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Tinnitus

Unruhe im Ohr

16.09.2014
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Von Diana Haß / In Deutschland sind etwa 10 Millionen Menschen von Tinnitus betroffen. Das »Klingeln im Ohr« kann unterschiedliche Ursachen haben. Oft wird es durch Stress verstärkt. Die gute Nachricht: Bei 80 Prozent der Betroffenen verschwindet ein akuter Tinnitus wieder. Doch selbst wenn er bleibt, können Betroffene lernen, gut damit zu leben.

Klingeln, Pfeifen, Rauschen, Brummen, Piepsen oder Summen. So beschreiben Betroffene die Geräusche, die sie in einem oder auch in beiden Ohren wahrnehmen. Fast jeder vierte Deutsche, so die Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga, lernt das Symptom im Laufe seines Lebens kennen. Etwa 3 Millionen Deutsche leiden dauerhaft unter Tinnitus, rund die Hälfte berichtet von mittelschweren bis starken Beschwerden.

Die Geräusche beim Tinnitus entstehen in der Regel losgelöst von einer Schallquelle. Das heißt, andere Menschen können sie nicht wahrnehmen. Die Ursache ist – grob gesagt – eine Fehlverarbeitung von akustischen Signalen im Gehirn. Wenn Ohrgeräusche zum ersten Mal auftreten und nach einigen Stunden oder einer durchgeschlafenen Nacht nicht abgeklungen sind, sollte der Betroffene den Arzt aufsuchen. Unverzüglich medizinisch abgeklärt werden müssen Ohrgeräusche, die mit Hörverlust oder Schwindel einhergehen.

Organische Ursachen beheben

Längst nicht jedes Ohrgeräusch muss zwangsläufig ein Tinnitus sein. Zur korrekten Diagnose muss der Arzt zunächst organische Ursachen ausschließen. Dazu zählen eine Entzündung oder Erkrankung im Ohr, eine Verengung der großen Halsgefäße, eine Abnutzung der Halswirbelsäule, Kiefergelenksstörungen sowie eine Reihe von internistischen Erkrankungen wie Diabetes, Fettstoffwechselstörungen oder Bluthochdruck. Wird die organische Erkrankung erfolgreich behandelt, verschwindet auch das Begleitsymptom Tinnitus in der Regel wieder. Auch ototoxische Ursachen kommen bei Ohrgeräuschen in Betracht. In Beipackzetteln von einigen Medikamenten werden als Nebenwirkung Ohrgeräusche aufgeführt, die aber meist reversibel sind.

Sind diese möglichen Ursachen für Ohrgeräusche ausgeschlossen, lässt das Symptom Tinnitus trotzdem noch Raum für eine Vielzahl weiterer Erklärungen. Laut der deutschen Tinnitus-Liga gibt es verschiedene Auslöser, unterschiedliche Krankheitsmodelle sowie individuell ganz unterschiedlichen Leidensdruck. Klar ist: Häufig wird der Tinnitus durch eine Schädigung des Innenohrs infolge eines Lärm- oder Knalltraumas ausgelöst. Und: Je früher ein Tinnitus behandelt wird, desto besser sind die Chancen, dass er wieder verschwindet. Oft setzt der Arzt bei akutem Tinnitus Cortison in hoher Dosierung ein. Auch Infusionen sind möglich, müssen allerdings von den Patienten selbst gezahlt werden.

»In den allermeisten Fällen verschwindet ein Tinnitus wieder«, beobachtet die Kölner HNO-Ärztin Dr. Angela Glomme in ihrer Praxis. Laut Fachliteratur gehen bei rund 80 Prozent der Patienten die akuten Tinnitus-Symptome vorüber. Auch ohne medizinisches Eingreifen klingen die störenden Symptome häufig wieder ab. In den meisten Fällen sind also Ruhe und Gelassenheit die beste Therapie, um die lästigen Ohrgeräusche zu überwinden. Doch das greift leider nicht immer. Denn Stress und Tinnitus sind eng verknüpft.

Vorbeugen

Es gibt kein Patentrezept, um Tinnitus vorzubeugen. Eine gesunde Lebensweise kann jedoch helfen, das Erkrankungsrisiko zu minimieren oder erste Symptome zu bekämpfen:

  • Die Ohren vor Lärm und lauter Musik schützen.
  • Stress vermeiden.
  • Ausreichend schlafen.
  • Coffein, Nicotin und Alkohol nur maßvoll genießen.
  • Bei den ersten Anzeichen von Schwerhörigkeit oder bei anderen Beschwerden im Ohr direkt einen Arzt aufsuchen, am besten einen Facharzt.

Ein Teufelskreis

Stress kann Tinnitus begünstigen – und als unerträglich empfundene Ohrgeräusche verursachen wiederum Stress und beeinträchtigen dann meist die Schlafqualität. »Schlafstörungen sind ein entscheidendes Indiz, wenn es darum geht, einen Tinnitus einzuschätzen«, so Glomme. Wer nachts wegen seiner Ohrgeräusche nicht zur Ruhe kommt und daher nicht einschlafen kann, läuft Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten. Erschöpfung macht empfindlich und führt zu Stress. Chronischer Stress wiederum führt über die Cortisolachse zur vermehrten Calciumansammlung, sodass Nervenzellen und Sinneszellen geschädigt werden.

Es besteht also eine direkte Wechselwirkung zwischen dem Körper – in diesem Fall dem Ohr – und seelischen Prozessen. Dramatisch wird es vor allem dann, wenn ein dekompensierter, stark belastender Tinnitus entsteht. »Es ist bewiesen, dass bei Menschen mit einem dekompensierten Tinnitus die Suizidrate erhöht ist«, berichtet Glomme.

Schlafmangel laugt ohnehin schon geschwächte Patienten aus. Ihre Konzentrationsfähigkeit nimmt ab. Sorgen, Ängste und Grübeleien verstärken sich. Nicht selten geht Tinnitus mit einer Depression einher. Wenn die Ohrgeräusche einen Patienten daran hindern, zu entspannen und ausreichend zu schlafen, verordnen Ärzte deshalb auch Psychopharmaka und Beruhigungsmittel. Sie sollen helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Selbst mitarbeiten

Wichtig ist auch, dass die Patienten mit an ihrer Genesung arbeiten. Sie müssen lernen, sich zu entspannen – und möglicherweise mithilfe einer Psychotherapie die Ursache seelischer Konflikte erkennen und lösen. Beim diesjährigen Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin plädierten die Experten für ein rationales Erklärungsmodell bei Tinnitus-Patienten. Wichtig sei, den Betroffenen klar zu machen, dass ihnen kein Hörverlust drohe. Angst und Anspannung verstärken das Leid der Betroffenen und lassen sie tiefer in den »Teufelskreis Tinnitus« hineingleiten. »Tatsache ist, dass das Symptom Tinnitus in unserer Stress-Gesellschaft immer häufiger wahrgenommen wird«, sagt die Kölner HNO-Ärztin.

Sie hat allerdings auch beobachtet, dass es Menschen gibt, die seit Jahrzehnten mit Ohrgeräuschen leben und diesen keine gesteigerte Beachtung schenken. »Die haben Tinnitus, ohne dass es sie besonders einschränkt«, so ihre Beobachtung. Diese Beobachtung kann auch jenen Patienten Mut machen, deren Tinnitus chronisch geworden ist. In der Regel sprechen Ärzte von einem »chronischen Tinnitus«, wenn die Symptome länger als drei Monate andauern.

Sich gezielt ablenken

Kein Tinnitus gleicht dem anderen. Deshalb müssen Ärzte für jeden Betroffenen den geeigneten Therapieweg finden. Ziel der Behandlung des chronischen Tinnitus ist, dass die Patienten lästige Geräusche nicht mehr als so stark und störend oder gar nicht mehr wahrnehmen. Hier hilft es, Entspannungstechniken zu erlernen, die es ermöglichen, mehr auf die Geräuschvielfalt der Umwelt zu achten und weniger in sich hineinzuhorchen.

Auch technische Hilfsmittel werden eingesetzt. Nebengeräusche wie Musik oder künstlich erzeugtes Rauschen sorgen vielmehr dafür, dass die Betroffenen den Tinnitus in den Hintergrund drängen und schließlich gar nicht mehr wahrnehmen. Naturgeräusche und sanfte Klänge stärken den natürlichen Geräuschfilter des Gehirns. Folgende Geräuschquellen können von dem störenden Tinnitus im Ohr ablenken: Vogelzwitschern, Wellenrauschen, Regentropfen, Blätterrascheln oder Windgeräusche, die alle auf CD erhältlich sind. Ebenso eignet sich Entspannungsmusik, das leise Plätschern eines Zimmerspringbrunnens, das Ticken einer Uhr oder der Motor eines Ventilators.

Im Handel sind auch sogenannte Tinnitus-Noiser. Diese erzeugen ein kontinuierliches Rauschen, das der Patient ständig wahrnimmt, jedoch nicht als unangenehm empfindet. Dieses Rauschen lenkt vom Ohrgeräusch ab und überdeckt es, insbesondere bei nur geringen Umgebungsgeräuschen. Der Patient empfindet endlich wieder Ruhe. /

Selbsthilfe

Betroffene, die den Austausch mit anderen suchen, können sich an die Deutsche Tinnitus-Liga wenden. Sie hat auch einen eigenen Shop mit Büchern und Hilfsmitteln.

www.tinnitus-liga.de