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Verhütung

Die Qual der Wahl

04.07.2016
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Von Nicole Schuster / Verhütung ist nach wie vor weitgehend Frauensache. Für welche Methode sie sich letztlich entscheiden, hängt von individuellen Vorlieben und gesundheitlichen Risiko­faktoren ab. Vor der beliebten Pille warnten Kritiker wegen der erhöhten Thrombosegefahr. Frauen, denen diese Berichte Angst machen, sollten mit dem Arzt über ihr persönliches Risiko sprechen.

Als 1960 die erste »Pille« auf den Markt kam, leitete das eine Revolution ein. Seit nun bereits mehr als 50 Jahren können Frauen selbst entscheiden, ob und wann sie schwanger werden wollen. Dafür müssen sie allerdings einen Eingriff in ihren Hormonhaushalt in Kauf nehmen. Im weiblichen Organismus regeln Estrogene und das Gestagen Progesteron (Gelbkörperhormon) die Menstruationszyklen und den Schwangerschaftsverlauf. Estrogene sorgen dafür, dass ein Eisprung stattfindet und der Schleim im Gebärmutterhals zum Zeitpunkt des Eisprungs für Spermien durchlässig ist. Zudem spielen sie zusammen mit Progesteron beim Aufbau der Gebärmutterschleimhaut eine Rolle. Das Gelbkörperhormon hat unter anderem die Aufgabe, die Voraussetzungen für die Einnistung eines Eis in die Gebärmutter zu schaffen. Zudem sorgt es während einer Schwangerschaft dafür, dass kein weiteres Ei heranreift und es nicht zu einer erneuten Befruchtung kommt. Zur Schwangerschaftsverhütung ist es das primär wichtige Hormon. Die sogenannten »Minipillen« enthalten hingegen nur Gestagene, alle anderen Präparate eine Kombination aus dem künstlichen Estrogen Ethinylestradiol und Gestagenen.

Bei Einphasenpillen ist jede Tablette gleich aus Estrogen und Gestagen zusammengesetzt. Die Anwenderinnen nehmen 21 oder 22 Tage lang täglich das Medikament ein und setzen die Einnahme dann für sieben beziehungsweise sechs Tage aus. In dieser Zeit kommt es zur Abbruchsblutung, die auch Hormonentzugsblutung genannt wird. Bei Präparaten mit 27 oder 28 Tabletten nehmen die Frauen die Pille ohne Unterbrechung ein. Bei diesen Kontrazeptiva enthalten aber sechs beziehungsweise sieben Tabletten keinen Wirkstoff. Während die Frauen diese wirkstofffreien Pillen einnehmen, setzt die Blutung ein.

Reihenfolge entscheidend

Die Zusammensetzung der Zwei- und Dreiphasenpillen ist an den weiblichen Zyklus angepasst. Die Tabletten für die erste und zweite Zyklushälfte enthalten Gestagen und Estrogen in unterschiedlicher Zusammensetzung. Wer die Pillen jedoch in der falschen Reihenfolge einnimmt, riskiert die Sicherheit der Empfängnisverhütung.

Der Vorteil der Antibabypillen: Die Kosten pro Anwendung halten sich in Grenzen, die Einnahme ist leicht und überall möglich und vom ersten Tag an ist die Verhütung nahezu hundertprozentig sicher. Bei vergessener Einnahme besteht in der Regel weiterhin Schutz, wenn sie innerhalb von zwölf Stunden nachgeholt wird. Passiert das Versehen allerdings mehrmals hintereinander, sollte die Frau ein zusätzliches Verhütungsmittel anwenden. Wichtig ist zudem der Hinweis, dass bestimmte Medikamente wie Abführmittel, Antibiotika oder schmerz- und entzündungshemmende Arzneimittel den Empfängnisschutz beeinträchtigen könnten. Das gleiche gilt, wenn die Frau an Durchfall oder Erbrechen leidet.

Individuelle Risiken

Warnungen vor einer erhöhten Thrombose- und Embolie-Gefahr bei Anwendung der Pille sorgten unlängst für Verunsicherung. Hierzu bezieht Professor Dr. Ludwig Kiesel, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Münster, gegenüber PTA-Forum Stellung: »Beim Thrombose-Risiko darf man nicht verallgemeinern. Es trifft weder auf alle Präparate noch auf alle Anwenderinnen gleichermaßen zu.« Entscheidend für die Häufigkeit dieser Nebenwirkung seien die Menge an Estrogen und die Art des Gestagens. Pillen der alten Generation gelten als weniger bedenklich. Problematischer sind laut Studien die kombinierten Antibabypillen der dritten und vierten Generation wegen der darin enthaltenen Gestagene Drospi­renon, Desogestrel oder Gestoden. Am sichersten sollen Pillen sein, die nur Gestagen enthalten oder das Gestagen Levonorgestrel und Estrogen in sehr niedriger Dosierung.

»Die Gefahr, eine Thrombose zu erleiden, ist vor allem in den ersten sechs Anwendungsmonaten erhöht und das besonders dann, wenn Frauen noch zusätzliche Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht oder Gerinnungsstörungen aufweisen. Bei längerer regelmäßiger Einnahme sinkt jedoch das Risiko«, erklärt Kiesel. Zudem sei zu bedenken, dass das Thrombose-Risiko während einer nicht verhinderten Schwangerschaft erheblich höher sei.

»Frauen, die allerdings die Pille nicht zur Verhütung, sondern für eine schönere Haut oder gegen Haarausfall einnehmen wollen, sollten sich bewusst sein, dass sie allein aus kosmetischen Gründen ein gewisses Gesundheitsrisiko auf sich nehmen«, sagt der Experte. In diesen Fällen sei die Aufklärung durch den Arzt sehr wichtig.

Auch lokal möglich

Hormonhaltige Präparate, die lokal angewendet werden und hauptsächlich dort wirken, kommen im Vergleich zur Pille mit geringeren Dosierungen aus. Dadurch sinkt das Potenzial für Nebenwirkungen wie Übelkeit, Brustschmerzen, Libidoverlust, Gewichtszunahme, Zwischenblutungen oder Stimmungsschwankungen.

Ein bekanntes hormonelles Verhütungsmittel ist die Hormonspirale, auch Intrauterinsystem (kurz IUS) genannt. Bei dem Langzeitkontrazep­tivum handelt es sich um ein T-förmiges Kunststoffgerüst. Auf dem senkrechten Stab befindet sich ein Zylinder, der Levonorgestrel enthält und dieses allmählich abgibt. Durch die Hormonwirkung wird wie bei der Pille der Schleim im Gebärmutterhals dicker, sodass Spermien nicht mehr in die Gebärmutter vordringen können. Ein Eisprung findet weiterhin statt, doch die Gebärmutterschleimhaut bildet sich zurück. Neben weniger Nebenwirkungen punkten Hormonspiralen auch dadurch, dass die Gefahr von Einnahmefehlern entfällt. »Nachteilig ist jedoch für viele Frauen, dass die Spirale durch den Gynäkologen in einem kleinen Eingriff eingesetzt werden muss. Auch zu Kontrollen und schließlich zum Ziehen der Spirale ist ein Arztbesuch erforderlich. Zudem kann ein Fremdkörpergefühl, vor allem durch die Rückholfäden vorliegen«, berichtet Kiesel.

Der Verhütungsring funktioniert ähnlich wie die Spirale. Allerdings kann ihn die Anwenderin wie einen Tampon selbst in die Scheide einführen. Dort gibt er kontinuierlich Estrogen und Gestagen ab. Der Wirkmechanismus entspricht weitgehend dem der Pille. Der elastische Kunststoffring kann bis zu drei Wochen in der Scheide verbleiben. Nach Entfernen kommt es zur Regelblutung. Am achten Tag soll die Frau einen neuen Verhütungsring einführen. Auch in der ringfreien Woche ist sie vor einer Schwangerschaft geschützt.

Zu den hormonellen Verhütungsmethoden gehören ebenfalls Verhütungspflaster, die die Wirkstoffe kontinuierlich über die Haut abgeben, die gestagenhaltige Dreimonatsspritze sowie das Verhütungsstäbchen, das ein Arzt der Frau unter die Haut am Oberarm einsetzt.

Ohne Hormone

Auch die Kupferspirale und Kupferkette setzt der Frauenarzt wie die Hormonspirale in die Gebärmutter ein. Beide zählen zu den hormonfreien Methoden, denn sie geben stetig spermienhemmende Ionen ab und verändern zudem den Schleim im Gebärmutterhals. Überlebende Spermien können dadurch schlechter zur Eizelle vordringen. Wie bei der Hormonspirale dienen auch hier zwei Kontroll- beziehungsweise Rückholfäden zum Entfernen. Zu den Nachteilen gehört, dass bei manchen Frauen die Monatsblutung stärker und schmerzhafter ausfällt.

Ein weiteres Verhütungsmittel ohne Hormone ist das Diaphragma. Die kleine biegsame und flache Schale aus Silikon mit Randwulst muss die Frau mit einem spermienab­tötenden Gel bestreichen, bevor sie diese vor dem Geschlechtsverkehr in die Scheide einbringt. Das Diaphragma verhindert – wenn es korrekt sitzt, dass Spermien in die Gebärmutter gelangen. Ähnlich funktioniert die Verhütungskappe, die ebenfalls zu den Barrieremethoden zählt. Entscheidend für den Empfängnisschutz ist auch hier der optimale Sitz.

Zu den wenig sicheren Methoden gehören chemische Verhütungsmittel wie Spermizid-haltige Schaumzäpfchen. Wer einen zu jeder Zeit sicheren Empfängnisschutz wünscht, sollte sich nicht auf sogenannte natürliche Methoden verlassen, beispielsweise dass Frauen ihre unfruchtbaren Tagen ermitteln und nur an diesen Tagen Geschlechtsverkehr haben.

Für Paare, die sich vom Kinderwunsch verabschiedet haben, kommt auch eine Sterilisation infrage. Dieses sicherste Verfahren ist bei Frauen aber meist auch endgültig.

Entscheidung der Frau

Laut einer repräsentative Umfrage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus 2011 ist für 53 Prozent der erwachsenen Frauen und Männer in Deutschland die Pille die Verhütungsmethode der Wahl. An zweiter Stelle steht mit 36 Prozent das Kondom. Als einzige Mittel schützen Kondome nicht nur vor einer Schwangerschaft, sondern auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis, Gonorrhö oder AIDS. Experten raten daher vor allem Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, sich vor diesen Krankheiten (zusätzlich) mit einem Kondom zu schützen.

Als Maß für die Sicherheit der Empfängnisverhütung dient der Pearl-Index. Dieser statistische Wert gibt an, wie viele ungewollte Schwangerschaften eintreten, wenn hundert Frauen ein Jahr lang eine bestimmte Methode anwenden. Dabei gilt: Je niedriger der Pearl-Index, desto sicherer das Verhütungsmittel. Damit die Werte zutreffen, ist eine Anwendung gemäß Gebrauchs- beziehungsweise ärztlicher Anweisung erforderlich. Bei regelmäßiger Einnahme zählt der Pearl-Index der Pille mit einem Wert von 0,1 bis 0,9 zu den sichersten Methoden. Mög­licherweise trägt auch das zu ihrer Beliebtheit bei.

Letzten Endes bleibt es jeder Frau individuell überlassen, für welches Mittel sie sich entscheidet. Neben persönlichen Vorlieben spielen bei der Wahl auch Faktoren wie der allgemeine Gesundheitszustand eine Rolle. /