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Reye-Syndrom

Kennen Sie Reye?

11.10.2013  14:40 Uhr

Von Maria Pues / Vor genau 50 Jahren hat Ralph Kenneth Douglas Reye das nach ihm benannte Syndrom erstmalig beschrieben. Die molekularen Abläufe der Erkrankung sind bekannt, über seine Auslöser weiß man weniger.

Wer heute 50 Jahre alt ist, hat bei Fieber als Kind von seinen Eltern mit großer Sicherheit eine Aspirin®-Tablette bekommen – entweder eine Aspirin junior oder eine halbe Erwachsenen­tablette (mit unvergesslich-scheußlichem Geschmack), zerfallen gelassen auf einem Suppenlöffel in etwas Wasser, wenn gerade nichts anderes zur Hand war. Wer heute 50 Jahre alt ist, hat seinen eigenen Kindern mit noch größerer Sicherheit bei Fieber keine Arzneimittel mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) mehr gegeben. Der Grund ist eine Erkrankung, die vor ebenfalls 50 Jahren zum ersten Mal beschrieben wurde und sich seit rund 30 Jahren nicht nur wie in Deutschland in Form eines Warnhinweises (siehe Kasten weiter unten) in jedem Beipackzettel ASS-haltiger Arzneimittel findet: das Reye-Syndrom. Bei seinem breiteren Bekanntwerden schlug das Reye-Syndrom hohe Wellen, danach wurde es stiller. »Kinder dürfen kein Aspirin bekommen« ist seither die – nicht ganz korrekte – Schlussfolgerung. Wer oder was ist aber nun Reye?

Zunächst zum »Wer«: Reye, mit Vornamen Ralph Kenneth Douglas, war ein australischer Kinderarzt und Pathologe (1912–1977). Bei Organ­untersuchungen verstorbener Kinder fand er massive Krankheitszeichen, die zu keinem bekannten Krankheitsbild passen wollten: unter anderem eine massive Verfettung der Leber, aber auch anderer Gewebe, und eine krankhafte Veränderung des Gehirns. Als Gemeinsamkeit fiel ihm auf, dass die Kinder zuvor an einem fiebrigen Infekt gelitten und/oder ASS-haltige Arzneimittel bekommen hatten. Die Symptome beschrieb er 1963 als Erster in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift »The Lancet«. Der Symptomenkomplex (medizinisch: Syndrom) trägt seither seinen Namen: Reye-Syndrom. Etwa zur selben Zeit entdeckten auch US-amerikanische Forscher die rätselhaften Symptome.

Warnhinweis in der Packungsbeilage ASS-haltiger Arzneimittel

»Acetylsalicylsäure soll bei Kindern und Jugendlichen mit fieberhaften Erkrankungen nur auf ärztliche Anweisung und nur dann angewendet werden, wenn andere Maßnahmen nicht wirken. Sollte es bei diesen Erkrankungen zu lang anhaltendem Erbrechen kommen, so kann dies ein Zeichen des Reye-Syndroms, einer sehr seltenen, aber lebensbedrohlichen Krankheit sein, die unbedingt sofortiger ärztlicher Behandlung bedarf.«

Ein Reye-Syndrom tritt glücklicherweise extrem selten auf, kann aber zu schweren Folgeschäden bis hin zum Tod führen, wenn es nicht frühzeitig behandelt wird. Charakteristisch beginnt es etwa eine Woche nach Abklingen eines fieberhaften Infektes wie einer Grippe oder den Windpocken – zu einem Zeitpunkt also, an dem Eltern froh sind, dass es ihrem Kind wieder besser geht. Nach Tagen der Besserung beginnt das Kind plötzlich heftig zu erbrechen. Wenn Eltern dies nach Abklingen eines fieberhaften Infektes bemerken, sollten sie mit ihrem Kind sicherheitshalber einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen.

Die Transaminasen-Werte sowie der Wert für den Serum-Ammoniak-Gehalt im Blut steigen durch die massive Leberschädigung auf mindestens das Dreifache ihres Ausgangswertes an. Auch der INR-Wert (International Normalized Ratio) steigt und damit das Blutungsrisiko. Der Blutzucker fällt hingegen ab, da die geschädigte Leber nicht mehr in der Lage ist, Glykogen zu speichern und das Erbrechen eine Nahrungsaufnahme weitgehend verhindert. Kinder mit einem Reye-Syndrom wirken zuweilen zunächst ungewöhnlich abwesend, später hingegen unruhig und aggressiv. Die Muskeleigen­reflexe sind gesteigert, fehlen aber in späteren Krankheitsphasen als Zeichen einer Hirnschädigung. Gefürchtet ist im weiteren Verlauf die Entwicklung eines generalisierten Hirnödems, das zu bleibenden Schäden oder gar zum Tod führen kann (Stadieneinteilung siehe Tabelle).

Klinische Stadien des Reye-Syndroms

Stadium 0

Erbrechen, Transaminasenanstieg

Stadium I

heftiges Erbrechen, gelegentlich Lethargie

Stadium II

delirantes Bild mit motorischer Unruhe, Aggressivität, Desorientierung, Halluzinationen; vegetative Dysregulation; Muskeleigenreflexe gesteigert; klassischerweise dauert dieses Bild maximal ein bis zwei Tage

Stadium III

Koma, krankhafte Reflexe (Pyramidenbahnzeichen), beginnendes Papillenödem

Stadium IV

Dezerebration (Entkopplung des Hirnstammes), unregelmäßige Atmung, vestibuokulärer Reflex (ein Hirnstammreflex) verschwindet

Stadium V

allgemeine Muskelhypotonie, langsames Erlöschen der Hirnstammreflexe und der Muskel­eigenreflexe

Schäden in der Zelle

Was genau passiert bei einem Reye-Syndrom aber im Hintergrund? In den Zellen kommt es zu einer Schädigung der Mitochondrien, der »Energiefabriken« der Zellen. Diese wirkt sich naturgemäß in Geweben mit hoher Stoffwechselrate besonders stark aus. In der Folge kommt es unter anderem zu einer Übersäuerung (durch Beeinträchtigung der Pyruvatdehydrogenase und der Enzyme der Atmungskette), zu einer Anreicherung von Ammoniak (durch Beeinträchtigung der Carbamoylphosphat-Synthase) und zu einer Anreicherung von Fettsäuren (durch Ausfall der Beta-Oxidation).

Welches akute Ereignis den ersten Dominostein umwirft und die Kaskade in Gang setzt, ist bis heute weitgehend ein Rätsel. Verschiedene Kandidaten wurden im Laufe der Jahre diskutiert und untersucht: Viren und ihre Toxine, Wirkstoffe von Arzneimitteln wie Salicylate, Valproate oder Metoclopramid, Pflanzenschutzmittel wie Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) und anderes mehr. Einen oder mehrere Auslöser zweifelsfrei zu identifizieren, ist bis heute jedoch nicht gelungen. Dass manche Auslöser möglicherweise gemeinsam wirken, macht eine Untersuchung noch komplizierter. So geht einem Reye-Syndrom zumeist ein Virusinfekt voraus. Häufig sind dies Infektionen mit Influenza-A- oder -B-Viren. Es kommen aber auch Adeno-, Coxsackie, Zytomegalie-, Ebstein-Barr-, Herpes-, Varizella-, Masern-, Mumps- und Rötelnviren infrage. Insgesamt 19 Erreger werden als mögliche Auslöser verdächtigt.

Eine Beteiligung Fieber senkender Arzneistoffe wie verschiedene Salicylate wurde vielfach untersucht, nicht zuletzt, da ein zeitlicher Zusammenhang zu erkennen war. Die Datenlage ist aber auch hier bis heute wenig eindeutig. Es scheint sich zu bestätigen, was Namensgeber Reye schon nicht ausschließen mochte: dass es sich bei dem Syndrom mit seinem Namen nicht um ein umschriebenes Krankheitsbild handelt, sondern dass dem Symptomen­komplex mehrere verschiedene Pathomechanismen zugrunde liegen könnten.

Manche Autoren unterscheiden heute zwischen dem »echten« oder »klassischen« Reye-Syndrom und Erkrankungen, die zu einer Reye-ähnlichen Symptomatik führen können. Zu diesen gehören genetisch bedingte metabolische Störungen, die ein Entgleisen des Energiestoffwechsels der Zelle unter bestimmten Bedingungen erleichtern, beispielsweise angeborene Funktionsstörungen der Mitochondrien und Enzymdefekte der Beta-Oxidation oder im Harnstoffzyklus. Diese vor Jahrzehnten mangels Diagnostik unbekannten Dispositionen wurden dem Reye-Syndrom zugeordnet, wenn sie durch Entwicklung der Reye-charakteristischen Symptome auffällig wurden. Angaben zur Häufigkeit des Reye-Syndroms sind vor diesem Hintergrund schwer zu beurteilen. Sicher ist: Heute stellt das »echte« Reye-Syndrom ebenso eine Ausschluss- wie eine Ausnahmediagnose dar.

Weniger ASS, weniger Reye?

Dadurch dass die Zahl der Reye-Syndrom-Fälle seit den 1980-er-Jahren stetig zurückgegangen ist, fühlen sich die Befürworter der Salicylat-Hypothese bestätigt. Möglicherweise ist aber – zum Beispiel durch die Einführung verschiedener Impfungen – auch die Zahl der Infektionen und damit möglicher Reye-Auslöser gesunken. Die Erklärung, dass eine Veränderung in der Pathogenität von Erregern mit entsprechend veränderter Immunreaktion für einen begrenzten Zeitraum zu einem verstärkten Auftreten des Reye-Syndroms geführt haben könnte, wird von manchen Wissenschaftlern bevorzugt. Letztlich können aber auch weitere Substanzen, deren Gebrauch seit den 1980er-Jahren ebenfalls unüblich geworden ist, als Trigger nicht völlig ausgeschlossen werden. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
maria.pues(at)t-online.de