden. Unterlagen gibt es online unter www.klangundleben.org

Hilfe und Empfehlungen für Erkrankte und Angehörige vermittelt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, die bundesweit Selbsthilfegruppen unterhält. Informationen unter www.deutsche-alzheimer.de