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Sport bei chronischen Erkrankungen

So wichtig wie Medikamente

18.07.2016  11:24 Uhr

Von Clara Wildenrath / Regelmäßige Bewegung bringt Lebensfreude, hält fit und fördert die Gesundheit. Das gilt auch für Menschen, die an chronischen Erkrankungen leiden. Allerdings ist nicht jedes Training für jeden Patienten gleich gut geeignet.

Wer krank ist, neigt dazu sich zu schonen. Bei vielen akuten Erkrankungen, zum Beispiel bei einem Infekt, ist das durchaus sinnvoll. Die meisten Menschen mit chronischen Krankheiten – egal ob Bluthochdruck, Herzleiden, Diabetes oder Krebs – profitieren jedoch von regelmäßiger Bewegung. In Kombination mit der medikamentösen Therapie kann sie die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität ausgesprochen positiv beeinflussen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Sportmediziner wissen heute, dass jede körperliche Belastung einen kurzfristigen Entzündungsreiz im Körper auslöst. Das Immunsystem reagiert darauf mit einer Anpassungsreaktion – es trainiert quasi die Abwehr von Entzündungen. Weil solche entzündlichen Prozesse bei der Entstehung vieler chronischer Erkrankungen eine Rolle spielen – etwa bei Diabetes mellitus, Arteriosklerose, Demenz und manchen Krebsformen –, senkt Sport langfristig das Risiko, daran zu erkranken. Die Wirkung beschränkt sich aber nicht nur auf die Vorbeugung: Auch in der Sekundärprävention, wenn es also darum geht, das Fortschreiten einer bereits bestehenden Erkrankung einzudämmen, spielt körperliche Aktivität eine wichtige Rolle.

»Selbst bei schweren chronischen Erkrankungen gibt es wenig Kontraindikationen für eine Bewegungstherapie«, erklärt Professor Dr. Martin Halle vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin am Münchner Klinikum rechts der Isar. Voraussetzung sei, dass es sich um ein gezieltes und dosiertes Training unter ärztlicher Begleitung handele. »Mit einem Spaziergang, bei dem man ein bisschen ins Schwitzen kommt und sich noch gut unterhalten kann, macht man zwar nichts falsch«, sagt er. Um eine messbare Wirkung auf den Krankheitsverlauf zu erzielen, muss die Intensität des Trainings jedoch individuell an den jeweiligen Patienten und seine Vorerkrankung angepasst und kontinuierlich gesteigert werden. Vor dem Start sollte deshalb eine medizinische Untersuchung erfolgen und der Erfolg in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden. Halle plädiert dafür, Sport als festen Therapiebestandteil mit genauen Vorgaben in den Behandlungsplan des Patienten zu integrieren. Das verdeutliche dessen hohen Stellenwert für ihre Gesundheit: »Bewegung muss genauso selbstverständlich zur Therapie gehören wie die Einnahme von Tabletten.«

Rehasportgruppen für die verschiedensten Erkrankungen gibt es heute in fast jeder Stadt (siehe Kasten auf Seite 16). Unter ärztlicher Aufsicht können chronisch Kranke dort Ausdauer, Kraft, Koordination und Beweglichkeit trainieren – jeweils so, wie es ihrer persönlichen Belastbarkeit und ihren körperlichen Einschränkungen am besten entspricht. Die Kosten dafür übernehmen bei ärztlicher Verordnung in der Regel die Krankenkassen, je nach Indikation für 50 bis 120 Übungseinheiten innerhalb von eineinhalb bis drei Jahren. Wichtig ist nach Ansicht von Sportmediziner Halle aber, solche Gruppen nicht als Komplettprogramm zu betrachten, sondern als Anleitung für das eigene, tägliche Training.

Fitness fürs Herz-Kreislauf-System

Bei Bluthochdruck (Hypertonie) wirkt Sport ähnlich effektiv wie blutdrucksenkende Medikamente, so Halle. »Regelmäßiges Training verringert den systolischen Druck um etwa 5 Millimeter Quecksilber. Mehr schafft auch ein einzelnes Antihypertensivum nicht.« Darüber hinaus führt die körperliche Aktivität meist zu einer Gewichtsreduktion – was pro 10 Kilogramm noch einmal 10 mm Hg ausmache.

Herzfrequenzreserve

Die Herzfrequenzreserve ist die Differenz aus dem ergometrisch bestimmten Maximalpuls und dem Ruhepuls im Liegen. Sportmediziner sprechen von einem Training bei geringer Intensität, wenn die Herzfrequenzreserve zu 40 bis 50 Prozent ausgeschöpft wird, von moderater Intensität bei 60 bis 70 Prozent.

Ein Beispiel: Hat ein Patient einen Ruhepuls von 80 Schlägen pro Minute und einen Maximalpuls von 180, beträgt seine maximale Herzfrequenzreserve 100 Schläge pro Minute. Bei einem Training mit niedriger Intensität sollte sein Puls zwischen 120 und 130 liegen.

Allerdings warnt der Internist und Kardiologe vor großen Anstrengungen ohne vorherigen medizinischen Check-up: »Bei jeder körperlichen Belastung steigt der systolische Blutdruck. Das kann zu gefährlichen Spitzen führen, wenn der Blutdruck vorher nicht medikamentös gut eingestellt ist.« Das gelte insbesondere fürs Schwimmen, weil der Wasserdruck die Erkrankung sonst verschlimmere. Nach ein paar Monaten regelmäßigem Training könne man nach Rücksprache mit dem Arzt aber oft die Dosis reduzieren oder ein Medikament ganz ausschleichen.

Training als Zusatznutzen

Auch bei Herzerkrankungen wirkt sich körperliches Training positiv aus: Studien zeigen, dass die Zahl der Klinikeinweisungen und die Häufigkeit von Komplikationen sinkt und die Lebenserwartung dadurch steigt. Das gilt sowohl für Patienten mit einem Herzinfarkt als auch bei chronischer Herzinsuffizienz, koronarer Herzerkrankung oder einem Klappenfehler. Gerade Herzkranke fürchten sich jedoch oft vor Belastung. Zu Unrecht, sagt Sportmediziner Halle. Wichtig ist aber auch hier, betont er, dass Sport nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur Medikation angesehen wird. Anders als beim Bluthochdruck ist beim bereits geschädigten Herzen in der Regel keine Dosisanpassung möglich. Vielmehr bewirkt das Training einen Zusatznutzen, der auf anderem Weg nicht erreichbar wäre.

Bei allen Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt: Entscheidend ist vor allem die Regelmäßigkeit des Trainings. »Besser jeden Tag zehn Minuten als einmal in der Woche eine Stunde«, erläutert Halle. Ein deutlicher medizinischer Effekt zeigte sich in aktuellen Untersuchungen – anders als früher propagiert – insbesondere durch submaximale Belastungsintensitäten. Um diese zu planen ist eine sportmedizinische Untersuchung notwendig, bei der auf dem Fahrradergometer die persönliche Belastbarkeit und der optimale Trainingspulsbereich ermittelt werden. Auf Basis dieser Ergebnisse erstellt der Sportmediziner dann einen individuellen Trainingsplan. Anfangs reicht oft ein täglicher flotter Fünf-Minuten-Spaziergang. Mit zunehmender Leistungsfähigkeit des Patienten wird die »Dosis«, also der Trainingsumfang und die -intensität, dann erhöht. Zur Kontrolle der Herzfrequenz dient eine Pulsuhr. Als optimal für Patienten mit Herzinsuffizienz oder koronaren Herzerkrankungen hat sich in Studien körperliche Aktivität an sechs Tagen der Woche für mindestens 20 Minuten erwiesen, und zwar bei 50 bis 70 Prozent der maximalen Herzfrequenzreserve (siehe Kasten). Ausgenommen sind lediglich Durchblutungsstörungen des Herzens (Ischämien) und belastungsinduzierte Herzrhythmusstörungen.

Von großer Bedeutung ist Bewegungstraining auch bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), im Volksmund auch Schaufensterkrankheit genannt. Halle betont: »Das ist das Einzige, was wirklich etwas bringt. Medikamentös kann man hier kaum etwas erreichen.« Betroffene leiden an belastungsabhängigen Schmerzen in den Beinen, die infolge von Verengungen oder Verschlüssen der versorgenden Arterien auftreten. Um einen Effekt zu erzielen, müsse der Patient allerdings »in den Schmerz hinein« trainieren – also nicht gleich aufhören, wenn es beginnt wehzutun. »Dadurch wird die Kollateralbildung angeregt: Es entstehen neue Blutgefäße um die verstopfte Stelle herum, die die Durchblutung verbessern.« Auch nach einer Gefäßerweiterung mit sogenannten Stents hilft das Training, eine erneute Verengung zu vermeiden.

Bessere Blutwerte

Zahlreiche Studien zeigen: Sport kann die Blutzuckereinstellung bei Patienten mit Typ-2-Diabetes deutlich verbessern. Darüber hinaus trägt regelmäßiges Training auch dazu bei, den Blutdruck und die Blutfettwerte zu normalisieren. Übergewicht wird ebenfalls reduziert. All dies bewirkt, dass die Erkrankung langsamer voranschreitet und Komplikationen wie eine Nieren- oder Augenschädigung seltener und später auftreten.

Wie beim Bluthochdruck ist der Effekt der sportlichen Betätigung, der sich in Studien zeigte, durchaus vergleichbar mit dem eines Arzneimittels: Wer vier- bis fünfmal in der Woche 45 bis 60 Minuten Sport trieb, konnte den prognostisch wichtigen Langzeitblutzucker (HbA1c-Wert) um durchschnittlich 0,7 Prozentpunkte senken. Mehr leistet auch ein Antidiabetikum in der Regel nicht. Dadurch kann der Arzt nach einigen Wochen die Medikamentendosis reduzieren oder einzelne Arzneistoffe weglassen. Patienten, die Insulin spritzten, benötigten in Studien knapp 50 Prozent weniger Insulin als zuvor.

Sportärzte empfehlen Diabetikern heute eine Kombination aus moderatem Ausdauersport – etwa Gehen, Walking oder Radfahren – mit einem Kräftigungstraining großer Muskelgruppen. Wie Untersuchungen der letzten Jahre ergeben haben, verbessert die Muskelarbeit die Aufnahme der Blutglucose in die Zellen. Gleichzeitig steigt die Empfindlichkeit gegenüber Insulin. Beides trägt dazu bei, dass der Blutzuckerspiegel sinkt. Allerdings hält diese Wirkung nur etwa 48 Stunden an. Wer länger mit dem Sport aussetzt, riskiert erneute Blutzuckerkapriolen.

Sport mit Diabetes

  • Die initiale Belastungsintensität und -dauer (anfangs < 10 Minuten) sollten niedrig gehalten werden, dafür sollten sich die Patienten an möglichst vielen Tagen der Woche (optimal täglich) bewegen, bevorzugt kurze Einheiten mehrmals am Tag
  • Die Belastungsdauer und -intensität sollte über Wochen langsam gesteigert werden.
  • Zur Erzielung der gewünschten Langzeiteffekte werden Belastungsintervalle von mehr als 30 Minuten, optimal sechs bis sieben Mal pro Woche benötigt.
  • Auch durch Steigerung der Alltagsaktivität lassen sich positive Effekte erzielen.

Bei bereits vorhandenen Folge­schäden:

  • Bei fortschreitender Retinopathie ist ein Blutdruckanstieg über 180 bis 200/100 mmHg zu vermeiden.
  • Patienten mit einer Retinopathie sollten weder Kraft-, noch Kampfsport betreiben.
  • Nach einer Laser-Operation der Netzhaut oder einer Augenoperation sollten sich Patienten sechs Wochen lang nicht körperlich belasten.
  • Bei peripherer diabetischer Neuropathie ist besonders auf die Wahl des passenden Schuhwerks zu achten. Sonst steigt die Gefahr, ein diabetisches Fußsyndrom zu entwickeln.
  • Bei bestehender autonomer Neuropathie muss der Arzt eine Störung der Blutdruck- und Herz­frequenz-Regulation beachten.

Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)

Damit gesundheitliche Effekte auch wirklich eintreten, müsse die Intensität des Trainings nach und nach gesteigert werden, sagt Halle, der selbst an der Durchführung und Auswertung einer Studie beteiligt war. Eine zu hohe Belastung führe dagegen zur Ausschüttung von Stresshormonen, die den Blutzuckerspiegel in die Höhe treiben. PTA und Apotheker sollten außerdem wissen, dass vor allem Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid bei körperlicher Anstrengung leicht zu einer Unterzuckerung führen können. Patienten, die Antidiabetika aus dieser Wirkstoffgruppe einnehmen, rät Halle vor Beginn des Trainings deshalb meist zu einer Therapieumstellung.

Aktiv gegen den Krebs

Tumorpatienten profitieren gleich in mehrfacher Hinsicht von Sport. Zum einen reduziert er nachweislich die starke Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue), die oft während der Chemotherapie auftritt. Auch die seelische Verfassung, die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität verbessern sich. Darüber hinaus senkt körperliche Aktivität nach einer Krebserkrankung die Rückfallgefahr und erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine dauerhafte Heilung. Besonders gut erforscht ist das für Brust-, Darm- und Prostatakrebs. Selbst bei nicht heilbaren Krebsformen kann Sport die Überlebenszeit deutlich verlängern.

Entscheidend für einen gesundheitsfördernden Effekt des Trainings ist, dass eine gewisse Reizschwelle überschritten wird, erklärt Halle. Der Patient solle die Aktivität durchaus als etwas anstrengend empfinden. Als Beispiel nennt er »vier Stunden zügiges Spazierengehen pro Woche, am besten verteilt auf drei oder vier Tage«. Je nach körperlicher Verfassung und den persönlichen Vorlieben kommen aber auch andere Sportarten infrage, etwa Bergwandern, Radfahren oder Schwimmen. Damit sollten Krebspatienten schon an den behandlungsfreien Tagen während der Chemotherapie beginnen – sofern der Arzt sein Okay dafür gibt. Einschränkungen können beispielsweise bestehen bei extrem schlechten Blutwerten oder einer Behandlung mit Medikamenten, die die Herzfunktion beeinträchtigen.

Luft für Lungenkranke

Aus Angst vor Atemnot vermeiden Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung oft jede Anstrengung. Dadurch bauen Herz-Kreislauf-System und Muskulatur immer weiter ab. Verstärkt wird das unter Umständen durch Nebenwirkungen der Medikamente wie Glucocorticoide. Insbesondere bei der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) ist körperliches Training jedoch enorm wichtig, um eine Verschlechterung aufzuhalten, unterstreicht Halle. »Der Sauerstofftransport und die Atemeffizienz werden verbessert, die Sauerstoffausschöpfung in den Muskeln steigt.« Wie kontrollierte Studien zeigen, sinkt die Zahl der Krankenhaustage durch sportliche Aktivität erheblich. Das gilt selbst für Patienten mit einer schweren COPD, die auf eine Lungentransplantation warten.

Bei COPD empfiehlt Halle allerdings kein moderates Ausdauertraining, sondern ein intensiveres Training mit Intervallcharakter, beispielsweise 30 Sekunden Anstrengung gefolgt von einer längeren Erholungspause. Auch der positive Effekt von Krafttraining ist gut untersucht. Zuvor sollte der Patient – wie bei allen chronischen Erkrankungen – ärztlichen Rat einholen (lesen Sie zum Thema Lungensport auch den Beitrag Lungensport: Training für die Atemwege). /

Links

Herz-, Lungen-, Diabetes- oder Krebssportgruppen in einer bestimmten Region findet man unter: