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Müttergenesungswerk

Kuren für erschöpfte Mütter – und Väter

16.09.2014
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Von Annette Immel-Sehr / Das Müttergenesungswerk kennt wohl fast jeder – zumindest dem Namen nach. Seit rund 60 Jahren ziehen Ehrenamtliche mit Sammelbüchsen durch die Straßen oder von Haus zu Haus. Ihren eher altmodischen Namen hat die Institution zwar behalten, ihre Angebote passt sie jedoch konti­nuierlich an die sich ändernden Bedürfnisse der Gesellschaft an.

Die Gesundheit der Mütter zu stärken ist das übergeordnete Ziel des Müttergenesungswerkes (MGW). Jeder weiß aus eigener Erfahrung, welchen starken Belastungen Mütter ausgesetzt sind: Kinder können sehr anstrengend sein, vor allem wenn sie noch klein oder häufig krank sind. Allein das Schlafdefizit, das sich dann über Wochen ansammeln kann, lässt die Nerven oft blank liegen.

Hinzu kommt, dass viele Mütter mehr oder weniger umfangreich einer Erwerbstätigkeit nachgehen. So waren im Jahr 2010 in Deutschland 65 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig. Viele Frauen werden unter diesen Belastungen irgendwann krank. Zunächst sind es nur Befindlichkeitsstörungen, beispielsweise Schlafprobleme, Gereiztheit und ständige Müdigkeit. Werden diese Warnsymp­tome nicht ernst genommen, folgen oft funktionelle Beschwerden wie Magenprobleme, Herz-Kreislauf-Störungen, Rückenschmerzen bis hin zu schweren Erschöpfungszuständen mit Burn-out-Symptomatik. Dann Hilfe anzubieten, ist Anliegen des MGW.

Gesundheitsrisiko Mutter

Die korrekte Bezeichnung des MGW lautet: Elly Heuss-Knapp-Stiftung/ Deutsches Müttergenesungswerk, da das Werk 1950 von Elly Heuss-Knapp, der Frau des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss gegründet wurde. »Frau Heuss-Knapp verstand sich auf PR-Arbeit, denn sie war unter anderem in der Werbebranche tätig. Sie schenkte das Werk ihrem Mann zum Geburtstag und erreichte damit für die Stiftung eine große Aufmerksamkeit«, berichtet Anne Schilling, Geschäftsführerin des MGW. Seither ist es Tradition, dass die Frau des amtierenden Bundespräsidenten die Schirmherrschaft übernimmt. Unter dem Dach des Müttergenesungswerkes arbeiten die fünf großen Wohlfahrtsverbände Deutschlands gemeinsam für die Gesundheit von Müttern. Bis in die 1970er-Jahre boten sie nur Mütterkuren ohne Kinder an, die allein aus Spendengeldern und frei­willigen Zahlungen der Krankenkassen finanziert wurden.

»Unser Auftrag ist es, die Idee der Müttergesundheit öffentlich zu machen und politisch immer wieder darauf hinzuwirken, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit kranken Müttern geholfen werden kann«, so Schilling. Heute haben alle Mütter und Väter gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse Anspruch auf eine medizinische Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme, wenn diese medizinisch indiziert und von einem Arzt attestiert ist.

Ganzheitlich betreut

In 77 anerkannten Einrichtungen (5 Mütterkliniken, 72 Mutter-Kind-Kliniken) führt das MGW Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen für Mütter durch. Die Nachfrage ist groß: Im Jahr 2013 nahmen rund 49 000 Mütter und 71 000 Kinder an Kurmaßnahmen teil. Für alle anerkannten Einrichtungen gelten zusätzlich zu den gesetzlichen Bestimmungen die Qualitätskriterien des MGW. Sie machen das spezifische Profil der Angebote aus: Die Kuren sind ganzheitlich ausgerichtet und auf die sozialen und gesundheitlichen Belastungen von Müttern abgestimmt. Zum Konzept gehört, dass die Teilnehmerinnen während der Kurmaßnahme einer festen Gruppe angehören. Der gegensei­tige Austausch über Probleme im Alltag innerhalb der geschlossenen Gruppe bildet ein wichtiges Element für den Kurerfolg und unterstützt die Therapie.

»Wir versuchen, Impulse zu setzen. Viele Frauen berichten, dass die Kur für sie tatsächlich ›lebensverändernd‹ gewirkt hat«, sagt Schilling. »Wir wollen das Bewusstsein schaffen, dass die eigene Gesundheit ganz oben auf der Prioritätenliste stehen muss, ebenso wie die Kinder oder die Familie. Wir hören ganz oft von Kur-Teilnehmerinnen: ›Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, wie wichtig das für mich war!‹«

Während die Mütter Zeit für sich und die diversen Anwendungen und Angebote haben, werden die Kinder qualifiziert betreut. Zudem machen Mütter und Kinder im Rahmen des Kurprogramms auch Dinge gemeinsam.

Spezielle Angebote

Zum Programm mehrerer Kliniken gehören spezielle Angebote für Frauen in besonderen Lebenssituationen, zum Beispiel für Mütter mit behinderten Kindern, mit pflegebedürftigen Angehörigen, mit suchtkranken Familien­angehörigen, für allein erziehende Mütter oder zur Trauerverarbeitung.

Der gesundheitliche Erfolg der Maßnahmen des MGW ist wissenschaftlich erwiesen. Dazu haben Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover Untersuchungen durchgeführt: Insgesamt hat sich der Gesundheitszustand der Teilnehmerinnen sowie der Kinder nach der Kur signifikant gebessert. Langzeituntersuchungen ein halbes beziehungsweise ein Jahr nach der Maßnahme belegen, dass dieser Erfolg anhält und es den Müttern und Kindern auch dann noch besser geht.

Jetzt auch für Väter

Im Oktober 2013 änderte das MGW seine Satzung und erweiterte seinen Stiftungszweck. Seither kümmert sich das Müttergenesungswerk nicht nur um Mütter, sondern um alle, die Sorge um Kinder und Familienangehörige tragen und damit an die Grenze ihrer Kräfte kommen, also ebenfalls um Väter und Pflegende. So führt das MGW nach einem väterspezifischen Qualitätskonzept nun auch Vater-Kind-Maßnahmen durch. Im Juni 2014 gingen in sechs Kliniken die ersten qualitätsgeprüften Vater-Kind-Kurmaßnahmen an den Start.

Da die Mehrheit der Pflegebedürf­tigen zu Hause von Angehörigen oder Freunden – vor allem von Frauen – gepflegt wird, ist es nur konsequent, dass das MGW auch für diese Menschen spezielle Kurmaßnahmen organisiert. Auch diese Lebenssituation belastet die eigene Gesundheit enorm, denn »nebenbei« haben die Pflegenden vielfach eine eigene Familie oder sind berufstätig.

Erfolgreicher Kurantrag

Rund 1300 Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände im MGW unterstützen Kurbedürftige bei der Antragstellung gegenüber der Krankenkasse und bei der Klinikauswahl. »Das ist die ›Therapeutische Kette‹ des MGW. Denn die Unterstützung beginnt hier schon im Vorfeld der Kur. Die Beratungsstellen haben Kontakt mit der Klinik und bieten Müttern im Anschluss der Maßnahme Nachsorge an, damit der Kureffekt möglichst lange hält. Beispielsweise mit Beratungsgesprächen oder regelmäßigen Treffen von Frauen, die eine Kur gemacht haben«, erzählt Schilling. »Oft kommen die Frauen in die Beratung, weil ihnen das Leben über den Kopf wächst. Nicht immer brauchen sie aber eine Kur. Manchmal ist zum Beispiel eine Erziehungsberatung oder Schuldnerberatung das, was der Frau viel mehr helfen würde. Auch das vermitteln die Beratungsstellen.«

Jedes Jahr finden etwa 130 000 dieser Erst-Beratungen statt. Wichtig ist natürlich auch, an die Familie zu denken, während die Mutter zur Kur ist. Die Fachkräfte in den Beratungsstellen stehen in dieser Situation ebenfalls mit Rat zur Seite. So organisieren sie beispielsweise kurzfristig eine Familienhelferin.

Während der Kur müssen Teilnehmer die gesetzlich festgelegte Zuzahlung von zehn Euro pro Tag entrichten, Kinder sind zuzahlungsfrei. Wer die Zuzahlung finanziell nicht stemmen kann, den unterstützt das MGW mit Spendengeldern, denn das MGW ist eine gemeinnützige Organisation. Das ganze Jahr über wirbt die Stiftung Spenden ein. Zusätzlich finden einmal im Jahr die Haus- und Straßensammlungen statt. »Damit Mama wieder lacht« lautete das diesjährige Motto. /

Weitere Informationen

Eine MGW-Beratungsstelle in der Nähe finden Interessierte unter www.muettergenesungswerk.de/beratungsstellensuche

Spendenkonto: 88 555 04 BLZ: 700 205 00 Bank für Sozialwirtschaft