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Zuckerersatzstoffe

Süßer Selbstbetrug

08.10.2014
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Von Diana Haß / Süßstoffe wie Saccharin oder Aspartam sind beliebt. Versprechen sie doch süßen Genuss ohne Reue. Doch die Rechnung »Keine Kalorien durch Zucker bedeutet Gewichtsreduktion« geht oft nicht auf. Im Gegenteil: Laut einem aktuellen Studien­ergebnis können Süßstoffe sogar zu Gewichtszunahme führen und das Diabetes-Risiko erhöhen.

Wer möchte sich nicht »das Leben versüßen«? Menschen mögen den Geschmack »süß« so sehr, dass der Begriff fast so etwas wie ein Synonym für Glück ist. Von den fünf Qualitäten, die der menschliche Geschmackssinn unterscheidet, ist »süß« diejenige, die am frühesten für Entzücken sorgt. Schon Neugeborene lieben den Geschmack – und die Präferenz hält sich oft ein Leben lang. Leider häufig mit ungewollten Folgen. Weil Zucker enorm viele Kalorien hat, ist ungehemmtes Naschen ein sicherer Weg zum Übergewicht. Wie geradezu paradiesisch kommt da das Versprechen: »Iss so süß du magst, ohne zuzunehmen.« Möglich machen sollen das Süßstoffe. Stoffe, die süßer als Zucker sind, jedoch keine oder weitaus weniger Kalorien enthalten.

Keine Kalorien

Süßstoffe gibt es reichlich. In der Europäischen Union sind derzeit nach Angaben des Deutschen Süßstoff-Verbands elf Süßstoffe zugelassen. Sie alle zeichnen sich durch einen intensiven süßen Geschmack aus, der mindestens zehnmal süßer ist als der des gewöhnlichen Haushaltszuckers (Saccharose). Unterschieden wird zwischen natürlichen Zuckerersatzstoffen und synthetischen. Zu den natürlichen Süßstoffen zählen zum Beispiel die Stevia-Glykoside. Zu den synthetischen Süßstoffen zählen unter anderem Aspartam, Saccharin und Cyclamat. Der am längsten bekannte Zuckerersatzstoff ist Saccharin, das 1879 zufällig bei Laborexperimenten entdeckt wurde.

Intensive Süßkraft

Zu den Vorzügen von Süßstoffen zählt in erster Linie ihr sehr geringer Energiegehalt verbunden mit einer enormen Süßkraft. In der Regel haben sie kaum verwertbare Kalorien. Dabei übertrifft ihre Süßkraft die des Zuckers um ein Vielfaches. Die Süßkraft von Aspartam ist beispielsweise 200mal größer als die von Haushaltszucker. Die meisten Süßstoffe lassen im Gegensatz zu Zucker den Zahnschmelz intakt. Da sie im Mund nicht zu Säuren abgebaut werden, fördern sie keine Karies. Tolle Argumente für die »süßen Alternativen«, möchte man meinen. Aber: Immer wieder geraten sie unter Verdacht, zum Beispiel die Enstehung von Krebs zu begünstigen.

So alt wie die Süßstoffe selbst sind fast auch die gesundheitlichen Bedenken gegen sie. Immer wieder wurden Gesundheitsrisiken diskutiert oder eine krebsfördernde Wirkung vermutet. Saccharin beispielsweise geriet in Verruf. Bei Versuchen mit Ratten, denen eine hohe Dosis des Zuckerersatzstoffes verabreicht worden war, erhöhte sich die Rate der Krebserkrankungen. Auch bei Aspartam wurden Nebenwirkungen wie beispielsweise Kopfschmerzen sowie eine krebsfördernde Wirkung vermutet. Heute jedoch spricht aus Sicht des Deutschen Krebsforschungszentrums nichts für einen solchen Verdacht. »Alle bisher zugelassenen Süßstoffe gelten als gesundheitlich unbedenklich und dürfen bei der Herstellung von Lebensmitteln verwendet werden«, stellt der Krebsinformationsdienst auf seiner Internetseite klar. Er beruft sich unter anderem auf Studien der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Diese hat im Hinblick auf die gesundheitliche Unbedenklichkeit Höchstmengen für die tägliche Zufuhr von Süßstoffen festgesetzt.

Wer allerdings zum Beispiel auf Diät-Drinks setzt, um abzunehmen, ist auf dem Holzweg. Dafür, dass mit dem Umstieg auf Süßstoff statt Zucker ein signifikanter Abnehmerfolg verbunden ist, spricht kaum etwas. Im Gegenteil: Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es diesen Effekt – entgegen aller Hoffnungen – nicht gibt. Die Erklärungen sind unterschiedlich. Die Forschung läuft und ist teilweise erst am Anfang.

Zum Abnehmen ungeeignet

»Wenn ich in einem Restaurant Menschen ein Light-Getränk bestellen sehe, sind das fast immer die Dicken. Die Leute mit normalem Gewicht bestellen das meistens nicht.« Diese Beobachtung hat Professor Dr. Helmut Schatz aus Bochum gemacht. Der Internist mit dem Schwerpunkt Endokrinologe und Diabetologie ist Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Die Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet. Eine mögliche Erklärung für die Korrelation von Übergewicht und dem Verzehr von Süßstoffen liegt in der Gewöhnung an den Geschmack. Süß kann regelrecht süchtig machen. Die Folge: Je mehr man isst, desto dringender wird das Bedürfnis, »wieder nachzufüllen«, nochmals das schöne Gefühl einer »süßen Belohnung« zu haben. Auch Erziehung und Werbung spielen eine Rolle.

Heißhunger auf Süßes

Es gab Studien, die die Vermutung nahelegten, dass mit dem Genuss von Süßem – auch wenn es sich um Zuckerersatzstoffe handelt – der Insulinspiegel steige – und somit ein neuer Heißhunger auf mehr Süßes hervorgerufen werde. Wissenschaftlich bestätigt ist diese Hypothese nicht. Dafür scheint aber simple Psychologie plausibel. »Die Dicken meinen, sie tun sich mit den Süßstoffen etwas Gutes. Dann gönnen sie sich, weil sie ja Kalorien eingespart haben, einen Hamburger mehr«, bringt es Schatz auf den Punkt. Das scheint einleuchtend. Menschlich nachvollziehbar – und leider in der Konsequenz tückisch. Tatsache ist, dass trotz des ungeheuren Angebots an Light-Lebensmitteln in den Industriestaaten die Zahl der stark übergewichtigen Menschen ständig steigt.

Eine neue israelische Studie, die aktuell in »Nature« – einer der weltweit führenden wissenschaftlichen Zeitschriften – veröffentlicht wurde, findet derzeit viel Beachtung. Das Ergebnis der Studie lässt vermuten, dass Süßstoffe den Zuckerstoffwechsel stören. Bei Untersuchungen an Ratten und an einer kleinen Anzahl freiwilliger Probanden ließen sich infolge der Einnahme von Süßstoff Veränderungen in der Darmflora nachweisen. Grob gesprochen scheint es, als würde die Zahl bestimmter Darmbakterien, die an der Nahrungsverwertung beteiligt sind, erhöht. Daraus resultiert eine höhere Verwertung der Nahrung. Im Klartext: Mehr Kalorien werden aufgenommen, der Mensch nimmt zu. »Die Süßstoffe begünstigen das Wachstum von Darmbakterien, die die Aufnahme von Zucker und möglicherweise auch kurzkettigen Fettsäuren im Darm steigern«, erläutert Schatz die Wirkung, die die Studie vermuten lässt.

Diabetesrisiko erhöht

Auf Grundlage der Studie warnt die DGE nun vor dem unbedenklichen Verzehr von künstlichen Süßstoffen. »Übergewichtige Menschen, die mit Süßmitteln ihr Körpergewicht senken wollen, müssen wissen, dass sie nach den neuen Forschungsergebnissen damit ihr Diabetesrisiko sogar erhöhen«, sagt Schatz. Diese Warnung basiert auf den Ergebnissen des Glucosebelastungstests, der bei der israelischen Studie durchgeführt wurde. Bei Mäusen, denen Süßstoffe wie Saccharin, Aspartam oder die in Deutschland selten verwendete Sucralose ins Trinkwasser gegeben wurde, kam es nach kurzer Zeit zu einem überhöhten Anstieg der Blutzuckerwerte. Schatz plädiert beim gesunden Abnehmen für eine ausgewogene Ernährung. Zum Abnehmen sollte dabei die tägliche Kalorienzufuhr – gemäß der S3-Leitline der Deutschen Gesellschaft für Adipositas – täglich um 500 Kilokalorien unter dem liegen, was der Übergewichtige bisher zu sich genommen hat.

Dabei dürfte – so sieht das auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung – ruhig mal »richtiger Zucker« eingesetzt werden. Fünf Prozent des täglichen Kalorienbedarfs, so lautet die Empfehlung, dürfen durch Zucker gedeckt werden. Das entspricht in etwa einem gestrichenen Esslöffel Zucker. Hilfreich ist auch, sich klarzumachen, dass Essen nicht das einzige Mittel ist, sich »das Leben zu versüßen«. /