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Wilde Malve

Wunderschön, heilsam und essbar

27.09.2013
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Von Gerhard Gensthaler / Die Malve gehört zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Archäologische Funde an der Lausitz deuten darauf hin, dass die Menschen bereits in der letzten Eiszeit intensiv Malven sammelten. Schon vor vielen tausend Jahren nutzen Chinesen, Griechen und Römern die Pflanze als Gemüse und Heilmittel.

In der Antike galt die Malve vielerorts als Erfolg versprechendes Aphrodisiakum und als sehr früher Schwangerschaftstest. Blühte eine mit dem Urin der Frau benetzte Pflanze, so deutete sie das als Zeichen einer sicheren Schwangerschaft. Schon 700 v. Chr. erwähnt der griechische Dichter und Historiker Hesiod die Wilde Malve (Malva sylvestris L.). Der römische Arzt Pedanius Dioskurides (Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.) empfahl die Wilde Malve bei Brandwunden, und der römische Gelehrte Gaius Secundus Plinius (23 bis 79 n. Chr.) zur Beseitigung von Übelkeit. In der Bibel wird sie in Hiob 30, 3-4 als Nahrung in Hungersnöten beschrieben: »Leute, die das dürre Land abnagen, das Gras der Wüste und der Wüstenei. Sie pflücken Malven.« Aus der Bibel ist auch die Geschichte des greisen Simeon bekannt, der seine blinden Augen mit Gottes Hilfe und dem Extrakt der Malvenwurzel heilte.

Karl der Große (768 bis 814 n. Chr.) förderte den Anbau der Malva sylvestris, indem er sie in seine Landgüterverordnung, die »Capitulare de villis«, aufnahm. In dieser Ordnung schrieb er fest, welche Pflanzen auf den kaiserlichen Pfalzen angepflanzt werden sollten. Hildegard von Bingen (1098 bis 1179 n. Chr.), Äbtissin des Klosters vom Rupertsberg, sah in der Malve ein Mittel gegen Melancholie und Fieber sowie gegen Kopfweh, das durch einen Überschuss an Schwarzgalle hervorgerufen wurde. Dafür mischte sie einen Auszug des Malvensaftes mit Olivenöl oder Essig und setzte dieses Gemisch äußerlich ein. Im Mittelalter kochten die Mütter aus den Samen der Malve einen nahrhaften Brei, um ein schwächliches Kind zu stärken.

Weit verbreitetes Kraut

Die Familie der Wilden Malve, die Malvaceae, umfasst mehr als 30 Arten. Vermutlich war die Malve ursprünglich im südlichen Europa und mittleren Asien beheimatet. In der übrigen Welt wurde sie durch den Menschen verbreitet. So kommt sie heute von Amerika bis Australien in allen Ländern und auf allen Kontinenten vor.

In Mitteleuropa wächst Malva sylvestris an Feldrainen, Hecken, Mauern, auf Schutt und brachliegenden Flächen. Sie bevorzugt sonnige, trockene und nährstoffreiche Standorten bis in eine Höhe von circa 1800 Meter.

Volkstümlich heißt die Wilde Malve auch Katzenkäsekraut, Hasenkäse, Pappelkraut, Käspappel, Schwellkraut, Johannispappel und Rosspappel, auch wenn sie nichts mit dem Pappelbaum gemein hat. Engländer nennen sie mallow oder common mallow, Franzosen mauve sauvage, Italiener malva riondela und Spanier ganz einfach malva.

Die Wilde Malve ist meist zweijährig und wird 1 bis 1,5 Meter hoch. Aus dem fleischigen Wurzelstock treibt zunächst eine Blattrosette und später einen Stängel. Meist liegt der Stängel am Boden und krümmt sich am Ende aufwärts. Die Stängel sind mit Büschelhaaren besetzt und mit einem lockeren Mark gefüllt, ihre unteren Teile verholzen nach und nach. Die grünen Blätter sind drei- bis siebenlappig, herz- oder nierenförmig. Die Blüten stehen meist zu mehreren in den Blattachseln. An der Basis der auffällig rosa- bis violettfarbenen Kronblätter befinden sich je drei dunklere Längsstreifen. Die Malve blüht von Mai bis Oktober. Gegen Ende der Blütezeit verliert die Pflanze ihre Üppigkeit. Die Frucht hat die Form einer Scheibe und zerfällt bei der Reife in neun bis elf Teilfrüchte. Die Pflanze wird durch Aussaat im Frühjahr oder seltener im Herbst vermehrt.

Von der sehr ähnlichen Wegmalve (Malva neglecta.W.) unterscheidet sich die Wilde Malve durch die Länge der Kronblätter: Bei der Wilden Malve sind sie drei- bis fünffach länger als die Kelchblätter.

Getrocknet dunkelblau

Verwendung für Heilzwecke finden die Blüten (Malvae flos) und die Blätter (Malvae folia), die in der Zeit von Juni oder Juli bis September gesammelt werden. Dabei wird der Stiel der Blüten entfernt. Beim Trocknen nehmen die Blüten eine dunkelblaue Farbe an. Die getrockneten Blüten und Blätter sind geruchlos und schmecken schleimig. Auch die Blätter von Malva neglecta werden verwendet. Auf eine mögliche Verwechslung mit Schwarzen Malvenblüten (Malvae arboreae flos) ist zu achten. Sie stammen von der Stockrose (Alcea rosea). Ebenfalls nicht verwechselt werden darf die Wilde Malve mit der »Afrikanischen Malve« (Hibiskus), die beispielsweise in Tees als Malve bezeichnet wird. Daher ist der in Supermärkten angebotene »Malventee« meist ein Hibiskustee. Für Malvenblüten (Malvae sylvestris flos) und Malvenblätter (Malvae folia) existieren zwei Monographien in der sechsten Ausgabe der Pharmacopoeae Europeae von 2008. Die Droge stammt hauptsächlich aus dem Anbau in Südost­europa.

Die Blüten der Wilden Malve enthalten 5 bis 12 Prozent Schleimstoffe, Kalium, Flavonoide, Gerbstoffe sowie vor allem Anthocyanfarbstoffe, unter anderen Malvin und Malvidin-3-glucosid. Die Blätter enthalten ebenfalls Schleim und zusätzlich Gerbstoffe.

Die Schleimstoffe bestehen aus einem Gemisch von Heteropolysacchariden, die mit Wasser visköse Lösungen bilden können. Bei Hydrolyse entstehen verschiedene Zucker, beispielsweise Arabinose, Glucose, Rhamnose, Galactose und Galacturonsäure. Einige dieser Kohlehydrate sollen die Abwehrkräfte des Menschen stärken. Den positiven Einfluss auf das Immunsystem haben auch klinische Studien gezeigt, sodass die Pflanze wieder verstärkt in den Fokus der Forschung gerückt ist.

Husten ade

Malvenblüten sind Bestandteil vieler Brust- und Hustentees. Malventee wirkt reizmildernd und wird wegen der Schleimstoffe erfolgreich bei Erkrankungen der Atemwege, bei Erkältungskrankheiten, Husten und Rachen­entzündungen eingesetzt. Gerade bei trockenem Reizhusten wirken die Schleimstoffe beruhigend, erleichtern das Abhusten und lindern so den Hustenreiz. Die Gerbstoffe helfen bei Entzündungen des Magen-Darm-Kanals und lindern äußerlich Hautreizungen, Schwellungen und kleinere Entzündungen. Pro Tasse Tee werden zwei Teelöffel getrocknete Blüten oder drei bis vier Teelöffel getrocknete Blätter mit heißem Wasser aufgegossen und fünf bis zehn Minuten ziehen gelassen. Tageshöchstdosis sind 5 Gramm Droge. Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes beurteilte sowohl Malvenblätter als auch -blüten für die genannten Indikationen positiv.

In der Mischung mit Eukalyptus oder Schlüsselblumen kommen die Wirkstoffe besonders gut zur Entfaltung. Zudem wird die Malve gerne anderen Teemischungen als Schmuckdroge zugesetzt.

Nebenwirkungen und Interaktionen sind nicht bekannt. Dennoch wird empfohlen, zwischen dem Trinken einer Malvenzubereitung und der Einnahme eines anderen Medikamentes mindestens zwei bis drei Stunden Abstand zu lassen. Die Schleimstoffe könnten die Wirkung anderer Medikamente beeinträchtigen.

Traditionell wird die Droge innerlich bei Blasenleiden und äußerlich als Umschlag bei Wunden verwendet. Daneben ist sie Bestandteil verschiedener Haut- und Haarpflegeprodukte.

Auch essbar

Früher war die Wilde Malve vornehmlich als Gemüsepflanze bekannt, denn sie schmeckt angenehm zart und mild. Von April bis Juli eignen sich die noch weichen, hellgrünen Blätter – in feine Streifen geschnitten ­– als Zutat für Salate, weil sie wie Kopfsalat schmecken. Außerdem lassen sich mit den frischen Blättern Kochgemüse und Suppen andicken. Die Blüten werden als Zutat und vor allem als Dekoration zu süßen Desserts, zur Herstellung aromatischer fruchtiger Getränke und püriert in Kaltschalen verwendet.

Als »Deutsche Kapern« ist folgender Ansatz bekannt: Sowohl die Blütenknospen als auch die noch weichen, grünen Früchte werden in Essigwasser oder Öl würzig, oftmals sehr pikant mit Senfkörnern, Dill oder auch nur mit Salz eingelegt. /

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gerhard.gensthaler(at)t-online.de