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Grippeimpfung

Nicht jedes Kind braucht sie

11.10.2013  14:11 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Mit dem Herbst beginnt wieder die Erkältungs- und Grippezeit. Damit ist auch das Thema Grippe­impfung wieder aktuell. Bereits im Sommer hat die ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut ihre Empfehlungen dazu aktualisiert. Für chronisch kranke Kinder bis sechs Jahre rät sie nun explizit zur Impfung per Nasenspray.

Eltern kennen das: Vor allem in der Kindergartenzeit sind die Kinder häufig krank – kein Schnupfen und kein Magen-Darm-Infekt wird »ausgelassen«. Die Abwehrkräfte funktionieren nicht gut, denn das Immunsystem ist in diesem Lebensalter noch nicht voll ausgereift. Durch die Erkältungen und Infektionen aber wird es trainiert.

So unangenehm die Infekte für Kind und Eltern sind, sie gehören zum gesunden Heranreifen dazu und verlaufen meist ohne schwerwiegende Komplikationen. Das gilt auch für eine Influenza. Deswegen ist eine Grippeschutzimpfung für normal entwickelte Kinder, die keine weitere Erkrankung haben, nicht erforderlich.

Anders sieht es aus bei Kindern mit einem Grundleiden. Denn eine Influenza geht bei gesundheitlich beeinträchtigten Kindern häufig mit Komplikationen einher, die im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohlich sein können. Ursache dieser Komplikationen ist meist eine Sekundärinfektion, denn Grippeviren schwächen das Immunsystem. Vor allem Bakterien wie Staphylokokken und Pneumokokken breiten sich nun leicht im ganzen Körper aus. Pneumokokken können eine Lungenentzündung, Hirnhautentzündung, Sepsis (Blutvergiftung) oder Mittelohrentzündung auslösen. Bei einer Infektion mit Staphylokokken ist neben einer Lungenentzündung und Sepsis vor allem eine Entzündung des Herzmuskels besonders gefürchtet.

Ein erhöhtes Komplikationsrisiko bei einer Grippe haben zum Beispiel Kinder mit einem Herzfehler, Asthma, Diabetes oder anderen Stoffwechselkrankheiten, angeborenen Immundefekten sowie einer HIV-Infektion. Die STIKO empfiehlt deswegen, diese Kinder ab einem Alter von sechs Monaten jährlich gegen die saisonale Influenza impfen zu lassen.

Im vergangenen Jahr wurde in Deutschland erstmals ein Grippe-Impfstoff für Kinder eingeführt, der als Nasenspray appliziert wird. Das Präparat mit dem Handelsnamen Fluenz® ist zur Influenza-Prophylaxe für Kinder und Jugendliche vom 2. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr zugelassen. In den USA gibt es schon seit 2003 einen nasal zu applizierenden Grippeimpfstoff.

Bei Fluenz® handelt es sich um einen trivalenten attenuierten Lebendimpfstoff. Die in ihrer Wirkung abgeschwächten Viren sind kälteadaptiert – sie können sich in einem kälteren Umfeld gut vermehren, in wärmeren Bereichen aber nur in geringem Ausmaß. Somit kommt es in der kälteren Region des Nasenrachenraums zur Vermehrung, in den oberen Atemwegen aber kaum. Die abgeschwächten Viren verursachen im Nasenrachenraum eine leichte Infektion und führen so anschließend zur Immunität. Somit entwickelt sich direkt an der Eintrittspforte der Influenzaviren ein starker Schutz, der sich über den gesamten Körper ausbreitet.

Nase statt Nadel

Eine Reihe kontrollierter Studien zeigte, dass der nasale Lebendimpfstoff sogar einen besseren Schutz bietet als injizierbare Grippe-Impfstoffe. Bei Kindern und Jugendlichen, die mit Fluenz® geimpft wurden, traten fast 50 Prozent weniger Grippeerkrankungen auf als unter Anwendung des herkömmlichen Totimpfstoffs. Ein weiterer Vorteil: Der nasale Lebendimpfstoff entfaltet schon wenige Tage nach der Impfung eine Schutzwirkung, während Grippe-Totimpfstoffe in der Regel bis zu zwei Wochen dafür brauchen.

In den Studien zeigte sich bei der Anwendung des nasalen Grippe-Impfstoffs aber auch, dass bei Kindern unter zwei Jahren vermehrt Atemprobleme nach der Impfung auftraten, vor allem Nebengeräusche beim Ausatmen (Giemen). Auch kam es bei den Kindern in dieser Altersgruppe aus unterschiedlichen Anlässen häufiger zu Krankenhauseinweisungen. Aus diesem Grund ist der Impfstoff erst ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr zugelassen. Ob die Impfung auch bei Erwachsenen ausreichend wirksam ist, darüber sind sich die Experten bisher nicht einig. In Europa besteht bisher nur eine Zulassung für die Impfung von Kindern und Jugendlichen.

Bessere Akzeptanz

Die nasale Applikation wird die Akzeptanz der jährlichen Influenza-Impfung bei Kindern und deren Eltern sicherlich steigern. Neben der höheren Wirksamkeit ist dies ein großer Vorteil. Das sieht auch die STIKO so. Sie empfiehlt, bei Kindern im Alter von zwei bis einschließlich sechs Jahren bevorzugt den nasalen Impfstoff anzuwenden.

Auch wenn die Grippe-Impfung gerade für chronisch kranke Kinder empfohlen wird, bestehen für Fluenz® Kontraindikationen, die auf einige dieser Kinder zutreffen. Da es sich um einen Lebendimpfstoff handelt, ist die Anwendung von Fluenz® bei schwerer Immunschwäche und während einer immunsuppressiven Behandlung zu vermeiden. Kontraindiziert ist der Impfstoff auch bei Kindern und Jugendlichen, die eine Salicylat-Therapie erhalten, da eine Impfung das Risiko für ein Reye-Syndrom erhöhen würde – eine seltene, aber gefährliche Erkrankung, die vor allem das Gehirn und die Leber betrifft (siehe auch PTA15/2013: Reye-Syndrom: Kennen Sie Reye?).

Bei Kindern und Jugendlichen mit schwerem Asthma oder akutem Giemen sollte der nasale Impfstoff nur mit besonderer Vorsicht angewendet werden.

Nach wie vor können Kinder auch die herkömmliche Grippeimpfung erhalten. Meist werden trivalente Totimpfstoffe eingesetzt. In diesem Jahr neu hinzugekommen ist der tetravalente Totimpfstoff Influsplit® Tetra. Er ist für Kinder ab drei Jahren zugelassen.

Die Impfungen erfolgen bei Babys und Kleinkindern meist in den Oberschenkelmuskel, bei Schulkindern und Jugendlichen in den Oberarm.

Halbe Dosis

Kinder im Alter von sechs Monaten bis zum Ende des dritten Lebensjahres erhalten in der Regel die halbe Erwachsenendosis. Ab dem Alter von drei Jahren ist dann die volle Erwachsenendosis indiziert. Kinder, die zuvor noch nicht geimpft worden sind, sollten nach einem Zeitraum von mindestens vier Wochen eine zweite Impfdosis erhalten. Später reicht eine Impfung pro Jahr aus. Achtung: Einige Impfstoffe sind nicht für Säuglinge und Kleinkinder zugelassen beziehungsweise sind anders zu dosieren – es ist immer die jeweilige Fach information zu beachten.

Jedes Jahr neu

Fazit: Gesunde Kinder brauchen keine Grippeimpfung. Dagegen sollten chronisch kranke Kinder jedes Jahr gegen die saisonale Influenza geimpft werden, da eine Grippe bei ihnen häufig mit schweren Komplikationen einhergeht. Für Kinder von zwei bis sechs Jahren rät die STIKO – sofern keine Kontraindikationen vorliegen – zu dem nasal zu applizierenden Lebendimpfstoff. Grundsätzlich besteht aber die weiterhin die Wahl zwischen Nasenspray und Injektion eines Totimpfstoffs. /

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