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Amputation

Sport mit Handicap

18.07.2016  11:24 Uhr

Von Carina Steyer / Nach der Amputation eines Beines oder Unterschenkels befürchten viele Betroffene, künftig ganz auf Sport verzichten zu müssen. Doch dank der modernen Prothesentechnik stoßen die Betroffenen nach einer Amputation sportlich kaum noch an Grenzen.

Schätzungen zufolge werden in Deutschland in jedem Jahr rund 60 000 Amputationen durchgeführt, ein Großteil davon betrifft die Beine. Eine Statistik gibt es nicht, denn die Zahl der Amputationen wird nicht bundesweit erfasst. Die häufigsten Gründe für eine komplette oder teilweise Amputation eines Beines sind Schädigungen durch Diabetes mellitus oder die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK). Aber etwa 10 Prozent aller Amputationen entfallen auf Tumoren, Infektionen, angeborene Fehlbildungen oder schwere Verletzungen. Gerade junge, aktive Menschen, die ein Bein verloren haben, wollen möglichst schnell ihr gewohntes Leben weiterführen. Viele Betroffene ängstigt auch die Vorstellung, nie wieder sportlich aktiv sein zu können.

Der Heilungsprozess und die Umstellung auf das neue Körpergefühl nach der Operation benötigen Zeit, die von den Betroffenen viel Geduld erfordert. Bis der Wiedereinstieg in den Sport möglich ist, dauert es in der Regel mehrere Monate. Nach der Amputation steht zunächst die Schmerztherapie im Vordergrund, die nicht nur akute Schmerzen lindern, sondern auch Phantomschmerzen vorbeugen muss. Die Wundheilung ist meist nach zwei bis drei Wochen abgeschlossen. Dann beginnen Ärzte zusammen mit Orthopädietechnikern damit, die Weichteile des Stumpfes zu formen. Kompressionsstrümpfe sollen den Stumpf so auf die spätere Prothese vorbereiten, Schwellungen reduzieren, Ödemen vorbeugen und die Narbenbildung verbessern.

Aufgrund von Volumenschwankungen dauert es etwa ein halbes Jahr, bis die endgültige Form des Stumpfes feststeht. Solange tragen die Betroffenen eine Interimsprothese, die laufend angepasst wird. In dieser Phase werden auch einzelne Prothesenbauteile getestet und individuell auf den Träger abgestimmt. Nachdem die endgültige Prothese angepasst wurde, dauert es oft noch mal einige Zeit, bis sie den ganzen Tag getragen werden kann. Spezielle Schulungen helfen dabei, den Umgang und das Gehen mit der Prothese zu erlernen und schwierige Situationen wie Treppensteigen oder unebene Böden zu meistern.

Nach einiger Zeit kommt für viele Betroffene der Punkt, an dem sie wieder mit Sport beginnen möchten. Welche Sportarten infrage kommen, hängt zunächst von der Amputationshöhe ab. Ärzte unterscheiden hierbei Amputationen und Exartikulationen: Während bei der Amputation auf Knochenhöhe geschnitten wird, erfolgt die Abtrennung bei der Exartikulation in einem Gelenk. Amputationen werden auf Unter- oder Oberschenkelhöhe, Exartikulationen im Knie- oder Hüftgelenk durchgeführt.

Unterschenkelamputierte haben meist die besten Voraussetzungen für eine gute Beweglichkeit. Der Erhalt des Kniegelenks erleichtert die Mobilität und ermöglicht selbst bei doppelseitiger Amputation das Stehen und Fortbewegen auf gebeugten Kniegelenken ohne Prothesen. Obwohl Oberschenkelamputationen inzwischen ebenfalls gut prothetisch versorgt werden können, erreichen Unterschenkelamputierte höhere sportliche Leistungen. Der Stumpf ist nach einer Knieexartikulation voll belastbar. Wann immer es möglich ist, versuchen Mediziner, eine Knieexartikulation statt einer Oberschenkelamputation durchzuführen.

Wenn der Oberschenkel nicht erhalten werden kann, führen die Ärzte eine Hüftexartikulation durch, bei der manchmal auch Teile des Beckens entfernt werden müssen. Diese Form der Amputation zieht die größten Einschränkungen nach sich. Damit die Prothese hält, benötigen die Betroffenen einen Beckenkorb zum Stützen. Mit Gehstützen können später meist kürzere Wegstrecken zu Fuß bewältigt werden, in vielen Situationen ist jedoch ein Rollstuhl notwendig.

Sport im Rollstuhl

Die größten Einschränkungen im Sport haben Betroffene mit hohen Amputationen. Sie müssen meist auf den Rollstuhlsport ausweichen. Sitzball und Sitzvolleyball sind beispielsweise Mannschaftssportarten, die ganz ohne Prothesen auskommen. Beide Spiele ähneln sich und folgen den allgemeinen Volleyballregeln. Abweichungen gibt es bei der Feldgröße und Netzhöhe. Beim Sitzball darf der Ball außerdem den Boden berühren. Die Spieler müssen ständig in Bewegung sein, sodass das Spiel sehr schnell wird. Das Gleiche gilt auch für den Amputierten-Fußball. Eine Amputation im Beinbereich ist notwendige Voraussetzung, um als Feldspieler mitzuspielen. Zwei Beine hat allerdings der Torwart, aber nur einen Arm. Er spielt auf Unterarmgehstützen und darf den Ball nur mit dem Bein berühren.

Eine Sportart, die ebenfalls nach hohen Amputationen empfohlen wird, ist Schwimmen. Eine Prothese ist dabei für Hobbyschwimmer nicht notwendig. Lediglich die Schwimmbewegungen müssen an die neue Situation angepasst werden. Die normale Beinschwimmbewegung ist mit einem Bein nur wenig effektiv und wird durch den Kraulbeinschlag ersetzt. Die Armbewegung dagegen bleibt wie beim Brustschwimmen.

Hightech-Prothesen

Je nach Intensität der ausgeübten Sportart, können Alltagsprothesen schnell an ihre Grenzen stoßen, sodass eine spezielle Sportprothese notwendig ist. Während Sportprothesen früher vor allem für den Leistungssport entwickelt wurden, gibt es sie heute auch in großer Auswahl für den Breitensport und begeisterte Hobbysportler. Sportprothesen sind stabil, kompakt, leicht und haben häufig kaum noch Ähnlichkeit mit einem menschlichen Bein.

Im allgemeinen Aufbau sind alle Prothesen gleich: Sie bestehen aus dem Schaft sowie den Prothesenpassteilen mit Gelenken, Fuß und Verbindungsteilen. Der Schaft wird heute aus Glasfaser und Carbon gefertigt und individuell an den Träger angepasst. So wird sichergestellt, dass die Druckverteilung im Schaft ausgeglichen ist und keine Druckstellen auftreten.

Spezielle Laufprothesen bestehen aus einem Carbonfaserfuß, der eine federnde Abstoßbewegung ermöglicht und Energie speichert, sodass der Läufer weniger Kraft aufwenden muss. Nordic Walking, Joggen oder Sprinten? Für jede Laufdisziplin gibt es eine passende Federstärke. Auch die Sohlen sind individuell wählbar. Einige sind optimal für die Laufbahn, andere für unebene Naturstrecken oder Sand.

Eishockeyspieler, Ski- und Snowboardfahrer benötigen Prothesen, die ihre Bewegungen abfedern. Eishockey-Prothesen werden zusätzlich mit einer speziellen Stoßdämpfung versehen, die das Abstoßen vom Eis abschwächen und Verletzungen am Stumpf verhindern soll. Ski- oder Snowboardprothesen dämpfen die Bewegungen und sorgen zusätzlich für eine enge Verbindung mit dem Ski oder Snowboard.

Eine besondere Herausforderung an das Material stellen Schwimmprothesen. Sie müssen korrosionsbeständig sein und das nach Möglichkeit nicht nur in Süß-, sondern auch in Salzwasser. Manche Betroffene empfinden Schwimmbadbesuche als unangenehm und bevorzugen Schwimmprothesen, die sich optisch kaum von ihrem Bein unterscheiden, aber die Ausstattung einer Sportprothese haben. Auch hierfür gibt es inzwischen gute Lösungen. Sogar Tauchen ist mit Prothesen möglich. An speziellen Tauchprothesen werden statt eines Fußes Schwimmflossen befestigt. /

ABDA fördert Behindertensport

Sport ist ein wichtiger Faktor zur Gesunderhaltung und Verbesserung des Gesundheitszustandes. Seit 2008 ist die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände daher ein Co-Förderer des Deutschen Behindertensportverbandes. Das rote Apotheken-A war bereits bei vielen nationalen und internationalen Wettkämpfen und anderen Veranstaltungen präsent, etwa bei den Sommer-Paralympics 2008 in Peking (China), bei den paralympischen Winterspielen 2010 in Vancouver (Kanada) und bei den Sommer-Paralympics 2012 in London (Großbritannien).

Hilfreiche Links

Deutscher Behinderten­sportverband: www.dbs-npc.de

Paralympics 2016: www.deutsche-paralympische-mannschaft.de

www.amputierten-fussball.de

www.nationalmannschaft- sitzvolleyball.de