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Hypoglykämie

Stoffwechsel auf Abwegen

08.10.2014  11:06 Uhr

Von Jutta Heinze / Mal zu viel, mal zu wenig: Entgleisungen des Glucosestoffwechsels bereiten vielen Menschen mit Diabetes ­immer wieder Probleme. Hypoglykämien mit sehr niedrigen Blutzuckerwerten können sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetiker ­betreffen. Fast immer sind sie aber vermeidbar.

»Wie viel Gramm Kartoffeln enthält die Vorspeise ›Runzelkartoffeln mit Meersalz‹?« Anja S. will es beim Restaurantbesuch ganz genau wissen. Denn die Typ-1-Diabetikerin muss ihre Mahlzeiten und ihre Insulindosis perfekt aufeinander abstimmen, damit ihr Glucosestoffwechsel nicht aus dem Lot gerät. Nach einem kurzen Hinweis auf ihre Erkrankung erhält Anja S. prompt die gewünschte Information direkt vom Koch und injiziert sich im Waschraum fix die entsprechende Insulinmenge, um anschließend die Vorspeise zu genießen.

Wer so umsichtig mit seiner Erkrankung umgeht wie Anja S. läuft selten Gefahr, dass das Blut zu viel oder zu wenig Glucose enthält. Beide Zustände – Hyperglykämie und Hypoglykämie – schaden der Gesundheit; Extremwerte münden mitunter in Bewusstlosigkeit oder gar im Koma.

Die Schuld an typischen diabetischen Folgeerkrankungen wie Nieren- oder Nervenschädigungen tragen vor allem dauerhaft zu hohe Blutzuckerwerte – sei es durch eine schlechte medikamentöse Einstellung oder aber mangelnde Therapietreue. Ein hyperglykämischer Notfall ist die diabetische Ketoazidose, eine Stoffwechselübersäuerung durch Ketonkörper, die bei langanhaltendem absolutem Insulinmangel auftritt. Wird die Ketoazidose nicht rechtzeitig behandelt, droht der Übergang in ein diabetisches Koma.

Unterzuckerung erkennen

Auch Hypoglykämien, also sehr niedrige Blutzuckerwerte, sind ernst zu nehmende Stoffwechselentgleisungen. Sie entstehen beispielsweise durch Überdosierung von Insulin beziehungsweise von insulinotropen Antidiabetika (siehe auch Kasten).

Zu den typischen Symptomen einer Hypoglykämie zählen Heißhunger (speziell nach Süßem), kalter Schweiß, Zittern, schneller Puls und Angst, Konzentrations- und Sehstörungen. Auftretender Schwindel und Probleme mit der Feinmotorik signalisieren, dass das Gehirn nicht genügend Energie bekommt. Bei Blutzuckerwerten unter 30 mg/dl treten Krämpfe und Bewusstlosigkeit auf und der Patient benötigt fremde und sofortige ärztliche Hilfe. Üblicherweise sprechen Mediziner bei Blutzuckerwerten von weniger als 50 mg/dl von einer Hypoglykämie, die sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetikern auftreten kann. Eine exaktere Definition ermöglicht die sogenannte »Whipple-Trias«, die drei Diagnosekriterien mit einbezieht: Typische Symptome einer Unterzuckerung, Nachweis eines niedrigen Blutzuckerspiegels und die erfolgreiche Beseitigung der Symptome durch Zufuhr von Glucose.

Ursachen von Hypoglykämien

  • Überdosierung von Insulin oder von Insulin-freisetzenden (insulinotropen) oralen Antidiabetika (Sulfonylharnstoffe und Glinide)
  • Zu niedrige Energiezufuhr bei nicht entsprechend angepasster Medikation
  • Erbrechen oder Durchfall
  • Hohe körperliche Belastung (Sport) ohne angepasste Medikation
  • Übermäßiger Alkoholkonsum, denn Alkohol senkt den Blutzuckerspiegel mit mehrstündiger Verzögerung, speziell in Kombination mit körperlicher Aktivität
  • Gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung
  • Spritzfehler wie zu großer Spritz-Ess-Abstand, aber auch Spritzstellen­probleme

Falsche Wahrnehmung

Viele Diabetiker besitzen eine gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung, gerade wenn sie häufig in Unterzuckerungssituationen geraten. Bei ihnen tritt ein Gewöhnungseffekt auf, das heißt, sie nehmen die Anzeichen einer drohenden Hypoglykämie nicht rechtzeitig wahr. Typische Symptome treten bei ihnen erst bei so niedrigen Blutzuckerwerten auf, bei denen die Gehirnfunktion bereits in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dies wiederum verzögert oder verhindert schnelle Gegenmaßnahmen. Vor allem in potenziell riskanten Alltagssituationen wie beispielsweise im Straßenverkehr, beim Schwimmen oder beim Umgang mit bestimmten Maschinen können sich diese Patienten durch die gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung selbst in Gefahr bringen.

Bei einer schlechten Einschätzungsfähigkeit hilft im ersten Schritt oft ein verändertes Therapieregime mit einer weniger strengen Blutzucker-Einstellung. Wenn dadurch innerhalb eines Zeitraums von rund drei Monaten keine Hypoglykämien mehr auftreten, normalisiert sich die Wahrnehmung üblicherweise von ganz allein. Fall dies jedoch nicht ausreicht, bietet sich ein Blutglucose-Wahrnehmungs-Training (BGAT = Blood Glucose Awareness Training) an, bei dem die Patienten ihre Sensibilität für Unterzuckerungssymptome schulen, um rechtzeitige Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Die Kosten für diese Trainings übernehmen in der Regel die Krankenkassen.

Bei insulinpflichtigen Diabetikern kommt es nicht allein drauf an, dass sie sich regelmäßig spritzen. Auch die Injektionstechnik und die Injektionsstellen beeinflussen, wie gut der Körper das Insulin aufnehmen kann. Fehlerhafte Injektionstechniken oder eine ungleichmäßige Insulinaufnahme aus dem Fettgewebe können ebenfalls Blutzuckerschwankungen hervorrufen.

Wer seine Injektionen immer wieder in den gleichen Bereich setzt, läuft Gefahr, dass sich an diesen Stellen so genannte Lipohypertrophien bilden. Das sind gummiartige und manchmal harte oder narbenähnliche Schwellungen im subkutanen Gewebe – unter anderem verursacht durch wachsende Fettzellen. Das in diese Bereiche gespritzte Insulin wird weitaus langsamer resorbiert als aus gesundem Gewebe. Die Folge sind Blutzuckerschwankungen. Die im Rahmen einer Diabetikerschulung richtig erlernte Spritztechnik und ein Rotationsplan für die Injektionsstellen tragen dazu bei, derartige Spritzstellenprobleme und damit sowohl Über- als auch Unterzuckerungen zu vermeiden.

Schnell reagieren

Die Sofortmaßnahmen, die Patienten, Angehörige oder Begleiter im Fall einer Unterzuckerung ergreifen sollten, orientieren sich am jeweiligen Schweregrad. Im Falle einer milden Hypoglykämie, bei der der Patient zwar Symptome aufweist, aber noch selbst reagieren kann, reicht oft die Zufuhr von rund 20 Gramm Kohlenhydraten aus, zum Beispiel in Form von Traubenzucker oder 200 Milliliter nicht kalorienreduzierter Fruchtsaft (siehe auch Kasten). Falls sich der Blutzuckerspiegel damit nicht innerhalb einer Viertelstunde auf über 50-60 mg/dl anheben lässt, sollte der Betroffene erneut etwas Glucose-haltiges essen. Ein weiterer Snack oder eine Mahlzeit beugen einer erneuten Unterzuckerung vor.

Im Falle einer schweren Hypoglykämie, bei der der Patient zwar noch bei Bewusstsein ist, aber nicht mehr selbstständig Gegenmaßnahmen ergreifen kann, braucht der Betroffene zügig 30 Gramm schnell verfügbare Kohlenhydrate, reine Glucose (Traubenzucker) oder alternativ 300 bis 400 Milliliter Fruchtsaft.

Im Notfall Glucagon

Bei einer schweren Hypoglykämie mit Bewusstlosigkeit benötigt der Patient umgehend ärztliche Hilfe. Angehörige oder Begleiter sollten daher einen Notarzt rufen. Falls vorhanden, sollten sie eine subkutane oder intramuskuläre Glucagon-Injektion verabreichen. Das Hormon Glucagon ist der Gegenspieler von Insulin und sorgt für einen schnellen, kurzfristigen Blutzuckeranstieg. Ist der Patient danach wieder ansprechbar, sollte er zügig etwa 30 Gramm Glucose bekommen und anschließend eine kleine kohlenhydratreiche Mahlzeit zu sich nehmen.

Unterzuckerungen sind immer ein Warnsignal dafür, dass Diabetiker nicht optimal medikamentös eingestellt sind oder aber das Therapieschema nicht ideal mit ihren Lebensgewohnheiten harmoniert. Erster Ansprechpartner bei solchen Problemen ist immer der behandelnde Arzt. /

Glucose im Notfall

Eine Broteinheit (BE) Glucose (12g) ­erhöht den Blutzuckerspiegel um ­circa 40 mg/dl. Bei einer akuten Unter­zuckerung sollten Diabetiker 2 bis 3 BE zu sich nehmen; das sind zum Beispiel fünf Plättchen Dextro-Energen, zwölf Gummibärchen, eine Tube ­Jubin® oder 240 ml Cola.