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Hände

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30.06.2017
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Von Isabel Weinert / Wer seine Hände nur noch eingeschränkt benutzen kann, merkt schnell: Nichts geht mehr. Über Ursachen für Handerkrankungen und Therapien von sprach PTA-Forum mit Handchirurg Dr. Michael Schröder, Wiesbaden.

Mehr als ein Drittel aller Arbeits­unfälle betrifft die Hände, denn viele berufliche Tätigkeiten sind auch heute noch Handarbeit. Daneben drohen beim Gärtnern und Heimwerken sowie bei einigen Sportarten Gefahren.

Wer sich an Hand oder Fingern verletzt, sucht am besten so rasch wie möglich einen Arzt auf. »Warten die Patienten ab, in der Hoffnung, es heile von alleine, ist das Risiko für dauerhafte Einschränkungen hoch«, warnt Dr. med. Michael Schröder, Hand- und Unfallchirurg am St. Josefs Hospital in Wiesbaden. Mancher überlässt die Heilung stattdessen dem Zufall und ist anschließend damit konfrontiert, dass Finger falsch stehen oder Gelenke ­instabil sind. Der betroffenen Hand fehlt dann womöglich die Kraft für einfachste Tätigkeiten, wie einen ­Deckel aufzuschrauben oder die Schuhsenkel zu binden.

Besonders bei Volley-, Hand- oder Basketballspielern sind die Hände gefährdet und auch bei all jenen, die sich für hohe Geschwindigkeiten beim Skateboarden, Inlineskaten, Down­­hill- oder Skifahren begeistern. Weit oben auf der Liste der für die Hände schäd­lichen Sportarten steht auch das Klettern­.

»Kletterer halten mitunter ihr gesamtes Körpergewicht an nur einem Finger«, informiert Schröder, der tagtäglich 10 bis 15 Menschen mit Handverletzungen behandelt. »Da ist alles dabei, von Sehnen- und Bänderrissen bis zu Brüchen, etwa der Handwurzel, der Finger oder der Mittelhandknochen.«

Geduld beweisen

Seine Patienten fragt der Facharzt zunächst­ nach dem Unfallhergang. Er untersucht die Hand, schaut, ob der Patient­ bestimmte Bewegungen ausführen kann, und setzt selbstverständlich auch moderne bildgebende Verfahren ein, wie Röntgen, MRT und CT. Nicht immer lautet das Ergebnis der Untersuchung: Operation. »In vielen Fällen können wir Unfallfolgen an der Hand konservativ therapieren«, so die Erfahrung des Chirurgen. Die Hand schonen, steht dann oft an erster Stelle­. Eine Schiene erleichtert das. Möglichst bald unterstützen Physio- oder Ergotherapeuten den Heilungsprozess. »Handtherapeuten, also Ergotherapeuten mit dem Arbeitsschwerpunkt auf den Händen, verzeichnen oft große Erfolge«, weiß Schröder.

Erste Hilfe für die Hände

Wenn es schnell gehen muss, gelten diese Regeln:

  • bei starker Blutung Druckverband anlegen;
  • ohne Blutung und wahrscheinlich ohne Knochenbruch: sofort kühlen;
  • abgetrennte Finger in eine Plastiktüte geben, diese verschließen und in einen zweiten Behälter mit einer Wasser-Eis-Mischung legen. Gliedmaße nicht direkt mit Wasser oder Eis versetzen!

Erst wenn alle konservativen Verfahren erfolglos geblieben sind, denken die Mediziner an eine Operation. Dann ist Schröder als Chirurg gefragt, und es kommt entscheidend auch auf die Feinmotorik seiner Hände an, denn während einer Operation auf seinem Fachgebiet kann der kleinste Fehler große Folgen haben: »Wichtige Strukturen, wie Nerven, Muskeln, Sehnen und Blutgefäße liegen in der Hand so nahe beieinander, dass wir nur mit der Lupe und oft auch mikroskopisch arbeiten­.« Auf diese Weise können Handchirurgen selbst kleinste Strukturen operieren: »Wir nähen mikrochirurgisch Sehnen, Nerven und Blutgefäße, fügen Knochen zusammen, setzen Platten und Schrauben ein.«

Viele Operationen finden dabei in Lokalanästhesie oder unter Betäubung des ganzen Armes statt, aber auch Vollnarkosen sind möglich. Die OP-Dauer reicht von fünf Minuten bis zu zwei Stunden, selten länger. Im Anschluss an die Operation steht wiederum die konser­vative Therapie auf dem Programm. Doch selbst die beste Technik und Thera­pie können nicht immer verhindern, dass es mitunter ein halbes bis ein ganzes Jahr dauert, bis die betroffene Hand wieder vollständig funktioniert. Mit dem Heilungs­prozess unzu­friedene Patienten sollten PTA oder Apotheker zur Geduld raten und sie darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass sie therapeutische Handübungen konsequent durchführen.

Das zweite große Arbeitsgebiet der Handchirurgen sind die chronischen Handerkrankungen. Häufig sieht Schröder in seiner Praxis Menschen mit chronischer Sehnenscheidenentzündung, einem Karpaltunnelsyndrom, Morbus Dupuytren und der Rhiz­arthrose, auch Sattelgelenkarthrose genannt. Im Gegensatz zu den Ver­letzungen, die schnellster Therapie ­bedürfen, bleiben hier zumindest Langzeitfolgen aus, sollte ein Patient erst relativ spät den Arzt aufsuchen. »Der Patient muss aber in diesem Fall länger unter seinen Schmerzen leiden.«

Cortison nur selten spritzen

Gegen Schmerzen und Entzündung verordnen Mediziner zunächst im Rahmen­ der konservativen Therapie NSAR wie Ibuprofen und Diclofenac, auch als Salbe oder Gel, sowie selektive COX-2-Hemmer wie Etoricoxib. Ebenfalls eine Rolle spielen Cortisoninjek­tionen in das betroffene Gelenk. Bessern­ sich die Beschwerden hier jedoch nach ein bis zwei Injektionen nicht, sollte der Arzt auf weitere verzich­ten, denn mehrfaches Cortison­spritzen kann das Gewebe schwächen und den Knorpel erweichen.

PTA sollten aufmerken, wenn ­Diabetiker nach einer lokalen­ Cortisonbehandlung über ­ungewohnt hohe Blutzuckerwerte klagen. Nicht nur bei systemischer Anwendung, sondern­ auch bei lokaler ­Injektion kann Cortison als Insulingegenspieler die Stoffwechseleinstellung massiv durcheinanderbringen.

Als Auslöser einer Sehnenscheiden­entzündung (Tendovaginitis) kommen unge­wohnte monotone Bewegungs­abläufe, aber auch jahrelange, ständige Wiederholungen bestimmter Bewegungen in Beruf und Freizeit sowie rheumatische Erkrankungen infrage. Meist entzünden sich durch die Über- oder Fehlbelastungen die Sehnengleitgewebe, oft auch die Sehnen von Unter­arm und Handgelenk, in manchen Fällen chronisch. Bei einigen ­Berufsgruppen ist die Tendovaginitis als Berufskrankheit anerkannt.

Ein Jahr lang abwarten

Im Rahmen der konservativen Maßnahmen müssen Betroffene das Handgelenk beziehungsweise den Arm mehrere­ Wochen schonen. Um das zu gewährleisten, setzen Therapeuten bei ihren Patienten Schienen oder Orthe­sen ein. In der akuten Ent­zündungsphase ­lindert Kälte die Beschwerden, Antiphlogistika bremsen Schmerz und Entzündung. Klingt beides ab, müssen Betroffene künftig entweder die Ursache meiden oder binnen drei bis vier Wochen Schritt für Schritt versuchen, die aus­lösende Tätigkeit wieder aufzu­nehmen. Chronisch Erkrankten hilft meist Wärme besser als Kälte, ebenso spezielle Massagen sowie Krankengymnastik und Ergotherapie. Bleiben alle Maßnahmen über ein Jahr lang ohne Erfolg, erwägt der Arzt die Operation. Dabei erweitert er verengte Stellen und entfernt entzündetes Gewebe.

Bevor Menschen mit einem Karpaltunnelsyndrom die Klinik aufsuchen, waren­ sie zuvor meist schon bei anderen Fachärzten, wie dem Neurologen. »Die Möglichkeiten der konservativen Therapie sind dann bereits aus­geschöpft«, sagt Schröder. Menschen mit diesem Syndrom leiden besonders nachts. Dann wachen sie auf, weil die ersten dreieinhalb Finger, also Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie die Hälfte des Ringfingers der betroffenen Hand »eingeschlafen« sind und schmerzen. »Bei diesen Symptomen kann man zu 99 Prozent von einem Karpaltunnelsyndrom ausgehen«, so der Experte.

Es entwickelt sich, weil der Mittelnerv durch ein Band eingeengt wird, das sich im Handwurzelbereich spannt. Der Nerv versorgt die oben genannten Finger und ist für deren Sensibilität sowie für die Muskulatur im Daumenballen zuständig. Er gerät unter Druck, wenn der Raum unter dem Band zu eng wird. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: »Durch diesen Raum verlaufen auch Beugesehnen. Entzünden sie sich, schwellen sie an. Das genügt schon, um den Nerv zu bedrängen«, erklärt Schröder. Auch eine Arthrose in diesem Bereich, bei der sich vermehrt Flüssigkeit im Gewebe sammelt, kann den Nerv einengen.

Um wieder Platz zu schaffen, durchtrennen Chirurgen das oben verlaufende Band. Danach weichen die Band­enden etwas auseinander und wachsen später wieder zusammen, jedoch ein wenig verlängert. Auf diese Weise bekommt der Nerv wieder mehr Platz, und die Beschwerden in den Fingern hören auf. Der kurze Eingriff dauert meist etwa zehn Minuten.

Morbus Dupuytren

Bei Menschen mit genetisch bedingtem Morbus Dupuytren verhärtet sich Bindegewebe in den Handflächen. Das natürlicherweise weiche Bindegewebe gibt den Händen die nötige Elastizität. Sie geht beim Morbus Dupuytren verloren, Betroffene können ihre Hände nicht mehr ausstrecken. »In der konservativen Therapie übt der Patient, die Hände zu dehnen. Außerdem setzen wir sogenannte Quengelschienen ein. Sie sind mit einem Federmechanismus ausgestattet, der gegen die Ver­kürzung der Fasern arbeitet«, erklärt der Chirurg.

In der Operation entfernt er das verhärtete Bindegewebe. »Danach können die Patienten die Hände wieder normal benutzen.« Allerdings, schränkt der Experte ein, bleibt dieser Zustand nicht dauerhaft erhalten, denn ein Morbus Dupuytren kehrt aufgrund seiner genetischen Entstehung immer wieder und ruft erneut Beschwerden hervor. »Bei dieser Erkrankung können wir den Zustand zwar immer wieder verbessern, den Patienten aber nicht heilen.«

Nicht so leicht stürzen – die wichtigsten Tipps

Stürze enden häufig mit Hand­verletzungen. Damit es gar nicht erst so weit kommt, hilft:

  • Training zur Sturzprävention beim Physiotherapeuten,
  • gut sitzendes und der Aktivität angemessenes Schuhwerk,
  • sich auf den Weg konzentrieren,
  • langsamer gehen,
  • zu Hause mögliche Stolperfallen entfernen,
  • auf gute Beleuchtung achten.

Vor allem Frauen ab dem 50. Lebensjahr leiden gehäuft an einer Arthrose des Daumensattelgelenks, der sogenannten Rhizarthrose. Warum mehr Frauen als Männer erkranken, und das vor allem in der zweiten Lebenshälfte, ist nicht bekannt. Das Sattelgelenk des Daumens wird von der Basis des ersten Mittelhandknochens und dem sogenannten großen Vieleckbein der Handwurzel gebildet. Hier nutzt sich der Knorpel bei jeder zehnten Frau ab 50 derart ab, dass jede Bewegung des Daumens schmerzt und die Kraft nachlässt.

Alternativen zu NSAR

Die Wirkung einiger Pflanzen­extrakte ist nach aktueller Studienlage durchaus mit NSAR vergleichbar, so etwa lokal einzusetzende Extrakte aus Arnika (Doc Arnika Creme, Arnika-Salbe Weleda) oder Beinwell (Traumaplant oder Kytta-Salbe f). Schmerzen bessern sich auch unter der Kombination von Pfefferminz-, Eukalyptus- und Rosmarinextrakt (Doloplant). Einige Sportmediziner setzen zudem homöo­pathische Komplexmittel, wie Traumeel, als Salbe, Injektion oder in Tablettenform ein.

Helfen konservative Maßnahmen nicht, so entfernt der Handchirurg das große Vieleckbein. Für Stabilität sorgt dann eine Sehnenplastik. Anschließend können die Betroffenen den Daumen, den sie zuvor nur noch eingeschränkt nutzen konnten, wieder normal bewegen. Lediglich die Kraft bleibt leicht unter derjenigen, die ein Mensch mit einer gesunden Hand auszuüben vermag.

Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen, wie der Rheumatoiden Arthritis, sieht Handchirurg Schröder nur noch selten: »Dank der modernen Medikation bei dieser Erkrankung verändern sich die Hände der Betroffenen meist nicht mehr so stark, dass sie einer Operation bedürften.« /