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Welttag des Stotterns

Das große Sprechproblem

27.09.2013  15:09 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler / Bruce Willis, Marilyn Monroe und der britische König George VI.: Es gab und gibt etliche Prominente, die stottern. Stottern ist eine Sprechbehinderung, aber weder eine Krankheit noch ein Zeichen mangelnder Intelligenz. Der Welttag des Stotterns am 22. Oktober will informieren und mit Vorurteilen aufräumen.

Seit 1998 wird jedes Jahr am 22. Oktober der Welttag des Stotterns (Stuttering Awareness Day) begangen. Auch in Deutschland weisen Menschen mit Aktionen und Veranstaltungen auf die Schwierigkeiten hin, die jeder Stotternde bewältigen muss. »Wir wollen sachlich aufklären über das Stottern, Vorurteile abbauen und um Verständnis werben«, sagt Ulrike Genglawski, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e. V. (BVSS), im Gespräch mit PTA-Forum.

Die Vereinigung versteht sich als Interessenvertretung stotternder Menschen. Der Gesundheitstag bietet den Betroffenen zudem Gelegenheit, selbstbewusst und offensiv aufzutreten.

Internationale Organisationen stotternder Menschen und Fachverbände haben den Welttag des Stotterns vor 15 Jahren ins Leben gerufen. Die »International Stuttering Association« (ISA) stellt jedes Jahr ein neues Motto vor. 2013 lautet es »People who stutter – supporting each other«; auf Deutsch: Stotternde Menschen unterstützen einander. Zudem organisiert die ISA alljährlich vom 1. bis 22. Oktober eine internationale Onlinekonferenz. In Bielefeld findet vom 3. bis 6. Oktober der 40. Kongress stotternder Menschen statt.

»Das diesjährige Motto soll auf die Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung und die Selbsthilfe aufmerksam machen«, sagt Genglawski. In Deutschland gebe es etwa 90 Stotterer-Selbsthilfegruppen. »Hier treffen sich Menschen, die in ihrer Lebenswelt etwas verändern möchten, die sich unterstützen, Erfahrungen austauschen, Frust und Freude teilen wollen.«

Stottern ist sehr individuell

Stottern ist definiert als Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen von Lauten oder Silben. Der Stotternde weiß genau, was er sagen möchte, bringt es aber nicht störungsfrei heraus. Salopp gesagt: Er will etwas sagen und kann es nicht fließend aussprechen. »Stottern ist keine Krankheit, sondern eine Behinderung und als solche auch offiziell anerkannt«, betont Genglawski.

Jeder Mensch stottert anders. Die Sprechstörung ist individuell ausgeprägt, aber nicht selten. Schätzungsweise 1 Prozent aller Menschen stottert – in Deutschland mehr als 800 000.

Stottern beginnt meist im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Ohne offensichtlichen Anlass stottert plötzlich ein Kind, das vorher bereits flüssig gesprochen hat. Schätzungsweise 5 Prozent aller Kinder – etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen – beginnen zu stottern. Vier Fünftel von ihnen sprechen bis zur Pubertät wieder flüssig. Welche Kinder das sind, ist nicht vorhersagbar. Mädchen verlieren das Stottern häufiger als Jungen. Nach der Pubertät und bei Erwachsenen passiert dies aber nur noch selten.

Entgegen häufiger Annahmen ist Stottern kein Phänomen westlicher moderner Nationen, sondern tritt in allen Kulturen auf. Es existieren sogar 4000 Jahre alte Schriftstücke, die von stotternden Menschen berichten. Die Sprechstörung ist auch nicht psychisch bedingt und es gibt keine typische Stotterer-Persönlichkeit. »Viele denken, dass stotternde Menschen schüchterner und gehemmter sind als normal sprechende, aber es ist eher umgekehrt: Viele ziehen sich zurück, weil sie stottern«, berichtet Genglawski. Die Gefühlslage eines Menschen und das Stottern beeinflussen sich gegenseitig meist stark. Keinesfalls besteht ein Zusammenhang zwischen Stottern und einem niedrigen Intelligenzgrad.

Die Ursachen des Sprechproblems sind nicht ausreichend erforscht. Experten gehen davon aus, dass eine Fehlfunktion in der Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften vorliegt, die vermutlich genetisch bedingt ist. Durch auslösende und aufrechterhaltende Faktoren verfestigt sich die Störung dann. In der weiteren Entwicklung strengt Sprechen das Kind immer mehr an, da es versucht, Stottern zu vermeiden. Es entsteht ein Teufelskreis aus Angst und Vermeidung, Anstrengung und Frustration, der das Redeproblem oft verstärkt. Stottern wird zum Automatismus, den der Betroffene umso schwerer verändern kann, je länger er andauert.

Stottern als Filmthema

In der Filmbiographie »The King’s Speech« aus dem Jahr 2010 stellt Colin Firth den stotternden britischen König Georg VI dar. Der Film gewann viele Preise, unter anderem vier Oscars. Auch Königin Elisabeth II, die Tochter des Königs, soll sich positiv über den Film geäußert und ihn »bewegend« gefunden haben.

Die Monty-Python-Komödie »Ein Fisch namens Wanda« aus dem Jahr 1988 behandelt das Thema mit britischem, zum Teil recht brachialem Humor, aber mit Happy End für den gehänselten stotternden Bankräuber Ken (Michael Palin).

Wo liegen die besonderen Probleme im Alltag? »Am meisten kämpfen die Betroffenen mit der eigenen Angst vor den Reaktionen der anderen und vor Sprechsituationen«, sagt Genglawski. Mit der Behinderung stünden Stotterer häufig unfreiwillig im Mittelpunkt jedes Gesprächs. Sehr viele würden von Mitschülern und Kollegen gehänselt und gemobbt. Aber auch mitleidige Reaktionen, Bevormundung und der plötzliche Abbruch eines Gesprächs kränken und verunsichern.

Gelassen zuhören

Viele Menschen wissen nicht, wie sie auf Stotterer reagieren sollen. »Verhalten Sie sich ganz normal und halten Sie locker Blickkontakt«, rät die Expertin von der Bundesselbsthilfevereinigung. »Lassen Sie die stotternde Person ausreden und nehmen Sie ihr nicht das Wort aus dem Mund.« Ebenso solle sich der Zuhörer gutes Zureden verkneifen. Zustimmend nicken, gelassen bleiben und dem Gesprächspartner Zeit lassen: Das kann die Situation entspannen. Eine weitere Empfehlung lautet, Stottern wie eine Art Dialekt anzusehen und zu akzeptieren.

Fachleute sind sich einig, dass eine Stottertherapie umso aussichtsreicher ist, je früher eine qualifizierte Behandlung erfolgt. Bei den Therapien für Jugendliche und Erwachsene unterscheiden Experten vor allem die Stottermodifikation (Nicht-Vermeidungs-Ansatz) und das Erlernen von Sprechtechniken (Fluency Shaping). Die Techniken sollen den Betroffenen helfen, ihre Sprechflüssigkeit zu verbessern und das Stottern so zu kontrollieren, dass sie verständlich sprechen können. »Für eine Therapie ist es nie zu spät, aber auch nicht unbedingt zu früh«, betont Genglawski. Eltern, die sich über das Stottern ihres Kindes Sorgen machen, sollten sich frühzeitig beraten lassen. Für Kleinkinder wurden spezielle Therapiemethoden entwickelt. Selbst bis ins hohe Alter können Menschen lernen, ihr Stottern zu beeinflussen.

Flagge zeigen am Welttag

Am Welttag des Stotterns organisieren viele Selbsthilfegruppen eigene Aktionen. Sie treten zum Beispiel mit Infoständen an die Öffentlichkeit, laden zu Gruppentreffen ein oder arbeiten mit Schulklassen zusammen. Viele Aktionen werden auf der Homepage der BVSS veröffentlicht. Auch auf Facebook und YouTube können stotternde Menschen Fotos, Clips und Statements einstellen. »Wir wollen Flagge zeigen und Solidarität beweisen«, sagt Genglawski.

In diesem Jahr wurden erstmals ein eigenes Poster und Postkarten speziell zum Welttag entworfen. Die BVSS stellt die Materialien kostenlos zur Verfügung; Apotheken können diese anfordern und auslegen. Auch wenn es keine »Pille gegen das Stottern« gibt: PTA und Apotheker können ihre Kunden auf den Welttag aufmerksam machen, über das Sprechproblem informieren und auf die Beratungsstelle der BVSS und lokale Selbsthilfegruppen hinweisen. /

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