PTA-Forum online
Vaginalhygiene

Allzu viel ist ungesund

04.07.2016  13:34 Uhr

Von Ulrike Viegener / Bei der Genital- und Vaginalhygiene ist das rechte Maß entscheidend. Nicht selten tun Frauen zuviel des Guten, und das ist ebenso abträglich wie ein Zuwenig an Hygiene.

Vaginalhygiene ist ein sensibles Thema. Viele Frauen sind unsicher, was adäquate Genital- und Vaginalhygiene genau bedeutet. Wie oft? Womit? Wie genau? Diese Fragen möchten sie gerne stellen, doch trauen sich oft nicht, sie zu äußern. Daher sollte die Beratung in der Apotheke möglichst diskret erfolgen.

Die Vagina ist ein eigenständiges Ökosystem, dessen Balance es zu erhalten gilt. Ähnlich wie andere Körper­höhlen besitzt die Vagina eine typische physiologische Flora. Das heißt: Sie ist mit Keimen besiedelt, die ihr nicht schaden, sondern nützlich sind. Diese »guten« Keime tragen dazu bei, dass keine pathogenen Erreger in der Vagina aufsteigen und sich ausbreiten. Die physiologischen Keime verteidigen ihren Lebensraum gegenüber Eindringlingen und unterstützen so die körpereigenen Abwehrmechanismen. Lage und Funktion der Scheide bringen es jedoch mit sich, dass sie gegenüber Infektionen mit Bakterien und Pilzen besonders gefährdet ist.

Saures Milieu

In der Vagina herrscht normalerweise ein saures Milieu mit pH-Werten zwischen 4 und 4,5. Für viele pathogene Keime ist dieses Milieu zu sauer, der physiologischen Vaginalflora jedoch –auch Döderleinflora genannt – ist der niedrige pH-Wert gerade recht. Sie finden in der Scheide optimale Lebensbedingungen vor. In erster Linie handelt es sich um Milchsäurebakterien, die sich von abgeschilferten Schleimhautzellen ernähren und dabei aus Glykogen Milchsäure produzieren. Die Milchsäure legt sich als Schutzfilm über die Schleimhautzellen und unterstützt so deren Barrierefunktion. Gleichzeitig stabilisiert die Milchsäure das saure Scheidenmilieu. Zudem setzen sich die Milchsäurebakterien gegen eindringende Erreger aktiv zur Wehr, indem sie Stoffe mit bakteri­zider Wirkung bilden.

Nur Wasser

Eine adäquate Genital- und Vaginal­hygiene ist wichtig, um das Milieu in Balance zu halten und einer Besiedelung mit pathogenen Keimen vorzubeugen. Was heißt das konkret? Experten empfehlen, das äußere Genital einmal am Tag zu reinigen. Das dient auch der Vaginalhygiene, da Infektionen von dort in die Scheide aufsteigen. Warmes Wasser allein reicht aus. Seifen und Waschlotionen zerstören hingegen das physiologische Milieu. Es sei denn, es handelt sich um spezielle Präparate, bei denen der physiologische pH-Wert erhalten bleibt. Auch auf Intimdeodorants sollten Frauen verzichten, denn die enthaltenen Parfumstoffe können das Milieu ungünstig verändern.

Eine gute Methode ist das Abduschen des äußeren Genitals, um Verunreinigungen und potenziell schäd­liche Keime zu beseitigen. Waschlappen sind ebenso wie Schwämme Keimfänger und sollten täglich gewechselt werden. Außerdem ganz wichtig: Das äußere Genital immer von vorne nach hinten reinigen, da sonst Keime aus dem Analbereich in den Genitalbereich verschmiert werden. Duschen nach dem Sex sollte ebenfalls selbstverständlich sein.

Vagina spülen?

In vielen Kulturen wenden Frauen Vaginalspülungen traditionell an, sie sind selbstverständlicher Bestandteil der weiblichen Körperpflege. Allerdings wurde in den letzten Jahren die Frage aufgeworfen, ob regelmäßige Vaginalspülungen tatsächlich empfehlenswert sind. In Studien haben sich Hinweise ergeben, dass das Ausspülen der Scheide nicht vor Infektionen schützt, sondern sie sogar begünstigt. Auch Entzündungen von Gebärmutter und Eierstöcken scheinen bei Frauen, die regelmäßige Vaginalduschen durchführen, vermehrt aufzutreten. Vermutlich werden durch die Spülung nicht nur potenziell schädliche Bakterien und Pilze, sondern auch die »guten« Milchbakterien aus der Scheide entfernt, was den vaginalen Schutzschild schwächt. Viele Experten stehen deshalb Vaginalspülungen eher ablehnend gegenüber. Auch die Autoren der Homepage des britischen National Health Service (NHS) raten von Vaginalduschen ab.

Spezielle Zusätze

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, Vaginalduschen mit reinem Wasser anzuwenden oder sie mit speziellen Zusätzen zu beschicken. Im Handel sind Brausetabletten, die die Frauen in Wasser auflösen und mit einem Applikator in die Scheide einbringen müssen. Als weitere Applikationsform stehen Vaginalzäpfchen zur Verfügung. Die angebotenen Produkte zur Vaginalreinigung sind ganz unterschiedlich zusammengesetzt. Sie enthalten Milchsäurebakterien und/oder Vitamine, Spurenelemente oder Inulin. Zäpfchen mit Milchsäurebakterien werden als probiotische Vaginalzäpfchen bezeichnet. Hersteller von Produkten zur Vaginalreinigung argumentieren, ihre Produkte würden das Scheidenmilieu und die physiologische Keimbesiedlung stabilisieren.

Ausfluss richtig deuten

Laut Herstellerangaben eignen sich diese Produkte zur regelmäßigen präventiven Vaginalhygiene ebenso wie zur therapeutischen Unterstützung bei einer bestehenden Infektion. Vaginale Infektionen gehen in aller Regel mit Ausfluss einher, doch nicht jeder Ausfluss ist Zeichen einer Infektion. Im Fall bakterieller Infektionen ist der dünnflüssige Ausfluss meist gräulich gefärbt und riecht fischartig. Häufiger Erreger ist Gardnerella vaginalis.

Typisch für Pilzinfektionen der Scheide (Vaginalmykosen) ist dagegen gelblicher, cremiger bis krümeliger Ausfluss, der meist von einer starken Rötung der Schleimhaut, Juckreiz und brennenden Schmerzen begleitet wird. In 85 Prozent der Fälle ist Candida albicans verantwortlich.

Vaginalmykosen sind häufig die Folge einer Antibiotikatherapie. Durch die Zerstörung der vaginalen Bakte­rienflora verschiebt sich das physiologische Gleichgewicht zugunsten von Candida albicans und anderen Hefepilzen. Doch auch andere Medikamente können das vaginale Ökosystem aus der Balance bringen und Infektionen der Scheide die Folge sein, beispielsweise orale Kontrazeptiva.

Und schließlich ein letzter Aspekt: Vaginalhygiene bedeutet immer auch Intimhygiene des Partners. Frauen sollten mit ihrem Partner offen über dieses Thema sprechen. /

Weitere Tipps

Zur Stabilisierung des physiologischen Milieus zählt nicht nur die Intimpflege, sondern auch die Kleidung. Frauen sollten die Unterwäsche täglich wechseln und für eine ausreichende Luftzirkulation sorgen. Das heißt unter anderem, Wäsche aus Naturfasern wie Baumwolle tragen und zudem darauf achten, dass Slips nicht zu eng anliegen. Tampons, Binden und Slipeinlagen sollten parfümfrei sein und nicht zu lange in der Vagina beziehungsweise am Körper verbleiben, weil sich darin Bakterien sammeln, die sich rasch vermehren.