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Chronisch venöse Insuffizienz

Schwachen Venen Beine machen

Müde, schwere Beine und geschwollene Knöchel am Abend machen gerade im Sommer vielen Menschen zu schaffen. Die Beschwerden sind typische Anzeichen einer chronischen Venenschwäche (chronisch venöse Insuffizienz, CVI). 
Kornelija Franzen
14.07.2017  12:09 Uhr

Arterien und Venen arbeiten Hand in Hand: Im großen Blutkreislauf ver­sorgen Arterien Körperzellen mit Sauer­stoff, während Venen verbrauchtes, Kohlendioxid-reiches Blut zum Herzen zurückleiten. Eine besondere Herausforderung ist der Rückstrom aus den Füßen und Beinen zum Herzen, denn hierbei muss das Blut von unten nach oben, also entgegen der Schwerkraft, transportiert werden – keine leichte Aufgabe.

Die Venen sind dabei hauptsächlich auf die Aktivität der sogenannten Skelettmuskelpumpe durch Bewegung angewiesen: Bei jeder Muskel­kontraktion werden anliegende venöse Gefäße zusammengedrückt und das Blut vorangepresst. Folglich sind die Venenwände vergleichsweise dünn und enthalten, anders als Arte­rien, kaum glatte Muskelzellen. Vielmehr sind sie reich an elastischen Fasern­ und somit äußerst dehn- und verformbar. Um ein Zurückfließen des Bluts in die Beine und Füße zu ver­hindern, besitzen Venen taschenartige Klappen. Diese gleichen Rückschlagventilen und sorgen getreu der Devise »vorwärts immer, rückwärts nimmer« für einen streng herzwärts gerichteten Blutstrom.

In Ruhe, also beim Sitzen oder Stehen­, entsteht durch die Pump­leistung des Herzens und die Atemfunktion der Lunge eine schwache Sogwirkung, die den kontinuierlichen Blutfluss sicherstellt. Dieser Rückfluss in Ruhe funktioniert allerdings lediglich für einen kurzen Zeitraum und ersetzt keinesfalls die Leistung der Skelettmuskelpumpe.

Risikofaktoren

Nicht nur Bewegungsmangel, auch eine verminderte Venenelastizität schadet der Venenfunktion langfristig. Grund für die schlechte Elastizität ist eine angeborene oder durch Schwangerschaft erworbene Bindegewebsschwäche, die dazu führt, dass die Venen regelrecht ausleiern. Dadurch können die Taschenklappen nicht mehr richtig schließen und das Blut sackt nach unten. Frauen besitzen ein eher locker angeordnetes Bindegewebe und erkranken damit häufiger an einer CVI als Männer.

Tipps für gesunde Venen

  • Viel bewegen und Sport treiben (Radfahren, Schwimmen, Walken, spez. Venengymnastik)
  • Langes Stehen und Sitzen vermeiden
  • Beine mehrmals täglich hochlegen (über Herzhöhe)
  • Übergewicht reduzieren
  • Mit dem Rauchen aufhören
  • Übermäßigen Kaffee- und Alkoholkonsum einschränken
  • Hitze (Sauna, Solarium, langes Sonnenbaden, heiße Vollbäder) meiden
  • Beine kühlen (Wechselduschen, kalte Güsse, Kneipp)
  • Ausreichend trinken

Weitere Risikofaktoren sind Über­gewicht, höheres Lebensalter, Rauchen sowie übermäßiger Alkohol- und Kaffee­konsum. Auch Hitze setzt dem Venensystem zu, denn unter dem Einfluss von Wärme weiten sich die Gefäße­. Das ist insbesondere bei einer bereits bestehenden Venenschwäche problematisch. Sauna, Solarium und ausgiebiges Sonnenbaden gilt es dann unbedingt zu meiden. Hilfreich sind dagegen kalte Güsse und Kneipp’sches Wassertreten.

Darüber hinaus kann sich eine Venen­insuffizienz auch sekundär als Folge einer tiefen Beinvenenthrombose entwickeln. Das Blut kann dann nur noch eingeschränkt über die tiefen Beinvenen abfließen. Es wird statt­dessen mithilfe des oberflächlichen Venen­systems zurück zum Herzen transportiert. Dieser Volumenanstieg geht nicht spurlos an den venösen Gefäßen­ vorbei: sie überdehnen und werden insuffizient.

Harmlos oder gefährlich

Oberflächliche Krampfadern (Varizen), auch Besenreiser genannt, sind sichtbar gewordene Kapillargefäße. Obgleich meist harmlos, können Besenreiser auch ein Indika­tor für eine beginnende Venen­insuffizienz sein. Sie entstehen, wenn der venöse Rückstrom immer wieder ins Stocken gerät und sich das Blut in den feinen Gefäßen staut. Dem sich bildenden Überdruck können die Kapillar­wände schließlich nicht mehr standhalten und weiten sich dauerhaft.

Pathologisch sind knotig verdickte, bläulich schimmernde Varizen. Sie sind charakterisiert durch einen stark vergrößerten Gefäßdurchmesser und einen Funktionsverlust der Taschenklappen. Die Mikrozirkulation ist verlangsamt, dadurch steigt die Thrombosegefahr deutlich an. Außerdem werden Entzündungsprozesse in Gang gesetzt, die die Venenwände schädigen und zunehmend durch­lässiger machen. Flüssigkeit, zelluläre Bestandteile und Proteine treten in das umliegende Gewebe aus und lassen Ödeme entstehen, die sich in Form von müden und schweren Beine bis hin zu schmerzhaften Spannungszuständen und Krämpfen bemerkbar machen. Die Haut in den betroffenen Arealen verändert sich zusehends. Sie wird trockener, weist Verhärtungen auf und erscheint durch die Abbauprodukte des ausgetretenen Hämoglobins bräunlich-gelb. Durch die mangelhafte Sauerstoff- und Nährstoffversorgung und den unzureichenden Abtransport giftiger Stoffwechselendprodukte wird das gesamte Gewebe immer stärker geschädigt. Den Endpunkt dieser Entwicklung kann eine tiefe, schlecht heilende Wunde markieren, besser bekannt als Ulcus cruris venosum, das offene Bein.

Bewegung hilft

Sport und Bewegung spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, das Venensystem gesund und fit zu halten. Besonders geeignet sind Radfahren, Schwimmen und Walken, ebenso spezielle­ Venengymnastik. Letztlich geht es bei sämtlichen Aktivitäten darum, die Wadenpumpe anzukurbeln und damit den venösen Rückstrom zu unterstützen. Einschnürende, enge Kleidung ist zu meiden, ebenso hohe Schuhe, die die Abrollbewegung der Füße einschränken. Patienten, die berufs­bedingt viel sitzen oder stehen müssen, sollten in den Pausen die Beine hoch legen, möglichst über Herzhöhe. Eine einfache und effektive Übung für zwischendurch ist die Fußwippe. Dabei werden, immer im Wechsel, zunächst die Zehen und anschließend die Fersen nach oben gehoben.

Kompression unterstützt

Das Beinvenensystem kann von außen durch das Tragen von Kompressionsstrümpfen unterstützt werden. Kompressionsstrümpfe bauen einen elastischen Druck auf, der im Knöchelbereich maximal ist und nach oben hin allmählich abnimmt. Je nach Druckstärke werden vier Kompressionsklassen unterschieden. Aber Vorsicht, bei Patienten mit arterieller Verschlusskrankheit, Hyper­tonie und koronaren Herz­erkrank­ungen ist das Tragen von Kompressionsstrümpfen kontraindiziert.

Spezielle Venentherapie

  • Kompressionstherapie
  • Therapie mit Phytopharmaka (Rosskastaniensamen, Rotes Weinlaub, Buchweizenkraut, Japanischer Schnurbaum)
  • verschiedene (minimal) invasive Methoden (Verödung, Laser­behandlung, Venenstripping)
  • Kurzfristige Einnahme von Diuretika zur Entwässerung
  • Therapie mit Antikoagulanzien bei Thrombosegefahr

Kompressionsstrümpfe sind allesamt verordnungsfähig, jedoch nicht ver­schreibungspflichtig. Ab einer Druck­stärke von 23 mmHg werden sie üblicherweise nur auf ärztliche Anordnung hin angemessen. Der Arzt kann nach ausführlicher Anamnese und mithilfe verschiedener diagnostischer Methoden (Infrarotmessung, Ultraschall) den Schweregrad der Erkrankung ermitteln und so eine optimale Therapie festlegen.

Im Rahmen der Selbstmedikation können PTA und Apotheker ihren Patien­ten Strümpfe der Kompressionsklasse I (bis maximal 21 mmHg) em­pfehlen (zum Beispiel Varilind® Travel, Job; Sigvaris® Well Being, Sports; Medi Travel® men, woman). Sie eignen sich besonders zur Entlastung der Gefäße auf Langstreckenreisen, während der Schwangerschaft oder bei Berufsgruppen, die einer überwiegend sitzenden oder stehenden Tätigkeit nachgehen. Immer öfter nutzen auch Hobbysportler eine milde Form der Kompressionstherapie, um den Trainingserfolg zu steigern oder die anschließende Regeneration zu verbessern. Ein zusätzlicher Hinweis für die Beratung: Patienten, die regelmäßig Kompressionsstrümpfe tragen, neigen an den Beinen zu einer trockenen Haut. Spezielle feuchtigkeitsspende und juckreizmildernde Hautpflegeprodukte (zum Beispiel Derma­sence® Adtop Creme, Belsana®Callusan) verschaffen Linderung.

Von innen stärken

Zahlreiche Studien belegen: Eine perorale Phytotherapie bessert signifikant typische Beschwerden einer nach­lassenden Venenfunktion, wie schwere, geschwollene und schmerzende Beine sowie nächtliche Wadenkrämpfe und Juckreiz. Orale Phytopharmaka sind eine wichtige Therapiesäule: Ihre Wirksamkeit scheint vergleichbar mit der der Kompressionstherapie. Zu den gut untersuchten Phytopharmaka zählen Extrakte aus Rosskastaniensamen mit Saponinen als wirksamen Inhaltsstoffen (zum Beispiel in Venoplant® retard­ S, Venostasin® retard) und rotem Weinlaub (zum Beispiel in Antistax® extra), bei dem Flavonoide vermutlich die Wirksamkeit bestimmen. Auch das halbsynthetische Flavonoid Oxerutin aus dem Japanischen Schnurbaum (zum Beispiel in Venoruton® Intens) ist gut untersucht. Traditionell angewendet wird außerdem Mäusedornwurzelstock-Extrakt (zum Beispiel Cefadyn®, Phlebodril®). Aufgrund ihrer gefäßabdichtenden und entzündungshemmenden Eigenschaften fasst man die Wirkstoffe unter dem Begriff Ödemprotektiva zusammen.

Wesentlich für den Therapieerfolg aller pflanzlichen Ödemprotektiva ist eine konsequente und langfristige Einnahme entsprechender Zubereitungen, denn die Wirkung setzt nicht unmittelbar, sondern erst nach mehrwöchiger Anwendung ein. Zur Therapie in Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine ausreichenden Daten vor. Von einer­ Einnahme sollten PTA und Apotheker in diesen Zeiträumen daher abraten­. Cave: Rosskastaniensamen-Trockenextrakt kann bei gleichzeitiger Einnahme die Wirkung gerinnungshemmender Arzneistoffe verstärken.

Topisch fragwürdig

Signifikante Effekte durch die topische Anwendung entsprechender Phytopharmaka (zum Beispiel Venostasin® Creme, Antistax® Venencreme, Frischegel) konnten in Untersuchungen bisher nicht bestätigt werden. Gleiches gilt für Heparin-haltige Externa. Allerdings empfinden Patienten das Ein­cremen und die damit verbundene Massage als wohltuend und subjektiv beschwerdelindernd. Die gefäßkontrahierende Wirkung kühlender Gele ist ein zusätzliches Plus und gerade jetzt in den warmen Sommermonaten eine gute Empfehlung. /