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Rudolf Virchow

Der Arzt als Anwalt der Armen

27.09.2013  15:04 Uhr

Von Ralf Daute / Am 13. Oktober vor 192 Jahren wurde in Pommern Rudolf Virchow geboren. Als Arzt begründete er die Zellular­pathologie, als Politiker setzte er sich für die Armen ein.

Der Name Rudolf Virchow hat in der deutschen Medizin einen Ruf wie Donnerhall: Im ganzen Land schmücken sich Kliniken, Institute und Apotheken mit seinem Namen. Der Mann, dem diese Ehre erwiesen wird, ist in der Tat einer der Großen in der Medizingeschichte. Und wie dies bei den Großen häufig der Fall ist, hat er selbst sein revolutionäres Wirken in einem prägnanten Lehrsatz zusammengefasst: »Omnis cellula e cellula«, auf Deutsch: »Jede Zelle geht aus einer anderen Zelle hervor.«

Zwar lernt dies heute jeder Schüler, doch Virchow war zweifelsohne der erste, der die Bedeutung dieser Erkenntnis erfasste und damit die Grundlagen für weit reichende medizinische Fortschritte legte. »Was Virchow in seiner Zellularpathologie schuf, war nichts weniger als die Formulierung von Grundsätzen, die über das nächste Jahrhundert hinaus die Grundlagen für die medizinische Forschung legten«, bestätigt auch der US-amerikanische Arzt, Professor für Medizingeschichte und Sachbuchautor Sherwin B. Nuland.

 

Die Geschichte dieser einzigartigen Karriere begann im pommerschen Niemandsland, wo Rudolf Ludwig Carl Virchow am 13. Oktober 1821 im Städtchen Schivelbein (heute Swidwin) – auf halber Strecke zwischen Berlin und Danzig gelegen – geboren wurde. Sein Vater arbeitete in der Stadtverwaltung als Kämmerer, seine Mutter widmete sich als Hausfrau ganz der Erziehung des Einzelkindes.

 

Schon früh fiel Virchow durch eine außerordentliche Begabung auf, sodass er auf Empfehlung seines Lehrers zum Gymnasium wechselte, das er 1839 mit dem Abitur verließ. Der Titel eines Deutschaufsatzes von damals liest sich wie die Vorwegnahme seiner späteren, rastlosen Umtriebigkeit: »Ein Leben voll Arbeit und Mühe ist keine Last, sondern eine Wohltat.«

 

Von 1839 bis 1843 studierte Virchow an der Berliner militärärztlichen Akademie Medizin. Nach seiner Promotion arbeitete er dort zunächst als Assistent und später als Pathologe. Im Jahr 1847 verfasste er seine Habilitation. Geradliniger kann eine Ausbildung wohl kaum verlaufen.

 

Geprägt durch den wissenschaftlichen Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen, zeigte sich schon im folgenden Jahr, dass er gesellschaftliche Themen dabei nicht ausklammerte. Als Virchow im Jahr 1848 im Auftrag der preußischen Regierung eine Typhus-Epidemie in Oberschlesien untersuchte, lautete sein therapeutischer Ratschlag: »Demokratie, Bildung, Freiheit und Wohlstand.« Ärzte hätten die »natürlichen Anwälte der Armen« zu sein, so Virchows Meinung.

 

Mit seiner demokratischen Gesinnung hielt Virchow nicht hinter dem Berg. Er stand in der deutschen Revolution des Jahres 1848 auf den Barrikaden, wurde in den Reichstag gewählt und forderte einschneidende Reformen für das Gesundheitswesen. Dafür erhielt er von der wieder erstarkten reaktionären Obrigkeit die Quittung: Er musste Berlin verlassen.

 

In Würzburg fand er am Lehrstuhl für pathologische Anatomie eine neue Bleibe. Dieser war im Jahr 1845 als erster seiner Art in Deutschland eingerichtet worden. In der bayerischen Stadt heiratete Virchow Rose Mayer, die Tochter eines Geheimen Sanitätsrats. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.

Erst im Jahr 1856 konnte er als nunmehr wissenschaftlich anerkannte Kapazität nach Berlin zurückkehren. Genauer gesagt: Er ließ sich zurück bitten, als Direktor des eigens für ihn an der Charité neu gegründeten Instituts für Pathologie. Dort veröffentlichte Virchow dann sein richtungsweisendes Werk »Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre«. Seine Ausführungen stellten die Medizin auf ein neues Fundament, denn er führte erstmals alle Krankheiten auf Veränderungen in den Körperzellen zurück.

 

Virchows Ruf war bereits unter den Zeitgenossen legendär: Die einen lobten ihn als »Fürst im Bereich der Gelehrten«, andere als »Rieseningenium« oder als »Weltmeister«. Virchow veröffentlichte quasi am Fließband rund 2000 Forschungsarbeiten und entdeckte zahlreiche Krankheiten, unter anderem beschrieb er erstmals die Leukämie.

 

In der Hauptstadt wurde der Mediziner auch wieder politisch aktiv. Nach seiner Überzeugung ist die Politik – genau betrachtet – auch eine Form der Heilskunde: »Wer kann sich darüber wundern, dass die Demokratie und der Sozialismus nirgend mehr Anhänger fand, als unter den Ärzten? Dass überall auf der äußersten Linken, zum Teil an der Spitze der Bewegung, Ärzte stehen? Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.« Virchow ließ sich in den Stadtrat wählen und setzte sich als Hygieniker erfolgreich für den Ausbau der Berliner Kanalisation ein. Seiner Meinung nach hatte jeder Bürger ein Recht auf eine gesunde Existenz. Dafür hatte der Staat mit einer öffentlichen Gesundheitspflege die Voraussetzungen zu schaffen.

 

Im Jahr 1861 zog Virchow mit der von ihm gegründeten Deutschen Fortschrittspartei sogar in den preußischen Landtag ein. Dort pflegte er lustvoll die Rivalität mit Otto von Bismarck. Die Auseinandersetzungen gipfelten darin, dass der Reichskanzler ihn zum Duell aufforderte – wozu es aber zum Glück nicht kam.

 

Als wenn ihm die Politik zu seinem ohnehin schon rastlosen Forscherleben nicht genügen würde, entdeckte Virchow noch sein Interesse an der Archäologie. Er beteiligte sich an der Gründung des ethnologischen Museums in Berlin und der des Völkerkundemuseums. Außerdem begleitete er Heinrich Schliemann bei seinen Ausgrabungen in Troja.

 

Noch im hohen Alter kannte Virchow keine Rast. Auf dem Weg zu einem Vortrag sprang er Anfang des Jahres 1902 aus einer fahrenden Straßen­bahn und brach sich den Oberschenkel. Von dieser Verletzung erholte er sich nie wieder ganz und starb am 5. September desselben Jahres. Der Überlieferung nach waren seine letzten Worte: »Fleißig weiter streben.« /

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ralf.daute(at)me.com

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