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Stress

Raus aus der Falle

27.09.2013  13:40 Uhr

Von Christiane Berg, Hamburg / Nicht nur Sportlern ist bekannt: Jeder Mensch kann sich positiv programmieren. So gelingt es ­sogar, körpereigene Heilmechanismen zu aktivieren. Unverzichtbar für die Gesundheit ist es, die eigenen Belastungsgrenzen zu ­kennen und bewusst für Erholung und Entspannung zu sorgen.

Positives Denken erfordert Selbst­besinnung und Achtsamkeit, machten Experten auf einer Pressekonferenz der Firma Heel, Baden-Baden, am 27. August, dem »Tag der Inneren Balance«, deutlich. Zwanghafter Zweckoptimismus berge allerdings auch gravierende gesundheitliche Gefahren, wenn der Betreffende sich nicht mit den tiefer liegenden Gründen seiner Probleme konfrontieren will, Konflikten ausweicht und Erschöpfungszustände missachtet.

Warnung vor Zellgift

In der heutigen Arbeitswelt definierten sich immer mehr Menschen über ihre Leistung und Funktion. »Die Anforderungen und Belastungsmuster sind vielfältiger, intensiver und folgenschwerer geworden«, so Professor Dr. Dietrich Baumgart, Essen. Die Spirale drehe sich »immer höher, immer schneller, immer weiter«. Statt bewusst abzuschalten, erlägen viele dem Reiz der neuen Kommunikationsmöglichkeiten über PC und Handy und fänden keine Ruhe.

Der Internist und Kardiologe verwies in diesem Zusammenhang auf den Stressreport 2012 der Bundes­agentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Dieser habe gezeigt, wie stark psychische Belastungsstörungen unter den Arbeitnehmern zugenommen hätten. Als Ursachen gelten der wachsende Zeitdruck, Hektik und Anspannung, nicht zuletzt die ständige Erreichbarkeit über Internet und Smartphone. Baumgart warnte vor schweren körperlichen Erkrankungen als Spätfolge einer permanenten Überforderung.

In Hochspannung schütte der menschliche Körper unter anderem die »Fight- and Flight-»Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus, die wiederum die vermehrte Freisetzung des Stresshormons Cortisol bewirken. Als unmittelbare Folge erhöhen sich der Tonus des Sympatikus, Blutdruck, die Herz­frequenz sowie die Muskelspannung, Blut- und auch die Herzkranzgefäße verengen sich.

Ist der Stress nur kurz, so Baumgart, normalisieren sich alle physiologischen Parameter schnell wieder auf ihr Ausgangsniveau. Fährt der Körper jedoch weiter im Hochleistungsmodus, bleiben diese und mit ihnen der Cortisol-Spiegel erhöht. Die Überdosierung des körpereigenen Glucocorticoids wirke wie ein »Zellgift«.

Es schwäche unter anderem das Immunsystem, Zucker- und Fettstoffwechsel entgleisten. Außerdem erhöhten sich Entzündungsmediatoren, die als erste Vorläufer von Herzinfarkt und Schlaganfall, Diabetes mellitus, Infektions- und Tumorerkrankungen, aber auch von Depressionen gelten.

Problembewusstsein

»Stress macht krank. Wir wissen es. Wir haben jedoch verlernt, auf die Warn-Signale unseres Körpers zu hören«, so Baumgart. Wut, Ärger, Feindseligkeit, Müdigkeit, Lustlosigkeit oder innere Unruhe: Es gelte, die Aufmerksamkeit für die tiefer liegenden Gründe innerer und äußerer Konflikte im Beruf, in der Beziehung oder in der Familie zu schulen.

Diese reichen oftmals bis in die Kindheit und Jugend zurück. Wer alte, gesundheitsschädliche Reaktions­muster erkenne, verändere daraufhin meist seine Geisteshaltung. Er erlange ein neues Körperbewusstsein und entwickle schließlich neue Verhaltensweisen. Diese wiederum beugen der Entstehung von Krankheiten vor.

Stress-Helpline

Jeden Donnerstag zwischen 17 und 19 Uhr stehen Ärzte und Psycho­­logen Hilfe suchenden Anrufern bundesweit unter der kostenfreien Telefonnummer 08000 142842 mit Rat und Tat zur Seite.

»Burn out, Stress und stress-assoziierte Erkrankungen sind zumeist Folgen einer langen Kette unpassender Lebens­entscheidungen, die schließlich im Erschöpfungs-Desaster kumulieren«, konstatierte der Referent. »Das Leben ergibt sich nicht einfach so. Wir fassen jeden Tag diverse Entschlüsse. Wir ­haben jedoch auch zu jeder Minute die Wahl, uns neu zu orientieren und ­etwas anders zu machen, um nicht Jo-Jo-mäßig immer wieder zum alten Problem zurückzukehren.« Jeder müsse für sich selbst die Balance zwischen Anspannung und Entspannung finden und das immer wieder neu.

Auf diesem Weg seien körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, progressive Muskelentspannung, auto­genes Training, Atemtraining und Medita­tion hilfreich, betonte Baumgart. In Akut-Situationen, insbesondere bei Schlafstörungen, können Phytopharmaka unter anderem mit Passions­blume und/oder Baldrian die Entspannung fördern.

Das bestätigte auch Dr. Cyrus Sami aus München. Der Allgemeinmediziner stellte die kostenlose »Stress-Helpline« vor, die zum »Tag der ­inneren Balance« vor einem Jahr ins ­Leben gerufen wurde und seither sehr erfolgreich ist. In den kurzen Beratungs-Gesprächen gelinge es zwar ledig­lich, Orientierungsmöglichkeiten aufzuzeigen und ein Problembewusstsein zu schaffen. Doch sei dies ein erster bedeutender Schritt auf dem langen Weg zur Übernahme von mehr Eigen­verantwortung und zum Training der Selbstreflexion. /

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