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Schilddrüse

Unscheinbar und unentbehrlich

Die Schilddrüse beeinflusst wie kaum ein anderes Organ vielfältige Prozesse im Körper. Millionen Patien­ten in Deutschland werden ihretwegen behandelt – sei es aufgrund einer Über- oder Unterfunktion, eines Knoten oder gar wegen eines Tumors.
Carolin Antropov
02.07.2018
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Die Schilddrüse (Glandula Thyreoidea) besteht aus zwei Seitenlappen und einem schmalen Mittellappen, der sie wie ein Steg miteinander­ verbindet. Diese Form führte zum Namen »Schmetterlings­organ«. Sie liegt unterhalb des Kehlkopfes und umschließt die Luftröhre. Da sie beim Gesunden nur 15 bis 25 Gramm wiegt, ist sie in der Regel weder zu sehen noch zu tasten.

Innerhalb der Schilddrüse befinden sich zahlreiche Bläschen. Die Wände dieser sogenannten Follikel bestehen aus Epithelzellen, die die Hormone Thyroxin­ (T4) und Trijodthyronin (T3) herstellen. Allerdings gelangen diese nicht direkt ins Blut, sondern werden zunächst in das Innere (Kolloid) abge­geben. Follikel dienen also zugleich als Vorratsspeicher der Schilddrüsen­hormone. Zwischen ihnen ein­gestreut befinden sich sogenannte C-Zellen­. Sie produzieren Calcitonin, das den Calcium­spiegel im Blut senkt. Sein Gegen­spieler, das Parathormon, wird von der Nebenschilddrüse hergestellt. Als solche bezeichnen Me­diziner die etwa Epithelkörperchen in Größe eines­ Weizenkorns, die sich auf der Rückseite der Schilddrüse verstecken. Meist besitzt der Mensch vier Stück davon.

Ohne Jod geht nichts

Wie der Name Trijodthyronin (T3) verrät, enthält T3 jeweils drei und T4 je vier Jodatome. Deshalb hängt ihre Synthese maßgeblich von einer ausreichenden Jodidversorgung ab. Die Deutsche Gesell­schaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von etwa 200 μg. »Die Jodversorgung in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert, sodass wir jetzt kein Jodmangelgebiet mehr sind«, erklärt Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Dies sei insbesondere auf die Einführung von jodiertem Speise­salz zurückzuführen. »Aber wir sind immer noch in der unteren bis mittleren Versorgungsstufe«. Gerade industriell verarbeitete Lebensmittel enthalten häufig nicht-jodiertes Speise­salz. Der Genuss von jodiertem Salz ist also nach wie vor sehr wichtig.

Nach Resorption im Darm wird Jodid durch aktiven Transport in die Thyreozyten aufgenommen und erreicht bis zu 500-fach höhere Konzentrationen als im Plasma. Dies wird als Jodination bezeichnet. Im anschließenden Schritt, der Jodisation, wird Jodid zu elemen­tarem Jod oxidiert und in Tyrosinreste eingebaut. Durch eine weitere Peroxidase werden schließlich die Schild­drüsenhormone synthetisiert und als Speicherform an ein Protein gekoppelt. Der Vorrat reicht für einige Tage.

Feine Steuerung auf allen Ebenen

Bei einem Mangel an Schilddrüsenhormonen schüttet der Hypothalamus TRH (Thyreotropin Releasing Hormone) aus, das wiederum in der Hypophyse TSH (Thyreoidea Stimulating Hormone) freisetzt. TSH signalisiert der Schild­drüse, T3 und T4 in das Blut abzugeben und mehr Iod aufzunehmen. Die frei­ge­setzten Schilddrüsenhormone hemmen TRH und TSH. Doch vor allem beein­flussen sie nahezu jede Zelle des Körpers: T3 und T4 fördern die Wärmeentwicklung, steigern Herzfrequenz und Herzkraft, die Darmmotilität, die Energiegewinnung durch Lipolyse und vieles mehr. Sie bringen also den ganzen­ Körper in Schwung. Besonders im Wachstum sind die Hormone­ unent­behrlich für ein ge­sundes Skelett und die normale Gehirn- und Organentwicklung.

Obwohl T4 mengenmäßig überwiegt, wirkt T3 rund zehnfach stärker. Dabei ist T4 vielmehr ein Pro-Hormon. Denn selenhaltige Enzyme können ein Iodatom abspalten und es in T3 überführen. Etwa 80 Prozent des zirku­lierenden T3 entstehen so außerhalb der Schilddrüse durch Konversion.

Ängste nehmen

Das Thema Schilddrüse ist häufig emotional besetzt. Die vielfältigen Symptome, aber auch das Surfen in Online-Foren schürt immer wieder Angst. Mit Hintergrundwissen lassen sich jedoch viele Patienten beruhigen:

»Wegen der Schilddrüse bin ich dick, da kann ich nichts machen«.

Dass ein übergewichtiger Mensch alleine­ wegen der Schilddrüse an Adiposi­tas leidet, ist sehr selten. Dieses Symptom wird eher überschätzt. Falls die Schilddrüse tatsächlich schuld ist, verschwinden die über­flüssigen Kilos nach Erfahrung des Endo­krinologen aber durch die Therapie auch wieder. Als Diätmittel bei Gesunden macht es hingegen keinen Sinn: Denn während eine Gewichtsabnahme nicht einmal belegt ist, sind negative Folgen garantiert.

»Hilfe, meine Schilddrüse frisst sich selbst! Ich leide an Hashi­moto«.

Ja, bei Hashimoto Thyreoiditis wendet sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe. »Das führt letzten Endes zu einer Unterfunk­tion«, weiß Weber. Natürlich sollte der Patient deshalb mit seinen Beschwerden und Gefühlen ernst genom­men werden. Doch Panik ist seiner­ Meinung nach nicht nötig: »Die Schilddrüsenhormon-Substitution kann dieses Problem voll­ständig beheben. Es ist also keine so schwerwiegende Autoimmunerkrankung, verglichen mit einigen anderen«.

»Bei mir wurde ein Knoten entdeckt. Habe ich etwa Krebs?«

Bei dem Begriff »Knoten« schrillen die Alarmglocken. »Doch der Knoten ist ein extrem häufiger Befund«, erklärt Weber. Ein Schilddrüsenkrebs ist hingegen sehr selten die Ursache. Sowohl Überdiagnostik als auch Übertherapie sollten vermieden werden­. »Dabei ist es die Kunst des Arztes, bei einem sehr, sehr häufigen Befund etwas sehr seltenes zu finden­«. Das Robert-Koch-Institut rechnet in Deutschland mit etwa 6700 Neuerkrankungen im Jahr 2018. Zum Vergleich: Bei Brustkrebs wird mit 72 600 – also fast elfmal mehr – Fällen gerechnet.

Ein schmaler Grat

Um ihre Funktion zu beurteilen, werden oft der TSH-Wert oder zusätzlich die freien Hormone bestimmt. Liegen die Hormone nicht in der richtigen Menge vor, lassen sich Funktionsstörungen in Unter- und Überfunktion einteilen. Normalerweise ist der TSH durch die negative Rückkopplung bei einem Hormonmangel erhöht und bei einem Überschuss erniedrigt. Bei einer Unterfunktion (Hypothyreose) leiden Erwachsene typischerweise an Kälteempfindlichkeit, Verstopfung, Libido- und Zyklusstörung oder Antriebsschwäche bis hin zur Depression. Auch Herzkraft und Herzfrequenz sinken, Betroffene nehmen häufig ungewollt zu. In schweren Fällen können Gesicht und Extremitäten teigig anschwellen, was Mediziner Myxödem nennen.

Bei der Hyperthyreose (Überfunk­tion) äußern sich Symptome genau gegen­teilig: Herzfrequenz und Schlagvolumen nehmen zu und der Grundumsatz steigt. Neben einer Gewicht­sabnahme leiden Patienten häufig an Unruhe, Zittern, Schwitzen und Durchfall.

Eine vergrößerte Schilddrüse kann ein Arzt leicht ertasten und durch Ultra­schall ist das Organ gut darstellbar. Durch immer bessere Geräte werden so jedoch auch Befunde erhoben, die sonst nie Probleme bereitet hätten und womöglich verunsichern. Die Szinti­graphie nutzt die starke Jodaufnahme: Hierbei wird radioaktives Jod oder Technetium verabreicht und detektiert. MRT und CT eignen sich bei besonderen Fragestellungen.

Ursachen für Störungen zahlreich

»Knoten und Kröpfe zählen zu den häufig­sten Erkrankungen überhaupt«, so Weber. »Ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland ist betroffen«. Diese Befunde rufen nicht per se eine Funktionsstörung hervor, sondern können­ genauso bei normaler Stoffwechsellage vorliegen. Jodmangel ist der häufigste Auslöser einer Struma, also gutartigen Vergrößerung, auch als Kropf bezeichnet. Besonders in den jodarmen­ Alpen waren Kröpfe früher so häufig, dass dort statt Halskette sogar das Kropfband zur Tracht gehört.