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Babys erstes Jahr

Die Milchfrage

16.09.2014
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Von Daniela Biermann / Unter gesundheitlichen Aspekten ist Stillen das Beste, was eine Mutter für ihr Kind und sich selbst tun kann. Oft treten im Laufe der Stillzeit Probleme auf, die sich aber meist mithilfe einer Hebamme lösen lassen. Auch das Apothekenteam ist häufig ein guter Ansprechpartner für wichtige Tipps rund um Mutter- und Flaschenmilch.

In Deutschland empfiehlt die Nationale Stillkommission Müttern, ihr Baby mindestens vier Monate voll zu stillen. Also soll das Baby während dieser Zeit ausschließlich Muttermilch erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät Frauen, mindestens sechs Monate zu stillen. Frühestens mit dem vollen­deten vierten Monat und spätestens zu Beginn des siebten Lebensmonats sollten Eltern beginnen, Beikost zu füttern. Wie lange die Mutter dann weiterstillt, ergibt sich aus dem Wechselspiel zwischen Mutter und Kind, zumindest existiert keine offizielle Empfehlung zur maximalen Stilldauer.

Nach Daten des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wollen zwar mehr als 90 Prozent der Schwangeren ihrem Baby zunächst nur die Brust geben. Die Realität sieht allerdings anders aus: Bereits zwei Wochen nach der Geburt bekommt bereits mehr als ein Drittel der Kinder zusätzlich Säuglingsanfangs­nahrung oder Tee. Wenn die Eltern das nicht möchten, sollten sie das Krankenhaus darüber informieren oder sich wenn möglich eines mit dem Siegel »babyfreundliches Krankenhaus« aussuchen und bereits vor der Geburt mit der (Nachsorge-)Hebamme über das Stillen sprechen. Hilfreich ist auch der Besuch von Stillgruppen, über die Apotheken Infomaterial auslegen können.

»Breast is best«

Aus gesundheitlicher Sicht ist Muttermilch die optimale Säuglingsnahrung: Sie enthält – eine gesunde Ernährung der Mutter vorausgesetzt – alles, was das Kind gerade braucht. Dabei passt sich die Zusammensetzung sogar automatisch dem Entwicklungszustand des Kindes an. Im Gegensatz zu Flaschennahrung ist es unmöglich, einen Säugling beim Stillen mit Muttermilch zu überfüttern. Muttermilch ist kostenlos, jederzeit perfekt temperiert, keimarm und in der Regel in ausreichender Menge sofort verfügbar. Noch dazu versorgt sie das Kind mit den Antikörpern der Mutter als Infektionsschutz, die Milch fördert die Besiedlung des Darms mit den richtigen Keimen und außerdem sinkt das Risiko für den plötzlichen Kindstod, Aller­gien und Übergewicht. Besonders reich an Antikörpern sind die wenigen Milliliter Kolostrum, die gelbliche Milch der ersten Tage.

Neben der emotionalen Bindung hat Stillen auch für die Mütter Vorteile: Die Gebärmutter bildet sich schneller zurück, und außerdem profitiert ihr Immun­system. Studien deuten darauf hin, dass Stillen ihr Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sowie für Osteoporose und rheumatoide Arthritis senkt. Ein weiteres, überzeugendes Argument: Muttermilch lässt überzählige Kilos viel leichter purzeln – eine Stillende verbraucht am Tag durchschnittlich 500 zusätzliche Kalorien. Dass die Brüste durch das Stillen ausleiern, ist ein Ammenmärchen. Für meist vorüber­gehend schlaffe Brüste nach dem Stillen sind Gene und die Schwangerschaft an sich verantwortlich.

Wunde Brustwarzen

Viele Mütter haben vor allem zu Beginn Schwierigkeiten: Durch die ungewohnte Beanspruchung werden die Brustwarzen wund oder das Baby saugt zu schwach, es kommt zu viel oder zu wenig Milch. Unter Anleitung einer guten Hebamme oder einer speziell ausgebildeten Stillberaterin spielen sich Mutter und Kind jedoch in der Regel innerhalb weniger Wochen aufeinander ein. Auch wenn die Brustwarzen schmerzen: Weiter zu stillen hilft am besten, da Muttermilch entzündungshemmende Substanzen enthält. Stillhütchen sollten Mütter nur zurückhaltend einsetzen, denn sie können bei Babys zu einer Saugverwirrung führen. Außerdem kann das Baby ohne direkten Haut­kontakt die Brust nicht optimal stimulieren, sodass die Milchmenge sinkt.

Besser vorbeugen

Mit ein paar Tricks können Mütter wunden Brustwarzen, Milchstau und Brustentzündungen vorbeugen. Am wichtigsten ist die richtige Anlegetechnik, bei der das Baby die gesamte Brustwarze mit Vorhof in den Mund nehmen muss. Grundsätzlich gilt: Kind zur Brust und nicht Brust zum Kind. Für eine bequeme Position sorgt ein Stillkissen, mit dessen Hilfe sich auch Zwillinge gleichzeitig stillen lassen. Dort, wo das Kind mit seinem Unterkiefer saugt, wird die Brust am effektivsten geleert. Daher sollte die Stillende das Baby immer mal wieder unterschiedlich anlegen und regelmäßig die Seite wechseln. Ein Armband kann als Merkhilfe dienen, welche Brust als nächstes an der Reihe ist. Will die Mutter das Kind von der Brust lösen, schiebt sie vorsichtig den Finger zwischen Mund und Brustwarze, um das entstandene Vakuum aufzuheben.

Unwirksam zur Prophylaxe wunder Brustwarzen ist ein »Abhärten« schon während der Schwangerschaft durch regelmäßiges Schrubben. Empfehlenswert ist, die Brustwarzen nach dem Stillen mit Muttermilch oder hoch gereinigtem Lanolin einzureiben. Die Wollwachssalbe sollte vor dem nächsten Anlegen entfernt werden. Gleiches gilt für Salbe mit Hamamelis- oder Eichen­rinden­extrakt. Weiche, waschbare Stilleinlagen aus Seide und/oder Wolle sind nicht nur umweltfreund­licher als Wegwerfprodukte, sie sind auch angenehmer zu tragen.

Massagen mit Stillöl, das Fenchel- und Anisöl enthält, sollen die Brust entspannen, besser durchbluten und die Milchbildung anregen. Um den gleichen Effekt zu erzielen, empfehlen Hebammen täglich über den Tag verteilt eine Kanne Stilltee zu trinken (siehe Kasten auf Seite 48). Dagegen kann Salbeitee die Produktion von zu viel Milch drosseln. Normalerweise pendelt sich die Milchmenge innerhalb weniger Tage darauf ein, wenn sich der Bedarf des Babys ändert. Je öfter die Mutter den Säugling angelegt oder Milch abpumpt, desto mehr Milch produziert die Brust.

Tee-Zubereitungen

Tee zur Anregung der Milchbildung

Urticae folium conc. 20,0 g

Foeniculi fructus cont. 20,0 g

Anethi fructus cont. 10,0 g

Anisi fructus cont. 10,0 g

Carvi fructus cont. 10,0 g

M. f. spec. lactatae (Die Früchte werden im Mörser angestoßen.)

Dosierung: Einen gehäuften Teelöffel Teemischung mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, circa 10 bis 15 Minuten ziehen lassen, abseihen. Täglich bis zu fünf Tassen frisch zubereiteten Tee trinken.

Tee mit laktationshemmender Wirkung

Salviae folium conc. 40,0 g

Sambuci flos tot. 20,0 g

Tiliae flos conc. 20,0 g

M. f. spec. antilactatae

Dosierung: Einen gehäuften Teelöffel Teemischung mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, circa 10 bis 15 Minuten bedeckt ziehen lassen, abseihen. Täglich bis zu fünf Tassen frisch zubereiteten Tee trinken.

Quelle: Schilcher, Kammerer, Wegener: Leitfaden Phytotherapie, 3. Auflage, Urban & Fischer Verlag

Wenn die Milch sich staut

Körperlicher oder seelischer Stress, Schmerzen und ein falscher Rhythmus begünstigen einen Milchstau. Da auch ein falscher Rhythmus Milchstau verursachen kann, sollte die Frau das Kind möglichst häufig nach Bedarf, nicht nach der Uhrzeit, anlegen. Außerdem sollte sie darauf achten, dass die Brust möglichst vollständig entleert wird und eventuell Milch abpumpen. Das ist mit einer Handpumpe manchmal schwierig, wesentlich leichter fällt dies mit einer elektrischen Milchpumpe, die viele Apotheken verleihen. Zusätzlich können Ruhe, Wärme oder Kälte und Quark- oder Kohlwickel helfen. Dabei muss die Stillende kühlschrankkalte, mit dem Nudelholz sanft gepresste Kohlblätter oder kalten Quark auf eine saubere Mullwindel geben und um die schmerzende Brust wickeln. Auch Umschläge mit Retterspitz oder essigsaurer Tonerde haben sich bewährt.

Aus einem Milchstau kann sich eine Brustentzündung (Mastitis) entwickeln. Über die Brustwarzen können Keime in die Brust gelangen, für die Muttermilch eine optimale Nahrungsgrundlage ist. Die betroffenen Frauen entwickeln häufig schnell hohes Fieber und sind sehr geschwächt. Als erste Maßnahmen helfen dieselben wie beim Milchstau.

Tritt innerhalb von 24 Stunden keine Besserung auf oder sind beide Brüste betroffen, muss die Stillende ihren Arzt aufsuchen. Häufig verschreiben Ärzte dann Paracetamol und Antibiotika, die zwar in die Muttermilch gelangen, jedoch für den Säugling verträglich sind. Weiterstillen ist für das Baby unbedenklich, da es damit die Antikörper der Mutter erhält.

Die meisten Erkrankungen sind kein Grund, nicht zu stillen oder abzustillen. Das sollte jede Frau individuell mit ihrem Arzt besprechen. Auch die Ein­nahme von Medikamenten ist möglich, jedoch sollte der Arzt oder das Apothekenteam hier sorgfältig auswählen. Insbesondere in der Selbstmedikation gibt es meist für Stillende geeignete Wirkstoffe, zum Beispiel bei Schmerzen Ibuprofen oder Paracetamol, nicht aber Acetylsalicylsäure (ASS). Grundsätzlich sollten PTA und Apotheker jedes eingenommene Medikament und Nahrungsergänzungsmittel auf seine Unbedenklichkeit prüfen. Informationen zu jedem einzelnen Medikament finden sich in der Fachinformation oder der Datenbank Embryotox, die es sogar als App für Handy und Smartphone gibt (www.embryotox.de).

Ersatz für Muttermilch

Kann oder will die Frau nicht stillen, ist das Angebot an Säuglingsnahrungen groß. Die Eltern sollten sie dem Alter und der Allergieneigung des Säuglings entsprechend auswählen. Neugebo­rene bekommen bis zum siebten Monat Prenahrung, danach die Säuglingsanfangsnahrung 1 und frühestens nach dem sechsten Lebensmonat Folgemilch 2 und 3. Die Produkte unterscheiden sich in der Zusammensetzung: So enthält Prenahrung als einziges Kohlenhydrat Lactose, Säuglingsanfangsnahrung 1 enthält bereits andere Kohlenhydrate wie Saccharose. Folgemilch ist gehaltvoller durch komplexe Kohlenhydrate wie Stärke oder Reisflocken und macht satter als die Anfangsnahrungen. Die Milch von Kühen, Schafen oder Ziegen und auch pflanzliche Produkte wie Soja- oder Hafermilch eignen sich nicht für Babys in den ersten sechs Lebensmonaten.

In Deutschland erhältliche Milchpulver sind in ihrer Zusammensetzung stark reglementiert, gesetzlich gefordert ist immer Bioqualität. Sie enthalten alle wichtigen Nährstoffe für das Baby, allerdings keine Antikörper. Neuerdings ist auch Milchpulver mit Prä- und Probiotika (zum Beispiel Bifido­bakterien) für eine gesunde Darmflora im Handel. Ob diese vor Allergien oder Infektionen schützen, wurde jedoch noch nicht nachgewiesen.

Für allergiegefährdete Babys steht sogenannte hypoallergene Säuglingsnahrung (HA-Milch) zur Verfügung. Sie ist stärker in ihre Einzelteile hydro­lysiert, sodass sie dem Immunsystem weniger Angriffsfläche bieten soll. Nach aktuellem Kenntnisstand ist die Milch mit dem leicht bitteren Geschmack jedoch wirklich nur für allergiegefährdete Säuglinge sinnvoll, zum Beispiel wenn beide Elternteile unter Neurodermitis leiden. Sobald die Säuglinge Beikost erhalten, können die Eltern auf reguläres Milchpulver umsteigen. Stillen ist allerdings insbesondere für allergiegefährdete Babys die bessere Alternative.

Aktuell: Abstillen mit Bromocriptin nur in Sonderfällen

Abstillen klappt am besten, wenn das Kind dafür bereit ist. Das ist oft deutlich später, als es sich manche Mutter wünscht. Brustmahlzeiten sollten Schritt für Schritt ersetzt werden. Früher verordneten Ärzte zur Reduktion der Milchmenge beim Abstillen, aber auch bei Milchstau häufig das Mutterkornalkaloid Bromocriptin. Nebenwirkungen sind zwar eher selten, können jedoch sehr schwer ausfallen. Nach Berichten aus Frankreich traten während der Einnahme unter anderem Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krampfanfälle, Halluzinationen und manische Episoden auf. Daher hat die europäische Arzneimittelagentur EMA vor Kurzem einen restriktiven Einsatz empfohlen. Medizinische Gründe für eine Verschreibung sind zum Beispiel, wenn das Baby während oder kurz nach der Geburt stirbt oder Mütter aus medizinischen Gründen wie einer HIV-Infektion nicht stillen sollen.

Gewissenhaft zubereiten

Bei der Zubereitung sollten sich die Eltern genau an die auf der Packung angegebene Menge Milchpulver halten, denn anders als Stillkinder können Flaschenkinder überfüttert werden. Zur Zubereitung sollten die Eltern Wasser abkochen und abkühlen lassen. Diese Milch darf nicht länger stehen und nicht wieder erwärmt werden.

Genau wie bei der Anwendung von Milchpumpen ist die Hygiene bei Fläschchen essenziell und umso wichtiger, je jünger das Kind ist. Alle Teile sollten nach dem Spülen mehrere Minuten lang in sprudelndem Wasser ausgekocht werden. Einfacher ist die Dampf­sterilisa­tion mit einem Mikro­wellen­sterilisator.

Manche Eltern sind zunächst durch die große Auswahl an Fläschchen und Saugern überfordert. Generell gilt: Je jünger der Säugling, desto kleiner sollte die Saugöffnung sein. So saugt das Baby weniger Luft ein und leidet we­niger unter Blähungen. Es kann eine Weile dauern, bis die Eltern einen Sauger finden, den ihr Kind akzeptiert, vor allem, wenn ein Stillkind nur ab und zu eine Flasche abgepumpter Milch trinken soll. Häufig hilft hier nur Auspro­bieren. Möglicherweise vorteilhaft sind Sauger, die der Brustwarze nachempfunden sind. Stillkinder lassen sich übrigens oft besser vom Vater oder einer anderen Bezugsperson mit dem Fläschchen füttern, wenn die nach Milch duftende Mutter sich nicht im selben Raum befindet.

Dass Stillen in den 1980er-Jahren schon fast verpönt war, geht auch auf das aggressive Marketing der Milchpulver-Hersteller zurück. Sogar heute noch werden Mütter von Flaschenkindern manchmal angefeindet. Keine Frau sollte sich auf eine Diskussion einlassen und sich rechtfertigen, wie sie ihrem Baby die Milch gibt. Während einige Frauen einfach nicht stillen wollen, gelingt es bei anderen auch mit professioneller Hilfe nicht. Diese Frauen stehen oft unter großem psychischen Druck, denn angeblich kann jede Frau mit der richtigen Beratung stillen. Das stimmt jedoch nicht. PTA oder Apotheker können besorgte Mütter beruhigen. Sie fügen ihrem Kind keinen Schaden zu, eine gesunde Ernährung, viel Körperkontakt und eine intensive emotionale Bindung sind auch beim Fläschchen geben möglich. /