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Augenprobleme

Selbstmedikation kann schaden

03.07.2015  11:05 Uhr

Von Verena Arzbach, Meran / Rote Augen, Tränen oder Juckreiz: Patienten mit unklaren Augenbeschwerden sollten immer einen Augenarzt aufsuchen. Häufig fragen sie jedoch zunächst in der Apotheke um Rat. PTA oder Apotheker entscheiden, ob eine Selbstmedikation eventuell kurzzeitig vertretbar ist. Was dabei zu beachten ist, erläuterte Apotheker Dr. Eric Martin beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran.

Symptome wie tränende, rote Augen, Juckreiz, Sandkorngefühl oder entzündete Lidränder können zwar auf relativ harmlose Reizzustände hindeuten. Dahinter kann sich aber auch ein Sehnerv bedrohender Notfall verbergen, warnte Martin. In der Regel gilt daher: »Patienten mit Augenerkrankungen gehören in die Hände des Arztes.« Apotheker und PTA müssten auf bestimmte Alarmsymptome achten, die eine Selbstmedikation ausschließen. Dies sind einseitige oder plötzlich einsetzende Beschwerden inklusive Sehverlust, ausgeprägte Schmerzen, ein Verdacht auf eine Augenverletzung oder Verätzung sowie rote Augen mit Ausfluss bei Neugeborenen.

In vielen Fällen ist eine Selbstmedikation nicht sinnvoll und kann sogar schaden. Denn eventuell werden dadurch Beschwerden zunächst gelindert, sodass der Patient den Arztbesuch verschiebt. Es könnten sogar irreversible Schäden auftreten, warnte Martin. Zudem könnten OTC-Präparate das klinische Bild verschleiern und so die Diagnose beim Arzt erschweren. Beschwerden können sich durch einen unangebrachten Einsatz auch verschlechtern.

Einige Kernfragen helfen dabei, abzuschätzen, ob eine Selbstmedikation in Erwägung gezogen werden kann (siehe Kasten). Auch wenn PTA oder Apotheker eine Selbstmedikation vertretbar erscheint, sollten sie den Patienten immer darauf hinweisen, dass der Einsatz der Medikamente befristet ist. Diese sollten dauerhaft nur zum Einsatz kommen, wenn der Augenarzt eine Diagnose gestellt und eine schwerwiegende Erkrankung ausgeschlossen hat, sagte Martin.

Ein Symptom, viele Krankheiten

Dass sich hinter vermeintlich gleichen Symptomen unterschiedliche Erkrankungen verstecken können, erläuterte der Apotheker am Beispiel der Bindehautentzündung (Konjunktivis). Eine solche Entzündung muss abhängig vom Auslöser behandelt werden.

Allergische Bindehautentzündungen können zum Beispiel akut durch Kontaktallergien auf Kosmetika, Haut- oder Kontaktlinsen-Pflegeprodukte entstehen. Die häufigste Form ist die allergische Rhinokonjunktivitis (Heuschnupfen), eine IgE-vermittelte Immunreaktion auf saisonale Allergene, sagte Martin. Leitsymptom ist der Juckreiz. Die Bindehaut ist geschwollen, meist sind beide Augen gerötet. Die Rötung kann aber auch fehlen. Hinzu kommen Tränen und ein Druck- oder Fremdkörpergefühl, manchmal auch ein wässrig-schleimiges Sekret. Beim Heuschnupfen wird die Entzündung der Augen in der Regel von nasalen Symptomen begleitet.

Kernfragen bei Augenproblemen

  • Sind beide Augen betroffen?
  • Ist die Sicht eingeschränkt, zum Beispiel verschwommen?
  • Sind die Augen rot? Wo befindet sich die Rötung, wie ist sie beschaffen?
  • Gibt es auffällige Veränderungen der Pupille(n)?
  • Besteht Ausfluss?
  • Sind die Lidränder geschwollen, gerötet oder verklebt?
  • Liegen Risiken vor? Wie Kontaktlinsen, Rauch, Chemikalien, Fremdkörper, Strahlung, Bildschirmarbeit? Gibt es Augenerkrankungen, Augen-OPs in der Vergangenheit? Chronische Erkrankungen wie Rheuma, Diabetes?

Therapie mit Antiallergika

»Bei milden Formen lassen sich die Symptome meist gut durch Allergenkarenz und durch die saisonale Gabe von OTC-Präparaten in den Griff bekommen«, informierte Martin. Erste Wahl sind laut dem Apotheker topische H1-Antihistaminika wie Azelastin oder Levocabastin, zweimal täglich bei Bedarf. Systemische H1-Antihistaminika wie Loratadin oder Cetirizin sind Mittel der zweiten Wahl. Eine Gabe ist sinnvoll, wenn den Patienten nicht nur lokale Beschwerden plagen. Ebenfalls als Mittel der zweiten Wahl gelten Mastzellstabilisatoren (wie Cromoglicinsäure, Nedocromil). Diese sprächen ähnlich gut an, sagte Martin. Die Wirkstoffe müssen jedoch als saisonale Dauerprophylaxe eingesetzt werden. Eine moderate bis schwere Rhinokonjunktivitis kann die Lebensqualität etwa durch Schlafstörungen oder schulische beziehungsweise berufliche Probleme enorm einschränken. Außerdem drohen strukturelle Schleimhautschäden. Eine Behandlung sollte daher grundsätzlich vom Facharzt koordiniert werden.

Bei einer Reizkonjunktivitis führen Umwelteinflüsse, zum Beispiel gechlortes Wasser im Schwimmbad, trockene (Zug-)Luft oder anhaltende Bildschirmarbeit, zu einer beidseitigen Bindehautrötung und einem konjunktivalen Ödem. Die Beschwerden bessern sich rasch, wenn der auslösende Faktor wegfällt. Mittel der Wahl sind in diesem Fall Sicca-Produkte, sagte Martin. Topische Dekongestiva, sogenannte Weißmacher, kommen als Mittel der zweiten Wahl in Betracht – nach dem sorgfältigen Ausschluss möglicher Gegenanzeigen. Diese Präparate dürfen jedoch maximal zwei bis drei Tage eingesetzt werden.

Vorsicht vor Weißmachern

Generell sollten diese topischen Sympathomimetika jedoch vorsichtig eingesetzt werden, warnte der Apotheker. Kunden verlangten in der Apotheke häufig solche Augentropfen, um die störende Rötung zügig zu beseitigen. Doch es sollte bedacht werden, dass die Rötung auch als unspezifisches Zeichen bei schwerwiegenden Augenerkrankungen auftreten kann. Daher riet Martin: »Klären Sie den Kunden unbedingt darüber auf, dass eine Selbstmedikation mit Weißmachern die Symptome verschleiern und dadurch die ärztliche Diagnose erschweren kann.« Auch beim trockenen Auge sind die Weißmacher kontraindiziert: Sie verstärken die Austrocknung und können den Augen­innendruck steigern.

Eine sogenannte Verblitzung der Augen kann durch ungeschütztes Schweißen oder UV-Strahlung, zum Beispiel im Solarium, entstehen. Die dabei entstandenen Epithelschäden führen mehrere Stunden nach der Strahleneinwirkung zu starken Schmerzen, Lichtscheu, Tränenfluss, einem Fremdkörpergefühl und einem Lidkrampf. Zur Therapie wird das Auge mit einem Augenverband ruhig gestellt. Augentropfen oder -salbe mit Dexpanthenol wirken reepithelisierend, und die Schäden heilen meist relativ schnell wieder ab. Dennoch sollten Patienten auf jeden Fall einen Augenarzt aufsuchen.

Bakteriell oder viral?

Eine bakterielle Bindehautentzündung äußert sich meist mit einem eitrig-gelben Sekret, verklebten Augen und einer raschen, meist beidseitig auftretenden, diffusen Bindehautrötung. Schmerzen oder Lichtscheu fehlen bei dieser Art der Konjunktivitis. Der Augenarzt wird diesen Patienten in der Regel ein Breitspektrum-Antibiotikum in Form von Augentropfen oder einer Augensalbe verordnen.

Bei viralen Bindehautentzündungen treten eine ein- oder beidseitige Rötung sowie ein klarer, wässriger Ausfluss und ein Fremdkörpergefühl auf. »Typischerweise tritt eine virale Konjunktivitis nach einer Virusinfektion der oberen Atemwege auf«, sagte Martin. Patienten mit einer viralen Konjunktivitis müssen extrem vorsichtig sein, denn die Infektion ist hochansteckend! Hygienemaßnahmen sind hier enorm wichtig: Hände und Oberflächen sollten desinfiziert werden, Händeschütteln und Augenreiben sind zu vermeiden und Handtücher sollten nicht gemeinsam benutzt werden. So kann das nicht befallene Auge sowie Familienangehörige vor einer Infektion geschützt werden. Behandelt wird symptomatisch mit Tränenersatzmitteln und kühlenden Kompressen.

Ein Grenzfall zwischen infektiöser und nicht infektiöser Erkrankung ist die Kontaktlinsen-assoziierte Konjunktivitis. Sie geht meist auf Anwendungs- und/oder Hygienefehler zurück (zu lange Tragezeit von Kontaktlinsen, verunreinigtes Aufbewahrungs- oder Pflegeprodukt). Linsen, Lösungen und Aufbewahrungsbehälter sollten daher bei Verdacht entsorgt werden. Wegen der Gefahr schwerwiegender Infektionen sollten PTA oder Apotheker den Patienten in solch einem Fall dringend an den Augenarzt verweisen. /