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Arzneimitteltherapie

Sicherheit für Kinder

11.10.2013  15:44 Uhr

Von Verena Arzbach / Kinder sind keine kleinen Erwachsenen: Das gilt auch bei der Arzneimitteltherapie. Denn der kindliche Stoffwechsel unterscheidet sich von dem Erwachsener, sodass Medikamente bei ihnen anders wirken. Besonderheiten sind bei der Auswahl der Darreichungsform, ebenso bei der Dosierung und Anwendung zu beachten.

Nur etwa 10 Prozent aller in Deutschland verfügbaren Arzneimittel sind auch für Kinder zugelassen. Für weit verbreitete Krankheiten wie Mittelohrentzündung, bakterielle Infekte oder Husten gibt es ausreichend geprüfte Arzneimittel. Je ernster und seltener eine Erkrankung und je jünger das Kind ist, desto größer ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Ärzte Medikamente »off label«, also ohne Zulassung, verordnen müssen. Bei Herzerkrankungen, Krebs oder einer HIV-Infektion sind Arzneimittel in der Regel nicht an Kindern getestet worden, somit gibt es für die Anwendung bei Kindern oft keine oder nur wenige Wirksamkeitsbelege. Besonders im Krankenhaus werden viele Medikamente daher außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt, auf Intensivstationen beträgt der Anteil bis zu 90 Prozent. Meist erhalten die Kinder individuell zubereitete Dosen des Erwachsenenarzneimittels. Klinische Zulassungsstudien mit Kindern sind teuer und ethisch umstritten, meist lohnen sie sich wegen des geringen Marktanteils für die Pharmafirmen nicht.

Eine EU-Verordnung, die im Jahr 2007 in Kraft getreten ist, will die Entwicklung von Arzneimitteln für Kinder vorantreiben. Pharmazeutische Unternehmer sind nun dazu verpflichtet, bei bestimmten Arzneistoffen Wirkungen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen eines neuen Medikaments auch bei Kindern zu untersuchen. Belohnt werden die Pharmaunternehmen mit einem wirtschaftlichen Vorteil: Reichen die Firmen Daten zum kindgerechten Einsatz eines Arzneimittels ein, verlängert sich der Patentschutz eines neu zugelassenen Arzneimittels um sechs Monate.

Von dieser Verpflichtung ausgenommen sind alle Arzneistoffe, die keinen Nutzen für Kinder bieten, wie beispielsweise Antidementiva. Für Arzneimittel, die bei Inkrafttreten der Verordnung schon auf dem Markt waren, können Hersteller eine Zulassung für die Anwendung bei Kindern beantragen. Kinderärzte beklagen jedoch, dass es trotz der EU-Verordnung immer noch zu wenig Arzneistoffe gibt, bei denen der Einsatz bei Kindern ausreichend erforscht ist.

Anderer Stoffwechsel

Der Körper eines Kindes befindet sich in ständiger Veränderung: Die Organe wachsen unterschiedlich schnell, ihre Zusammenarbeit muss sich immer wieder neu einstellen. Die angemessene Dosierung eines Arzneimittels variiert daher sowohl mit dem Alter als auch dem Entwicklungsgrad des Kindes. Je nach Wachstumsphase können zwei Kinder also recht unterschiedlich auf ein bestimmtes Arzneimittel reagieren.

Säuglinge produzieren noch einen wenig sauren Magensaft mit einem pH-Wert von 4, was die Stabilität von Arzneistoffen und damit deren Bioverfügbarkeit beeinträchtigen kann. Magen und Darm des kleinen Patienten arbeiten in der Regel langsamer als bei Erwachsenen, zudem ist der Darm noch nicht wie beim Erwachsenen vollständig von Bakterien besiedelt. Manche Arzneistoffe aus Tabletten, Kapseln oder Säften, die über den Magen-Darm-Trakt ins Blut gelangen, müssen bei Säuglingen und Kleinkindern niedriger, manche auch höher dosiert werden, damit sie die gewünschte Wirkung zeigen. Die Haut von Säuglingen ist relativ dünn, daher nehmen sie Arzneistoffe über die Haut schneller und besser auf als Erwachsene. Auch die Blut-Hirn-Schranke ist noch nicht vollständig ausgebildet, viele Wirkstoffe gelangen dadurch in größerem Anteil ins Zentralnervensystem.

Je nach Alter und Entwicklung verteilt sich ein Arzneistoff auch anders im Körper des Kindes. Eine Rolle spielen hierbei der Wasser- und Fettanteil: Bestimmte Wirkstoffe reichern sich vor allem im Körperfett an, andere eher in der Extrazellularflüssigkeit. Bei einem Neugeborenen liegt der Körperfettanteil bei 12 Prozent, bei Erwachsenen im Durchschnitt zwischen 18 Prozent (Männer) und 25 Prozent (Frauen). Lipophile Arzneistoffe müssen bei Kindern also niedriger, wasserlösliche eher höher dosiert werden.

In den ersten Monaten und Jahren sind auch die Ausscheidungsorgane Leber und Nieren noch nicht ausgereift. Beim Neugeborenen funktionieren auch einige Enzymsysteme noch nicht vollständig oder fehlen ganz. In den ersten vier bis sechs Wochen können Säuglinge deshalb Arzneimittel nur sehr langsam ausscheiden. Ältere Kinder dagegen bauen viele Arzneistoffe schneller ab, da ihre Leber im Verhältnis zum Körpergewicht größer ist als die Erwachsener.

Darreichung entscheidet

Zur Therapie kleiner Kinder eignen sich vor allem flüssige Zubereitungen wie Säfte, Tropfen oder Lösungen, weil sie diese besser schlucken können als Kapseln, Tabletten oder Dragees. Die Flüssigkeit sollte dem Kind möglichst einigermaßen schmecken und die Schleimhäute in Mund und Rachen nicht reizen. Viele Kinder reagieren empfindlich auf bitteren Geschmack und verweigern die Einnahme von schlecht schmeckenden Säften. Ein Arzneimittel sollte jedoch wiederum nicht allzu bunt und lecker sein: Das Kind muss wissen, dass es sich um Arzneimittel handelt, nicht um Fruchtsaft oder Bonbons.

Besonders beliebt bei Eltern jüngerer Kinder sind Zäpfchen, da das Verabreichen meist unproblematisch ist. Zäpfchen belasten den Magen-Darm-Trakt nicht. Ein Nachteil ist jedoch, dass die Aufnahme des Wirkstoffs aus einem Zäpfchen vergleichsweise gering ist und stark schwanken kann. Bei einem Paracetamol-Zäpfchen gelangt beispielsweise im Vergleich zu Tablette oder Saft nur zwei Drittel des Wirkstoffs in den Körper.

Was ist zu beachten?

Die Zubereitung von Trockensäften mit Wasser bereitet Eltern gelegentlich Probleme. PTA und Apotheker sollten sich daher bei der Abgabe unbedingt vergewissern, ob bekannt ist, wie das Arzneimittel zubereitet wird oder, falls nötig, den Saft direkt in der Apotheke zubereiten.

Um das Pulver richtig aufzulösen, sollte die benötigte Menge Wasser in zwei bis drei Portionen hinzugegeben werden. Nach jeder Portion kräftig schütteln und warten, bis sich der Schaum gesetzt hat, anschließend die nächste Portion Wasser zugeben. Die Flasche sollten die Eltern immer exakt bis zur vorgegebenen Markierung auffüllen. Vor jeder erneuten Entnahme einer Dosis muss die Flasche gut geschüttelt werden. Zur Kontrolle der Haltbarkeit sollten Eltern das Datum der Zubereitung auf der Flasche vermerken.

Keine Angst vor Alkohol

Flüssige Arzneiformen, insbesondere homöopathische oder pflanzliche Lösungen für Kinder, enthalten häufig Alkohol. Ethanol ist dabei meist als Lösungs- oder Konservierungsmittel nötig, als Bestandteil von Kinderarzneien allerdings umstritten. PTA und Apotheker können Eltern allerdings beruhigen: Alkoholhaltige Arzneimittel speziell für Kinder sind in der empfohlenen Dosierung in der Regel unbedenklich, da das Kind nur eine sehr geringe Menge Alkohol aufnimmt. So enthalten fünf Tropfen eines Arzneimittels mit 43 Prozent Alkohol nur etwa 90 Milligramm Ethanol. Diese Menge ist vergleichsweise auch in einem halben Glas Apfelsaft enthalten. Arzneimittel, bei denen eine Einzeldosis mehr als 3 Gramm Alkohol enthält, eignen sich hingegen nicht für Kinder.

Reichen Eltern für mehrere Kinder in der Apotheke Rezepte ein, sollten PTA oder Apotheker Dosierung und Namen des Kindes auf jeder Packung vermerken. So können sie helfen, Verwechslungen zu vermeiden. Bei Säften, die genau dosiert werden müssen, empfiehlt es sich, die beigefügte Applikationshilfe zu benutzen. Ist der Packung keine beigelegt, kann das Apothekenteam den Eltern eine Einmalspritze als Dosierhilfe mitgeben.

Schlecht schmeckenden Saft können Mutter oder Vater in die Wangentasche hinter die Backenzähne spritzen, um einen Würgereiz zu vermeiden. Für Säuglinge gibt es außerdem spezielle Medikamentenschnuller, die sich mit Arzneimittel befüllen lassen.

Achtung: Flüssige Arzneiformen sind nach Anbruch nur begrenzt haltbar. Die Eltern sollten das Anbruchsdatum auf der Packung vermerken. PTA und Apotheker sollten Eltern unbedingt darauf hinweisen, falls der Saft nach dem Anbruch im Kühlschrank aufbewahrt werden muss.

Um Tabletten besser schlucken zu können, kann das Kind einen Bissen Banane im Mund kauen. Das Medikament lässt sich dann zusammen mit dem zerkauten Brei leicht herunterschlucken. Bei kleineren Kindern können die Tabletten auch in einem Löffel mit etwas Wasser aufgelöst werden.

Wenn das Kind bei Einnahme eines Saftes diesen wieder ausspuckt, müssen die Eltern vorsichtig sein: Hat das Kind schon einen Teil der Dosis geschluckt, darf es nicht noch einmal die gleiche Dosis bekommen, um eine Überdosis zu vermeiden. Nie sollten Eltern einen Antibiotikasaft oder ähnliches unter Zwang einflößen, das erschüttert das Vertrauen des Kindes und kann dazu führen, dass das Kind Medikamente in Zukunft generell ablehnt. Besser loben die Eltern das Kind oder bieten eine Belohnung an, wenn es das Medikament ohne zu murren geschluckt hat.

Arzneitropfen zum Einnehmen sollten Eltern nicht mit warmen Getränken mischen, damit die Wirkstoffe keinen Schaden nehmen. Bei der Dosierung hilft die richtige Technik: Sogenannte Randtropfer haben ein Loch in der Mitte des Einsatzes und müssen schräg gehalten werden. Bei Zentraltropfern hingegen befindet sich neben der Austrittsöffnung noch ein Belüftungsrohr. Diese Tropfflaschen halten Eltern besser senkrecht. Manchmal müssen sie den Flaschenboden leicht antippen, damit der erste Tropfen fällt.

Etwas kompliziert

Nasentropfen sollen nicht in den Rachen laufen, sondern an der richtigen Stelle, also in der Nase, wirken. Eltern sollten dem Kind vor der Anwendung die Nase putzen und anschließend den Kopf leicht zurücklegen. Das Kind soll nun einatmen und nach der Tropfen­gabe den Kopf kurz nach vorne beugen, danach die Nase »hochziehen«, damit sich die Flüssigkeit gut in der Nase verteilt.

Ein Zäpfchen kann das Kind nicht wieder herauspressen, wenn es verkehrt herum, also mit der stumpfen Seite zuerst, eingeführt wird. Nach der Verabreichung sollte Mutter oder Vater zusätzlich kurz die Pobacken des Kindes zusammendrücken. /

Besonderheiten der Arzneimitteltherapie bei Kindern

Organ Besonderheit Auswirkung
Magen und Darm Säuglinge:
  • Geringe Säureproduktion
  • Langsame Magenentleerung
  • Langsame Darmtätigkeit
  • Unausgereifte Bakterienbesiedlung des Darms
Wirkungseintritt verzögert, Überdosierungen möglich
Haut Dünnere Haut bei Säuglingen Vorsicht bei Cortisonsalben, iodhaltigen Desinfektionsmitteln, da stärkere Wirkung möglich
Gehirn Die Blut-Hirn-Schranke ist ab dem Alter von sechs Monaten vollständig ausgebildet Loperamid, Codein nicht für Kinder unter zwei Jahren
Körper­zusammensetzung
  • Kinder haben einen geringeren Körperfettanteil als Erwachsene
  • Mehr Körperwasser in den Zellzwischenräumen bei Kindern
Leichtere Anreicherung von fettlöslichen Arzneistoffen, Überdosierungen und stärkere Nebenwirkungen möglich
Niere und Leber
  • Bei Säuglingen und Kleinkindern noch nicht ausgereift
  • Einzelne Enzyme fehlen oder sind nicht ausgereift
  • Ältere Kinder haben im Verhältnis zu ihrem Körper­gewicht größere Leber als Erwachsene
Überdosierung von Penicillin und Paracetamol bei Säuglingen eher möglich

Informationen im Internet

  • ZAK (Zugelassene Arzneimittel für Kinder): www.zak-kinderarzneimittel.de Hilfreiche Datenbank zur Recherche zugelassener Wirkstoffe für bestimmte Indikationen. Die Auswahl nach Altersgruppe und Darreichungsformen ist möglich.
  • Pediatric Dose Calculation (englisch): www.manuelsweb.com/ped_dose.htm Berechnung von Kinderdosierungen
  • Pediatric Critical Care Medicine Website (englisch): http://pedsccm.org/Software.php Vielfältige Software mit Schwerpunkt Pädiatrie zum Download

E-Mail-Adresse der Verfasserin
v.arzbach(at)govi.de