PTA-Forum online
Hallux valgus

Nicht nur ein Schönheitsfehler

Neigt sich der große Zeh zunehmend nach außen, schränkt dies nicht nur die Beweglichkeit der Betroffenen ein, sondern bereitet ihnen oft auch Schmerzen. Im Frühstadium lindern Schienen oder Einlagen vorübergehend die Beschwerden, die Schiefstellung kann letztlich aber nur ein operativer Eingriff beheben. ­
Nicole Schuster
30.06.2017  09:49 Uhr

In Deutschland leiden Schätzungen zufolge circa zehn Millionen Menschen an unterschiedlichen Schweregraden des Hallux valgus, auch Ballenzeh genannt. Frauen ab 60 Jahren sind am häufigsten betroffen. Bei bis zu 84 Prozent der Patienten sind die großen Zehen an beiden Füßen verformt. Das Verhältnis Frauen zu Männern liegt bei etwa 9 zu 1.

Im fortgeschrittenen Stadium neigt sich der große Zeh (Hallux) irreversibel zur Fußinnenseite. Diese Stellung hat zu seinem Namen geführt, denn der lateinische Begriff valgus bedeutet krumm, nach innen gewölbt. Ursächlich für diesen Prozess ist eine Schädigung des Großzehengrundgelenks. Dieses Gelenk liegt zwischen dem ersten­ Mittelfußknochen und dem Grundglied des großen Zehs und bildet normalerweise mit diesen beiden eine gerade Linie.

Beim Hallux valgus ent­wickelt sich nach und nach eine Achsabweichung und das Großzehengrundgelenk drückt in Richtung des Fuß­innenrandes. Starke Hornhautbildung an der Unterseite des Großzehen­ballens – der Vorwölbung des Großzehengrundgelenks – sorgt für Rötungen und Schmerzen. Der vordere Fußbereich nimmt bei diesem Prozess an Breite zu. Dann passen viele Schuhe nicht mehr richtig und die Druckstellen schmerzen.

Die Schiefstellung des großen Zehs ist in seltenen Fällen angeboren. Auch die Ursache der erworbenen Form ist unklar. Möglicherweise spielt die familiäre Veranlagung für schwaches Binde­gewebe eine Rolle.

»Die Vorstellung, dass hohe und enge Schuhe, wie ge­rade Frauen sie gerne tragen, die De­formität auslösen beziehungsweise verstärken, ist falsch«, sagt Professor Dr. Martinus Richter, Spezialist für Fußchirurgie von der Klinik für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie Nürnberg und Rummelsberg in Schwarzenbruck im Gespräch mit PTA-Forum.

Selbst bei Völkern, die barfuß laufen oder lockere, offene Sandalen tragen, sei das Problem Hallux valgus bekannt. »Schon bei antiken Statuen wurde die Deformität dargestellt«, weiß der Experte. Auch wenn Schuhe nicht der Auslöser sind, verstärken sie jedoch oft die Beschwerden.

Schmerz durch Überlastung

Ist der Ballenzeh erst einmal ausgeprägt, setzt sich ein Teufelskreis in Gang. Beim Gehen verlagert sich das Gewicht zunehmend auf die anderen Mittelfußknochen und Zehen, die dadurch überlastet werden und Schmerzen bereiten. Fußprobleme wie Krallenzehen zählen ebenfalls zu den mög­lichen Folgen. Schließlich entzündet sich die Gelenkschleimhaut, und die Gelenkkapsel schwillt an. »Der Hallux valgus führt zur Arthrose des Gelenks«, warnt Richter. »Dieser Gelenkverschleiß ist irreparabel.« Der große Zeh verformt sich immer stärker, sodass Patienten bald in ihrer Beweglichkeit und Lebensqualität deutlich eingeschränkt sind. Bei älteren Betroffenen steigt das Risiko für Stürze. Ein weiteres Problem ist, dass Menschen mit einem Ballenzeh beim Gehen benachbarte Gelenke, das Sprunggelenk sowie Knie und Hüfte falsch belasten, sodass auch dort Schädigungen entstehen können. Im Verlauf der Krankheit droht das Gelenk zu versteifen. Das bedeutet, es bleibt rigide in der Fehlstellung fixiert.

Operation unumgänglich

Patienten, die bemerken, dass sich der große Zeh nach außen neigt oder deren Mittelfuß schmerzt, sollten ihren Hausarzt oder direkt einen Fußchirurgen aufsuchen. Sie sollen wissen, dass der Arzt die exakte Diagnose nur anhand von Röntgenaufnahmen stellen kann. Wenn möglich, wendet er eine drei­dimensionale Röntgenbildgebung mit Belastung an. Damit kann er einen Hallux valgus, bei dem die Schädigung ebenfalls dreidimensional auftritt, bestmöglich analysieren.

Experten wie Richter raten heute bereits zur Operation, sobald die Schiefstellung des großen Zehs äußerlich sichtbar ist. »Nur durch einen Eingriff lässt sich die Deformität korrigieren und die Entstehung von Folgeschäden verhindern«, sagt der Spezialist für Fuß­chirurgie. »Konservative Maßnahmen wie eine Hallux-valgus-Schiene, Polsterungen, spezielle Einlagen oder Zehenspreizer reduzieren zwar womöglich die Schmerzen, beheben aber nicht die Ursache, da sie die Verformung nicht korrigieren.« Sie könnten höchstens vorüber­gehend die Operation hinauszögern. Spätestens dann sollten Patienten den Eingriff vornehmen lassen, wenn die Schmerzen zu stark und damit der Leidensdruck zu groß werden, ständig Druckstellen durch nicht richtig sitzende Schuhe oder sogar Ulcera auftreten, der Fuß in seiner Funktion und ihre Lebensqualität sehr eingeschränkt sind.

Dem Chirurgen stehen verschiedene Operationstechniken zur Verfügung. Er wählt je nach Schweregrad und Ausmaß der Fehlstellung die für den individuellen Fall am besten geeignete aus. In der Regel operieren Ärzte erst den einen Fuß, dann den anderen. Anschließend müssen die Patienten einen­ Spezialschuh, den sogenannten Vorfußentlastungsschuh tragen, können den operierten Fuß damit aber sofort­ wieder voll belasten. Aktivitäten wie ausgedehnte Wanderungen sind allerdings erst nach frühestens sechs Wochen wieder möglich.

Auf Verformungen achten

Tipps, die verhindern sollen, dass ein Ballenzeh entsteht, kann der Experte keine geben. »Maßnahmen wie Zehengymnastik oder ständig wechselndes, nicht zu enges Schuhwerk verhindern die Entstehung der Deformität nach aktuellen Erkenntnissen nicht.«

Wenn in der Familie bereits ein Hallux­ valgus aufgetreten ist, sollten die Kinder bei ihren Füßen engmaschig auf Verformungen achten. Bei Kindern mit angeborener Schiefstellung des großen Zehs sollten Ärzte die Füße eingehend untersuchen. Die Operation erfolgt aller­dings meist erst nach Abschluss des Wachstums mit etwa zwölf Jahren. /