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Neue Wirkstoffe im September

Tumormittel und Immunmodulatoren

27.09.2013  17:01 Uhr

Von Sven Siebenand / Seit September sind drei neue Wirkstoffe im deutschen Handel gelistet: Enzalutamid, ein Mittel gegen Prostatakrebs sowie zwei Substanzen mit Wirkung auf das Immun­system. Pomalidomid wirkt gegen das multiple Myelom und Neuling Nummer drei, Lipegfilgrastim, soll Patienten während einer Chemotherapie helfen, wenn die Zahl bestimmter Blutzellen sinkt und sie dadurch anfälliger für Infektionen werden.

Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebsart des Mannes. In Deutschland erkranken jährlich mehr als 60 000 Männer neu daran, und jedes Jahr sterben etwa 12 000 Männer an diesem Tumor. Das Durchschnittsalter der Erkrankten liegt bei etwa 70 Jahren. Warum ein Prostatakarzinom entsteht, ist bislang unklar. Eindeutig steigt das Erkrankungsrisiko mit dem Lebensalter. Prostatakarzinome wachsen relativ langsam und verursachen häufig erst Beschwerden, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist. So können Beschwerden beim Wasserlassen ein Zeichen sein, dass der Tumor sich bereits auf die Harnröhre ausgebreitet hat. Auch Blut im Urin und starke Schmerzen im unteren Rücken, im Becken oder in den Oberschenkeln, die einem Ischiassyndrom ähneln, können auf eine Metastasierung hinweisen. Schildert ein über-50-jähriger Mann in der Apotheke solche Beschwerden, sollte ein Arzt abklären, ob ein Prostatakarzinom vorliegt. Welche Therapie der Arzt beim Prostatakarzinom wählt, hängt unter anderem davon ab, ob der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose noch auf die Prostata begrenzt, lokal fortgeschritten oder bereits metastasiert ist. Als Behandlungsmethoden kommen eine Operation, Strahlentherapie, Hormonbehandlung oder Chemotherapie infrage.

Neues Medikament gegen Prostatakrebs

Mit Enzalutamid (Xtandi® 40 mg Weichkapseln, Astellas Pharma) kam Anfang September eine neue Therapieoption gegen Prostatakrebs auf den Markt. Der Wirkstoff ist zugelassen zur Behandlung von Männern mit einem metastasierten, kastrationsresistenten Karzinom, deren Erkrankung trotz Chemotherapie mit Docetaxel fortschreitet.

Laut Fachinformation sollen die Patienten einmal täglich vier Kapseln à 40 mg einehmen. Bei bestimmten Nebenwirkungen kann der Arzt die Behandlung unterbrechen oder die Dosis reduzieren. Enzalutamid steigert die Aktivität vieler Enzyme und kann daher zu einem Verlust der Effektivität vieler gängiger Arzneimittel führen. Bevor der Arzt Enzalutamid verordnet, sollte er sich einen Überblick verschaffen, welche Arzneimittel der Patient gleichzeitig anwendet. Wichtig: Enzalutamid sollte nicht zusammen mit starken CYP2C8-Inhibitoren wie Gemfibrozil eingenommen werden. Ist dies nicht zu verhindern, sollte der Patient nur zwei Kapseln, also 80 mg, pro Tag einnehmen. Auch die gleichzeitige Behandlung mit Warfarin und Cumarin-artigen Antikoagulanzien ist laut Fachinformation zu vermeiden.

Ferner sollten PTA oder Apotheker wissen, dass sich das volle Enzyminduktions-Potenzial des Wirkstoffes eventuell erst nach einem Monat zeigt. Außerdem kann die Wirkung auf die CYP-Enzyme aufgrund der langen Halbwertszeit von Enzalutamid lange anhalten.

Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung dürfen den Wirkstoff nicht erhalten, bei Patienten mit schwerer Nierenfunktionsstörung ist Vorsicht geboten.

Der neue Arzneistoff blockiert die Aktivität des männlichen Sexualhormons Testosteron und anderer Androgene und hemmt den Androgenrezeptor-Signalweg. Da das Prostatakarzinom ein androgensensitiver Tumor ist, spricht es auf eine Hemmung des Androgen-Rezeptors an. Die Behandlung verringert das Wachstum der Krebszellen und kann den Tod der Tumorzellen und eine Tumorregression induzieren.

Sehr häufige Nebenwirkungen des neuen Krebsmittels sind Kopfschmerzen und Hitzewallungen. Darüber klagten in Studien mehr als 10 Prozent der Patienten. Bei 8 von 1000 Patienten traten Krampfanfälle auf. Deshalb ist bei Patienten mit Krampfanfällen in der Vorgeschichte Vorsicht geboten. Auch bei denjenigen Patienten könnte Enzalutamid das Risiko eines Krampfanfalls erhöhen, die gleichzeitig Wirkstoffe einnehmen, die die Krampfschwelle senken. Um das Gefahrenpotenzial des Wirkstoffes für Patienten mit hohem Krampfanfallrisiko weiter zu prüfen, wird der Hersteller eine Sicherheitsstudie durchführen.

Es ist nicht bekannt, ob Enzalutamid oder seine Metaboliten ins Sperma übergehen. Hat der Patient Geschlechtsverkehr mit einer Schwangeren oder einer Frau im gebärfähigen Alter, muss er ein Kondom verwenden. Eine zuverlässige Verhütung ist während der Behandlung und für drei Monate danach sicherzustellen, da Studien an Tieren gezeigt haben, dass die neue Substanz reproduktionstoxisch ist.

Last but not least könnte Enzalutamid die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen und auch die Fähigkeit Maschinen zu bedienen, da Patienten über psychische und neurologische Effekte berichteten.

Neues Immunstimulans auf dem Markt

Neutrophile Granulozyten sind eine Subgruppe der Leukozyten und daher wichtig für die zelluläre Abwehr. Während einer Chemotherapie fällt bei vielen Patienten die Zahl der neutrophilen Granulozyten stark ab, sodass das Risiko für schwere Infektionen steigt. Bei etlichen Patienten steigt in diesem Fall die Körpertemperatur, sie bekommen Fieber.

Der Granulozyten-Kolonie stimulierende Faktor (G-CSF) reguliert die Bildung funktioneller neutrophiler Granulozyten und deren Freisetzung aus dem Knochenmark. Nach Filgrastim und Pegfilgrastim ist seit Anfang September ein weiterer rekombinanter humaner G-CSF, das Lipegfilgrastim (Lonquex® 6 mg Injektionslösung, Teva) als Neueinführung gelistet. Lipegfilgrastim besteht aus Filgastrim, das an Methoxypolyethylenglycol gebunden ist. Der neue Wirkstoff bindet wie Filgrastim und Pegfilgrastim an den humanen G-CSF-Rezeptor und bewirkt, dass die Zahl neutrophiler Granulozyten im Blut deutlich ansteigt.

Verordnet wird Lipegfilgrastim – wie die verwandten Arzneistoffe –, um bei erwachsenen Patienten während der Chemotherapie Neutropenien zu verkürzen und die Häufigkeit der sogenannten febrilen Neutropenie mit Fieber zu vermindern. Nicht eingesetzt wird es allerdings bei Patienten mit chronisch-myeloischer Leukämie und myelodysplastischen Syndromen.

Je Chemotherapie-Zyklus wird eine 6-mg-Dosis Lipegfilgrastim empfohlen, die ungefähr 24 Stunden nach der Chemotherapie subkutan – möglichst im Bereich von Abdomen, Oberarm oder Oberschenkel – injiziert wird. Geschulte Patienten können die Lösung auch selbst spritzen. Das Präparat ist im Kühlschrank zwischen 2 und 8 Grad Celsius zu lagern. Wird es aus dem Kühlschrank entnommen, kann es einmalig über einen Zeitraum von bis zu drei Tagen bei unter 25 Grad Celsius aufbewahrt werden. Dann muss es allerdings innerhalb dieses Zeitraumes verwendet oder entsorgt werden.

Ist bekannt, dass Patienten überempfindlich auf G-CSF und dessen Derivate reagieren, sollten diese wegen einer potenziellen Kreuzreaktivität auch kein Lipegfilgrastim erhalten. Während der Behandlung mit dem neuen Wirkstoff muss der Arzt regelmäßig die Zahl der Thrombozyten und Leukozyten sowie den Hämatokrit-Wert kontrollieren. Wegen möglicher Nebenwirkungen an der Milz sollte er auch die Größe dieses Organs sorgfältig überwachen. Bei Patienten mit Schmerzen im linken Oberbauch oder im Schulterbereich muss er auch eine Milzruptur in Betracht ziehen.

In der Fachinformation wird unter anderem vor pulmonalen Nebenwirkungen des neuen Medikamentes gewarnt. Die häufigsten Nebenwirkungen sind jedoch Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems, die aber meist mit Standard-Analgetika gut zu therapieren sind. Zu den weiteren häufigen Nebenwirkungen von Lipegfilgrastim zählen Hautreaktionen, Kopfschmerzen, Schmerzen im Brustraum und Hypokaliämie.

Schwangere sollten den neuen Wirkstoff nicht erhalten und das Stillen sollten Frauen während der Behandlung unterbrechen.

Zweites neues Immunmodulans

Mit Pomalidomid (Imnovid® 1 mg/ 2 mg/ 3 mg und 4 mg Hartkapseln, Celgene) kam Anfang September eine neue, mit dem Contergan-Wirkstoff Thalidomid verwandte Substanz auf den deutschen Markt. Zugelassen ist der Wirkstoff zur Behandlung des multiplen Myeloms. Bei dieser seltenen hämatologischen Krebserkrankung vermehren sich entartete Plasmazellen unkontrolliert und häufen sich im Knochenmark an, wo sie die Bildung normaler Blutzellen beeinträchtigen.

Indiziert ist Pomalidomid in Kombination mit Dexamethason bei Erwachsenen mit rezidiviertem oder refraktärem multiplen Myelom. Vor der Behandlung mit dem neuen Wirkstoff müssen die Patienten mindestens zwei andere Therapien erhalten haben, die die Wirkstoffe Lenalidomid und Bortezomib beinhalteten, und unter der letzten Therapie muss die Erkrankung weiter fortgeschritten sein.

Pomalidomid ist eine Substanz aus der Gruppe der immunmodulierenden Wirkstoffe. Insbesondere hemmt der Wirkstoff die Wucherung (Proliferation) von Tumorzellen und induziert deren Zelltod (Apoptose).

Die Patienten können den neuen Wirkstoff oral einnehmen, als Initialdosis einmal täglich 4 mg an den Tagen 1 bis 21 der sich wiederholenden 28-Tage-Zyklen. Der Arzt kann die Dosierung auf Basis der Labor- und klinischen Befunde auch ändern sowie bei bestimmten Nebenwirkungen die Therapie unterbrechen.

Die Patienten sollten die Pomalidomid-Hartkapseln jeden Tag zur gleichen Zeit schlucken, zu oder unabhängig von den Mahlzeiten. Die Kapseln dürfen weder zerbrochen noch zerkaut werden.

Patienten mit eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion muss der Arzt hinsichtlich eventueller Nebenwirkungen besonders sorgfältig überwachen.

Der neue Wirkstoff ist mit Thalidomid strukturverwandt, sodass auch bei Pomalidomid ein teratogener Effekt zu erwarten ist. Frauen im gebärfähigen Alter dürfen während der Behandlung mit Pomalidomid nicht schwanger werden. Sie müssen zuverlässig verhüten und vor, während und nach der Therapie Schwangerschaftstests durchführen. In der Schwangerschaft ist der Wirkstoff kontraindiziert. Männliche Patienten müssen während der gesamten Behandlung, während der Einnahmeunterbrechungen und sieben Tage nach Therapieende beim Sex Kondome verwenden, wenn die Partnerin schwanger oder gebärfähig ist und nicht verhütet.

Während der Einnahme von Pomalidomid berichteten Patienten über Fatigue, Bewusstseinstrübung, Verwirrtheit und Schwindel. Treten diese Nebenwirkungen auf, dürfen die Betroffenen keine Fahrzeuge führen, keine Maschinen bedienen und auch sonst keine Tätigkeiten ausüben, die Konzentration erfordern und daher gefährlich werden könnten.

Als häufigste Nebenwirkungen in klinischen Studien traten Erkrankungen des Blutes und des Lymphsystems, zum Beispiel Anämie (46 Prozent), Neutropenie (45 Prozent) und Thrombozytopenie (27 Prozent) auf. Auch allgemeine Erkrankungen waren relativ häufig, darunter Fatigue (28 Prozent), Pyrexie (21 Prozent) und peripheres Ödem (13 Prozent) sowie parasitäre Erkrankungen und Infektionen, einschließlich Pneumonie (11 Prozent). Eine periphere Neuropathie trat bei 12 Prozent der Patienten auf, venöse embolische oder thrombotische Ereignisse bei 3 Prozent der Patienten. Tendenziell traten die Nebenwirkungen häufiger in den ersten zwei Behandlungszyklen auf. Laut Fachinformation soll der behandelnde Arzt das komplette Blutbild der Patienten regelmäßig kontrollieren sowie hämatologische Nebenwirkungen, insbesondere Neutropenie, überprüfen.

Vergleichbares gilt in Sachen Wechselwirkungen: Nimmt der Patient starke CYP1A2-Inhibitoren, zum Beispiel Ciprofloxacin, Enoxacin und Fluvoxamin, gleichzeitig mit Pomalidomid ein, sollte der Arzt ihn engmaschig auf Nebenwirkungen überwachen. PTA und Apotheker sollten die Patienten darauf hinweisen, dass Rauchen die Wirksamkeit von Pomalidomid herabsetzen kann, weil es die CYP1A2-Induktion verringert. /

Erster Menigokokken-B-Impfstoff

Meningokokken-B sind die Hauptursache, dass in Europa insbesondere Säuglinge an Hirnhautentzündungen erkranken. Die Erkrankung ist gefürchtet, da sie meist rasch und ohne Vorwarnung auftritt. Aufgrund grippeähnlicher Symptome erkennen Ärzte eine Meningitis im Frühstadium häufig nicht. Oft werden daher infizierte Patienten nicht früh genug behandelt, sodass etwa eine von zehn erkrankten Personen trotz intensivmedizinischer Behandlung stirbt, und rund einer von fünf Überlebenden lebenslang schwere Behinderungen wie Hirn- und Gehörschäden davonträgt oder Gliedmaßen verliert.

Ab Mitte September ist mit Bexsero® von Novartis Vaccines erstmals ein Menigokokken-B-Impfstoff auf dem Markt verfügbar. Zugelassen ist die Vakzine zur Anwendung bei Säuglingen ab dem Alter von zwei Monaten. Die verschiedenen Impfschemata für Bexsero lassen sich gut in Routine-Impftermine integrieren. Zusammen mit dem Meningokokken-Impfstoff Menveo® trägt Bexsero zum Schutz vor allen fünf Serogruppen der Meningokokken-Erreger (A, C, W-135, Y und B) bei, die weltweit die Mehrheit dieser Erkrankungen verursachen.

Bexsero muss tief intramuskulär gespritzt werden. Erhält der Säugling mehrere Impfstoffe zum gleichen Termin, muss der Kinderarzt jeweils an anderen Stellen impfen. In der Fachinformation nennt der Hersteller die Impfstoff-Antigene, die gleichzeitig mit Bexsero verabreicht werden können.

Die prophylaktische Gabe von Antipyretika bei oder kurz nach der Impfung kann fiebrige Reaktionen des Säuglings oder Kleinkinds nach der Impfung vermindern. Bexsero muss im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius gelagert werden.

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