PTA-Forum online
Pseudokrupp

Notfall im Kinderzimmer

11.10.2013  14:08 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Eltern sind in großer Sorge, wenn ihre Kinder plötzlich an starker Atemnot und Hustenanfällen l­eiden. Bei Pseudokrupp verengen sich die oberen Atemwege ­ infolge einer viralen Infektion. PTA und Apotheker können be­troffenen Eltern in der Beratung viel Angst nehmen: Die teils schweren Symptome lassen sich mit den richtigen Arzneimitteln schnell lindern.

Mitten in der Nacht schreckt die fünfjährige Lisa aus ihrem Schlaf auf. Bereits am Tag zuvor hatte sie sich nicht gut gefühlt und über Kopf- und Gliederschmerzen geklagt. Ihre Körpertemperatur war leicht erhöht. »Wahrscheinlich ein grippaler Infekt«, denken die Eltern ohne allzu große Sorge. Doch plötzlich verschlimmern sich die Symptome. Lisa beginnt, »bellend« zu husten, und bekommt kaum noch Luft. Die Eltern verständigen sofort den Notarzt. Er diagnostiziert einen Pseudokrupp-Anfall, medizinisch auch Laryngitis subglottica genannt.

Viren und Bakterien

Das Krankheitsbild unterscheidet sich grundlegend von anderen Leiden. Bei einer Bronchitis entzündet sich die Bronchialschleimhaut durch Viren, seltener durch Bakterien oder Pilze. Es kommt anfangs zu trockenem Husten. Im Verlauf der Krankheit reagiert der Körper mit übermäßiger Schleimproduktion, dem produktiven Husten.

Beim Pseudokrupp führen Adeno-, Influenza-, Parainfluenza-, respiratorische Synzytial- oder Rhinoviren zu einer Entzündung des Kehlkopfes (Larynx) unterhalb der Stimmritze. Das Berliner Robert-Koch-Institut hat im Rahmen seiner Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS herausgefunden, dass Jungen mit 8,4 Prozent deutlich häufiger erkranken als Mädchen mit 4,6 Prozent. In der Regel trifft die Krankheit Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und sechs Jahren: Dies hängt mit der Geometrie der kindlichen Atem­wege zusammen. Ödeme mit etwa 1 Millimeter Durchmesser erhöhen den Atemwiderstand bei Erwachsenen laut einer Computersimulation um den Faktor 3, bei Kindern hingegen um den Faktor 16. Jugendliche oder Erwachsene sind vor Entzündungen im Bereich des Kehlkopfes zwar nicht gefeit, es kommt aber nur zu Schmerzen, Heiserkeit und einem Fremdkörpergefühl. Atemnot tritt in der Regel nicht auf.

Neben dem Pseudokrupp sind weitere entzündliche Erkrankungen des Kehlkopfbereichs bekannt. Beim »echten Krupp« infizieren sich Patienten mit dem Diphtherie-Auslöser Corynebacterium diphtheriae. In Europa ist diese Erkrankung aufgrund flächendeckender Impfungen selten geworden. Bakterien wie Streptococcus pneumoniae, Staphylococcus aureus oder Haemophilus influenzae verursachen ein starkes Anschwellen des Kehl­deckels (Epiglottis). Ärzte sprechen von einer Epiglottitis, also einer Kehldeckelentzündung. Anders als beim Pseudokrupp treten in diesem Fall starke Schluckbeschwerden und über 38 Grad Celsius hohes Fieber auf. Seitdem viele Kinder gegen Haemophilus influenzae Typ B geimpft werden, kommt eine Epiglottitis kaum noch vor.

Auslöser und Risiken

Doch zurück zu unserer Pseudokrupp-Patientin: Bei der kleinen Lisa haben sich die Schleimhäute im Kehlkopf unterhalb der Stimmbänder durch einen viralen Infekt entzündet. Erschwerend kommt hinzu, dass ihre Eltern rauchen. Neben Zigarettenrauch begünstigen Luftschadstoffe einen Pseudokrupp-Anfall. Auch Raumsprays, Einreibungen mit ätherischen Ölen oder Lufterfrischer sollten Eltern empfindlicher Kinder meiden. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Pseudokrupp vor allem nachts und im Winter besonders häufig auftritt.

Das hat mehrere Gründe: Der Körper schüttet das Hormon Cortisol in einem circadianen Rhythmus aus. In der Nacht erreicht der Blutspiegel ein Maximum und sinkt dann wieder ab. Zwischen 0 und 4 Uhr werden minimale Werte gemessen. In diesem Zeitfenster treten die meisten Pseudokrupp-Anfälle auf, da die entzündungshemmende Wirkung des Glucocorticoids fehlt. Saisonale Häufungen im Herbst und im Winter sind auf vermehrte Infektionen mit Viren zurückzuführen. Geschwächte Abwehrkräfte begünstigen außerdem den Pseudokrupp-Anfall.

Bei Pseudokrupp gelten Symptome wie laute Atemgeräusche und ein »bellender« Husten als typisch. Verstärkt sich die Atemnot, reagiert der Körper mit Herzrasen. Die Kinder geraten in Panik, was die Beschwerden noch verschlimmert. Ein Sauerstoffmangel macht sich durch eine leicht bläuliche Verfärbung der Lippen und der Fingernägel bemerkbar. Kommen Bewusstseinstrübungen hinzu, müssen die Eltern schnell einen Arzt aufsuchen.

Schnelle Hilfe

Bei der kleinen Lisa war der Notarzt rasch zur Stelle. Nach gründlicher Untersuchung verabreicht er ihr ein intravenöses Corticoid. Gleichzeitig riet er den Eltern, sich von ihrem Kinderarzt ein Notfallpräparat verschreiben zu lassen. Welche Corticoide sich eignen, ist wissenschaftlich mittlerweile gut erforscht worden.

Kinderärzte der University of Alberta in Kanada haben wissenschaftliche Veröffentlichungen gesichtet und den Einsatz verschiedener Arzneistoffe bewertet. Bei rechtzeitiger Gabe innerhalb von sechs Stunden erwiesen sich Dexamethason (InfectoDexaKrupp®) als Saft und Budesonid (Pulmicort®) zur Inhalation als besonders geeignet. 30 bis 60 Minuten nach Gabe der Arzneistoffe verbesserten sich die Symptome deutlich. Aufgrund der langen Halbwertszeit der Arzneistoffe bleiben die Patienten 12 bis 72 Stunden beschwerdefrei.

Darüber hinaus sind Zäpfchen mit Prednison (Rectodelt®) beziehungsweise Prednisolon (Infectocortikrupp®) verfügbar. Wegen möglicher Schwankungen bei der Resorption und wegen des langsameren Wirkeintritts im Vergleich zur intravenösen Gabe eignet sich diese Arzneiform jedoch nur bedingt. Rektalkapseln (Klismacort®) setzen das Pharmakon schneller frei. Sie sind hitzebeständiger als Zäpfchen und damit auch als Notfallmedikation für Urlaubsreisen mit kleinen Patienten geeignet. Auch Saft (InfectoDexaKrupp®) ist als Notfallpräparat verfügbar.

Außerdem bescheinigen die Forscher am Alberta Childrens Hospital in Kanada inhalativem Adrenalin (Infecto Krupp®Inhal) gute Eigenschaften. Nach 30 Minuten verbesserten sich die Pseudokrupp-Symptome deutlich, allerdings maximal zwei Stunden lang. Ratschläge jenseits der Pharmakotherapie sind für Eltern ebenfalls wichtig. Gelingt es ihnen, das Kind etwas zu beruhigen und für ausreichende Frischluftzufuhr zu sorgen, klingen leichtere Symptome rasch ab. Bei schwerem Verlauf mit Atemnot sollte jedoch immer sofort der Notarzt verständigt werden.

Tipps für Eltern bei akutem

  • Bewahren Sie selbst Ruhe und beruhigen Sie vor allem Ihr Kind.
  • Verständigen Sie den Notarzt, falls Ihr Kind keine Luft bekommt.
  • Falls Ihr Kinderarzt bereits ein Notfallmedikament verschrieben hat, sollten Sie das Präparat sofort bei den ersten Symptomen verabreichen und nicht abwarten.
  • Nehmen Sie Ihr Kind hoch oder setzen Sie es aufrecht hin. Das erleichtert die Atmung im Vergleich zur liegenden Position.
  • Sorgen Sie für ausreichend frische und kalte Luft.
  • Testen Sie, ob kalter Wasserdampf die Beschwerden lindert. Wärme schadet eher.
  • Einige Verbände, beispielsweise das Rote Kreuz, bieten Kurse zur Ersten ­Hilfe bei Kindernotfällen und Kinderkrankheiten an.

Eltern, deren Sprösslinge an Pseudokrupp leiden, fühlen sich trotz wirksamer Medikamente oft hilflos und wünschen sich zusätzliche Unterstützung aus ihrer Apotheke. Um das Immunsystem zu stärken, lohnt sich bei älteren Kindern ein Versuch mit Mikronährstoffen und Vitaminen. Die Vitamine B6, C, D, Folsäure, Selen und Zink haben positive Effekte auf Makrophagen im Körper. Antioxidantien wie Betacarotin, Vitamin C, Vitamin E, Bioflavonoide, Selen oder Zink schützen Zellen vor oxidativen Schäden. Aus dem Bereich der homöopathischen Mittel kommen je nach Leitsymptom Aconitum napellus, Ipecacuanha, Spongia tosta oder andere zum Einsatz. PTA und Apotheker sollten im Beratungsgespräch verdeutlichen, dass Eltern die Notfallmedikamente in jedem Fall verwenden müssen. Durch unterstützende Therapien gelingt es, die Zahl der Pseudokrupp-Anfälle zu verringern. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
pharmajournalist(at)yahoo.de