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Kreativtherapie

Kunst, Musik und Tanz für die Psyche

22.06.2015
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Von Carina Steyer / Das Empfinden und Verhalten von Patienten durch schöpferisches Gestalten zu verändern, ist das Ziel der Kreativ­therapie. Im Tanz, in der Musik oder Kunst drücken Menschen oft das aus, was sie mit Worten nicht sagen können. Häufig ergänzend zur Psychotherapie werden die verschiedenen Formen der Kreativtherapie bei zahlreichen Erkrankungen eingesetzt.

Kreativtherapie ist ein Sammelbegriff für alle Behandlungsformen, bei denen die Therapeuten mit einem künstlerischen Medium arbeiten. Anders als in der Psychotherapie steht hierbei die nonverbale Kommunikation im Vordergrund. Die Musik, der Tanz oder das Kunstwerk werden zum Ausdrucksmittel des Patienten. Die Therapie bietet ihm einen uneingeschränkten Experimentierraum. Zunächst steht seine Handlung im Mittelpunkt, anschließend seine Erfahrungen beziehungsweise Erlebnisse während des künstlerischen Prozesses.

Doch ganz ohne sprachliche Refle­xion kommt auch die Kreativthe­rapie nicht aus. Auf die künstlerische Phase folgt das Gespräch, in dem sich der Patient mit dem Therapeuten über sein Handeln und Erleben austauscht. Die sprachliche Reflexion soll dem Patienten helfen, seine Veränderungen durch den kreativen Prozess zu erkennen, zu verstehen und zu lernen, neue Handlungsweisen anzuwenden. Ziel der Kreativtherapie ist es, dass der Patient die in der Musik, der Kunst oder im Tanz erprobten Veränderungen stabil in seinen Alltag integriert.

In Ergänzung zur Psycho­therapie können Kreativtherapien bei vielen psychischen Erkrankungen eingesetzt werden (siehe Kasten). Je nach Krankheitsbild stehen emotionale, soziale, kognitive oder psychomotorische Schwie­rig­keiten im Fokus der Therapie. Von ihnen hängt ab, welche Form der Kreativ­therapie zum Einsatz kommt.

Tanztherapie

Welche Erfahrungen ein Mensch im Laufe seines Lebens gemacht hat, spiegelt sich auch in seinen Bewegungen wider. So können sich persönliche Probleme oder die individuelle Fähigkeit, Probleme zu lösen, in der Körperhaltung und der Bewegungsdynamik zeigen. Mithilfe des Tanzes lassen sich manche Gefühle und Wünsche aus­drücken, die verbal nicht formuliert werden können. Die Bewegungen beim Tanzen ermöglichen es, sich unaus­gesprochenen Gefühlen zu nähern, Neues auszuprobieren und ein realistisches Körperbild zu entwickeln. In der Tanztherapie gibt es kein Richtig oder Falsch. Die Patienten entdecken sich durch ungewohnte Bewegungen neu und können diese spielerisch erproben. Nach und nach sollen die neuen Bewegungen das alte Bewegungsmuster ersetzen – erst in der Therapie und später im Alltag. Abhängig vom Ziel setzen Tanztherapeuten ganz unterschiedliche Bewegungen, Rhythmen, Spiele oder Entspannungsphasen ein und regen die Phantasie der Tänzer an.

Musiktherapie

Im Rahmen der Musiktherapie lernen die Patienten, mit Instrumenten oder ihrer Stimme Gefühle und Gedanken auszudrücken. So können sie neue Ausdrucksmöglichkeiten für das eigene Erleben und den Austausch mit anderen finden. Dazu gehören Neugierde und Erfindungsreichtum. Mit Musik lassen sich Ressourcen aktivieren, Veränderungswünsche mitteilen sowie Belastendes verarbeiten.

Dabei ist es nicht wichtig, dass der Patient ein Instrument beherrscht. Musiktherapeuten verwenden vor allem einfach zu spielende Instrumente. Da der Therapeut mit seinem Instrument auf das des Patienten reagiert und umgekehrt, entwickelt sich im Therapieverlauf ein »musikalisches Gespräch« zwischen beiden. Bei Gruppensitzungen bearbeiten alle Teilnehmer ein zentrales Thema musikalisch. Am Ende der Sitzung versucht jeder Einzelne das, was er im musikalischen Gespräch gefühlt und gedacht hat, in Worte zu fassen. So fördert die Musiktherapie die Kommunikations- und Kontaktfähigkeit der Patienten.

Kunsttherapie

Kunsttherapeuten setzen die ganze Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen ein wie Malen, Zeichnen, Gestalten oder auch Bildhauen. Ihr Fokus kann auf verschiedenen Bereichen des künstlerischen Prozesses liegen. In einem Fall geht es um das Erleben, selbst etwas schaffen zu können, in einem anderen Fall dient das Kunstwerk dem Ausdruck von Erlebnissen oder Emotionen. So können die Patienten ihre Phantasien, Ängste, Träume und Wünsche sichtbar machen. Nicht selten bringen Bilder und Objekte bisher Unbewusstes zum Vorschein. Dabei entdecken manche Patienten bislang verborgene Fähigkeiten. Außerdem werden ihre Kreativität und ihr Spaß am Gestalten geweckt und gefördert sowie ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstwertgefühl aufgebaut..

Während des Schaffensprozesses durchleben sie häufig sich wiedersprechende Gefühle: Glück und Verzweiflung, Leidenschaft und Leere, Konzentration und Langeweile. Alle sind zeitlich begrenzt und an die Arbeit am Kunstwerk gekoppelt. Häufig tauchen innere Bilder auf, die den Patienten in einen Konflikt stürzen, wenn er diese Bilder nicht wahrnehmen, sondern verdrängen will. Das kann dazu führen, dass der Patient aus Unlust die Arbeit abbricht. Andere Patienten werden dann dagegen besonders kreativ.

Anwendungsgebiete der Kreativtherapien

Tanztherapie

  • Verhaltensstörungen und emotionale Störungen bei Kindern und Jugendlichen
  • Psychosen
  • Ängste und soziale Phobien
  • Depressionen
  • Posttraumatische Belastungs­störung
  • Somatoforme Störungen
  • Stress und Burnout-Syndrom
  • Essstörungen
  • Persönlichkeits- und Verhaltens­störungen
  • Abhängigkeit und Suchtverhalten
  • Gerontopsychiatrische Störungen

Kunsttherapie

  • Schizophrenie
  • Depressionen
  • Ängste
  • Lebenskrisen
  • Traumatische Erlebnisse
  • Probleme im Kommunikations- und Sozialverhalten

Musiktherapie

  • Spannungen und Ängste
  • Suchterkrankungen
  • Entwicklungs- und Verhaltens­störungen
  • Denk- und Wahrnehmungs­störungen
  • Emotionale Konflikte
  • Soziale Vereinsamung
  • Verletzendes Verhalten gegen sich und andere
  • Traumatische Erlebnisse

Foto: Shutterstock/Claudia Paulussen

Die Therapie eröffnet den Patienten die Möglichkeit, während des Schaffens etwas Neues auszuprobieren, bereits Geschaffenes zu verändern, zu verwerfen, ihr Werk zu erweitern oder zu verkleinern. Beim kreativen Prozess wird der Patient selbst zum Handelnden und kann der Opferrolle entfliehen und entwickeln damit soziale Kompetenz.

In der Kunsttherapie können Patienten innere Konflikte und Spannungen auf das Kunstwerk projizieren. So kann beispielsweise bei Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung die bildnerische Gestaltung als Mittler zwischen der psychotischen Erlebniswelt und der realen Umwelt fungieren. Wie ein Patient das vorgegebene Material bearbeitet, zeigt, wie er sich selbst und seine Umwelt sieht und wie er mit ihr in Kontakt tritt. Das Gestalten, vor allem aber das anschließende Gespräch mit dem Therapeuten helfen ihm, neue Sichtweisen – auch auf die Erkrankung – zu entwickeln. Dieser Prozess kann zur Heilung beitragen oder dazu führen, dass der Patient seine momentane Situation akzeptiert. /

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