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Blasenentzündung

Abwarten und Tee trinken?

04.07.2016
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Von Barbara Erbe / Ständiger Harndrang und Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen sind die typischen Folgen einer Blasen­entzündung. Eine aktuelle Studie der Universität Göttingen zeigt: Zwei Drittel der Betroffenen werden ohne Antibiotika wieder gesund.

Fast immer rufen Bakterien die Blasenentzündung hervor – nur selten Viren, Parasiten oder Pilze, erläutert Dr. Christian Albring, Gynäkologe und Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte Deutschland. »Wenn die Barriere- und Abwehrfunktion der Schleimhaut geschwächt ist, breiten sich Bakterien, die – wie die Darmbakterien – ohnehin im Intimbereich vorhanden sind, verstärkt in die Harnröhre und in die Harnblase aus.« Das ist beispielsweise nach langem Tragen nasser Kleidung oder nach Unterkühlung der Fall, manchmal nach Perioden mit häufigem Sex. Auch Frauen in den Wechseljahren erkranken öfter an Blasenentzündungen, weil die Schleimhaut im Intimbereich durch den Hormonmangel dünner wird.

Hat sich die Blase entzündet, gilt es vor allem, sich warm zu halten und möglichst viel zu trinken, um die Bakterien aus der Blasenschleimhaut buchstäblich herauszuschwemmen, ergänzt Dr. Wolfgang Bühmann, Facharzt für Urologie und Sprecher des Berufsverbandes Urologen. »Je mehr wir trinken, desto höher der Druck, mit dem sie weggespült werden.« Zwei bis drei Liter täglich sollten es dann mindestens sein. »Ob in Form von Wasser, Saft, Tee oder Kakao ist für den Spüleffekt zweitrangig. Nehmen Sie das, was Sie gerne trinken, dann fällt es Ihnen leichter«, empfiehlt der Facharzt.

Diese Wirkung unterstützen Nieren- und Blasenteemischungen, beispielsweise aus Gold­rutenkraut, Birken- und Brennnesselblättern. Die Inhaltsstoffe dieser Arznei­pflanzen wirken nachweislich harntreibend, krampflösend und entzündungshemmend. Auch Bärentraubenblätter eignen sich zur unterstützenden Therapie, weil sie stark antibakteriell wirken. Allerdings sollten die Patienten rezeptfrei erhältliche Kapseln mit dem Extrakt aus Bärentrauben­blättern einnehmen, statt einen Tee zuzubereiten. Nicht zuletzt hat sich zur Behandlung der unkomplizierten Blasenentzündung ein dreifacher Pflanzenextrakt aus Tausendgüldenkraut, Liebstöckel und Rosmarin gut bewährt.

Wärme und Ruhe

Ebenso wie reichlich Flüssigkeit braucht die entzündete Blase Wärme, erklärt Facharzt Bühmann. »Das regt die Durchblutung an und stärkt die Abwehr.« Wer längere Zeit auf einem kalten Stein gesessen hat, feuchtkalte Badekleidung nicht gleich wechselt oder sich am Unterleib nur dünn anzieht, »bewirkt dagegen, dass der Körper die Durchblutung drosselt und die Abwehr örtlich schwächer wird.« Dann rät Bühmann zur Wärmflasche, »und ruhig auch mal zur guten alten Wollunter­hose.« Ruhe und Schlaf unterstützen das Immunsystem ebenfalls in seinem Kampf gegen den Infekt, erklärt der Urologe. »Gerade während des Schlafs schüttet der Körper Hormone aus, die das Immunsystem stärken.«

Wenn Trinken, Wärme und Ruhe nach zwei bis drei Tagen keine Linderung bringen, der Urin sich dunkel oder rot färbt oder Rückenschmerzen in der Nierengegend dazukommen, rät Albring dringend zum Arztbesuch: »Dann ist der Körper offensichtlich nicht in der Lage, selbst mit den Keimen fertig zu werden. Man sollte sichergehen, dass es nicht zu einer Nierenbeckenentzündung kommt, und dann gegebenenfalls auch ein Antibiotikum einnehmen.«

Da ihre Harnröhre deutlich länger ist und nicht so nah am After liegt, erkranken Männer sehr viel seltener an einer Blasenentzündung als Frauen. Haben sie dennoch Blasenbeschwerden, ist die Ursache meist eine entzündete Prostata. Deshalb sollten Männer ebenso wie Schwangere, Diabetiker und Kinder mit einer entzündeten Blase bereits bei den ersten Symptomen den Arzt aufsuchen. Dasselbe gilt für alle Betroffenen mit Fieber oder blutigem Harn.

Nicht immer Antibiotika

Dass der Arzt längst nicht immer sofort Antibiotika verschreiben muss, zeigt die gemeinsame Studie »Sofortige versus bedarfsangepasste Antibiotika­therapie beim unkomplizierten Harnwegsinfekt (ICUTI)« der Institute für Allgemein­medizin der Medizinischen Hochschulen Göttingen und Hannover (siehe auch Linkadresse im Kasten). Anlass für die Untersuchung der Wissenschaftler war die Tatsache, dass Krankheitserreger bei wiederholter Anwendung von Antibiotika oftmals resistent werden und dann auch bislang hilfreiche Arzneistoffe ihre Wirksamkeit verlieren. Daher wollten die Forscher prüfen, in welchen Fällen Antibiotika verzichtbar sind. Insgesamt wurden zwei Drittel der Patientinnen, die mit einem Schmerzmittel behandelt wurden, ohne Antibiotikatherapie gesund. Zwar traten bei einzelnen Frauen der Schmerzmittel-Gruppe häufiger Nierenbeckenentzündungen auf, der Unterschied war jedoch statistisch nicht signifikant.

Aktuell untersuchen die Wissenschaftler, wie Ärzte diejnigen Frauen bereits beim ersten Arztbesuch erkennen, die ohne Antibiotika gesund werden. Dann könnten sie diese entsprechend behandeln. »Die Ergebnisse unserer Studie sind eine Grund­lage, um mit Patientinnen bei einem unkomplizierten Harnwegsinfekt zu überlegen, ob sie zunächst auf Antibiotika verzichten möchten«, sagt die Studienleiterin Dr. Ildikó Gágyor. »Wir können belegen: Für sonst gesunde Frauen mit leichten bis mittelschweren Symptomen ist die symptomatische Behandlung als Erstbehandlung häufig ausreichend und das Risiko von Komplikationen gering.«

Senföle als Alternative

Eine gute Alternative zu den häufig auch bei unkomplizierten Blasenentzündungen verschriebenen Antibiotika sieht Facharzt Bühmann zudem in Präparaten mit Senfölen aus Kapuzinerkresse und Meerrettich. »Sie wirken fast ebenso gut, können nicht zu Resistenzen führen und haben kaum Nebenwirkungen.« Durch Studien nicht ausreichend belegt sei die bakterien­abtötende Wirkung von Preiselbeer- oder Cranberrysäften. »Es gibt aber nicht-antibiotische Medikamente, die den Harn desinfizieren. Allerdings sollte man sie mindestens drei Monate lang einnehmen.«

Rolle der Intimhygiene

Frauen, die zu Blaseninfekten neigen und die vorbeugen möchten, sollten nicht nur viel trinken sowie Becken­bereich und Füße warm halten, sondern auch ihre Blase regelmäßig und vollständig entleeren – nicht erst wenn sie prall voll ist. Zudem sollten Frauen den Intimbereich immer von vorne nach hinten säubern, vor allem nach dem Stuhlgang. Das verringert das Risiko, dass Bakterien aus dem Magen-Darmtrakt in die Harnröhre gelangen. Da Verstopfung eine unnötige Ansammlung von Bakterien mit sich bringt, schützt außerdem eine gute Verdauung vor Keimen. Ein weiterer Tipp für Betroffene: die Unterwäsche möglichst bei 60 Grad Celsius waschen. »Slips sollten im Übrigen nicht allzu knapp sitzen, um eine Reizung des Schambereiches zu vermeiden«, rät Apothekerin Dr. Annabelle Schnaith, Mitglied der Apothekerkammer Niedersachsen.

Vor Erregern, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden, bieten Kondome guten Schutz. Doch sollten auf die Kondome keine spermiziden Cremes aufgetragen werden, betont Schnaith. »Sie greifen die Scheidenflora an.« Schließlich raten die Experten Frauen, die zu Blasenentzündungen neigen, dazu, nach dem Geschlechtsverkehr innerhalb von 15 Minuten Wasser zu lassen. So würden Keime ausgespült, die zu einer Infektion führen könnten.

Kehren die Blasen­entzündungen immer wieder, verschreiben Ärzte den Frauen in der Praxis häufig ein Antibio­tikum – auch wenn alle vorbeugenden Maßnahmen nicht halfen. Dann ist denkbar, dass das verordnete Antibiotikum nicht ausreichend gegen die Erreger wirkt, erläutert Albring. »Vielfach werden ja, weil es schnell gehen muss mit der Behandlung, Antibiotika ohne Antibiogramm verordnet. Dann weiß man also nicht genau, welcher Erreger die Entzündung ausgelöst hat. Auch wurde nicht genau herausgefunden, auf welche Antibiotika diese Keime am besten reagieren und ob sie eventuell resistent sind gegen die Standardbehandlung.« Wenn nach dem Antibiogramm das am besten geeignete Antibiotikum gefunden ist, müssen die Patientinnen das Präparat zudem lange genug einnehmen, also nicht nur bis zur Beschwerdefreiheit, sondern exakt so lange, wie der Arzt verordnet hat. /

Link

Die gemeinsame Studie »Sofortige versus bedarfsangepasste Anti­bio­tika­therapie beim unkomplizierten Harnwegsinfekt (ICUTI)« der Institute für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschulen Göttingen und Hannover ist im Internet abrufbar unter www.med.uni-goettingen.de/de/content/presseinformationen/presseinformationen_22855.asp?year=2016.