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Arthrose

Nicht mehr gut geschmiert

18.07.2016  11:24 Uhr

Von Kornelija Franzen / Der degenerative Gelenkverschleiß betrifft etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland. Anders als Knochen oder Haut lässt sich abgebauter Gelenkknorpel nicht regenerieren. Die bestehende Knorpelmasse muss daher möglichst gut erhalten werden. Die beste Präventions- und auch wichtigste Therapiemaßnahme ist regelmäßige Bewegung.

Die Volkskrankheit Arthrose zählt zu den progredienten, also unaufhaltsam fortschreitenden Erkrankungen. Überproportional häufig treten Abnutzungserscheinungen an lasttragenden Gelenken wie Hüft- und Kniegelenken auf. Im Frühstadium bemerkt der Patient oft typische Anlaufschmerzen, die sich bei Bewegung schnell bessern. Im weiteren Verlauf der Erkrankung dehnen sich die Schmerzintervalle zunehmend aus, und schließlich sind die Schmerzen dauerhaft zu spüren. Immer wieder kommt es auch zu akuten Entzündungen, die den Knorpelabbau beschleunigen. Dabei sind Gelenke sowie angrenzendes Knochengewebe betroffen.

Bücken, strecken, drehen

Gelenke befinden sich überall dort, wo starre Knochen aufeinander treffen und gegeneinander verschoben werden müssen. Sie ermöglichen ein reibungsloses Gleiten und federn Stöße ab. Der Mensch besitzt 143 Gelenke, darunter Kugelgelenke in Schulter und Hüfte, Scharniergelenke in Ellenbogen und Knie oder das Sattelgelenk im Daumen. Trotz ihrer Vielfalt stimmen alle Gelenke in ihrer grundsätzlichen Bauweise überein. So sind die einander gegenüberliegenden Knochenenden (Gelenkkopf und -pfanne) stets von einer Knorpelschicht überzogen und durch einen kleinen, mit viskoser Flüssigkeit (Synovia) gefüllten Spalt voneinander getrennt. Umgeben wird das Gelenk von einer Gelenkkapsel.

Besondere Bedeutung kommt dem Knorpel zu. Dieses durchsichtige, bläulich schimmernde und sehr glatte Bindegewebe besitzt gleit- und stoßdämpfende Eigenschaften. Es besteht zu mehr als 90 Prozent aus einer speziellen Extrazellulärmatrix, die von Knorpelzellen (Chondrozyten) gebildet wird. Ma­trixproteine wie Kollagen und ­Elastin verleihen dem Gewebe Zugfestigkeit und Elastizität. Glykosaminoglykane, darunter Hyaluronsäure und Chondroitinsulfat, vermitteln durch ihr ­hohes Wasserbindungsvermögen Verformbarkeit und Druckausgleich.

Knorpelgewebe ist frei von Blutgefäßen und daher außerstande, sich selbst zu ernähren. Die Versorgung erfolgt über die Synovialflüssigkeit, die auch als Gelenkschmiere bezeichnet wird. Sie entstammt der gut durchbluteten Schleimhaut, die das Innere der Gelenkkapsel auskleidet. Nährstoffe gelangen mittels Diffusion aus den Kapillargefäßen der Schleimhaut über die Synovia zum Knorpel. In umgekehrter Richtung diffundieren Abfallprodukte des Zellstoffwechsels aus dem Knorpel in die Gefäße und werden abtransportiert. Bewegung unterstützt diese Prozesse: Durch den Druck, der sich bei Belastung aufbaut, werden Nährstoffe regelrecht in den Knorpel gepresst. Die Sogwirkung der sich anschließenden Entlastung verbessert den Abtransport der Stoffwechselendprodukte.

Vorbeugen durch Bewegung

»Wer rastet, der rostet« – diese Alltagsweisheit trifft den Kern der Arthroseprophylaxe genau. Bewegung sichert nicht nur eine bessere Versorgung des Knorpels durch eine gesteigerte Durchblutung der Gelenkschleimhaut, sie stärkt außerdem die Muskulatur und entlastet die Gelenke dadurch merklich. Geeignete Sportarten zur Prävention, aber auch zur Therapie bei bestehendem Knorpelabrieb, sind Walking, Radfahren, Schwimmen, moderates Krafttraining sowie Ski-Langlauf oder Tanzen. Die oft vernachlässigte Rumpfmuskulatur kann durch Klettern und Rudern gestärkt werden. Yoga, Pilates und Tai Chi trainieren den Körper ganzheitlich. Ist der Bewegungsapparat gesund, ist auch gegen regelmäßiges Joggen auf weichem Untergrund nichts einzuwenden. Zahlreiche Sportkurse werden von den Krankenkassen bezuschusst, in manchen Fällen werden die Kosten sogar komplett übernommen. PTA und Apotheker können Patienten dazu animieren, sich dort zu erkundigen.

Körperliche Aktivität und gesunde Gelenke gehen Hand in Hand. Aber Vorsicht: Während moderate Bewegung vor Verschleiß schützt, besitzt exzessives Sporttreiben einen gegenteiligen Effekt. Insbesondere Fuß-, Hand- oder Volleyball sowie Tennis und Kampfsport, allesamt gekennzeichnet durch ruckartige Bewegungsabläufe und hohes Verletzungspotenzial, können den Gelenken mehr schaden als nutzen. Zahlreiche Patienten entwickeln Arthrose im Anschluss an einen Knorpelschaden nach einer Verletzung.

Das Arthrose-Risiko steigt auch, wenn Gelenke über einen längeren Zeitraum fehl- oder überbelastet werden. Häufig betroffen sind daher Berufsgruppen, deren Arbeitsalltag vom Tragen schwerer Lasten oder monotonen, nicht physiologischen Bewegungsabläufen bestimmt ist, etwa Bauarbeiter, Fliesenleger oder Arbeiter am Fließband. Auch anatomische Fehlstellungen wie O- und X-Beinstellungen begünstigen ohne Korrektur die Entstehung einer Knie- oder Hüftgelenk­arthrose. Zudem spielt die genetische Veranlagung sowie das Geschlecht (Frauen sind häufiger betroffen) eine Rolle.

Auch überschüssige Pfunde setzen den Gelenken zu, und das sogar doppelt: Zum einen werden die Gelenke durch das zusätzliche Gewicht belastet, zum anderen versetzen vom Fettgewebe produzierte Zytokine und Hormone den Körper in einen permanenten Entzündungszustand, der den Knorpelabbau begünstigt.

Alterserscheinung

Der vermeintlich bedeutendste Risikofaktor ist allerdings das Lebensalter. Jede zweite Frau und jeder dritte Mann über 60 Jahren weist degenerative Gelenkveränderungen auf. Im Verlauf des Lebens nimmt die Syntheseleistung der Chondrozyten kontinuierlich ab, sodass der Knorpel an Dichte und Funktionalität einbüßt. Hinzu kommt der altersbedingte Schwund an Muskelmasse. Die Gelenke verlieren damit grundlegende Stütz- und Pufferelemente.

Keine Selbstheilung

Aufgrund der fehlenden Vaskularisierung kann beschädigter Knorpel nicht heilen. Durch die Produktion neuer Ex­trazellulärmatrix versuchen Chondrozyten, den Verlust auszugleichen, doch der ursprüngliche Zustand lässt sich so nicht wiederherstellen. Das Ziel der heute zur Verfügung stehenden Behandlungsmaßnahmen ist daher, das Fortschreiten der Arthrose zu verlangsamen, Entzündungsprozesse zu hemmen und Schmerzen zu lindern. Das Gelenk ruhig zu stellen würde das Problem nur verschärfen. Oberstes Therapieprinzip ist die »Hilfe zur Selbsthilfe« für das angeschlagene Gelenk: Gezieltes Training im Rahmen von Physio- oder Ergotherapie sowie moderates Krafttraining baut stützende Muskelgruppen auf und entlastet so das Gelenk. Begleitend leisten orthopädische Hilfsmittel wie Bandagen, Orthesen oder Einlagen gute Dienste. Massagen, Elektro- und Ultraschalltherapien können ebenfalls sinnvoll sein. Ergebnisse aus der Forschung untermauern den substanzaufbauenden Effekt von Sport. So konnten Wissenschaftler nachweisen, dass Druck durch moderate Bewegung das Ablesen von Genen induziert, die für die Produktion von Zwischenzellmatrix verantwortlich sind.

Arthrose-Patienten leiden häufig unter Schmerzen. Liegt keine Entzündung vor, können PTA und Apotheker Paracetamol zur Linderung empfehlen. Auch Wärme in Form von Bädern oder Capsaicin-haltigen Salben oder Pflastern (wie ABC® Wärmesalbe, -pflaster, Finalgon®) empfinden viele Patienten als wohltuend.

Akute Entzündungszustände – zu erkennen an einer Rötung, Schwellung und Überwärmung des betroffenen Gelenks – können mit nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), etwa Diclo­fenac, Ibuprofen oder Felbinac, in Form von Cremes und Gelen behandelt werden (zum Beispiel Voltaren® Schmerzgel, Doc® Schmerzgel, Thermacare® Schmerzgel). In zweiter Instanz werden NSAR systemisch eingesetzt. Glucocorticoide besitzen eine starke antiinflammatorische Wirkung, hemmen aber auch die Syntheseaktivität der Knorpelzellen. Ihr Einsatz in Form intraartikulärer Injektionen wird heute daher zunehmend kritisch bewertet, ist aber bei ausgeprägten Entzündungen immer noch Mittel der Wahl.

Verschiedene Phytopharmaka, da­runter äußerlich anzuwendende Zubereitungen mit Beinwellwurzel- oder Arnikablütenextrakt (zum Beispiel Kytta®, Kneipp® Arnika Salbe S) haben sich ebenfalls bewährt. Innerlich eingenommen kann Teufelskrallenwurzel (wie in Teufelskralle® ratiopharm, Sogoon®) das Krankheitsgeschehen positiv beeinflussen.

Injektion ins Gelenk

Ein naheliegender therapeutischer Ansatz ist, feuchtigkeitsbindende Hyaluronsäure in das betroffene Gelenk zu injizieren. Zwar bessert sich dadurch der Zustand des Gelenks, allerdings nicht dauerhaft, da die zugeführte Hyaluronsäure nach und nach wieder abgebaut wird. Auch Nahrungsergänzungsmittel mit Glucosamin allein oder in der Kombination mit Chondroitin und Hyaluronsäure können therapiebegleitend eingesetzt werden. Ihre Wirksamkeit ist bislang aber umstritten.

Bei ausgeprägtem Knorpelabrieb und großer Schmerzlast kann schlussendlich der Einsatz eines künstlichen Gelenkes (Endoprothese) erwogen werden. Auch eine autologe Knorpelzelltransplantation ist möglich. Dabei wird körpereigener Knorpel aus einem wenig belasteten Gelenk entnommen und in ein defektes Gelenk überführt. /