PTA-Forum online
Öko-Lebensmittel

Die Bio-Branche boomt

03.07.2015
Datenschutz

Von Ulrike Becker / Immer mehr Verbraucher greifen beim Einkauf zu ökologisch erzeugten Äpfeln, Eiern oder Müsli mit einem Bio-Siegel. Aber was macht den Anbau von ökologischen Lebensmitteln eigentlich genau aus? Und wie unterscheiden sich Bio-Produkte von herkömmlichen Nahrungsmitteln?

Vor 20 Jahren lagen schrumpelige Äpfel, knorrige Möhren und schwer verdauliches Körnerbrot nur in den Regalen von kleinen, schummrigen Bioläden. Mittlerweile ist die Beliebtheit von Bio-Produkten in der Gesellschaft deutlich gestiegen.

Heute präsentieren sich die meisten Naturkostmärkte hell und modern, und sie bieten eine ähnliche Warenvielfalt wie der herkömmliche Einzel­handel.Produkte mit Bio-Siegel sind längst auch in Supermärkten und sogar in Discountern zu finden. Aktuelle Befragungen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Deutschen zumindest gelegentlich Bio-Ware im Einkaufskorb hat, 22 Prozent kaufen sogar häufig beziehungs­weise aus­schließlich ökologisch produzierte Lebensmittel. Besonders beliebt ist Bio bei jungen Menschen. Die regionale Herkunft und artgerechte Tierhaltung sind für die meisten Verbraucher in Deutschland die Hauptgründe, sich für Bio-Lebensmittel zu entscheiden.

Wo Bio draufsteht

Wer Bio-Lebensmittel kauft, muss von der Qualität überzeugt sein. Denn frische Bio-Milch kostet im Supermarkt bis zu 50 Cent mehr als das konventionelle Produkt. Der Preisunterschied ist bei Gemüse, Obst und insbesondere Fleisch noch größer. Sind die Mehrkosten gerechtfertigt? Und kann man dem wachsenden Markt trauen? Beide Fragen lassen sich mit »Ja« beantworten.

Denn seit 1991 können sich Verbraucher darauf verlassen, dass alles, worauf »Bio«, »biologisch«, »Öko«, »ökologisch« oder »aus biologischer/ökologischer Landwirtschaft« steht, tatsächlich aus kontrolliert ökologisch arbeitenden Betrieben stammt. Bioprodukte tragen zudem seit fünf Jahren das einheitliche grüne europä­ische Biosiegel.

Viele deutsche Biohersteller nutzen parallel das deutsche Biosiegel, das sich in den letzten zehn Jahren auf dem Mark etabliert hat und das derzeit auf mehr als 70 000 Produkten zu finden ist. Wer zu Unrecht deklarierte Ware in den Verkehr bringt, dem drohen empfindliche Geldbußen. Die europaweit gültige EU-Öko-Verordnung legt fest, dass nur Lebensmittel, deren landwirtschaftliche Zutaten zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Erzeugung stammen, das Biosiegel tragen dürfen.

Weitere Label, die Verbraucher auf Bio-Produkten finden können, sind die Kennzeichen der deutschen Anbauverbände. Voraussetzung dafür ist ein Vertrag mit einem der acht Verbände wie Biokreis, Bioland, Biopark, Demeter, Ecoland, Gäa und Naturland sowie dem Verbund Ökohöfe. Hinzu kommt das Zeichen für Ecovin, das für ökologischen Weinbau steht. Die Richtlinien der Anbauverbände sind in vielen Bereichen deutlich strenger als die europäischen Vorgaben. So schreiben sie beispielsweise die komplette Umstellung eines Hofes auf Bio vor, und die zulässige Zahl der Tiere pro Fläche ist deutlich geringer. Bei EU-Bio darf dagegen parallel konventionell und ökologisch gewirtschaftet werden, unter anderem sind zudem größere Mengen an zugekauften Futtermitteln erlaubt. Etwas mehr als die Hälfte der deutschen Biobauern wirtschaftet nach den Richtlinien eines deutschen Anbauverbandes. Die übrigen unterliegen den Regeln der europäischen Verordnung.

Protest gegen die industrielle Produktionsweise und Gedanken über den Erhalt einer gesunden Umwelt für die Nachwelt waren die Ausgangspunkte der ersten Biobauern. Ein tragendes Element ist seitdem die Idee der sogenannten Kreislaufwirtschaft. Das heißt, ein ökologisch arbeitender Landwirt hält nur so viele Tiere, dass ihre gesamten Ausscheidungen hofintern zur Düngung der benötigten Futtermittel und anderer pflanzlicher Lebensmittel (Kartoffeln, Möhren, etc.) genutzt werden können. Durch den Verzicht auf Pestizide bleibt die Artenvielfalt auf den Feldern erhalten: So schwirren über Bio-Flächen nachweislich mehr Vögel und Insekten, und im Boden krabbeln mehr Regenwürmer oder Tausendfüßler. Gleichzeitig wird durch das pestizidfreie Wirtschaften der Schadstoffeintrag in Boden und Grundwasser vermieden.

Bio-Landwirte setzen stattdessen auf robustere Sorten, ausgeklügelte Fruchtfolgen, Pflanzenhygiene und Bodenbearbeitung mit dem Ziel, die Pflanzen gesund und widerstandsfähig gegen mögliche Schädlinge zu machen. Das bedeutet allerdings in der Regel mehr Arbeitseinsatz bei geringerem Ertrag. Daher sind Bioprodukte teurer als konventionelle.

Auch auf synthetische, nitratreiche Düngemittel verzichten ökologisch wirtschaftende Bauern. Sie düngen überwiegend mit betriebseigenem Mist oder Kompost. Dadurch gelangt in Gegenden mit Bio-Feldern weniger Nitrat auf die Felder und ins Grundwasser. Bio-Gemüse enthält aus diesem Grund in der Regel rund 50 Prozent weniger Nitrat als konventionelle Ware. Dort, wo großflächig Intensivlandwirtschaft betrieben wird, beispielsweise in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen, wird mittlerweile der Nitrat-Grenzwert in manchen Trinkwasserbrunnen häufig überschritten. Die Aufbereitung des belasteten Wassers verursacht nach Angaben des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Kosten von etwa 25 Milliarden Euro jährlich.

Weniger Schadstoffe

Ob Bio-Produkte gesünder sind als konventionelle Erzeugnisse, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Auch wenn eine Wirkung auf die menschliche Gesundheit gar nicht das Anliegen der Bio-Landwirtschaft ist, können Bio-Lebensmittel in dieser Hinsicht punkten. Sie enthalten meist mehr wertvolle Inhaltsstoffe als konventionell erzeugtes Gemüse und Obst. Ein britisches Wissenschaftlerteam hat in einer großen Übersichts­arbeit vor allem bei den sekundären Pflanzenstoffen aus der Gruppe der Polyphenole Unterschiede festgestellt: Bio-Ware enthält zwischen 18 und 69 Prozent mehr gesundheitsfördernde Polyphenole als herkömmliche Erzeugnisse. Der Grund: Im Bio-Anbau sind die Pflanzen durch den Verzicht auf Pestizide und Kunstdünger höherem Stress ausgesetzt und bilden so zu ihrem eigenen Schutz vor Fraßfeinden und ungünstigen Umweltbedingungen mehr dieser antioxidativen Stoffe. Andere Untersuchungen bescheinigen Bio-Erzeugnissen einen höheren Vitamin-C- und Mineralstoffgehalt. Und weil Bio-Kühe mehr Grünfutter und weniger Kraftfutter fressen, enthält Bio-Milch mehr gesunde Omega-3-Fettsäuren.

In Europa werden rund 800 verschiedene Pestizide in der Landwirtschaft eingesetzt. Kein Wunder, dass die Kontrollen der staatlichen Untersuchungsämter regelmäßig Rückstände in Lebensmittelproben finden. Die Ergebnisse des regelmäßigen Öko-Monitorings des Landes Baden-Württemberg belegen aber, dass die meisten Proben aus Bio-Anbau keine Rückstände an Pflanzenschutzmitteln aufweisen. Wenn Rückstände auftreten, liegen diese im Spurenbereich und stammen nicht aus der Anwendung dieser Mittel. Konventionelles Obst weist im Mittel einen etwa 80-fach höheren Gehalt an Pestiziden auf als biologisch angebaute Früchte. Bei Gemüse ist der Unterschied noch gravierender: Konventionelles Gemüse enthielt im Mittel einen circa 320-fach höheren Gehalt an Pestiziden als das Bio-Angebot. Auch das derzeit viel diskutierte massive Bienensterben wird übrigens auf den großflächigen Einsatz von Pestiziden zurückgeführt.

Mehr Geschmack

Mehr als 300 verschiedene Zusatzstoffe sorgen in konventionellen Lebensmitteln für Farbe, Geschmack, Stabilität, Haltbarkeit und viel anderes mehr. Wer nach der EU-Öko-Verordnung wirtschaftet, darf dagegen nur 47 Zusatzstoffe in der Verarbeitung einsetzen. Farbstoffe, Süßstoffe, Stabilisatoren und Geschmacksverstärker sind grundsätzlich verboten. Doch auch ohne Geschmacksverstärker schmecken Bio-Produkte oft besser. In verschiedenen sensorischen Tests bescheinigten Experten vor allem Äpfeln, Karotten Tomaten, Weizenbrot, Geflügel- sowie Lammfleisch aus ökologischer Erzeugung einen höheren Genusswert. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) macht für den intensiveren Geschmack den geringeren Wassergehalt der Bio-Waren verantwortlich, der geschmacksrelevante Stoffe in höherer Konzentration wahrnehmbar macht. Ein intensiveres Aroma haben oft auch die im Bio-Anbau eingesetzten alten oder weniger hoch gezüchteten Sorten.

Artgerechte Haltung

Teilweise katastrophale Zustände in der Massentierhaltung empören viele Verbraucher. Auch der zunehmende Antibiotika-Einsatz in der konventionellen Tierhaltung steht in der Kritik. Ein aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik der Bundesregierung stuft die industrielle Tierproduktion daher als nicht zukunftsfähig ein und fordert Politik und Wirtschaft zu tiefgreifenden Änderungen in der Nutztierhaltung auf. Tatsächlich sind die Unterschiede zur Bio-Tierhaltung gravierend. Auf einem Bio-Hof gibt es für jede Tierart eine spezifische Mindestfläche und vorgeschriebene Haltungsbedingungen, die möglichst artgerecht sein sollen. Einige Arten haben eine deutlich längere Lebenszeit und ihr Futter muss überwiegend aus ökologischer Herkunft stammen. Wachstumsfördernde Substanzen sind tabu, Medikamente dürfen nicht vorsorglich gegeben werden und bei einem Einsatz im Krankheitsfall sind doppelt so lange Wartezeiten bis zur Vermarktungsfreigabe vorgeschrieben wie bei der herkömmlichen Tierhaltung.

Dennoch sorgten in jüngerer Vergangenheit Bilder von kahlen Hühnern und Produktionseinheiten von bis zu 15 000 Hennen in der Bio-Geflügelhaltung für berechtigte Vorwürfe. Neue Initiativen zum Tierwohl sollen hier künftig Abhilfe schaffen. Derzeit wird intensiv an robusteren Tierarten geforscht und auch an einem Zweinutzungshuhn, das Eier legt und auch als Fleischlieferant geeignet ist. Denn derzeit werden auch auf einem Bio-Hof die männlichen Küken der Legehennen getötet.

Bio heißt Klimaschutz

Ein Großteil der Futtermittel für die Massentierhaltung stammt von Importen aus Südamerika, vor allem der Eiweißlieferant Soja wird in großen Mengen eingeführt. Dem Anbau von Sojapflanzen fallen vor allem in Brasilien und Paraguay riesige Flächen Regenwald zum Opfer. Klimaexperten sind überzeugt, dass das Auswirkungen auf das Weltklima haben wird. Die Futtermittel für Bio-Tiere kommen dagegen in der Regel aus heimischer Erzeugung. Das schont die Umwelt und spart Energie für den Transport. Auch der Verzicht auf Kunstdünger ist ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Denn sowohl bei der Erzeugung als auch beim Einsatz von synthetischen Düngemitteln werden große Mengen Treibhausgase freigesetzt.

Nicht zuletzt lehnen Bio-Landwirte den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen grundsätzlich ab. Laut EU-Öko-Verordnung ist weder bei der Erzeugung der Lebens- und Futtermittel noch bei der Verarbeitung und der Herstellung von Zusatzstoffen in Bio-Produkten Gentechnik erlaubt.

Besser wenig verarbeitet

Der Boom der Bio-Branche ist erfreulich, hat allerdings auch Schattenseiten. Denn Bio-Lebensmittel sind nicht automatisch gesund, auch wenn viele Verbraucher das erwarten. Heute kann man sich im Bio-Laden mit Süßigkeiten, Konservensuppen und Tiefkühlpommes genauso ungünstig ernähren wie mit dem konventionellen Angebot. Durch die steigende Nachfrage gibt es zudem viele Produkte, die zwar aus biologisch erzeugten Zutaten bestehen, aber aufwendig verarbeitet, verpackt oder über weite Strecken importiert wurden. Wer sich gesund und nachhaltig ernähren will, greift daher am besten zu wenig verarbeiteten Bio-Lebensmitteln.

Insgesamt fällt die Bilanz für Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung dennoch positiv aus. Ein Speiseplan mit überwiegend pflanzlichen Bio-Produkten bietet weniger Schadstoffe, mehr gesundheitsförderliche Inhaltstoffe und mehr Geschmack. Der Genuss regio­naler Bio-Ware unterstützt zudem die kleinbäuerliche Landwirtschaft und schont das Klima. Das heißt, die höheren Kosten lohnen sich für die Gesundheit, die Gesellschaft und die Umwelt. /

Bio-Lebensmittel im Überblick

Viele Verbraucher wollen sich bewusst und gesund ernähren. Aber wie gelingt es, aus einem riesigen Angebot an Bio-Lebensmitteln die richtigen auszuwählen? Dabei hilft das Bio-Food Handbuch: Ein Nachschlagewerk, das zahlreiche Bio-Aspekte beleuchtet, verständlich erklärt und dem Leser Orientierung im Dschungel von Siegeln und Regularien bietet.

Das umfangreiche Handbuch gibt viele praktische Tipps und Informationen. Aufgebaut wie ein Lexikon mit alphabetischer Gliederung von A bis Z, bietet das Buch einen schnellen Zugriff auf einzelne Stichpunkte, Querverweise und Zusatzinformationen. Dennoch ist das Buch kein schwer verständliches Fachwerk, sondern ein praxisorientierter Begleiter für den Alltag.

Udo Pini: Das Bio-Food Handbuch.

904 Seiten, mehr als 2500 farbige Abbildungen,
H.F. Ullmann Publishing, Potsdam 2014.
EUR 24,90

Jedes Buch schnell und bequem bestellen: www.govi.de