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Operation

Mit dem Magenband gegen Diabetes

08.10.2014
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Von Katja Lüers / 64 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen in Deutschland wiegen zu viel. Gut 1 Million ist mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 40 sogar schwer adipös. Immer mehr Betroffene entscheiden sich für eine bariatrische Operation wie eine Magenverkleinerung. Ärzte sehen in solchen den Eingriffen eine Chance, Folgeerkrankungen der Adipositas wie Diabetes und Bluthochdruck zu vermeiden.

Jedes Jahr entscheiden sich in Deutschland mehr als 7000 adipöse Menschen für eine Operation. Die Tendenz ist steigend und zwar nicht nur, weil es immer mehr stark Übergewichtige gibt, sondern weil diese Operationen auch erfolgreich sind. »Große internationale Studien belegen diesen Erfolg«, sagt Professor Dr. Jürgen Ordemann vom Zentrum für Adipositas und Metabolische Chirurgie an der Charité in Berlin. Die bariatrische Chirurgie sei bei einem BMI höher als 40 kg/m2 beziehungsweise bei Betroffenen mit einem BMI höher als 35 kg/m2 und gleichzeitiger Diabetes-Erkrankung eine evidenzbasierte und weltweit anerkannte Therapie zur anhaltenden und deutlichen Gewichtsreduktion.

Die meisten Betroffenen, die sich für einen Eingriff entscheiden, haben bereits viele Jahre hinter sich, in denen sie vergebens versucht haben, auf konventionelle Art abzunehmen: Diäten, Sport, Ernährungsberatung. Sie haben alles ausprobiert und am Ende hat nichts genützt. »Was sind nach einer einjährigen intensiven Ernährungsberatung 5 Kilogramm Gewichtsverlust bei einem Körpergewicht von 180 Kilogramm?«, so Ordemann. Konventionelle Therapien versagen häufig im Kampf gegen starke Fettleibigkeit. »Und das liegt nicht daran, weil die Menschen es aus eigener Kraft nicht schaffen«, sagt Ordemann. Dazu sei die Erkrankung viel zu komplex. Oft seien es genetische Voraussetzungen, die im Zusammenspiel mit Umweltbedingungen dazu führen, dass jemand adipös wird: »Wer erst einmal schwer adipös ist, hat kaum Chancen, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Wir dürfen diese Menschen deshalb nicht verurteilen«, fordert Ordemann.

Was also kaum ein extrem adipöser Patient mit Bewegung, Diät und psychologischer Unterstützung schafft, gelingt Ärzten heute mit einem operativen Eingriff. In Deutschland spielen in der bariatrischen Chirurgie vor allem vier Verfahren eine Rolle: die Magenband-, die Schlauchmagen-, die Magenbypass-Operation und die biliopankreatische Diversion (BDP). Bei der Magenband-OP schlingt der Chirurg ein Band um den Magen, welches das Organ in einen Vormagen und einen Restmagen unterteilt. Der Durchgang vom kleinen Vormagen in den Restmagen wird eingeengt, sodass der Speisebrei zunächst im Vormagen verbleibt. Infolge des Dehnungsreizes des Vormagens hat der Patient schneller das Gefühl, satt zu sein. Die Nahrung passiert verzögert die Engstelle und nimmt dann den üblichen Verdauungsweg.

»Wir sind allerdings vom Magenband inzwischen fast abgekommen«, erklärt Ordemann. In der Praxis hat sich der Eingriff vor allem bei extrem Übergewichtigen nicht bewährt, denn das Gehirn kämpft gegen das Magenband an. Die Folge: Die Patienten nehmen hochkalorische Getränke, Pudding und Joghurt zu sich. »Da nützt das Magenband nichts mehr«, so Ordemann. Die Methode sei deshalb nur in Einzelfällen sinnvoll, beispielsweise bei Menschen, die nicht extrem übergewichtig und eher sogenannte Sweet-Eater sind.

Bei der Schlauchmagen-Operation wird der Magen sogar größtenteils entfernt. Zurück bleibt nur ein Schlauch entlang der kleinen Magenkurve als Verbindung zwischen Speiseröhre und Darm. Auf diese Weise verliert der Magen einen großen Teil seiner Speicherkapazität, der Patient kann nur noch kleine Portionen essen. Die Magenentfernung bringt zudem auch Veränderungen bestimmter Hormone mit sich: Das appetitanregende Hormon Ghrelin beispielsweise wird in viel geringerem Ausmaß ausgeschüttet. »Auf diese Weise verändern sich Hunger- und Sättigungsmechanismen, was dazu führt, dass adipöse Menschen weniger essen«, erklärt Ordemann.

Weniger Nährstoffe

Das gilt auch für die Magenbypass-OP, die weltweit am häufigsten eingesetzt wird. Der Magen wird wenige Zentimeter unterhalb des Mageneingangs abgetrennt. Der Magenrest wird anschließend mit einer tiefer liegenden Dünndarmschlinge vernäht – die Nahrung wird sozusagen umgeleitet. Der Körper nimmt durch den kürzeren Darm weniger Kohlenhydrate auf und der Zwölffingerdarm wird ausgeschaltet. »Wer aber weniger Kohlenhydrate aufnimmt, bekommt automatisch weniger andere Nährstoffe«, erklärt der Experte. Daher besteht nach der Operation die Gefahr von Nährstoffmangelsyndromen. Der Patient muss in der Regel lebenslang Vitamine, Spurenelemente und Eiweiß einnehmen. »Deshalb ist die Nachsorge bei diesen Eingriffen enorm wichtig«, sagt Ordemann. Das trifft auch auf die biliopan­kreatische Diversion zu. Sie entspricht etwa einer verschärften Version der Magenbypass-Operation. Allerdings wird der Restmagen, anders als beim Magenbypass, entfernt. Dieser Eingriff gilt als besonders wirkungsvoll.

Internationale Studien belegen inzwischen beeindruckend, dass sich alle vier Ansätze positiv auf die Blutzuckerwerte auswirken: Die Diabetes-Rückbildungsraten liegen – je nach Verfahren – bei 40 bis 90 Prozent. »Besonders erfolgreich sind die Magenbypass-OP und die biliopankreatische Diversion«, sagt Ordemann. Die Blutzuckerwerte verbessern sich nach der Operation deutlich – während sich auf der Waage die erste Abwärtsbewegung zeigt.

»Allerdings gilt: Je länger jemand bereits einen Diabetes Typ 2 hat, umso unwahrscheinlicher ist es, dass die Zuckerkrankheit vollkommen verschwindet«, erklärt Ordemann. Die Erfolgschancen auf komplette Genesung seien beispielsweise für jemanden, der 15 Jahre lang Insulin spritzt, sehr gering.

Im Umkehrschluss heißt das aber, dass bariatrische Operationen vorbeugend eingesetzt werden können: »Auch das belegen große internationale Studien«, so Ordemann. Nicht nur Diabetes, auch weitere Adipositas-Folge­erkrankungen wie Bluthochdruck, Schlafapnoe, Gelenkbeschwerden, Unfruchtbarkeit und Tumorerkrankungen lassen sich durch präventive bariatrische Eingriffe vermeiden. Chirurgen sprechen deshalb immer häufiger von »Stoffwechselchirurgie« statt von »Adipositas-Chirurgie«.

Beratung ­notwendig

Trotz aller Erfolge: Vor einer Operation müssen sich Übergewichtige eingehend ärztlich beraten lassen. Immerhin handelt es sich um eine große Operation mit Komplikationsrisiken und Einfluss auf alle Lebensbereiche. »Auf die leichte Schulter ist ein solcher Eingriff nicht zu nehmen. Er ist lebensverändernd«, betont Ordemann. Welches Verfahren sich für wen besonders eignet, lässt sich pauschal nicht sagen. Berücksichtigt werden müssen Lebensstil, Ausmaß des Übergewichts, Begleiterkrankungen und der persönliche Wunsch des Patienten. Da ist die Expertise eines Netzwerkes aus Internisten, Chirurgen und Psychosomatikern gefragt, zumal es auch gesunde adipöse Menschen gibt. Die sind zwar übergewichtig, leiden aber nicht unter den klassischen Begleiterkrankungen.

Probleme nach der OP

Grundsätzlich gilt: »Die verschiedenen Verfahren sind sehr nützlich, aber sie sind nur ein Gehstock auf dem Weg des Abnehmens«, erklärt Ordemann. Es bestünde weiterhin die Gefahr, dass die Patienten wieder zunehmen, denn ein Adipöser bleibe ein Leben lang adipös. Zudem besteht das Risiko, dass die Menschen die Veränderung psychisch nicht bewältigen, da sie jahrzehntelang ein völlig anderes Körperbild hatten. Auch plastische Probleme in Form von Hautfalten und -schürzen können auftreten.

Dennoch überwiegen für Ordemann die Vorteile der bariatrischen Chirurgie ganz klar: »Es gibt keine andere Therapieform, welche so erfolgreich die Adipositaserkrankung mit ihren Folgeerkrankungen behandeln kann. Binnen zwei Jahre werden die Patienten nicht nur schlanker, sondern aktiver, ihnen geht es kognitiv und immunologisch dramatisch besser.« /