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Rauwolfia

Blutdrucksenker aus Fernost

Rauwolfia, die Indische Schlangenwurzel, zählt in ihrer Heimat zu den ältesten Heilpflanzen. Die europäische »Karriere« der Rauwolfia begann erst Mitte des 20. Jahrhunderts nach der Isolierung des Hauptinhaltstoffes Reserpin. Heute schätzen vor allem Homöo­pathen ihre blutdrucksenkende und beruhigende Wirkung.
Monika Schulte-Löbbert
22.06.2015
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Die Indische Schlangenwurzel, Rauvolfia serpentina (L.), gehört zur Familie der Hunds­giftgewächse (Apocynaceae). Sie stammt ursprünglich aus den nörd­lichen Gebieten Indiens. Von dort hat sie sich über das östliche Pakistan, Burma, Thailand, Borneo, Sri Lanka und Sumatra bis in die südchinesischen Provinzen ausgebreitet. Rauwolfia bevorzugt Standorte mit einem feuchtwarmen Klima in Höhen von 800 bis 1200 Metern.

Unter günstigen klimatischen Ver­hältnissen erreicht der immer­grüne, aufrecht wachsende, nicht verzweigte Halbstrauch Wuchs­höhen bis zu einem Meter. Die gestielten, länglich-eiför­migen Blätter stehen in drei- bis fünfzähligen Wirteln, die sich zum oberen Teil des hellen Stammes hin verdichten.

Zwischen April und Mai erscheinen die weißen bis rosafarbenen Blüten in end- oder blattachselständigen Trugdolden. Die Kronblätter sind zu einer Röhre verwachsen und ragen aus den rötlichen Kelchblättern heraus. Aus der Blüte entwickeln sich anfangs grüne, dann rote und bei vollständiger Reife schwarze erbsengroße Steinfrüchte. Das verholzte Rhizom geht in eine 20 bis 40 Zentimeter lange schlangenartig gedrehte Wurzel über.

Auf diese besondere Form der Wurzel verweist auch der Artname »serpentina« (lateinisch serpens = Schlange) sowie die deutsche Bezeichnung »Schlangenwurzel« ebenso wie der englische Name »Indian snakeroot« und der französische »Racine de serpentine«. Im Volksmund heißt Schlangenholz auch Wahnsinnskraut oder Java-Teufelspfeffer, da die Wurzel traditionell zur Beruhigung Geisteskranker verwendet wurde.

Den Gattungsnamen Rauwolfia erhielt die Pflanze von dem französischen Botaniker Charles Plumier (1646–1704) im Jahr 1703. Anlässlich einer neu entdeckten Apocynaceengattung ehrte Plumier damit den Augsburger Arzt und Botaniker Leonhard Rauwolf (1535–1596). Von seinen Forschungs­reisen in den Orient hatte Rauwolf einige exo­tische Pflanzen mitgebracht. Die Schreibweise »Rauvolfia« entspricht der Erst­veröffentlichung und wurde von Linné übernommen. Das in den meisten Pharmakopöen gebräuchliche »Rauwolfia« ist nach dem internationalen Code der Botanischen Nomenklatur nicht korrekt.

Reserpin isoliert

In der traditionellen indischen Medizin, der Ayurveda, ist Rauwolfia unter dem indischen Namen »Sarpagandha« bekannt. Die Inder nutzen die Pflanze schon seit Jahrhunderten als Gegenmittel bei Schlangenbissen, bei Insektenstichen, aber auch bei Fieber und Durchfall sowie zur Beruhigung. Zu den überzeugten Anhängern der Sarpagandha gehörte laut Überlieferung Mahatma Gandhi: Er soll regelmäßig einen aus der ganzen Pflanze bereiteten Tee zur Blutdrucksenkung und zur Beruhigung getrunken haben.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lernten europäische Forscher die Wurzel auf ihren Reisen in Indien kennen, brachten sie mit nach Europa und wendeten sie wie in der indischen Volksmedizin an. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gelang es dem Schweizer Che­miker Dr. Emil Schlittler (1906–1979) Reserpin aus Rauwolfia serpentina zu isolieren und dessen chemische Struktur aufzuklären. Schon bald darauf setzten Ärzte das Alkaloid nicht nur zur Therapie der Hypertonie, sondern auch bei Psychosen ein. Vorübergehend war Reserpin sogar eine der meist angewendeten Substanzen zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen. Allerdings häuften sich die Berichte über Nebenwirkungen derart, dass die Reserpin-Verordnungen stark zurückgingen, bis es Ende 1970 durch besser verträgliche Wirkstoffe ersetzt wurde. Zurückblickend liegt die Bedeutung des Reserpins vor allem in seinem Einfluss auf die Grundlagenforschung der modernen Neuropsychiatrie.

Verbotener Export

Wegen des höchsten Alkaloidgehalts wird nur die Wurzel medizinisch verwendet. Für die Droge »Rauwolfiawurzel – Rauwolfiae radix« lässt das Deutsche Arzneibuch (DAB 2008) nur die Stammpflanze Rauvolfia serpentina (L.) BENTHAM ex KURZ. zu. Zur industriellen Alkaloidgewinnung werden auch andere Rauwolfia-Arten genutzt, wie die aus dem tropischen Afrika stammende Rauwolfia vomitoria oder die in dem tropischen Mittel- und Südamerika beheimatete Rauwolfia tetraphylla. Die Droge wird aus den Ländern Südostasiens importiert und stammt meist aus Wildvorkommen. Um die Wildbestände der Pflanze nicht zu gefährden, ist der Export aus Indien seit 1997 verboten.

Die Droge enthält reichlich Stärke und bis zu 2 Prozent Gesamtalkaloide, von denen annähernd 60 verschiedene Substanzen bekannt sind. Nach ihrer Struktur und Basizität verteilen sie sich auf folgende Gruppen: den Yohimban-Typ (Reserpin), den Heteroyohimban-Typ (Serpentinin), den Sarpagan-Typ (Raupin) und den Ajmalin-Typ (Ajmalin). Da die wichtigsten pharmakologischen Wirkungen auf das Reserpin zurückgehen, fordert das DAB für die Droge Rauwolfiawurzel einen Mindestgehalt von 1,0 Prozent Alkaloide, berechnet als Reserpin.

Lange Zeit unverzichtbar

Die Rauwolfiaalkaloide, insbesondere das Reserpin, senken den Blutdruck und wirken zentral sedierend. Indem Reserpin die Wiederaufnahme von Noradrenalin in die Speichergranula hemmt, sinkt sowohl in den adrenergen Neuronen des Gehirns als auch in den peripheren sympathischen Nerven die Noradrenalinkonzentration. Gefäßerweiterung und Blutdrucksenkung sowie zentrale Sedierung sind die Folgen.

Da Rauwolfia lange Zeit für die Therapie des Bluthochdrucks wichtig war, bewertete die Kommission E noch 1986 Rauwolfiawurzel positiv und empfahl sie bei leichter, essenzieller Hypertonie, Angst- und Spannungszuständen und psychomotorischer Unruhe. Aufgrund der erheblichen Nebenwirkungen wie verstopfte Nase, Müdigkeit, erhöhte Magen-Darm-Motilität sowie Bradykardie und Potenzstörungen werden Rauwolfia-Extrakte und Reserpin als Mono-Präparate nicht mehr eingesetzt. Auch als Neuroleptikum bei Angst- und Erregungszuständen ist Reserpin wegen der Gefahr einer Depression mit Suizidneigung heute obsolet.

Als Antihypertonikum wird Reserpin in niedriger Dosierung nur noch in Kombination mit einem Diuretikum verwendet, zum Beispiel in Briserin® N. Das einzige Mono-Präparat mit dem Rauwolfiaalkaloid Ajmalin ist Gilurytmal® Injektionslösung, das zur Behandlung bestimmter Herzrhythmusstörungen zugelassen ist.

Die Wurzel von Rauwolfia serpentina wird aktuell überwiegend in der Homöopathie zur Blutdrucksenkung und Sedierung bei Angst- und Spannungszuständen eingesetzt. Homöopathen empfehlen ihre Verdünnung bei essenzieller Hypertonie und leichten Herzbeschwerden. Zur Behandlung des leichten Bluthochdrucks dienen zum Beispiel RauwolfiaViscomp Schuck Tropfen und Tabletten. Bei nervöser Unruhe und Gereiztheit eignet sich die Kombination mit Reserpin in homöopathischer Zubereitung, beispielsweise in dysto-loges® S Tabletten und -Tropfen.

Aufgrund der erheblichen Nebenwirkungen und Interaktionen mit anderen Arzneimitteln unterliegen Zubereitungen aus Rauwolfia und ihrer Alkaloide sowie homöopathische Verdünnungen bis einschließlich der dritten Dezimal- beziehungsweise der ersten Cente­simalpotenz der Verschreibungspflicht. Ausgenommen von der Verschreibungspflicht sind homöopathische Zubereitungen zur oralen Anwendung, die nach den Herstellungsvorschriften 25 und 26 des Homöopathischen Arzneibuches hergestellt sind. Aber auch für homöopathische Mittel gilt: Rauwolfia ist kein Arzneimittel für die Selbstmedikation. /