PTA-Forum online
Das Immunsystem

Schutz vor Feinden

11.10.2013
Datenschutz

Von Andreas Melhorn / Ständig bedrohen eingedrungene Bakterien, Viren, Pilze oder entartete Zellen die Gesundheit eines jeden Menschen. Daher könnte niemand ohne ein intaktes Immunsystem überleben. Um den Körper vor Eindringlingen zu schützen, arbeiten verschiedene Zellen und Botenstoffe zusammen. Säuglinge erhalten durch die Muttermilch einen gewissen Immunschutz. Allerdings muss sich dieser im Laufe der Zeit erst vollständig aufbauen.

Die kälteren Jahreszeiten stellen den menschlichen Organismus vor besondere Herausforderungen. Im Winter setzt vor allem trockene Heizungsluft den Schleimhäuten der Atemwege zu. So können Grippeviren und Bakterien einfacher in den Körper eindringen und sich dort vermehren. Besonders Kinder übertragen untereinander, beispielsweise im Kindergarten, häufig Viren oder Bakterien. Zehn Erkältungen pro Jahr sind bei Kleinkindern normal, da deren Immunsystem noch reift und erst lernen muss, Krankheitserreger abzuwehren.

Eigenes Schutzschild

Seinen vielfältigen Aufgaben ist das Immunsystem nur gewachsen, indem es unterschiedliche Mechanismen ausgebildet hat. Es gliedert sich in eine unspezifische (angeborene) und eine spezifische (adaptive = angepasste) Abwehr. Die unspezifische Abwehr richtet sich gegen alle Erreger gleichermaßen und zwar innerhalb von Minuten. Gleichzeitig sammelt sie Informationen über bereits bekämpfte Fremdstoffe für die spezifische Abwehr. Diese arbeitet effektiver, aber langsamer. Sowohl die spezifische als auch die unspezifische Abwehr bedient sich einer Vielzahl verschiedener Zelltypen, Botenstoffe und Proteine. Teilweise reagieren diese unabhängig voneinander, teilweise kooperieren sie.

Zahlreiche Schutzmechanismen sorgen dafür, dass möglichst wenig gesundheitsgefährdende Substanzen in den Körper gelangen beziehungsweise schnell wieder ausgeschleust werden. Eine erste Barriere nach außen bildet die Haut. Bereits eingedrungene Erreger werden von den Schleimhäuten abgefangen. Diese binden fremde Stoffe und transportieren sie mit dem Schleim ab. Dies geschieht entweder nach außen, zum Beispiel über die Atemwege und den Hustenvorgang, oder die Eindringlinge gelangen weiter in den Magen-Darm-Trakt. Unterstützt werden die Schleimhäute durch körpereigene Flüssigkeiten: den Speichel im Mund, die Tränenflüssigkeit im Auge und sogar den Harn. Auf ihrem Weg durch den Gastro-Intestinal-Trakt zerstört die Magensäure viele potenziell gefährlichen Erreger. Auch der Darm schleust ständig infektiöse Partikel aus dem Körper aus.

Schnelle Reaktion

Die Mechanismen der unspezifischen Immunabwehr richten sich innerhalb von Minuten gegen Bakterien, Viren oder Gifte, die in den Körper gelangt sind. Da sie nicht zielgerichtet arbeiten, wirken sie gegen alle Eindringlinge gleichermaßen sogar gegen als gefährlich erkannte Krebszellen. Die unspezifische Abwehr setzt die spezifische Abwehr in Gang, die gegen bereits bekannte Gefahren vorgeht. Immunologen unterscheiden bei beiden Formen außerdem zwischen der zellulären und der humoralen (von lateinisch humor = Flüssigkeit) Abwehr.

Bei der zellulären unspezifischen Abwehr schließen bestimmte Gruppen der weißen Blutkörperchen körperfremde und potenziell schädliche Partikel ein und lösen sie auf. Dieser Vorgang heißt auch Phagozytose, die Zellen dementsprechend Phagozyten oder auch – etwas anschaulicher – Fresszellen. Zu diesen Zellen gehören zum Beispiel Mikrophagen, das heißt neutrophile und eosinopile Granulozyten, sowie Monozyten beziehungsweise Makro­phagen.

Makrophagen und bestimmte andere Phagozyten erfüllen noch eine weitere Aufgabe: Als sogenannte Antigen-präsentierende Zellen sind sie unverzichtbar für die spezifische Immun­antwort. Sie zerlegen die Eindringlinge zunächst in kleinere Stücke, schleusen Teile davon wieder aus und präsentieren diese an ihrer Oberfläche. Diese Antigene können dann von der spezifischen Abwehr erkannt werden. Ein weiterer Zelltyp der unspezifischen Abwehr sind die Natürlichen Killerzellen, große granulierte Lymphozyten. Ihre größte Bedeutung liegt darin, Krebszellen und mit Viren infizierte Körperzellen zu vernichten.

Die humorale unspezifische Abwehr erfolgt durch verschiedene Proteine, die jeweils unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Die Eiweiße zirkulieren in den Körperflüssigkeiten und fungieren als Botenstoffe. Sie unterstützen die Phagozytose oder können selbst Zellen und Bakterien auflösen. Zur humoralen unspezifischen Abwehr gehört auch das aus 30 Glykoproteinen bestehende Komplementsystem, das bei Entzündungsreaktionen eine wichtige Rolle spielt. Der Großteil dieser Proteine sind Vorstufen von Enzymen und wird erst bei Bedarf aktiviert.

Die immunologische Lücke

Bei der spezifischen Immunabwehr richten sich körpereigene Antikörper gegen bereits bekannte Erreger, das heißt gegen fremde Antigene. Da eine gewisse Latenzzeit zwischen dem Eindringen des Fremdstoffes und dessen Erkennung vergeht, dauert dieser Prozess länger als die unspezifische Abwehr. Dadurch entsteht die sogenannte immunologische Lücke.

Antigene können Bakterien, Viren, Pilze oder bestimmte Oberflächenstrukturen von Zellen beziehungsweise Teile davon sein. Auch kleinere Partikel wie gelöste Arzneistoffe werden dann als Antigene erkannt, wenn sie an die Oberfläche von größeren Trägersubstanzen, beispielsweise Proteinen, gekoppelt sind. Wie bei der unspezifischen Abwehr unterscheiden Experten zwischen einer humoralen und einer zellulären spezifischen Abwehr.

Die körpereigenen Antikörper, auch Immunglobuline genannt, sind Glykoproteine, die spezifisch Antigene binden, sodass ein Antigen-Antikörper-Komplex entsteht. Die Bindung verändert die Struktur des Komplexes: Größere Partikel verklumpen, wenn mehrere Antikörper daran binden. Bakterien und andere Erreger macht der Kontakt mit dem Antikörper weniger beweglich. Die meisten Antigene verlieren durch die Kopplung mit dem Antikörper ihre schädigende Wirkung.

Bildung im Knochenmark

Eine entscheidende Rolle bei der spezifischen humoralen Abwehr spielen die B-Lymphozyten. Die Zellen werden im Knochenmark gebildet und sind jeweils nur für ein Antigen zuständig. Auch die Prägung beziehungsweise Schulung der Zellen findet im Knochenmark statt.

Kommt ein B-Lymphozyt mit seinem spezifischen Antigen, beispielsweise einem Bakterium, in Kontakt, bindet er es. Anschließend vermehren sich die B-Lymphozyten und entwickeln sich weiter zu Plasmazellen, die Antikörper produzieren. Beim ersten Kontakt mit einem Antigen bildet der B-Lymphozyt außerdem langlebige Gedächtniszellen. Diese kreisen im Blut und erkennen spezifische Antigene teilweise auch nach Jahren wieder. Den Gedächtniszellen ist es zu verdanken, dass die Immunantwort bei der zweiten Begegnung mit einem Antigen wesentlich schneller abläuft: Sie bilden schnell neue Plasmazellen, die wiederum die wichtigen Antikörper produzieren.

Empfehlungen für das Beratungsgespräch

Zink greift an mehreren Stellen ins Immunsystem ein und unterstützt es. Der tägliche Bedarf an Zink liegt bei 15 Milligramm. Zur Stärkung des Immunsystems empfehlen sich auch höhere Dosen.

Vitamin C ist bekannt dafür, die Immun­abwehr zu stärken, und die Dauer einer Erkältung zu verkürzen.

Der Extrakt des Purpursonnenhutkrauts (Echinacea purpurea) – als Saft oder Tinktur eingenommen – dient ebenfalls zur Unterstützung des Immunsystems.

Lymphozyten im Einsatz

So wie B-Lymphozyten die humorale spezifische Abwehr vermitteln, sind T-Lymphozyten für die zelluläre Abwehr zuständig. Auch sie werden im Knochenmark gebildet, erhalten ihre Prägung aber im Thymus (deshalb T-Lymphozyten). T-Lymphozyten erkennen Antigene ebenfalls auf Antigen-präsentierenden Zellen und binden daran. Die Bindung sorgt wie bei den B-Lymphozyten dafür, dass sich die Zellen vermehren und die Tochterzellen sich zu verschiedenen Zelltypen weiterentwickeln. Auch in diesem Fall entstehen Gedächtniszellen, die jahrelang im Blut zirkulieren und bei einem erneuten Kontakt mit dem bekannten Antigen schnell reagieren.

Neben den Gedächtniszellen dienen die T-Lymphozyten der Bildung weiterer Zellgruppen: Die T-Helferzellen produzieren nach dem Kontakt mit dem präsentierten Antigen eine Reihe von Zytokinen. Diese Botenstoffe aktivieren andere Zellen der zellulären Abwehr – sowohl der spezifischen als auch der unspezifischen. T-Killerzellen binden an bestimmte Zielzellen und lösen diese auf. Regulatorische T-Zellen unterdrücken das Immunsystem gezielt und verhindern so Autoimmunkrankheiten.

Gezielte Immunisierung

Gegen zahlreiche Infektionskrankheiten, auch als Kinderkrankheiten bezeichnet, baut der Körper nach dem Erstkontakt mit den Erregern eine lebenslange Immunität auf. Ein großer Fortschritt für Kinder und Eltern war die Entwicklung der aktiven oder passiven Immunisierung durch Impfstoffe, die vor der Infektionskrankheit schützt. Diese Impfungen regen die spezifische Abwehr an. Nach der Impfung bildet der Körper gezielt Gedächtniszellen und Antikörper. Kommt das Kind dann doch mit dem Erreger in Kontakt, erkennt sein Immunsystem das Antigen sofort und macht es unschädlich, damit wird der Ausbruch der Krankheit verhindert.

Flächendeckende Impfungen haben dazu beigetragen, viele gefährliche Krankheiten nahezu auszurotten. Ist ein Großteil der Bevölkerung geimpft, kann sich der Erreger praktisch nicht mehr ausbreiten. Die Chance, dass sich zwei nicht geimpfte Personen begegnen und anstecken, wird dann zunehmend geringer. Sinkt die Impfungsrate allerdings unter eine gewisse Schwelle, können auch als ausgerottet geltende Krankheiten wieder ausbrechen. Aus diesem Grund schützt die Impfung nicht nur den Geimpften selbst, sondern auch seine Mitmenschen. Gerät die Kenntnis über den Schweregrad einer Kinderkrankheit in Vergessenheit, überschätzen Eltern häufig die Risiken der jeweiligen Schutzimpfung. Die Gefahren der Impfungen, die die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut empfiehlt, sind immer wesentlich geringer als die der Erkrankung selbst.

Unterstützung der Abwehr

Um die Immunabwehr ihrer Kinder zu stärken, können Eltern darüber hinaus einiges tun. Bewegung, besonders an der frischen Luft, kurbelt den Stoffwechsel an und bringt das Immunsystem in Schwung. Auch sollten Eltern auf eine gesunde ausgewogene Ernährung achten, damit der Körper mit nötigen Vitaminen und Mineralstoffen versorgt ist. Besonders im Winter sollten die Kinder ausreichend lange schlafen, denn Schlafmangel schwächt den Körper und damit auch die Immmunabwehr. Wichtig ist außerdem ein geregelter Tagesablauf. Stress sollten Eltern möglichst von ihrem Kind fernhalten, denn dieser wirkt sich ungünstig auf das Immunsystem aus und macht den Körper anfälliger für Infekte. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
a.melhorn(at)gmail.com