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Kuhmilchproteinallergie

Grundlage der Allergie erforscht

16.09.2014
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Von Carina Steyer / Die Kuhmilchproteinallergie ist die häufigste Nahrungsmittelallergie bei Säuglingen. Das Beta-Laktoglobulin ist eines der Hauptallergene der Milch. Wiener Wissenschaftler haben nun aufgeklärt, wann dieses Protein allergen wirkt.

Menschen mit einer Kuhmilchproteinallergie reagieren allergisch auf die Proteine in der Kuhmilch. Ein Liter Kuhmilch enthält ungefähr 35 Gramm Proteine. Mit etwa 80 Prozent bilden die Kaseine den größten Teil der Kuhmilcheiweiße. Die übrigen 20 Prozent machen die Molkenproteine aus, zu denen das Beta-Laktoglobulin (β-Lakto­glo­bu­lin) gehört. Theoretisch ist jedes Kuhmilchprotein potenziell allergen. Als Hauptallergene werden allerdings die Kaseine und das β-Laktoglobulin angesehen.

Eisen entscheidet

Wie das β-Laktoglobulin mit dem menschlichen Immunsystem interagiert, haben Wissenschaftler vom Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität, der Medizinischen Universität sowie der Universität Wien untersucht. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben die Forscher um Studienleiterin Erika Jensen-Jarolim im Journal PLOS ONE veröffentlicht. β-Laktoglobulin gehört zur Proteinfamilie der sogenannten Lipocaline. Viele Lipocaline sind in der Lage, über sogenannte Siderophore (griech.: Eisenträger) Eisen zu binden. Siderophore sind kleine Moleküle mit der Eigenschaft, mit einem mehrzähnigen Liganden ein Metallion binden zu können.

In ihrer Studie konnten die Wiener Forscher zeigen, dass auch β-Lakto­globulin Eisen über Siderophore bindet. Dieser Vorgang entscheidet darüber, ob das Protein zum Allergen wird. Denn nur β-Laktoglobulin ohne gebundenes Eisen kann eine Kuhmilchproteinallergie hervorrufen. Ohne gebundenes Eisen unterstützt β-Laktoglobulin indirekt die Produktion von Immunglobulin E (IgE), sodass die betroffene Person eine Allergie gegen das Kuhmilchpro­tein entwickelt. Im Gegensatz dazu beobachteten die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung, dass β-Laktoglo­bulin, welches Eisen über Siderophore gebunden hat, immunsuppressiv wirkt.

Ob ein Protein Eisen bindet oder nicht, scheint eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Allergien zu spielen. In einer früheren Studie konnte das Wiener Forscherteam bereits für das Haupt-Birkenpollenallergen, ebenfalls ein Lipocalin, zeigen, dass auch dieses nur allergen ist, wenn es kein Eisen gebunden hat.

Warum Milchproteine unterschiedlich mit Eisen beladen sind, wollen die Wissenschaftler als nächstes Ziel klären. Möglich wäre nach Meinung der Forscher, dass durch bakterielle Infektionen oder Entzündungen der Schleimhaut des Gastrointestinaltrakts dem β-Laktoglobulin das Eisen entzogen wird. Die Forscher halten es auch für möglich, dass Flavonoide und Polyphenole aus der Nahrung der Kuh in die Milch übergehen. Dort könnte das β-Laktoglobulin an Komplexverbindungen aus Flavonoiden oder Polyphenolen mit Eisen binden. Stimmt diese Hypothese, würde die Haltung oder Fütterung der Kühe eine Rolle spielen.

Ob das Protein Eisen bindet oder nicht, könnte auch von der Produk­tionsweise der Milch abhängen, vermutet Jensen-Jarolim. So könnten auch die Weiterverarbeitung der Milch oder der Herstellungsprozess von Säuglingsnahrung die Allergieentstehung beeinflussen. Beispielsweise sinkt durch die Pasteurisierung der Kupfer- und Eisengehalt der Milch.

Erste potenzielle Allergene

Dass manche Menschen nach dem Genuss von Kuhmilch unter Magenschmerzen, Erbrechen oder Urtikaria leiden, berichtete bereits Hippokrates um 370 v. Chr. Die Proteine der Kuhmilch sind häufig die ersten potenziellen Nahrungsmittelallergene, mit denen ein Neugeborenes in Kontakt kommt. Somit ist die Kuhmilchproteinallergie eine der frühesten und häufigsten Nahrungsmittelallergien bei Kindern. In seltenen Fällen sind auch Erwachsene betroffen. Experten gehen davon aus, dass zwischen 2 und 7 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr betroffen sind, ausschließlich gestillte Kinder bilden da keine Ausnahme. Denn die Kuhmilchproteine, die die Mutter mit ihrer Ernährung aufnimmt, gehen in die Muttermilch über. Etwa 25 Prozent der Kinder mit Kuhmilch­proteinallergie werden ausschließlich gestillt. Bei gestillten Kindern mit hohem Allergie-Risiko kann die Mutter das Auftreten einer Kuhmilchprotein­allergie verringern, indem sie auf Kuhmilch und daraus hergestellte Produkte verzichtet.

Verzögerte Symptome

Erste Symptome der Kuhmilchproteinallergie zeigen sich meist in den vier Wochen nach Beginn der Kuhmilchprotein-haltigen Ernährung. In einzelnen Fällen treten die Symptome später auf. Experten nennen als Zeitraum bis zu 36 Wochen. Diese Zeit zwischen der Kuhmilchproteinaufnahme und dem Auftreten der ersten Symptome hilft dem behandelnden Arzt, den Immunmechanismus der Allergie einzugrenzen. Mediziner unterscheiden zwischen Sofortreaktion (ein bis maximal zwei Stunden), intermediärer Reaktion (über zwei bis 24 Stunden) und verzögerter Reaktion (nach 24 Stunden).

Die Kuhmilchproteinallergie kann sowohl IgE-vermittelt als auch Nicht-IgE-vermittelt sein. Ist die Allergie IgE-vermittelt, reagiert das betroffene Kind sofort, häufig mit Symptomen an der Haut oder im Respirationstrakt. In seltenen Fällen kommt es zum aller­gischen Schock. Als Hauptrisiko für die IgE-vermittelte Kuhmilchproteinallergie gelten genetische Faktoren. Die Nicht-IgE-vermittelten Reaktionen zeigen sich meist verzögert und vor allem im Gastrointestinaltrakt. Dann sind die Symptome häufig weniger stark ausgeprägt. Als Risikofaktoren für die Nicht-IgE-vermittelte Kuhmilchproteinallergie gelten fehlendes Stillen, Zufüttern in der Geburtsklinik und vorausgegangene Infektionen des Magen-Darmtrakts.

Die meisten Säuglinge reagieren mit mehr als einem Symptom. Nachweisen lässt sich die Kuhmilchproteinallergie mit dem Haut-Prick-Test, der Konzentration spezifischer IgE im Serum oder durch eine orale Provokation.

Symptome der Kuhmilchallergie

Haut

  • Rötung
  • Quaddeln (Nesselausschlag)
  • Schwellung der Lippen oder anderer Gesichtsteile
  • Verschlechterung bestehender Ekzeme
  • Juckreiz an Haut, Lippen, Zunge, Gaumen
  • (masernähnliches) Exanthem
  • Papeln
  • Hautabschürfungen bis in die Dermis (Exkoriationen)

Gastrointestinaltrakt

  • Durchfall
  • Blutig-schleimiger Stuhl
  • Nahrungsverweigerung
  • Koliken
  • Verstopfung
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Mangelnde Gewichtszunahme
  • Malabsorption
  • Aufgeblähter Bauch
  • Reflux

Respirationstrakt

  • Larynxödem
  • Allergische Rhinokonjunktivitis
  • Giemen
  • Bronchospasmus
  • Dyspnoe

Anaphylaxie

Verzicht beim Stillen

Zur Therapie der Kuhmilchproteinallergie muss die Mutter sich selbst Kuhmilchprotein-frei ernähren, wenn sie den Säugling voll stillt. Säuglinge, die nicht gestillt werden, erhalten eine kuhmilchfreie Nahrung. Dazu eignen sich Formelnahrungen mit extensiv hydrolysiertem Eiweißanteil oder Aminosäure-Formelnahrungen. Ältere Kinder und Erwachsene müssen auf alle milchhaltigen Nahrungsmittel verzichten. Im Rahmen einer Ernährungsberatung erhalten betroffene Familien umfassende Hinweise, wie sie im Alltag mit der Allergie leben können. Die Diät muss bis zum klinischen Nachweis der Toleranz eingehalten werden.

Vorübergehende Allergie

Eine gute Nachricht für die Eltern: Bei Kleinkindern ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind der Nahrungs­mittelallergie entwächst. Die meisten Kinder entwickeln die Kuhmilchprotein­allergie im ersten Lebensjahr, einige später. In welchem Alter die Allergie auftritt, ist entscheidend für die Prognose. Kinder, die vor ihrem dritten Geburtstag eine Allergie entwickeln, verlieren die Allergie häufiger als Kinder, bei denen die Allergie später auftritt. Bei 87 Prozent der Kinder ist die Kuhmilchproteinallergie nach dem dritten Geburtstag nicht mehr nachweisbar. Die Hälfte der betroffenen Kinder entwickelt bereits im ersten Lebensjahr eine Toleranz. Im Alter von fünf bis zehn Jahren reagieren nur noch 5 bis 10 Prozent der Kinder allergisch auf Kuhmilchproteine. Auch wenn die meisten Kinder der Kuhmilchprotein­allergie entwachsen, bleibt ein erhöhtes Risiko für atopische Ekzeme, aller­gisches Asthma, Heuschnupfen oder eine Ei-Allergie bestehen. Bei Kindern mit einer Nicht-IgE-vermittelten Kuhmilchproteinallergie ist langfristig die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie der Allergie entwachsen als bei Kindern mit einer IgE-vermittelten Kuhmilchproteinallergie. /