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Muskel- und Gelenkschmerzen

Ein Symptom – viele Krankheitsbilder

27.09.2013
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Von Michael van den Heuvel / Die Ursachen von Muskel- oder Gelenkschmerzen sind unterschiedlich. Das Spektrum reicht von übermäßigem Training beim Sport bis hin zu chronischen Erkrankungen oder Verschleiß. In vielen Fällen lassen sich die Beschwerden durch Arzneimittel lindern. Sowohl rezeptfreie als auch verschreibungspflichtige Präparate erfordern die intensive Beratung von PTA oder Apotheker.

Medizinische Fachgesellschaften definieren Schmerz als »unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebsschädigung einhergeht oder von betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebsschädigung die Ursache«. Spezielle Schmerzrezeptoren, Nozizeptoren genannt, werden durch Verletzungen oder Entzündungen aktiviert. Schnelle und langsame Nervenfasern leiten den Reiz zum Rückenmark und weiter zum Gehirn. Dort wird der Schmerz sowohl bewusst als auch emotional bewertet und das Signal erst dann als Schmerz wahrgenommen. Generell müssen Menschen mit plötzlich auftretenden, sehr starken oder länger anhaltenden Schmerzen einen Arzt aufsuchen. Bei allen leichten Beschwerden können PTA oder Apotheker zahlreiche wirksame Analgetika empfehlen.

Folgenreicher Sport

Muskel- und Gelenkschmerzen gehen nicht selten auf sportliche Aktivitäten zurück. Beim Muskelkater wurden zuvor Muskeln zu stark beansprucht, sodass mikroskopische Risse in den Muskelfasern entstanden sind. Diese heilen zwar von selbst wieder, doch können PTA und Apotheker den Betroffenen wärmende, durchblutungsfördernde Salben empfehlen, die die Beschwerden bis dahin lindern. Damit die nächste Trainingseinheit nicht zu gleichen Problemen führt, sollte jeder die Aufwärm- und Dehnübungen vor dem Sport ernst nehmen. Bei Muskelzerrungen, Prellungen oder Verstauchungen sollten sich Sportler an die PECH-Regel halten. Sie steht für Pause, zudem Eis zum Kühlen, Kompression (Compression) sowie das Hochlagern des verletzten Beines. Gegen die Schmerzen haben sich topische nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) sowie Salben mit Beinwellwurzel-Extrakt bewährt.

Nerven außer Takt

Nach einem wirksamen Medikament gegen Muskelkrämpfe fragen in der Apotheke sowohl Sportler als auch Bewegungsmuffel. Diese Beschwerden kommen aus heiterem Himmel und gehen meist mit heftigen Schmerzen einher. Besonders häufig sind Wadenkrämpfe. Normalerweise erhalten Nerven, die Muskeln steuern, vom Gehirn gezielt Signale zur Anspannung oder Entspannung. Während eines Krampfes treten jedoch unkontrollierte Signale auf. Das führt zur Anspannung der Muskelfasern und auch zur Erregung von Schmerzrezeptoren. In manchen Fällen verursacht ein Magnesium­mangel dieses Leiden. Das Mineral vermindert den Einstrom von Calciumionen in Muskelzellen. Vermuten PTA oder Apotheker einen solchen Mangel, sollten sie dem Betroffenen eine Dosis von 400 Milligramm Magnesium pro Tag empfehlen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere Gründe für Muskelkrämpfe, etwa Fehlstellungen des Fußes, ein zu intensives Training, Schlafmangel, eine schlechte Durchblutung oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus. Manche Arzneistoffe erhöhen ebenfalls das Risiko. Ärzte aus dem kanadischen Vancouver identifizierten als mögliche Auslöser langwirksame Beta-2-Sympathomimetika, kaliumsparende Diuretika und Thiaziddiuretika. Zur medikamentösen Therapie und zur Prophylaxe von Muskelkrämpfen nennt die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) Chininsulfat. In Studien haben sich 200 bis 400 Milligramm dieses peripheren Muskelrelaxans als effektiv erwiesen. Allerdings warnt die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA vor unerwünschten Arzneimittel­ereignissen. Deswegen wurde Chinin, ursprünglich ein OTC-Arzneimittel, in den Staaten der Verschreibungspflicht unterstellt. »Chinin ist wirksam, sollte wegen der seltenen, aber schweren Nebenwirkungen aber erst in zweiter Linie eingesetzt werden«, heißt es dazu in der DGN-Leitlinie.

Erste Hilfe bei Muskelkrämpfen

Ein Krampf in der Wade oder einem Fuß während des Sports oder in der Nacht?
Dann helfen die »vier B«:

  • Beugen (den Körper nach unten beugen, die Zehen fassen und sich zum Schienbein hin ziehen)
  • Bewegen (aufstehen und umhergehen beziehungsweise Beugungs­übungen machen)
  • Bearbeiten (eine Massage kann Muskelkrämpfe lösen)
  • Brausen (Wechselduschen fördern die Durchblutung)

Gelenke im Dauereinsatz

Wesentlich häufiger als Muskelkrämpfe sind Gelenkschmerzen. Fast jeder zweite über 45-jährige Deutsche kennt Probleme durch Gelenkverschleiß, sogenannte Arthrose. Diese tritt oft an den Kniegelenken, den Hüft- oder Sprunggelenken auf. Belastung durch Sport oder Übergewicht zerstören die schützende Knorpelschicht. Gelenkverschleiß als Folge eines Unfalls bezeichnen Mediziner als posttraumatische Form. Fluorchinolone wie Ciprofloxacin oder Levofloxacin können den Knorpel ebenfalls schädigen. Gelenke in der Wachstumsphase sind davon besonders betroffen. Patienten mit aktivierter Arthrose müssen Arzneimittel mit antientzündlicher Wirkkomponente einnehmen. Besonders gut ist die Wirkung von NSAR und von Cyclooxygenase-2-Inhibitoren wie Celecoxib oder Etoricoxib belegt. Bei Hyaluronsäure, Glucosamin oder Chondroitin ist die Datenlage etwas schlechter. Zur Regeneration zerstörter Knorpelsubstanz hat sich die Transplantation autologer Knorpelzellen bewährt. Nach der Entnahme aus einem intakten Gelenk werden die Zellen im Labor vermehrt und dann in betroffene Gelenke gespritzt. Derzeit untersuchen Forscher, inwieweit ein Fibroblasten-Wachstums­faktor die Bildung von Knorpel im Körper anregt. Darüber hinaus bleiben als Therapieoption operative Techniken wie die Glättung aufgerauter Knorpelschichten (»Gelenktoilette«), künstlicher Gelenkersatz (Endoprothesen) bis hin zur Versteifung einzelner Gelenke (Arthrodese).

Das »Zipperlein«

Nicht nur Fehlbelastungen schädigen auf Dauer die Gelenke, sondern auch Stoffwechselstörungen. Bei Gicht scheidet die Niere zu wenig Harnsäure aus. Daraufhin lagern sich Harnsäurekristalle vor allem in den kälteren peripheren Gelenken und Geweben ab, beispielsweise in großen Zehen, in Mittelfuß-, Sprung- und Kniegelenken, Daumengrundgelenken sowie im Knorpelgewebe der Ohrmuscheln. Ohne adäquate Therapie entstehen sogenannte Gichttophi, also Verdickungen. Einen akuten Gichtanfall behandeln Ärzte mit NSAR. In schweren Fällen kommt immer noch der alte Arzneistoff Colchicin zum Einsatz. Colchicin hemmt Makrophagen, die Harnsäurekristalle aufnehmen und über Zytokine entzündliche Vorgänge weiter anheizen. Manche Orthopäden injizieren auch Corticosteroide in das Gelenk beziehungsweise Gewebe.

Gicht erfordert eine langfristige Strategie, um Knochen, Knorpel sowie die Nieren zu schützen. Die Patienten sollten auf eine purinarme Ernährung achten und unter anderem auf Innereien wie Leber, Niere oder Kalbsbries verzichten, ebenso auf manche Fischarten wie Forelle, Hering oder Sprotte. Ansonsten gehört die Pharmakotherapie mit Urikostatika zum Standard. Arzneistoffe wie Allopurinol und Febuxostat hemmen das Enzym Xanthinoxidase. Dadurch wird die Oxidation von Hypoxanthin zu Xanthin und weiter zu Harnsäure unterbunden. Der erhöhte Spiegel an Hypoxanthin drosselt auch die körpereigene Purinsynthese. Febuxostat ist deutlich teurer als das als Generikum verfügbare Allopurinol, hat aber bei Patienten mit Nierenfunktionsstörung seinen Stellenwert. Urikosurika wie Benzbromaron beziehungsweise Probenecid fördern die Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren, indem sie die Rückresorption beeinflussen.

Akut- und Dauertherapie

Entzündungsprozesse stehen auch bei Autoimmunreaktionen im Mittelpunkt des Geschehens. Zellen des Immunsystems bekämpfen körpereigene Strukturen als vermeintlich fremde, also unter anderem Gelenke, Muskeln und Weichteilgewebe (siehe Tabelle). Warum Patienten erkranken, haben Wissenschaftler bis heute nicht vollständig verstanden. Als wahrscheinlich gilt das Zusammentreffen von genetischen Faktoren und Umwelt­einflüssen.

Als langfristige Basistherapie verordnen Ärzte Pharmaka, die entzündliche Prozesse modifizieren, sogenannte disease-modifying anti-rheumatic drugs (DMARDs). Das sind NSAR, Corticosteroide sowie Immunsuppressiva wie Methotrexat, Azathioprin oder Ciclosporin A. Als proinflammatorische Botenstoffe haben Wissenschaftler in den letzten Jahren Interleukine (IL) sowie den Tumornekrosefaktor (TNF) alpha identifiziert. Diese gelten als weitere Zielstrukturen für die Pharmakotherapie. Bei rheumatoider Arthritis kommen als TNF-alpha-Inhibitoren die monoklonalen Antikörper Adalimumab, Infliximab, Golimumab und Certolizumab sowie das Fusionsprotein Etanercept zum Einsatz. Als IL-1-Rezeptor-Antagonist ist Anakinra auf dem Markt. Der monoklonale Antikörper Rituximab richtet sich gegen spezielle Oberflächenstrukturen, sogenannte CD20-Moleküle, auf antigenpräsentierenden Zellen des Immunsystems. Abatacept bindet als Fusionsprotein an CD80 und CD86. In akuten Phasen rheumatischer Erkrankungen ergänzen höher dosierte NSAR und Corticosteroide die Basistherapie. Bei Bedarf verordnen Ärzte Analgetika entsprechend des WHO-Stufenschemas.

Eine rätselhafte Krankheit

Schmerzen Gelenke und Muskeln ohne klinisch erkennbare Ursache, leiden die Patienten möglicherweise an Fibromyalgie. Bei entsprechendem Verdacht untersuchen Ärzte 18 über den ganzen Körper verteilte Druckpunkte, meist handelt es sich um Sehnen-Muskel-Ansätze (siehe Grafik auf Seite 20). Sollten elf oder mehr dieser Bereiche bei leichtem Druck schmerzen und weitere Symptome wie Antriebslosigkeit, Müdigkeit, geschwollene Extremitäten beziehungsweise eine gewisse Morgensteifigkeit hinzukommen, spricht viel für dieses Krankheitsbild. Einige Betroffene klagen auch über gastrointestinale Symptome, Kopfschmerzen oder Schleimhautbeschwerden.

Fibromyalgie beginnt meist schleichend, ohne klare Ursachen. Forscher vermuten einen Zusammenhang mit niedrigen Spiegeln des Neurotransmitters Serotonin, des Neuropeptids Substanz P oder des Hormons Cortisol. Derzeit stehen Ärzte einige Pharmaka zur Verfügung, die sich als wirksam erwiesen haben: Antidepressiva (Amitriptylin, Duloxetin) und Antiepileptika (Gabapentin, Pregabalin). In den USA erhielt das Antidepressivum Milnacipran ebenfalls eine Zulassung bei Fibromyalgie. Weitere Pharmaka werden zurzeit untersucht. Neben Arzneistoffen setzen multimodale Behandlungskonzepte auf die Psychotherapie, Entspannungsübungen, Sport sowie auf Lern­einheiten zum Selbstmanagement der Beschwerden. /

Autoimmunerkrankungen, die zu Muskel- oder Gelenkschmerzen führen

Krankheit Beteiligte Organsysteme Pharmakotherapie
Lupus erythematodes (systemische Form) Gelenke, Haut, Blutgefäße, innere Organe NSAR, Chloroquin, Corticosteroide, Azathioprin, Cyclosporin A, Mycophenolat-Mofetil, Methotrexat, Thalidomid
Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) Iris, Lenden- und Brustwirbelsäule, Kreuz-Darmbeingelenke NSAR (unter anderem Sulfasalazin), TNF-α-Blocker, Bisphosphonate, Thalidomid
Polychondritis Knorpelgewebe Corticosteroide, entzündungs­hemmende und immunmodulatorische Wirkstoffe
Polymyalgia rheumatica Gefäßentzündung mit Schmerzen der Schulter- und Beckengürtelmuskeln Azathioprin, Corticosteroide, Methotrexat
Polymyositis Skelettmuskeln Corticosteroide, Immunsuppressiva, Immunglobuline
Rheumatoide Arthritis Gelenke, vor allem die Gelenke der Handwurzelknochen, Fingergrundgelenke und Gelenke zwischen den Knochen der Fingerglieder NSAR, Corticosteroide, Methotrexat, TNF-alpha-Hemmer, IL-1-Rezeptor- Antagonisten, monoklonale CD20-Antikörper

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