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Sucht

Sport darf nicht alles beherrschen

Barbara Erbe
18.07.2016  11:24 Uhr

Von Barbara Erbe / Keine Frage: Sport ist gut für Körper und Seele, und viele Menschen bewegen sich zu wenig. Eine Minderheit aber konzentriert sich so sehr auf ihr Training, dass alles andere unwichtig wird: Freunde, Arbeit, Hobbys und auch die Bedürfnisse des eigenen Körpers kommen zu kurz. Die Sportsüchtigen profitieren von einer Verhaltenstherapie.

Mindestens zweieinhalb Stunden Bewegung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO Erwachsenen pro Woche. Viele Sportsüchtige absolvieren dieses Pensum tagtäglich. Doch es ist nicht in erster Linie der Umfang ihrer Aktivität, der ihre Sucht ausmacht, erklärt Professor Dr. Oliver Stoll, der den Arbeitsbereich Sportpsychologie, Sportpädagogik und Sportsoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg leitet. »Es ist ihre innere Haltung dazu.« Schließlich trainieren Berufs- und Leistungssportler mindestens genau so viel. »Aber sie arbeiten auf ein Ziel hin, variieren die Intensität ihres Trainings und planen auch Entlastungsphasen ein.« Sportsüchtige dagegen kennen keine Erholung, sie geben immer alles. Erschöpfungssignale blenden sie aus und trainieren häufig bis zum Umfallen. »Der Körper wird letztlich zum Gegner, den es zu überwinden gilt.«

Risiken für die Gesundheit

Sport-Junkies muten sich mit der Zeit immer härtere Trainingseinheiten zu. Sie werden nervös, gereizt und aggressiv, wenn es mal nicht klappt. Süchtig nach Sport zu sein, das bedeutet, »dass der Sport mich beherrscht, nicht ich den Sport«, fasst Professor Dr. Jens Kleinert vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln zusammen. Ein Sportsüchtiger brauche den Sport, um sich wohl zu fühlen, alternative Möglichkeiten sehe er nicht. Die beherrschende Stellung des Trainings im Alltag führt nach und nach dazu, dass Betroffene ihren Beruf und ihr soziales Umfeld vernachlässigen: Sie kommen zu spät zur Arbeit oder fehlen häufig, ziehen sich aus Partnerschaft, Familie und Bekanntenkreis zurück, weil der Sport immer vorgeht. Sie missachten dabei sogar Signale ihres eigenen Körpers.

Der Sportwissenschaftler Dr. Heiko Ziemainz hat an der 2013 von den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Halle-Wittenberg veröffentlichten Studie »Die Gefährdung zur Sportsucht in Ausdauersportarten« mitgewirkt. Er berichtet: »Ich habe mit Betroffenen gesprochen, die trotz blutiger Fersen immer weiter gelaufen sind. Andere trainierten trotz Erkältung oder Infektion unerbittlich und nahmen dabei entzündliche Herzmuskelerkrankungen oder sogar einen Infarkt in Kauf.« Selbst wenn es so schlimm nicht kommt: Wer es mit dem Training übertreibt, riskiert Schäden und Verschleiß an Bändern, Sehnen, Knochen und Gelenken und schwächt durch die Dauerüberlastung sein Immunsystem. Kauft also beispielsweise ein junger Erwachsener häufig Schmerzmittel in der Apotheke, um besser Sport treiben zu können, oder holt er sich Bandagen für das Training, obwohl er bereits humpelt, »dann kann die PTA ruhig nachfragen, warum der Kunde das tut oder ob er sich nicht auch vorstellen könnte, sich einmal einige Tage nicht sportlich zu betätigen«, so Ziemainz.

Gefahr für junge Sportler

Von den insgesamt 1089 in der Studie untersuchten Ausdauersportlern (Triathleten, Läufer, Radsportler) bezeichneten die Wissenschaftler 4,5 Prozent als sportsuchtgefährdet; ungefähr 1 Prozent war sportsüchtig, das heißt, das Trainingsverhalten der Betroffenen dominierte ihr gesamtes Leben dermaßen, dass sie keine Kon­trolle mehr darüber hatten. »Jüngere Sportler und Triathleten sind eher gefährdet als der Durchschnitt«, berichtet Ziemainz. »Die höchsten Gefährdungswerte weisen aber Sportler auf, die schon jahrelang trainieren.«

Unter denjenigen, die auf das körperliche Training an sich fixiert sind – Fachleute sprechen von primärer Sportsucht –, sind Männer und Frauen gleichermaßen vertreten. Der größere Teil der Betroffenen leide aber unter einer sekundären Sportsucht, erklärt Sportpsychologe Kleinert. »Das sind diejenigen, die sich in einem ständigen Kampf um den idealen Körper befinden, vor allem Menschen mit Essstörungen, aber auch Bodybuilder.« Unter denjenigen mit Essstörungen sind die Frauen eindeutig in der Mehrheit: »Ungefähr jede dritte Magersüchtige ist auch sportsüchtig.«

Während das Training bei der sekundären Sportsucht nur Mittel zum Zweck ist – zum Beispiel eine vermeintlich schönere Körperform zu erreichen –, ist es bei der selteneren primären Sportsucht tatsächlich die körperliche Betätigung selbst, die das Suchtverhalten auslöst. Vor einigen Jahren stellten Wissenschaftler die These auf, dass aufgrund der Anstrengung ausgeschüttete körpereigene Opiate für die Entstehung der Sucht mit verantwortlich seien. Vor allem Endorphinen wird eine schmerzregulierende und euphorisierende Wirkung zugeschrieben. Allerdings gibt es verschiedene Argumente, die gegen diese Hypothese sprechen. So hat der Sportpsychologe Stoll nachgewiesen, dass nicht nur körperliche Anstrengung, sondern auch Entspannungstraining zu einer Erhöhung der Endorphin-Werte im Blut führt – die Glückshormone seien demnach nicht für die Sucht verantwortlich. Auch war eine vermehrte Ausschüttung von Endorphinen durch Sport nicht in allen Studien nachweisbar. Stoll vermutet eher, dass die Ablenkung von Alltagsproblemen bei der Entwicklung der Sportsucht eine Rolle spielt. Bei starker körperlicher Anstrengung konzentrieren sich die Sportler ganz auf das Hier und Jetzt. Ihr Körper hemmt dabei die Tätigkeit des präfrontalen Cortex und damit den Teil der Großhirnrinde, in dem mentale Prozesse wie Nachdenken oder Planen stattfinden.

Schwierige Ereignisse

Entsprechend fanden die Wissenschaftler um Stoll heraus, »dass bei Sportsüchtigen vor allem psychische Faktoren eine wichtige Rolle spielten«. Viele Betroffene hatten kritische Lebensereignisse wie den Tod eines geliebten Menschen, längere Arbeitslosigkeit oder den Bruch einer wichtigen Beziehung zu verkraften. Andere neigten zu starkem Perfektionismus oder litten unter Minderwertigkeitskomplexen, die sie mit extremen sportlichen Leistungen ausgleichen wollten. Die Sportwissenschaftlerin Melanie Schipfer aus Bad Mergentheim, die über Sportbindung und Sportsucht im Ausdauersport ihre Dissertation geschrieben hat, untersucht zudem die Frage, ob es sich bei der Sportsucht überhaupt um eine Sucht oder nicht vielmehr um eine Impulskontrollstörung handelt.

Wo genau der Punkt liegt, an dem die Begeisterung für einen Sport zur Sucht kippt, ist oft schwer zu sagen, zumal das Sporttreiben allgemein und auch berechtigt ein positives und gesundes Image hat. Die Gefahr ist deshalb groß, dass Betroffene und auch ihr Umfeld das Suchtverhalten lange Zeit nur als ein leidenschaftlich betriebenes Hobby wahrnehmen. Umso wichtiger ist es, sich selbst – oder Menschen im Umfeld – zu fragen: Mache ich Sport, weil er mir gut tut und Freude bereitet, oder weil ich innerlich muss? Wie leicht fällt es mir, auf mein Sportprogramm zu verzichten, wenn ich gesundheitlich angeschlagen bin oder einen wichtigen Termin habe, zum Beispiel mit einem Freund oder auch beruflich? Brauche ich eine bestimmte Dosis Bewegung, um mich überhaupt gut zu fühlen? Was macht mich abgesehen vom Sport noch zufrieden im Leben? Mache ich meinen Sport am liebsten alleine, oder freut es mich auch, ihn gemeinsam mit anderen zu betreiben – auch wenn sie anders trainieren als ich?

Gute Aussichten

»Sich einzugestehen, dass das eigene Leben vom Sport dermaßen dominiert wird, ist nicht einfach«, sagt Sportpsychologe Kleinert. »Aber die meisten Betroffenen merken durchaus, dass etwas nicht stimmt, und empfinden zunehmend Leidensdruck.« Der übermäßigen Dominanz des Sports über das gesamte Leben können Betroffene aber oft nicht aus eigener Kraft entfliehen. »Wenn sie sich in psychologische, psychotherapeutische oder sportpsychiatrische Behandlung begeben, sind die Chancen sehr gut, darüber hinwegzukommen – vor allem mithilfe der kognitiven Verhaltenstherapie«, so Kleinert. Als erste Ansprechpartner eignen sich der Hausarzt oder Fachärzte. Hilfe gibt es auch bei der Initiative »MentalGestärkt« der Deutschen Sporthochschule Köln (mentalgestaerkt.apps-1and1.net/ oder www.dshs-koeln.de).

Die gute Nachricht: Im Gegensatz zu Alkohol oder Drogen ist Sport nach einer Sucht nicht lebenslang tabu. Ziel der Therapie ist es, die Kontrolle zurückzugewinnen und mithilfe eines gemäßig­ten Trainings ein gesundes Gleichgewicht von Leistung und Erholung zu finden. /