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Pflaster-Therapie

Bequemer geht’s kaum

02.07.2018
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Von Annette Immel-Sehr / Die Erfindung vor gut 30 Jahren war genial: ein Pflaster zur Arzneistoffapplikation. Dank einer ausgefeilten Galenik ließ sich damit sogar ein konstanter Wirkstoff-Blutspiegel erzielen. Mittlerweile zählen die Transdermalen Therapeutischen Systeme zu den gängigen Arzneimitteln.

Die Therapie mit einem Transdermalen Therapeutischen System (TTS) bietet vielen Patienten eine sehr angenehme und bequeme Applikationsform. Bei vielen Präparaten kann das TTS meh­rere Tage auf der Haut verbleiben bevor es gewechselt werden muss. Bis dahin braucht der Patient nicht mehr an seine Therapie zu denken. Dies fördert­ die Compliance und verringert die Gefahr, die Arzneistoffeinnahme zu vergessen. Die einfach durchzuführende Therapie erleichtert bei pflege­bedürftigen Pa­ti­enten den Alltag und ist natürlich beson­ders für Patienten mit Schluck­beschwerden ideal.

Der über das TTS applizierte Wirkstoff gelangt durch die Haut in den Körper­ und wird dann über den Blutkreislauf verteilt. Damit umgeht er den Magen-Darm-Trakt und einen mög­lichen First-Pass-­Effekt. Weitere Vorteile sind die exakte Dosierung und die kontrollierte, gleichmä­ßige Zufuhr ohne Wirk­stoffspitzen. Dem stehen nur wenige Nachteile gegenüber. Es sind vor allem Haut­irritationen und Allergien, die als unerwünschte Effekte auftreten können.

Doch so sehr das Konzept auch überzeugt, TTS ist nicht für alle Arzneistoffe ideal. Vielmehr eignen sich sogar die meisten Substanzen gar nicht, um sie via TTS zu verabreichen. Eine erste Voraussetzung ist beispielsweise, dass der Wirkstoff stark wirksam ist und die Dosis deswegen im unteren Milligramm-Bereich, besser noch im Mikrogramm-Bereich liegt. Bei größeren Arznei­stoffmengen würde das Pflaster zu groß. Für Transdermalpflaster gelten 50 Quadratzentimeter als maximale Größe. Eine weitere Bedingung: Die Substanz selbst muss ein kleines Molekül sein und über lipophile Eigenschaften verfügen, damit sie überhaupt durch die Haut dringen kann. Das schränkt die Zahl der Arzneistoffe, die sich für ein TTS anbieten, sehr ein. Weltweit werden etwa 20 Wirkstoffe als TTS angeboten. Mindestens 30 weitere existieren, die für eine trans­dermale Darreichung geeignet sind.

Grundsätzlich lassen sich bei den TTS zwei Pflastertypen unterscheiden: Membran- und Matrixpflaster.

Nicht teilen

Bei Membranpflastern befindet sich der meist in einer Flüssigkeit gelöste Wirkstoff in einem flachen Depot, weswegen­ die Arzneiform auch als Depot­pflaster bezeichnet wird. Eine Kontrollmembran zwischen Depot und Hautoberfläche steuert die Wirkstofffreisetzung. Die Unversehrtheit dieser Kontrollmem­bran entscheidet über die Sicherheit der Arzneiform. Weist die Membran Schäden oder Risse auf, kann Wirkstoff unkontrolliert über die Haut ein­dringen. Aus diesem Grund dürfen Membranpflaster auch nicht zer­schnitten werden. Der Nachteil von Membranpflastern liegt im Bedarf an zusätzlich benötigten Hilfsstoffen wie Ethanol und Lösungsvermittler, die die Haut reizen können.

Matrixpflaster sind im Vergleich zu Depotpflastern einfacher aufgebaut und kommen mit weniger Hilfsstoffen aus. Der Wirkstoff ist direkt in der Klebe­matrix gelöst oder suspendiert. Die Matrix­ besteht aus einer oder mehreren hochviskosen Polymerschichten. Über die Eigenschaft des Polymers lässt sich das Abgabeverhalten des Matrix­pflasters steuern.

Rein theoretisch wäre es möglich, Matrixpflaster zu teilen. Allerdings geht das auf Kosten der Dosierungsge­nauigkeit. Deswegen ist nicht nur bei Pflastern mit Opiod-Schmerzmitteln eine Teilung aus Gründen der Arznei­mittel­sicherheit nicht zu rechtfertigen.

Während zu Beginn der TTS-Ära vor allem Membranpflaster entwickelt wurden, haben sich mittlerweile die flacheren und preiswerter herzustellenden Matrixpflaster durchgesetzt.

Damit das TTS optimal wirken kann, muss der Patient einige Punkte be­achten. Das beginnt mit der Auswahl der Körperstelle, auf die das Pflaster auf­geklebt werden soll. Es eignen sich vor allem Bauch, Rücken, Oberarm oder Oberschenkel. Hormonpflaster sollten nicht auf die Brust aufgebracht werden. Die Haut muss trocken, unbehaart, intakt und darf an der aufzubringenden Stelle nicht tätowiert sein. Patienten sollten die Körperstelle vor dem Auf­kleben nicht rasieren, denn das kann kleine Verletzungen verursachen, die die Resor­ption beeinflussen. Damit das Pflaster gut haftet, sollte es etwa eine halbe Minute lang mit der flachen Hand angedrückt werden. Dabei besonders auf die Ränder und Ecken achten!

Tabelle: Beispiele für Transdermale Therapeutische Systeme (TTS)

Wirkstoff Präparatebeispiel Indikationsgebiet
Buprenorphin Norspan® Schmerztherapie
Estradiol Estramon® klimakterische Beschwerden
Fentanyl Durogesic® Schmerztherapie
Nicotin Nicotinell® Raucherentwöhnung
Nitroglycerin Nitroderm® Vorbeugung von Angina pectoris und Herzinfarkt
Norelgestromin und ­Ethinylestradiol Evra® Empfängnisverhütung
Oxybutynin Kentera® hyperaktive Blase
Rivastigmin Exelon® Alzheimer-Krankheit
Rotigotin Neupro® Parkinson-Erkrankung
Scopolamin Scopoderm® TTS Reisekrankheit

Wasser stört nicht

TTS sind wasserfest, so dass der Patient wie gewohnt duschen, baden und schwimmen kann. Allerdings darf das Wasser nicht zu heiß sein, denn bei Hitze­ kann vermehrt Wirkstoff in den Blutkreislauf gelangen, was schwere Nebenwirkungen mit sich bringen kann. Aus diesem Grund dürfen TTS auch nicht mit Wärmflaschen, Heizkissen, Wärme­decken und Friseurhauben in Be­rüh­rung kommen. Solarium, Sauna, Sonnenbäder und Sommerhitze gilt es zu meiden. Während einer fiebrigen Erkrank­ung empfiehlt sich ein Wechsel vom TTS auf eine andere Arzneiform.

Um Hautirritationen zu vermeiden, wählt man beim Pflasterwechsel stets eine neue Klebestelle.

Die Freigabe des Wirkstoffs beginnt mit dem Aufkleben des Pflasters. Doch bis eine wirksame Konzentration erreicht ist, vergehen Stunden. Bis zum Erreichen des maximalen Plasma­spiegels kann es gar mehrere Tage dauern. Selbst nach dem ersten Pflasterwechsel kann der Spiegel noch weiter an­steigen, bis schließlich ein konstantes Niveau erreicht wird. Danach überbrückt ein in der Haut gebildetes Wirkstoff­depot beim Pflasterwechsel die Zeit bis zum Anfluten des Wirkstoffs aus dem neuen Pflaster. Das gewährleistet insgesamt einen stabilen Blutspiegel.

Pflaster (kinder-)sicher entsorgen

TTS erreichen die konstante Frei­setzung dadurch, dass sich im Depot beziehungs­weise in der Matrix ein großer­ Überschuss an Arzneistoff befindet. Somit enthält das Pflaster bei Abnahme noch immer eine beacht­liche Menge hoch wirksamen Arzneistoffs, der mit dem Pflaster entsorgt wird. Um kein Risiko für Kinder oder Haustiere einzugehen, gehört das benutzte Pflaster­ gefaltet, an den Klebeflächen aneinandergeklebt und dann sofort mit dem Hausmüll entsorgt.

Auch wenn die Handhabung eines TTS auf den ersten Blick einfach erscheint, machen Patienten und An­ge­hörige nicht selten Fehler. Damit sind erhebliche Gefahren verbunden, zumal es sich um stark wirksame Arznei­stoffe handelt. In der Vergangenheit kam es sogar zu Todesfällen durch fehlerhafte Anwendung. Gefährlich wird es allemal, wenn TTS – ­benutzt oder unbenutzt – in Kinderhände gelangen.

PTA und Apotheker sollten die möglichen Fehler kennen, um im Beratungsgespräch darauf eingehen zu können. Eine Untersuchung der Abteilung für Klini­sche Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie am Universitätsklinikum Heidelberg hat eine Reihe typischer Anwendungs­fehler festgestellt. Dazu zählt beispielsweise, dass Patienten das alte TTS nicht entfernen, bevor sie ein neues kleben. Dies führt unweigerlich zu Überdosierungen. Ein anderer Fehler besteht darin, immer dieselbe Appli­kationsstelle zu verwenden oder das TTS auf irritierter Haut zu applizieren. Manche Patienten ziehen die Schutzfolie nicht ab und fixieren das TTS mit Verbandmaterial auf der Haut. Immer­ wieder kommt es offenbar vor, dass Patienten oder Angehörige das TTS zerschneiden und nur ein Stück oder viele­ Teile auf die Haut aufkleben. Eine Verwechslungsgefahr besteht, wenn das TTS zusammen mit Verbandmaterial gelagert wird. Es ist wiederholt vor­gekommen, dass Angehörige das TTS zur Wundversorgung verwendet haben. Transparente, hautfarbene TTS sind zwar sehr diskret, aber manchmal haben Patienten Probleme, sie auf der Haut wiederzufinden. Deswegen sollten die Patient­en sich notieren, wohin sie das Pflaster geklebt haben. Eine Notiz im Kalender­ kann da­ran erinnern, wann ein Pflasterwechsel erforderlich ist.

TTS sind eine beratungsbedürftige Arzneiform. Die Probleme fangen oft damit an, dass Patienten und Ange­hörige das alltäglich aussehende Pflaster­ nicht als ein hochwirksames Me­dikament wahrnehmen. Für PTA und Apotheker gibt bei dieser Arzneiform also viel zu erklären. /