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Schizophrenie

Nicht von dieser Welt

22.06.2015
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Von Hildegard Tischer / Praktisch jeder kennt Witze über zwei Napoleons, die im »Irrenhaus« miteinander in Konflikt geraten. Diese Witze spiegeln eine immer noch verbreitete Vorstellung von Schizo­phrenie als gespaltener Persönlichkeit wider. Tatsächlich halten sich Schizophrene nur selten für jemand anderen. Sie leiden vielmehr darunter, dass sie weder die Welt noch sich selbst verstehen.

Die meisten Menschen verbinden mit Schizophrenie als erstes eine multiple oder gespaltene Persönlichkeit, also jemanden, der beispielsweise von der Lehrer- in die Rennfahrerrolle wechselt, sich jetzt für 60 hält und eine Stunde später für 20. Doch die multiple Persönlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit Schizophrenie.

Ein schizophrener Mensch lebt entgegen der verbreiteten Vorstellung auch nicht dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik. Akute Krankheitsausbrüche erfordern zwar meist einen Krankenhausaufenthalt, aber der Patient muss nicht weggesperrt werden. Rund ein Drittel der Erkrankten wird sogar wieder ganz gesund, ein weiteres Drittel kann – wenn auch mehr oder weniger eingeschränkt – sein Leben meistern, arbeiten, Hobbys nachgehen und seine familiären und freundschaft­lichen Beziehungen pflegen. Lediglich ein Drittel benötigt dauerhaft psychologische und psychiatrische Betreuung, wozu auch wiederholte stationäre Therapien gehören können. Die Krankheit ist recht verbreitet, auch in diesem Punkt irrt das populäre Bild: Einer von 100 Menschen erkrankt im Laufe seines Lebens an Schizophrenie, und zwar überall auf der Welt und unabhängig vom Geschlecht. Die Wahrscheinlichkeit ist demnach relativ hoch, dass jeder jemanden kennt, der an Schizophrenie erkrankt ist oder war. Die meisten wissen es nur nicht, weil der Kranke am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft nicht durch ungewöhnliches Verhalten auffällt.

Plötzlich Halluzinationen

Das ändert sich allerdings, wenn Schizophrene in einer akuten Krankheitsphase stecken beziehungsweise wenn die Krankheit zum ersten Mal ausbricht. Typisch für Schizophrenie sind nämlich Wahnvorstellungen und Halluzinationen: Der Kranke hört Stimmen, fühlt sich verfolgt, wirft anderen vor, ihn vergiften zu wollen, oder er wird zum extremen Hypochonder, der davon überzeugt ist, bald zu sterben, weil ihn ein Tumor auffrisst. Schizophrene können nicht zwischen dem Ich und der Außenwelt unterscheiden, alles, was um sie herum geschieht, beziehen sie auf sich selbst, sie sind davon überzeugt, dass alles nur ihretwegen passiert. Die unfreundliche Kassiererin etwa wird zu einer bösen Macht, die dem Schizophrenen nach dem Leben trachtet, die defekte Kaffeemaschine zum Beweis, dass fremde Menschen von seiner Küche Besitz ergriffen haben und beabsichtigen, ihn zu guter Letzt ganz aus seinem Heim zu verdrängen. Der Betroffene ist in diesem Moment außerstande, seine Vernunft zu gebrauchen, die ihm sagen würde, dass das alles keinen Sinn ergibt, denn seine Vorstellung ist für ihn real. Einige von ihnen fühlen sich von einer unbekannten Macht ferngesteuert oder glauben, andere könnten in ihren Kopf schauen und ihre Gedanken lesen, sie ihnen womöglich sogar stehlen.

Vor allem Stimmenhören ist kennzeichnend für Schizophrenie. Dabei kommen mehrere Arten von Stimmen vor. Die sogenannten auffordernden oder imperativen Stimmen geben dem Kranken Anweisungen für sein Verhalten, dialogische Stimmen heißen solche, die über ihn als Dritten sprechen, kommentierende Stimmen beschreiben alles, was er tut. Letztere nehmen Kranke aus einem Körperteil wahr oder auch aus einem Gegenstand in der Nähe. Psychologen sprechen von »Gedankenlautwerden«, wenn die Stimmen als das eigene Denken empfunden werden – ein deutliches Zeichen dafür, dass der Schizophrene nicht zwischen Innen- und Außenleben unterscheiden kann. Es erscheint ihm völlig normal, dass sein Inneres von außen zu ihm spricht.

Kranke mit Größenwahn

Anlass für die Witze über Kranke, die sich für Napoleon oder Jesus halten, ist der Größenwahn, eine andere Art des Wahns. Hierbei fühlt sich der Kranke zu einer höheren Mission berufen, etwa zum religiösen oder politischen Führer. Ein Beispiel hierfür ist der fast bundesweit bekannte »Jesus von Wiesbaden«, ein an Schizophrenie erkrankter Mann, der zuerst sein eigenes Haus mit Bibelzitaten beschriftet hat und – als dort kein Platz mehr war – sämtliche Litfaßsäulen der Stadt. Sehr gewissenhaft schaut er täglich nach, welche Litfaßsäule gereinigt wurde, und beschriftet sie erneut mit bib­lischen Botschaften. Sein Rechtsbewusstsein hat er anscheinend trotz seines Wahns nicht verloren, denn er beschriftet niemals fremde Hauswände, sondern ausschließlich Litfaßsäulen. Zwar ist er sich dessen bewusst, dass auch dies verboten ist – wie Gespräche zeigten – aber er kann nicht anders, als seine missionarische Aufgabe zu erfüllen. Auch weiß er genau, dass ihn die Behörden aufgrund seiner Krankheit strafrechtlich nicht belangen können, denn Schizophrenie beeinträchtigt meist nicht die intellektuellen Fähigkeiten der Erkrankten.

Allerdings führt die Krankheit zu mehr oder weniger starken kognitiven Störungen wie Unkonzentriertheit, Planlosigkeit, Erinnerungslücken, unzusammenhängendes Denken und Gedankensprünge, was sich auch an der Sprache bemerkbar macht: Betroffene sprechen langsamer oder, wenn sie erregt sind, schneller als sonst, manchmal verwaschen, sie setzen die Sätze falsch zusammen, gebrauchen falsche Wörter oder erfinden neue.

Reduzierte Mimik

Stark beeinträchtigt wird dagegen das emotionale Erleben. Bei Schizophrenie lässt die Intensität der Gefühle nach, die Betroffenen werden gleichgültig und verlieren das Interesse an ihren Mitmenschen und der Welt. Sie verlieren die Lust an der Kommunikation ebenso wie den Antrieb, etwas zu unternehmen. Das verändert auch ihre äußere Erscheinung: Mimik und Gestik verflachen, das Gesicht wirkt steif und unbeweglich, Blickkontakt wird vermieden. Häufig tritt eine Parathymie auf, das heißt, Gesichtsausdruck und inneres Erleben stehen im Widerspruch, sie lächeln beispielsweise, obwohl sich gerade jemand die Hand verbrannt hat. Manche Betroffenen zeigen Auffälligkeiten in der Motorik, so kann etwa die Bewegungs- und Reak­tionsfähigkeit unvermittelt aussetzen, ohne dass das Bewusstsein getrübt wäre.

Tritt das Gegenteil ein, ist der Schizophrene erregt, er kann nicht still sitzen und wiederholt immer die gleichen Bewegungen, schüttelt ständig mit dem Kopf oder schlägt fortwährend mit der Hand auf den Tisch. In solchen Situationen werden manche auch aggressiv, treten gegen Gegenstände oder schimpfen laut, ohne jedoch eine bestimmte Person damit zu meinen.

Häufig geht mit der Schizophrenie eine Depression bis hin zur Suizid­gefahr einher oder auch eine Sucht, was die Sache verschlimmert. Bei entsprechend veranlagten Menschen kann Cannabis-Sucht sogar die Schizophrenie auslösen oder deren Ausbruch beschleunigen.

Stichwort: Lebenskrise

Schizophrenie entsteht zwar nicht durch äußere Faktoren, aber diese können den Krankheitsverlauf beeinflussen. Grundsätzlich führt jedoch nicht eine einzige Ursache zum Ausbruch der Erkrankung, sondern vermutlich sind mehrere Faktoren daran beteiligt: die genetische Disposition, Störungen bei der frühkindlichen Gehirnentwicklung, Erkrankungen des Gehirns oder dessen Schädigung durch Drogen, belastende Lebensereignisse sowie ständige Reizüberflutung.

Menschen, die im Laufe ihres Lebens an Schizophrenie erkranken, sind gewöhnlich schon vorher hoch sensibel und wenig belastbar, ohne dass dies jedoch schon in den Bereich des Krankhaften fiele.

Kommt zur entsprechenden Disposi­tion noch ein Ereignis hinzu – oder sogar mehrere, die den Betroffenen stark belasten und die er nicht bewältigen kann, beispielsweise Ehekonflikte, schwierige Verhältnisse am Arbeitsplatz oder ein Todesfall, kann die Erkrankung ausbrechen. Bei Männern ist das Risiko zwischen 20 und 25 Jahren am höchsten, bei Frauen im Alter zwischen 25 und 30.

Die Fallbeispiele (siehe Kasten) zeigen, dass die Kranken in einer akuten Krise keinerlei Einsicht in ihren Zustand zeigen, noch nicht einmal dann, wenn sie sich wie Christoph selbst massiv gefährden. Hätten seine Freunde nicht auf ihn aufgepasst, wäre Christoph in seiner Panik möglicherweise vor ein Auto gelaufen.

Zwei Fallbeispiele

Brigitte*, 33, ist Betriebswirtin, sie arbeitet bei einer Versicherung. Sie gibt sich nach außen selbstsicher, ist aber innerlich zerrissen, einige ihrer Bekannten bezeichnen sie als anstrengend. Seit ihre Firma vor sechs Monaten auf Großraumbüros umgestellt hat, klagt sie über die Geräuschbelästigung bei der Arbeit. Dann teilt sie plötzlich mit, sie habe gekündigt, sie halte das nicht mehr aus. Ihre Mitbewohnerin, Sabine, wundert sich, denn sonst diskutiert Brigitte so wichtige Entscheidungen mit ihr. »Er hat es gesagt«, druckst Brigitte herum. »Wer?« »Es gibt einen Mann, der ab und zu mit mir telefoniert. Er muss Priester sein, er ist sehr klug.« Sabine fragt nach und erfährt, dass ein älterer Mann fast täglich zu Brigitte spricht, entweder am Telefon oder, in der Nacht, nur als Stimme. Sabines Einwände wehrt sie ab. Nein, sie träume nicht, er spreche wirklich zu ihr, sie könne es genau hören. Nachdem sie ihr Geheimnis gelüftet hat, erzählt Brigitte regelmäßig, was der Mann ihr gesagt hat. Sabine äußert den Verdacht auf Schizophrenie, ob Brigitte nicht mal zum Arzt gehen wolle? Zunächst sträubt diese sich vehement dagegen, sie bilde sich das nicht ein, der Mann spreche tatsächlich zu ihr; wenn er anruft, könne man doch das Telefon klingeln hören! Doch nach und nach wird ihr der »Priester« zur Last. Er spricht auch, wenn sie ihre Ruhe haben will, und sie fühlt sich von seinen Anweisungen überfordert. Dazu kommt, dass Sabine auszuziehen droht, wenn es so weitergeht – für Brigitte eine unerträgliche Vorstellung. So willigt sie ein, einen Arzt aufzusuchen, der ihr eine stationäre Behandlung empfiehlt. Es stellt sich heraus, dass sie zusätzlich eine Alkoholentwöhnung braucht. Wie sich herausstellt, ist dies nicht ihr letzter Klinikaufenthalt, denn sie gehört zu den Menschen, bei denen die Schizophrenie chronisch ist.

Christoph*, 25, studiert Philosophie. Er ist ein schräger Vogel mit allerhand verrückten Ideen, nicht immer können seine Gesprächspartner seinen Gedankensprüngen folgen. Er interessiert sich für fast alles, am meisten aber für unerklärliche Phänomene, wie Ufos und die Orgontheorie von Wilhelm Reich. Eines Tages überredet er sogar seinen besten Freund, Tim, die Außenwand der Wohnung vier Wochen lang mit Alufolie zu beschlagen, um herauszufinden, ob die Orgone dadurch zunehmen. Als eines Tages, Tims Freundin, Claudia, allein zu Hause ist, steht Christoph unangekündigt vor der Tür. Claudia erschrickt über sein Aussehen. Er ist unrasiert, die Haare sind fettig und ungekämmt, er macht einen verwirrten Eindruck. »Wir müssen weg«, sagt er. »Sofort! Wo ist Tim?« »Im Kino«, antwortet Claudia. »Dann müssen wir ihn holen!« Claudia spürt, dass Christoph in Panik ist. Tim wäre vermutlich der Einzige, der ihn wieder beruhigen kann. Also bricht sie mit Christoph auf, um ihren Freund zu holen. Kaum auf der Straße, zerrt Christoph sie hinter ein Auto. »Vorsicht, sie sehen uns sonst!« »Wer?« »Sie! Die sind schon seit Tagen hinter mir her.« Er huscht von Auto zu Auto, versteckt sich hinter einer Litfaßsäule und späht die Umgebung ab, um dann weiter im Zickzack, immer deckungssuchend durch die Straßen zu hasten. Als sie das Kino schließlich erreichen, will Christoph unter keinen Umständen mit hineingehen. Nein, nein, da drin sei er nicht sicher, draußen könne er sich besser verstecken. Claudia holt Tim allein heraus, und bei ihm fühlt sich Christoph tatsächlich so weit beschützt, dass er den Rückweg fast normal bewältigt. In der Wohnung fühlt er sich dann ganz sicher. Doch er will nicht, dass Tim einen Arzt ruft; er sei doch nicht verrückt. Was er gesehen habe, habe er schließlich gesehen. Tim versucht es mit Witzeleien über den Zustand seines Freundes, aber auch das fruchtet nicht. Als Christoph schläft, alarmiert Tim dessen Eltern, die ihn am nächsten Morgen abholen. Über Nacht hat sich seine Angst etwas gelegt, die Vernunft blitzt auf, und so lässt er sich überreden, »nur mal sicherheitshalber« beim Arzt »vorbeizuschauen«. Die nächsten vier Wochen verbringt Christoph im Krankenhaus, dann kann er wieder nach Hause entlassen werden und eine ambulante Psychotherapie beginnen. Auch seine Eltern, bei denen er wieder wohnt, werden in die Therapie einbezogen. Zudem klärt der Arzt die beiden eingehend über die Krankheit ihres Sohnes auf und gibt ihnen Verhaltensempfehlungen an die Hand. Nach und nach geht es bergauf, nach drei Monaten drängt es Christoph wieder an die Uni, sein Wissensdurst ist zurückgekehrt. Er muss weiterhin Medikamente nehmen und seinen Therapeuten besuchen, aber die Chancen stehen gut, dass es bei dem einmaligen Ausbruch der Schizophrenie bleiben wird.

*Die Namen der Patienten wurden geändert.

Klassische Antipsychotika

Die medikamentöse Behandlung der Schizophrenie zielt auf eine Reihe von Botenstoffen im Gehirn ab, vor allem auf Dopamin und Serotonin. Bei einer akuten Psychose liegt ein Überschuss an Dopamin vor, was zur Reizüberflutung führt. Das Hirn kann dann die Eindrücke nicht mehr richtig filtern und versucht daher, mehr Signale zu verarbeiten, als es in der Lage ist: Es kommt zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Wird die Aktivität des Dopamin gedämpft, lassen auch diese Symptome nach. Klassische Antipsychotika oder Neuroleptika, wie sie früher hießen, sind beispielsweise Haloperidol und Levopromazin; zu den atypischen Antipsychotika, also denen der zweiten Generation, zählen Risperidon, Clozapin, Olanzapin, Amisulprid und Quetiapin. Die Klasse der atypischen Antipsychotika zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Wahnvorstellungen dämpfen und zugleich die fehlenden Fähigkeiten des Patienten wieder aufbauen. Er nimmt seine Emotionen wieder wahr, seine kognitiven Funktionen verbessern sich, das Interesse flammt wieder auf, sodass sich seine Lebensqualität insgesamt deutlich erhöht. Die klassischen Neuroleptika beseitigen nur die Wahnvorstellungen, kommen aber trotzdem auch heute noch zum Einsatz, wenn sie sich im Einzelfall besser eignen. Bezüglich der Nebenwirkungen bieten die neueren Antipsychotika kaum einen Vorteil. Unter der Einnahme klassischer Neuroleptika treten die typischen extrapyramidalmotorischen Veränderungen auf: maskenhafte Züge, ungelenke Bewegungen, ähnlich wie bei Parkinson, Unruhe in den Beinen und Muskelverkrampfungen an Augen, Mund oder Hals. Für alle ist sichtbar, dass der Betreffende Antipsychotika nimmt, weshalb diese Nebenwirkungen denkbar unerwünscht sind. Die parkinsonähnlichen Symptome lassen sich zwar durch Gegenmittel mildern, aber ganz verschwinden sie nicht. Die Nebenwirkungen der atypischen Arzneisubstanzen sind für Außenstehende zwar weniger auffällig, aber nicht minder gravierend: Gewichtszunahme und Veränderungen im Zucker- und Fettstoffwechsel. Bei einem ohnehin stark übergewichtigen Patienten wird der Arzt möglicherweise eines der älteren Medikamente bevorzugen.

Ebenfalls für alle Antipsychotika, egal ob neu oder alt, gilt: Die Wirkung setzt erst nach einigen Wochen ein, die Nebenwirkungen dagegen schnell. Dennoch dürfen die Patienten das Medikament nicht vorschnell abgesetzen, schon gar nicht abrupt und eigenmächtig. Wenn sich Patienten in der Apotheke unzufrieden über ihr Medikament äußern, gilt es, sie eindringlich vor einem plötzlichen Absetzen zu warnen. Der Arzt kann ein anderes probieren oder ein zusätzliches verschreiben, das die Nebenwirkungen lindert. Oft reicht aber einfach abzuwarten, bis die erwünschte Wirkung eintritt. /

Erkrankungen der Psyche

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