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Zukunftsvision

Insekten als Chance

30.06.2017
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Von Ulrike Becker / Geröstete Heuschrecken vom Grill, Käfermehl im Burger oder Wurmprotein im Tierfutter – Wissenschaftler forschen derzeit intensiv am Einsatz von Insekten als Nahrungsmittel. Die kleinen Tiere könnten dazu beitragen, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

In europäischen Ländern weckt die Vorstellung, in eine Käferlarve oder Heuschrecke zu beißen, bei den meisten Menschen befremdliche Gefühle bis hin zu deutlichem Ekel. Bestenfalls als Mutprobe hat man als Kind vielleicht einmal eine Ameise oder einen Wurm geschluckt. Doch für rund zwei Milliarden Menschen weltweit gehören Insekten ganz selbstverständlich zum täglichen Essen dazu. Vor allem­ in Afrika und Asien, aber auch in Südamerika, stehen Mehlwürmer, Kakerlaken oder Seidenraupen regelmäßig auf dem Speiseplan. Sie werden gekocht, gebraten oder gegrillt, ge­räuchert, mariniert oder getrocknet und keineswegs nur aus Not gegessen. Im Gegenteil: Verarbeitete Insekten gelten vielerorts als Leckerbissen. Exper­ten schätzen, dass weltweit über 2000 verschiedene Gattungen als Lebens­mittel genutzt werden.

Die artenreichste Klasse des gesamten Tierreichs hat einiges an Nähr­stoffen zu bieten. Insekten weisen mit bis zu 70 Prozent einen hohen Anteil hochwertigen Proteins auf, das alle für den Menschen essenziellen Amino­säuren enthält. Der Fettanteil variiert zwischen 11 und 33 Prozent und zeigt mit vielen einfach und mehrfach un­gesättigten Fettsäuren eine günstige Zusammensetzung. Insekten enthalten darüber hinaus Mineralstoffe wie ­Eisen, Kupfer, Magnesium, Mangan, Phosphor, Selen und Zink und die Vitamine B2 (Riboflavin), Pantothensäure und Biotin. Manche Arten liefern auch Folsäure oder Vitamin B12. Der Kaloriengehalt kommt dem von Fleisch nahe.

Der Nährstoffreichtum macht die kleinen Gliederfüßler für die mensch­liche Ernährung so interessant. Und ganz abwegig ist deren Verzehr auch hierzulande nicht, war doch bis in die 1950er-Jahre in Deutschland, Frankreich und der Schweiz beispielsweise die Mai­käfersuppe bekannt. Dazu wurden die gesammelten Käfer angebraten und in Brühe gekocht, nach Wunsch ab­geseiht oder die Käfer im Mörser zerkleinert und die fertige Suppe püriert.

Nahrung für die Welt

Experten der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO (Food and Agriculture Organization) gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2050 weltweit neun Milliarden Menschen leben. Für ihre Versorgung müsste sich die Produktion von Nahrungsmitteln nahezu verdoppeln. Doch schon jetzt gelten die Meere als überfischt, mehr als die Hälfte der weltweiten Fisch­bestände sollen gefährdet sein. Die FAO-Experten warnen zudem vor möglichen Veränderungen durch den Klima­wandel, der die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln einschränken könnte. In einer Zusammenarbeit der FAO mit dem Labor­ für Entomologie (Insektenkunde) an der niederländischen Universität Wageningen untersuchten Wissenschaftler bereits vor eini­gen Jahren konkret die Möglichkeiten, Insekten als Nahrungsmittel für Menschen oder als Bestandteil des Tierfutters zu nutzen. Erklärtes Ziel der Experten: Das Nachdenken über neue Nahrungsmittel für die Zukunft anzustoßen, Perspektiven zu entwickeln, die die Ernährung der Weltbevölkerung sich­ern, und dafür wissenschaftliche Grundlagen zu liefern. Ihr eindeutiges Fazit lautet, Insekten können zur Ernährungssicherung beitragen und den weltweiten Proteinmangel teilweise auffangen. Aufgrund dieser Einschätz­ung steigt das Interesse an Forschungsarbeiten über Aufzucht und Verwendung der nährstoffreichen Insekten.

Ökologisch vorn

Insekten liefern nicht nur viele Nährstoffe, ihre Aufzucht schont auch natür­liche Ressourcen. So verwerten die Sechsbeiner ihr Futter deutlich effek­tiver als herkömmliche Fleisch­lieferanten wie Rinder oder Schweine. Wissenschaftler haben berechnet, dass für die Produktion von einem Kilogramm Insekten der Einsatz von etwa 1,7 Kilogramm Futter notwendig ist. Bis ein Schwein oder Rind ein Kilogramm an Gewicht zulegt, sind es dagegen fünf beziehungsweise zehn Kilogramm. Ein weiterer großer Vorteil der Insekten: Futtermittel müssen für sie nicht extra angebaut werden, weil sie sich auch von organischen Abfällen ernäh­ren können. Zudem vermehren sie sich teilweise mehrmals im Jahr und wachsen enorm schnell. Dadurch entsteht deutlich schneller viel Masse als in der herkömmlichen Tierzucht. Die Aufzucht von Insekten benötigt zudem nur einen Bruchteil der Fläche, die für die Haltung von Rindern, Schweinen oder Geflügel gebraucht wird.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass aufgrund dieser Faktoren die Aufzucht der Kleinsttiere einen geringeren Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid oder Ammoniak verursacht und die Umweltbilanz damit deutlich besser ausfällt als bei der herkömm­lichen Nutztierhaltung. Einige Befürworter des Einsatzes von Insekten in der Nahrungskette sehen auch ethische Vorteile gegenüber der oft problematischen Massentierhaltung.

Noch wenig untersucht

Obwohl der Verzehr von Insekten in etlichen Ländern gang und gäbe ist, wissen­ Forscher noch wenig über die Auswirkungen eines regelmäßigen Verzehrs. Menschen in Asien, Südamerika oder Afrika sammeln essbare Grillen, Käfer oder Termiten häufig direkt in der Natur. Das birgt laut Insektenforschern mehrere Risiken: Zum einen wird die Entwicklung weiterer Populationen der Tiere gestört. Denn oft kommen die frühen Entwicklungsstadien in den Kochtopf, wie etwa Larven, Eier oder Puppen. Zum anderen sind auch ungünstige Folgen auf die Gesundheit möglich. Insekten können Krankheitserreger übertragen, schädliche Mikroorganismen in ihrem Darmsystem enthalten oder Pestizide und Schwer­metalle aus der Umwelt anreichern. Auch auf Fragen nach allergischen Reaktio­nen oder der Entstehung ungünstiger Stoffe, wenn man die Insekten lagert, verarbeitet oder zubereitet, fehlen noch eindeutige Antworten.

Experten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beleuchteten in einer Stellungnahme aus dem letzten Jahr, inwiefern die Verwendung von Insekten und ihren Bestandteilen gesundheitlich unbedenklich ist. Aus Insekten ließen sich theoretisch auch isolierte Proteine, Enzyme, Fette oder Chitin für die Herstellung von Lebensmitteln oder Zusatzstoffen nutzen und sollten ebenfalls keine ungünstigen Nebenwirkungen aufweisen. Als Fazit raten die DFG-Experten dazu, Insekten nur unter definierten Haltungs- und Fütterungsbedingungen zu kultivieren. Das schont die natürlichen Bestände und ermöglicht gleichzeitig die Produktion unter kontrollierten Bedingungen. Einzelne Zuchtanlagen sind zwar schon im Betrieb. Eine effektive Aufzucht mit standardisierten Verarbeitungsschritten, die toxikologische und mikrobielle Sicherheit gewährleisten, muss sich aber erst noch etablieren.

Proteinquelle im Tierfutter

Insekten gezielt als Lebensmittel zum direkten Verzehr zu züchten, ist eine Art der möglichen Nutzung. Forscher sehen jedoch eine größere Chance da­rin, mit ihnen pflanzliches Protein im Tierfutter zu ersetzen. Denn der wachsende Fleischkonsum der Welt erfordert immer größere Flächen für den Anbau von Futtermitteln und belastet das Klima mit Treibhausgasen. Sojabohnen gelten aufgrund des hohen Proteinanteils als wertvolles Futtermittel, doch ihr großflächiger Anbau zerstört Regenwald in Südamerika. Nicht unproblematisch ist zudem der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen. Die Nutzung von Fischmehl ist ange­sichts der sinkenden Fischbestände in den Weltmeeren bereits an seine Grenzen gestoßen. Insekten könnten hier eine ökologisch verträgliche Protein­quelle darstellen.

Für den Fleischkonsum in den europäischen Ländern müssen nach Angaben von Mitwirkenden des EU-Forschungsprojekts PROteINSECT derzeit mehr als 80 Prozent des für die Viehzucht benötigten Eiweißes aus Nicht-EU-Ländern importiert werden. Das EU-Parlament fordert daher Maßnahmen, um den Import von Eiweißpflanzen durch europäische Quellen zu erset­zen. Proteinreiche Insekten im Tierfutter werden hier als zukunftsträchtiger Ansatz betrachtet.

Konkret erforschen verschiedene europäische Institutionen bei PROteINSECT den Einsatz von Fliegenlarven. Die Zulassung von Insekten im Tierfutter steht noch aus; Experten erwarten aber, dass die EU-Kommission in absehbarer Zeit eine Genehmigung für den Einsatz von Insek­ten in der konventionellen Tierhaltung erteilt. Das größte Potenzial innerhalb Europas sehen Experten in der Nutzung von Stubenfliegen, Mehlwürmern, Grillen und Seidenraupen. Für den Einsatz im Futter von Haus­tieren wie Hunden, Katzen oder Reptilien sind Insektenbestandteile schon erlaubt, und so gibt es hierzulande bereits Insektenfarmen, die dafür Kleinsttiere züchten.

Akzeptanz von Insekten

Schaben, Käfer, Bienen, Ameisen, Schmetterlinge, Grillen, Heuschrecken – was halten die Bundesbürger eigentlich von Insekten im Essen? Das wollten Wissenschaftler des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) genauer wissen und befragten dazu im Frühjahr 2016 rund 1000 Personen. Das Ergebnis ihrer repräsentativen Erhebung: Die Mehrheit hierzulande hat mit Insekten als Futtermittel überwiegend kein Problem. Uneinigkeit herrscht dagegen bei dem direkten Einsatz als Nahrungsmittel: Während sich 47,6 Prozent eher dagegen aussprechen und aufgrund eines empfundenen Ekelgefühls den Verzehr ablehnen, könnten sich 46,6 Prozent die Verwendung vorstellen. Zwar vermuteten die meisten keine gesundheitlichen Risiken, sie würden dennoch keine Insek­ten essen wollen, wenn die Insektenbestandteile sichtbar wären. Würde man sie hingegen nicht erkennen, weil etwa zu Mehl verarbeitet, steigt die Akzep­tanz deutlich. Besonders offen sind gebildete Männer zwischen 18 und 30 Jahren, die in Städten leben.

Die Zukunft ist schon da

Noch sind Insekten in der EU nicht als Lebensmittel zugelassen. Im Zuge der überarbeiteten Novel Food Verordnung, die im Januar 2018 in Kraft tritt, wird die EU-Kommission aller Voraussicht nach bestimmte Insektenarten und Teile davon als neuartige Lebensmittel erlauben. Allerdings muss zuvor ein Genehmigungsantrag bei der EU-Kommission gestellt werden. In Frankreich, Belgien und den Niederlanden stufen die zuständigen Behörden ganze­ Insekten lebensmittelrechtlich anders ein, und so sind dort bereits Innovatio­nen wie Insektenburger, Nudeln oder Chips aus Mehlwurmfleisch auf dem Markt. Darunter befindet sich das Angebot von zwei Jungunternehmern aus Deutschland, die einen Burger auf Insektenbasis entwickelt haben. Das Unternehmen Bugfoundation – übersetzt bedeutet das etwa Käfer­grund­lage – sitzt zwar in Osnabrück, darf seinen Burger aus pflanzlichen Bestandteilen und gemahlenem Buffalo­wurm (der Larve des Getreideschimmelkäfers) derzeit aber noch nicht in Deutschland anbieten; sie sind daher nach Belgien ausgewichen.

In der Schweiz sind seit Anfang Mai 2017 ausgewählte Insekten wie Mehlwürmer (Larven des Mehlkäfers), europäische Wanderheuschrecken und eine Grillenart (Heimchen) als Nahrungsmittel erlaubt und dürfen auch in Restaurants eingesetzt werden. In einer Schweizer Hotelfachschule lernen die angehenden Köche bereits, wie man sie zubereitet. Die Lebens­mittelkette Coop will in die Produktion und Vermarktung von Insekten mit einsteigen.

Über das Internet können experimentierfreudige Verbraucher schon Insekten­nahrung bestellen. Das Angebot reicht von gefriergetrockneten Heuschrecken, Mehl- und Buffalowürmern zum Weiterverarbeiten in der eige­nen Küche, über Kekse, Schokolade oder Proteinriegel mit Würmern oder Ameisen, bis zu Heuschrecken mit Schokoladenüberzug. Sogar Insektenlutscher mit erkennbaren Tieren und gewürzte Snack-Mischungen aus gefriergetrockneten Würmern zum Knabbern können Unerschrockene bereits probieren, allerdings zu einem stolzen Preis. So kosten 50 Gramm gefriergetrocknete Mehlwürmer um die 15 Euro und ein Schälchen mit lediglich 10 Gramm zum Snacken 4,50 Euro.

Innovativ sind auch Insektenburger aus dem 3-D-Drucker. Dazu experimentiert Carolin Schulze, eine junge Wissenschaftlerin an der Universität Halle, mit einer Kombination aus Mehlwürmern und Kartoffeln, die mit der Technik des dreidimensionalen Druckens zu einer appetitlich aussehenden Hasenform zusammengesetzt wird. Der »falsche Hase« wird vor dem Verzehr noch gekocht oder frittiert und soll die Akzeptanz von Insekten in der westlichen Welt fördern, so das erklärte Ziel der Forscherin.

Wo geht die Reise hin?

Für die Ernährung der europäischen Bevölke­rung werden Lebensmittel aus oder mit Insekten vermutlich eher Exoten bleiben. Das ein oder andere hippe Restaurant wird vielleicht Insekten­burger in die Speisekarte aufnehmen. Die Proteinversorgung ist hierzulande allerdings mehr als gedeckt, sodass es keiner zusätzlichen Proteinquelle bedarf. Anders sieht das in den armen Ländern dieser Welt aus. Dort kann die kontrollierte Produktion von Insekten durchaus einen wertvollen Beitrag leisten, die Nährstoffversorgung der Menschen zu verbessern.

In der Zukunft könnten Insekten außerdem eine gute Quelle für ökologisch verträglich produziertes Protein für die Tierhaltung sein. Angesichts des hohen Nährwerts, der guten Klimabilanz und der effektiven Umwandlung von Futter in Nahrung sehen Forscher hier das größte Potenzial. Wichtig wäre aber gleichzeitig, in den wohlhabenden Ländern den umweltbelastenden Fleischverzehr zu reduzieren und für einen höheren Anteil pflanzlicher Lebensmittel in der täglichen Ernährung zu werben. /