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Neu im Juli

Zwei neue Krebsmedikamente

03.07.2015
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Von Sven Siebenand / Mit Ceritinib und Lenvatinib kamen Anfang Juli zwei neue Tyrosin-Kinase-Inhibitoren auf den deutschen Markt. Während die erste Substanz bei Lungenkrebs zum Einsatz kommt, wird die zweite beim Schilddrüsenkarzinom angewendet.

Ceritinib (Zykadia® 150 mg Hartkapseln, Novartis Pharma) dürfen Ärzte zur Behandlung von Erwachsenen mit ALK-positivem nicht kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) einsetzen, wenn die Erkrankung fortgeschritten ist und die Patienten zuvor bereits mit dem seit 2012 verfügbaren Tyrosinkinase-Hemmer Crizotinib (Xalkori®) behandelt wurden. ALK ist eine Abkürzung für das Enzym Anaplastische Lymphom-Kinase. Diese Tyrosinkinase ist bei den betroffenen Lungenkrebspatienten überaktiv und sorgt für Wachstum und Vermehrung der Krebszellen. Bei 2 bis 7 Prozent aller NSCLC-Patienten lässt sich diese nachweisen. Wie Crizotinib hemmt auch Ceritinib die ALK und vermindert so Wachstum und Ausbreitung des Tumors.

Die empfohlene Dosis beträgt 750 mg, also fünf Kapseln, einmal täglich. PTA und Apotheker können den Hinweis geben, zwei Stunden vor sowie nach der Einnahme keine Nahrung aufzunehmen. Treten Nebenwirkungen auf, kann der Arzt die Dosis reduzieren oder die Behandlung vorübergehend aussetzen. In bestimmten Fällen muss er die Behandlung auch dauerhaft absetzen.

Regelmäßige Leber-Tests

Vor Therapiebeginn und unter Ceritinib wird zu regelmäßigen Leberfunktions-Untersuchungen geraten. Der Einsatz der neuen Substanz bei Patienten mit mäßig bis stark eingeschränkter Leberfunktion wird nicht empfohlen. Vorsicht ist bei Patienten mit stark eingeschränkter Nierenfunktion geboten, da bei diesen Patienten keine Erfahrungen mit Ceritinib vorliegen. Laut Fachinformation sollten Patienten auch auf pulmonale Symptome, die auf eine Pneumonitis hindeuten, überwacht werden.

Bezüglich Wechselwirkungen gibt es einiges zu beachten: Wenn sich die Kombination von Ceritinib mit starken CYP3A-Inhibitoren nicht vermeiden lässt, muss der Arzt die Ceritinib-Dosis um etwa ein Drittel reduzieren. Nach Absetzen eines starken CYP3A-Inhibitors ist wieder die Ceritinib-Dosis, die vor der Gabe des CYP3A-Hemmers eingenommen wurde, einzunehmen. In Zusammenhang mit CYP3A4 sollte man den Patienten raten, Grapefruits und Grapefruitsaft zu meiden, da dies zu einer Hemmung von CYP3A in der Darmwand führen und die Bioverfügbarkeit von Ceritinib erhöhen würde. Weiter sollte die Kombination von Ceritinib mit starken CYP3A-Induktoren vermieden werden, da dadurch die Plasmakonzentration von Ceritinib sinken kann. Auch bei gleichzeitiger Anwendung mit Induktoren von P-Glykoprotein ist Vorsicht geboten. Ferner können Magensäureblocker die Löslichkeit von Ceritinib beeinflussen und seine Bioverfügbarkeit reduzieren.

Ceritinib selbst kann die Plasmakonzentration anderer Substanzen beeinflussen. Möglicherweise ist es nötig, die Dosierung von gleichzeitig angewendeten Arzneimitteln, die überwiegend über CYP3A und CYP2C9 abgebaut werden, zu senken. Die gleichzeitige Anwendung von Ceritinib mit Subs­traten von CYP3A oder CYP2C9, die bekanntermaßen eine enge therapeutische Breite haben, sollte vermieden werden. Bei gleichzeitiger Anwendung von Ceritinib mit CYP2A6- und CYP2E1-Substraten ist Vorsicht geboten.

In klinischen Studien wurde unter Ceritinib eine Verlängerung des QT-Intervalls beobachtet. Ceritinib ist daher bei Patienten, bei denen das QT-Intervall bereits verlängert ist oder bei denen eine erhöhte Neigung hierzu besteht, mit Vorsicht anzuwenden. Das gilt auch für Patienten, die mit bestimmten Antiarrhythmika oder mit anderen Arzneimitteln behandelt werden, die das QT-Intervall verlängern können. Ferner sollte die Anwendung von Ceritinib in Kombination mit anderen Wirkstoffen, von denen bekannt ist, dass sie eine Bradykardie verursachen können, so weit wie möglich vermieden werden.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Ceritinib sind Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, abnorme Leberwerte, Unterleibsschmerzen, verminderter Appetit, Verstopfung, Hautausschlag, erhöhter Kreatinin-Spiegel, Erkrankungen der Speiseröhre sowie Anämie. Frauen im gebärfähigen Alter sollten während und bis zu drei Monate nach der Behandlung mit Ceritinib eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Während der Schwangerschaft darf der Wirkstoff nicht gegeben werden, es sei denn, dass dies aufgrund des klinischen Zustandes der Frau erforderlich ist. In der Stillzeit ist zu entscheiden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Behandlung mit Ceritinib verzichtet wird. Dabei ist sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der Nutzen der Therapie für die Frau zu berücksichtigen.

Die europäische Arzneimittelagentur EMA hat den Wirkstoff »unter Auflagen« zugelassen. Das heißt, Hersteller Novartis muss noch weitere Studiendaten vorlegen. Die EMA wird jedes Jahr sämtliche neuen Informationen prüfen und die Fach- und Gebrauchsinformationen gegebenenfalls aktualisieren.

Gegen Schilddrüsenkrebs

Ebenfalls Anfang Juli kam der Wirkstoff Lenvatinib (Lenvima® 4mg/10 mg Hartkapseln, Eisai) auf den deutschen Markt. Der Wirkstoff ist indiziert bei Erwachsenen mit progressivem, lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem, differenziertem Schilddrüsenkrebs, wenn die Erkrankung trotz Behandlung mit radioaktivem Iod fortschreitet. Lenvatinib hemmt verschiedene Kinasen wie VEGFR, FGFR, RET, KIT und PDGFR, die an der Blutversorgung und Proliferation des Tumors beteiligt sind.

Die empfohlene Tagesdosis beträgt 24 mg einmal täglich. Die Behandlung von Nebenwirkungen kann eine Therapiepause, eine Dosisanpassung oder das Absetzen der Kapseln erforderlich machen. Bei schweren Leber- oder Nierenfunktionsstörungen wird zu einer Anfangsdosis von 14 mg pro Tag geraten. Generell sollte der Arzt vor Therapiebeginn und während der Behandlung regelmäßig die Leberwerte der Patienten kontrollieren. Ebenso ist es wichtig, den Blutdruck vor Start der Therapie mit Lenvatinib gut einzustellen und während der Behandlung regelmäßig zu überwachen.

Kontraindiziert ist der Wirkstoff in der Stillzeit. Frauen sollten während der Therapie und mindestens bis zu einem Monat nach Therapieende nicht schwanger werden. In der Fachinformation wird darüber informiert, dass nicht bekannt ist, ob Lenvatinib die Wirksamkeit von hormonalen Kontrazeptiva he­rabsetzt. Daher sollte zusätzlich eine andere Methode zur Empfängnisverhütung angewendet werden. In der Schwangerschaft ist Lenvatinib tabu, es sei denn, dies ist eindeutig erforderlich. Dabei ist der Nutzen für die Mutter gegen das Risiko für den Fötus abzuwägen.

Häufige Nebenwirkungen

Unter Lenvatinib treten einige Nebenwirkungen sehr häufig auf. So kam es in Studien unter anderem zu Hypertonie (69 Prozent), Durchfall (63 Prozent), Appetitlosigkeit (52 Prozent), Gewichtsverlust (49 Prozent), Müdigkeit (46 Prozent), Übelkeit (45 Prozent), Proteinurie (37 Prozent), Entzündung der Mundschleimhaut (36 Prozent), Erbrechen (35 Prozent), Stimmstörungen (34 Prozent) und Kopfschmerzen (34 Prozent). Auch schwere Ereignisse wie Nierenversagen und Niereninsuffizienz (2,4 Prozent), Herzinsuffizienz (0,7 Prozent), Schlaganfall (1,1 Prozent) und Herzinfarkt (0,9 Prozent) können auftreten.

In der Fachinformation wird zudem unter anderem über das Auftreten von gastrointestinalen Perforationen und Fisteln sowie eine mögliche QT-Zeit-Verlängerung unter Lenvatinib informiert. So wird zum Beispiel bei Patienten, die Arzneimittel einnehmen, von denen bekannt ist, dass sie ebenfalls die QT-Zeit verlängern, zu regelmäßigen Elektrokardiogrammen geraten. In Sachen Wechselwirkungen ist es wichtig zu wissen, dass CYP3A4-Substrate mit einem engen therapeutischen Index bei Patienten unter Lenvatinib-Therapie mit Vorsicht anzuwenden sind. Es kann nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass der neue Wirkstoff ein CYP3A4-Induktor ist, was die Bioverfügbarkeit oraler CYP3A4-Substrate vermindern könnte. /