PTA-Forum online
Reisen mit Diabetes

Gut vorbereitet in den Urlaub

03.07.2015  11:05 Uhr

Von Isabel Weinert / Wenn Diabetiker verreisen, brauchen sie vorher mehr Zeit zum Planen und Packen als gesunde Menschen. Ihre Erkrankung verlangt während des Urlaubs meist etwas mehr Aufmerksamkeit als zu Hause. PTA und Apotheker können Diabetiker im Vorfeld dazu beraten.

Das Reiseland spielt wegen des Klimas und der Qualität der medizinischen Versorgung eine Rolle. Diabetiker müssen darauf achten, ihr Insulin vor Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius zu schützen. Das geht, wenn Pens am Strand oder bei Ausflügen in speziellen Isoliertaschen aufbewahrt werden. Direkte Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen schaden dem Insulin. Bei Sonnenbädern in heißen Gefilden wirkt Insulin außerdem schneller. Der Blutzucker muss dann häufiger kontrolliert werden. Über die medizinische Versorgung im Reiseland informieren www.internationalsos.com oder www.­auswaertiges-amt.de.

Auch wegen des Essens ist es wichtig, sich vorab mit dem Reiseland zu beschäftigen. Was gibt es dort? Wo­raus setzen sich landestypische Speisen zusammen? Auskunft gibt das Internet, wenn man nach den entsprechenden Schlagworten sucht. Wer die häufigsten Gerichte kennt, weiß auch, wie viele Kohlenhydrate in etwa darin stecken. Apps, mit denen sich der Kohlenhydratgehalt einer Mahlzeit durch Abfotografieren bestimmen lässt, sind in Entwicklung, aber noch nicht marktreif.

Die Therapie

Eine Umstellung von einem Medikament auf ein anderes, der Beginn einer Insulintherapie – das bedeutet, im Urlaub besonders auf den Blutzucker zu achten, denn der kann bei einer veränderten Behandlung zunächst stärker schwanken. Besonders wichtig ist, dass PTA Diabetiker, die auf Insulin umgestellt wurden oder zusätzlich zu oralen Antidiabetika Insulin spritzen, auf das Unterzuckerrisiko durch Insulin aufmerksam machen und darüber aufklären. Dazu gehört nicht nur, Traubenzuckergel oder -täfelchen in ausreichender Menge anzubieten, sondern auch ein Blutzuckermessgerät nebst Teststreifen dringend zu empfehlen, sofern noch nicht vorhanden, und in die Handhabung einzuweisen.

Art des Urlaubs

Verändert sich der Alltag, verändert sich auch der Blutzucker. Im Urlaub wird an dieser Schraube besonders gedreht – mehr oder weniger Aktivität als zu Hause ist die Regel. Wer Aktivurlaub plant, kann damit rechnen, dass der Blutzucker insgesamt niedriger liegt und – bei Sulfonylharnstoffen oder Insulin – die Gefahr zu unterzuckern steigt. Wer zudem ohne vorheriges Training im Urlaub Sport treiben möchte, sollte sich vorab vom Arzt durchchecken lassen und dessen »Go« einholen. Frönt man hingegen dem Nichtstun am Strand, wird der Blutzucker eher höher liegen als zu Hause. Für die Dauer des Urlaubs können etwas höhere Werte akzeptiert werden, wenn dann daheim alles wieder im stoffwechselgesunden Rahmen läuft. Achtung bei Alkohol: Wer im Urlaub viel davon trinkt oder mehr als er sonst gewohnt ist, läuft Gefahr, bis in einen Hyposchock zu unterzuckern. Alkohol hemmt die Bereitstellung von Glucose aus Leberglykogen, das normalerweise dafür sorgt, tiefe Blutzuckerspiegel zu normalisieren.

Wichtige Fragen an Diabetiker

  • In welches Land reisen Sie?
  • Hat sich in jüngster Zeit etwas an Ihrer Therapie verändert?
  • Welche Art von Urlaub möchten Sie machen?
  • Welche Impfungen haben Sie bereits bekommen, welche könnten Sie noch brauchen?
  • Sind Sie ausreichend versichert?
  • Mit welchem Verkehrsmittel gelangen Sie ans Urlaubsziel?
  • Wie ist es um Ihre Reiseapotheke bestellt?

Impfen lassen

Für Diabetiker ist die Gefahr größer, bei Infektionen schwerer zu erkranken. Umso wichtiger, dass sie sich nicht nur gegen Grippe regelmäßig impfen lassen, sondern auch ihren Impfstatus für andere Krankheiten prüfen. Ein ausreichender Schutz sollte auf jeden Fall für Diphtherie, Tetanus, Polio und Keuchhusten vorhanden sein. Weitere notwendige Impfungen ergeben sich aus der Wahl des Reiselandes. Diabetiker sollten wissen, dass eine Impfung bei ihnen umso besser anschlägt, je besser ihr Stoffwechsel eingestellt ist. Denn dann arbeitet auch das Immunsystem ausreichend gut. Es genügt für eine Stabilisierung des Immunsystems allerdings nicht, drei Tage auf gute Werte zu achten und dann zu impfen. Eine bessere Blutzuckereinstellung zeigt ihre positiven Wirkungen auf das Immunsystem erst binnen mehrerer Wochen bis Monate. Deshalb ist es sinnvoll, die Frage nach notwendigen Impfungen immer mit derjenigen nach der Güte der Stoffwechseleinstellung zu verbinden und auf eine rechtzeitige Planung hinzuweisen.

Richtig versichern

Rechtsanwalt Oliver Ebert, der sich seit vielen Jahren mit Rechtsfragen zu Diabetes befasst: »Eine Reise-Krankenversicherung ist auf jeden Fall zu empfehlen. Sie deckt unvorhergesehene Ereignisse ab, also Unfälle oder unerwartete Krankheiten.« Grundsätzlich sei dies jedem zu empfehlen, denn Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung haben in einem Zielland innerhalb der EU nur Anspruch auf die Leistungen der dortigen Krankenversicherungen. »Diese Leistungen sind meist deutlich geringer als in Deutschland«, weiß Ebert. Erhebliche Zusatzkosten sind dann möglich. Wegen Ausschlussklauseln muss man sich als Diabetiker eher weniger Sorgen machen. Wer jedoch ganz auf Nummer Sicher gehen will, sollte seine Reise-Krankenversicherung direkt bei der Online-Buchung, am Bankschalter oder im Reisebüro abschließen. »Dabei wird man im Vorfeld meist nicht über die Versicherungsbedingungen aufgeklärt.« Ein Vorteil, weil eine etwaige Ausschlussklausel für Diabetes-bedingte Krankheiten so im Ernstfall wahrscheinlich keine Gültigkeit haben dürfte.

Der Rechtsanwalt rät, darauf zu achten, dass die Reise-Krankenversicherung auch eine Reise­rückhol­versicherung beinhaltet. Sinnvoll kann es auch sein, bei der Reise-Krankenversicherung auf den von bereits bestehenden Versicherungen angebotenen Schutzbrief zurückzugreifen. Sie beinhalten in aller Regel einen weitreichenden Schutz, weiß der Experte. Wichtig: »Eine Reise-Krankenversicherung bietet keinen Ersatz für die Gesundheitsversorgung im Urlaubsland. Sie greift grundsätzlich nur im Notfall, beispielsweise wenn das Insulin gestohlen wurde oder verloren gegangen ist.«

Tipps zur Lagerung

Teststreifen richtig aufbewahren

Blutzucker- und andere Teststreifen gehören genau an einen Ort: in das dafür vorgesehene Originalbehältnis. Einige daraus auspacken und für den Strandtag oder Stadtbummel zum Beispiel in die Brieftasche stecken, ist gefährlich. Licht, Feuchtigkeit und Schmutz beeinträchtigen die Funktion des Messfeldes. Falschmessungen sind dann möglich, oder ein Teststreifen misst überhaupt nicht mehr.

Kühlschrank nicht auf maximale Stufe

Wenn das Insulin im Urlaub in einem Kühlschrank gelagert wird, diesen nicht auf die Maximalstufe einstellen, denn das kann bedeuten, die Temperatur geht Richtung Gefrierpunkt. Einmal gefrorenes Insulin ist jedoch unwirksam. Deshalb sicherheitshalber ein bis zwei Stufen unter der maximalen Kühlung einstellen.

Das Verkehrsmittel

Ob Auto oder Flugzeug – für Diabetiker macht das einen Unterschied. Wer mit dem Auto reist und Sulfonylharnstoffe, Insulin oder eine Arzneimittel-Kombination bekommt, die eine Unterzuckerung möglich macht, sollte vor der Abreise und zwischendurch alle zwei Stunden beziehungsweise bei Unwohlsein den Blutzucker messen. Er sollte zwischen 120 und 180 mg/dl liegen. Den Test alle zwei Stunden kann man gleich für eine Pause nutzen, in der Bewegung hilft, das Risiko für eine Thrombose gering zu halten. Wer seine Werte gut dokumentiert, kann bei einem Unfall nachweisen, dass dieser nicht im Zusammenhang mit einer Unterzuckerung verursacht wurde. Traubenzucker, Gummibärchen und Getränke gehören im Auto in Griffweite und sollten nicht erst während einer Unterzuckerung geöffnet werden müssen. Wer sich unterzuckert fühlt, sollte den Zustand nicht während des Fahrens durch Süßigkeiten beheben, sondern auf jeden Fall so schnell es geht anhalten.

Im Gepäck

Bei einer Flugreise gilt es, schon beim Packen zu überlegen, was auf jeden Fall ins Handgepäck gehört. Weil Koffer verloren gehen können, sollte möglichst der Bedarf an Medikamenten und Zubehör, der für den Urlaub ausreicht, mit ins Handgepäck. Die doppelte Reserve kann in den Koffer. Bei mehreren Gepäckstücken ist es besser, die Medikamente aufzuteilen. Um bei der Sicherheitskontrolle und beim Zoll nicht in Schwierigkeiten zu geraten, besorgt man sich am besten vor der Reise ein ärztliches Attest, das die Notwendigkeit bescheinigt, Insulin, Spritzen oder Pen mitzuführen. Zudem lohnt der Vorab-Anruf bei der gebuchten Airline, um dort geltende Sicherheitsbestimmungen abzuklären und sich darauf einstellen zu können. Wer die angebotenen Mahlzeiten während des Flugs essen möchte und Insulin spritzt, sollte mit der Injektion zur Mahlzeit warten, bis das Essen tatsächlich vor ihm steht. Verzögert sich das Austeilen und der Diabetiker hat bereits gespritzt, kann er schnell in einer Unterzuckerung rutschen.

Für Diabetiker, die Insulin spritzen, spielen auch die Zeitzonen eine Rolle. Verschiebt sich die Zeit nicht länger als vier Stunden, genügt es, den Ausgleich mit schnell und kurz wirksamen Insulin zu schaffen. Bei Zeitverschiebungen über vier Stunden hinaus richtet sich das Verhalten nach der Flugrichtung. Nach Westen wird der Tag länger, mehr Basalinsulin ist notwendig. Nach Osten verkürzt sich der Tag, weshalb sich der Bedarf an Basalinsulin verringert. Nach der Uhrzeit des Ziellandes richtet man sich erst ab Ankunft dort. Bis dahin gilt die deutsche Uhrzeit.

Die Reiseapotheke

Neben den Utensilien, die Diabetiker wegen ihrer chronischen Erkrankung brauchen, dürfen sie auch die übliche Reiseapotheke nicht vergessen. Für sie besonders wichtig: Medikamente im Zusammenhang mit einer Durchfallerkrankung, denn sie kann den Stoffwechsel stark durcheinanderbringen. Präparate, die Mineralstoffe ersetzen, aber auch Aktivkohle, spezielle Bakterienpräparate oder ein Gerbstoffpräparat sollten nicht fehlen. Generell gilt: Die meisten Infekte führen zu höheren Blutzuckerwerten. Durchfall und Erbrechen können sich aber auch gegenteilig auswirken, weil Kohlenhydrate aus dem Essen nicht ausreichend verdaut werden können. Dann drohen Unterzuckerungen. Häufiger den Blutzucker messen, ist deshalb auf jeden Fall notwendig.

Zudem tun Diabetiker gut daran, sich auch vom feinsten Sandstrand nicht zum Barfußlaufen verführen zu lassen, denn sie spüren Verletzungen oft schlechter, bemerken sie deshalb nicht und setzen so schlimmstenfalls den Start für die Entwicklung einer nur schwer zu heilenden Wunde am Fuß. Ins Gepäck gehören auf jeden Fall Desinfektionsmittel, sterile Wundauflagen und Pflaster, außerdem eine Hautpflege speziell für die Füße. /

Diabetiker-Gepäck – das muss mit

  • Pen oder Spritze plus Ersatz
  • Glucagonspritze bei Insulintherapie
  • Blutzuckergerät plus Ersatzgerät
  • Ersatzbatterien
  • Teststreifen
  • Blutzuckertagebuch
  • Aceton-Teststreifen
  • Pen-Nadeln und Lanzetten
  • Traubenzucker
  • Diabetesausweis in verschiedenen Sprachen
  • Ersatzpen, Einmalpen oder Ersatzspritze
  • BE-Tabelle
  • Isoliertasche
  • Pumpenzubehör bei Verwendung einer Pumpe
  • U100-Spritzen, falls das Pen-Insulin per Spritze verabreicht werden muss
  • Reiseapotheke