PTA-Forum online
Fett- und Zuckersteuer

Teure Kalorien

08.10.2014
Datenschutz

Von Anna Hohle / Durch falsche Ernährung werden in Deutschland immer mehr Menschen krank. Einige Mediziner fordern deshalb, ungesundes Essen sollte stärker besteuert werden und so teurer sein als gesundes. Eine solche Fettsteuer ist jedoch umstritten.

Jahr für Jahr wächst die Zahl der Menschen mit Übergewicht in Deutschland. Dem Robert-Koch-Institut zufolge hat inzwischen jede zweite deutsche Frau einen Body-Mass-Index von über 25, bei den Männern sind es sogar mehr als zwei Drittel. Auch jedes siebte Kind hat den Forschern zufolge zu viele Kilos auf den Rippen.

Dieser Anstieg der Leibesfülle hat Folgen: Mediziner sind sich darin einig, dass Übergewicht neben mangelnder Bewegung einer der Hauptgründe dafür ist, dass in Deutschland auch die Zahl der sogenannten Lebensstilkrankheiten wächst. Denn dicke Menschen bekommen häufiger als schlanke Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten.

Schon vor Jahren haben Ernährungs- und Gesundheitsorganisationen deshalb Alarm geschlagen. Ob Gesundheitsministerium oder Krebsgesellschaft: Fast jede Institution, die sich mit Krankheiten beschäftigt, kann inzwischen eine Kampagne zum Thema gesunde Ernährung vorweisen. Im Rahmen dieser Kampagnen kommen dann etwa Ernährungsberater in Betriebe oder Schulklassen, wo sie Kindern erklären, dass Obst gesund ist oder Büroangestellten raten, in der Kantine nicht immer zum fettigen Schnitzel zu greifen.

Verhaltensprävention nenne man solche Versuche, sagt Dietrich Garlichs. Garlichs ist Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und bezweifelt mittlerweile, dass solche Appelle an die Bevölkerung die nötige Wirkung zeigen. Es sei nämlich nur ein ganz bestimmter Personenkreis, der auf solche Kampagnen reagiert und sich tatsächlich gesünder ernährt: die gesundheitsbewusste Mittelschicht. »Die erreichen wir gut.« Der Rest der Bevölkerung schere sich kaum um Appelle.

Mit fatalen Folgen: In den Industrienationen wird die Schere zwischen der Lebenserwartung von ärmeren und wenig gebildeten Menschen und jenen, die höhere Schulabschlüsse haben und mehr Geld verdienen, seit Jahren größer. Mediziner vermuten dafür verschiedene Gründe. Menschen mit niedrigem Bildungsgrad rauchen zum Beispiel häufiger und gehen seltener zum Arzt. Aber sie ernähren sich eben auch schlechter. Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München haben 2009 in Umfragen herausgefunden, dass Hauptschüler weit häufiger als Gymnasiasten angeben, regelmäßig Softdrinks zu konsumieren. Auch essen sie mehr Fertiggerichte.

Mehr Steuern für ungesundes Essen

Laut Garlichs können Verhaltens­appelle diese Entwicklung nicht stoppen. Die DDG fordert deshalb, die Bevölkerung auf andere Art zu gesünderem Essen zu bewegen: Mit höheren Steuern auf ungesunde Lebensmittel. »Der Geldbeutel schmerzt«, sagt Garlichs. Durch teureren Tabak habe man es zum Beispiel geschafft, die Zahl der rauchenden Jugendlichen zu halbieren.

Die DDG schlägt nun vor, ungesunde Lebensmittel mit viel Fett, Zucker oder Kalorien nicht mehr wie bislang mit 7, sondern mit 19 Prozent zu besteuern. Gesunde Lebensmittel sollen im Gegenzug billiger werden, etwa indem man Obst und Gemüse ganz von der Mehrwertsteuer befreit. »So würden die Verbraucher angeregt, gesunde Dinge zu kaufen.« Und nicht nur das: Auch für die Hersteller sei die Steuer ein Anreiz, etwa den Zucker- oder Fettgehalt in bestimmten Produkten zu senken, sagt Garlichs. Fertiggerichte würden so automatisch ein bisschen weniger ungesund.

Dem DDG-Geschäftsführer zufolge passt dieser Vorschlag zu einer Entwicklung, die sich langsam auch global durchsetzt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO setze heute weniger auf Verhaltens-, und mehr auf Verhältnisprävention. »Make the healthy choice the easier choice«, heißt der passende Slogan. »Das bedeutet, wir verändern die Umstände so, dass es den Menschen leichter fällt, sich gesund zu ernähren.«

Bevormundend und einschränkend

Nicht jeder ist jedoch von solchen Eingriffen in die Entscheidungsfreiheit des Verbrauchers angetan. Kritiker sprechen von Bevormundung und bestehen auf dem Recht des Einzelnen, sich auch unvernünftig verhalten zu dürfen. Die Autorin Juli Zeh veröffentlichte 2009 den Roman Corpus Delicti, in dem sie die düstere Version eines Staates entwirft, der gesundes und risikofreies Verhalten zur allgemeinen Doktrin erhoben hat und jede Abweichung hart bestraft. In einem Stern-Interview ging Zeh damals hart mit der gesundheitspolitischen Entwicklung ins Gericht und warnte davor, Krankheit mit Schuld zu assoziieren.

Und tatsächlich ist auch beim Thema Fettsteuer ein häufig genanntes Argument das der gerechten Verteilung. Denn Krankheiten infolge von Übergewicht führen zu hohen Gesundheitskosten, die schließlich die gesamte Gesellschaft trägt. Einzelne Politiker haben deshalb schon gefordert, Raucher und Übergewichtige sollten höhere Krankenkassenbeiträge zahlen. Zeh zufolge ein kruder Vorschlag, der das Solidarprinzip der Krankenversicherung ad absurdum führe, wie die Autorin im Stern-Interview betonte. Auch führe man mit einem gesunden, optimal gehegten Körper nicht automatisch ein glücklicheres Leben.

Beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft lehnt man eine Fett- und Zuckersteuer ebenfalls aus Gründen der Bürgermündigkeit ab. »Ich bin kein Freund der Bestrafung bestimmter Ernährungsgewohnheiten«, sagt dazu Minister Christian Schmidt (CSU). Das Verhalten der Verbraucher lasse sich dadurch auch gar nicht ändern. Das zeige das Beispiel Dänemarks. Das Land hatte 2011 eine Fettsteuer eingeführt mit der Folge, dass viele Menschen zum Einkaufen über die Grenze nach Deutschland fuhren. Mit dem Regierungswechsel 2012 wurde die Steuer schließlich wieder abgeschafft.

Andere Länder arbeiten weiter mit höheren Steuern auf bestimmte Nahrungsmittel. In Frankreich werden zum Beispiel seit 2011 mit Süßstoff oder Zucker angereicherte Getränke stärker besteuert. Auch dagegen gab es Proteste. Der Regierung wurde vorgeworfen, die Staatskasse auf Kosten der ärmsten Bürger aufbessern zu wollen. Denn die würden nun mehr Geld für ihre Lieblingsgetränke ausgeben müssen und noch dazu bevormundet.

Doch das Argument, eine Fett- und Zuckersteuer schränke die Wahlfreiheit des Einzelnen ein, will zumindest Garlichs nicht gelten lassen. Die Lebensmittelindustrie investiere jährlich viele Millionen Euro in die Bewerbung ungesunder Produkte, sagt der DDG-Geschäftsführer. In Fernsehspots sei dann von der »gesunden Milch« im Schokoriegel die Rede, und viele Menschen fielen aus Unwissenheit darauf herein. Die Bürger seien also in Wirklichkeit gar nicht frei in ihrer Entscheidung. Der Versuch des Staates, dieser Beeinflussung Gesundheitskampagnen entgegenzusetzen, ist Garlichs zufolge »ein Kampf David gegen Goliath«. Eine Fettsteuer bedeute deshalb nur ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit.

Gute und schlechte Fette

Die konkrete Ausgestaltung einer solchen Steuer dürfte jedoch nicht einfach werden. Nicht jede Fettart ist schließlich ungesund, und auch Fruchtsäfte enthalten viel Zucker. Wirtschaftswissenschaftler der Uni Hamburg haben vor einigen Monaten vorgeschlagen, sämtliche Lebensmittel höher zu besteuern, die mehr als 12,5 Prozent Zucker, mehr als 20 Prozent Fett oder mehr als 1,5 Prozent Salz enthalten. In Dänemark dagegen legte die Regierung Ausnahmen fest und nahm etwa Fisch und Vollmilch von der Sondersteuer aus. Zu entscheiden, ob Olivenöl im Gegensatz zu Butter günstig bleiben darf und wo dann die Margarine hinpasst, würde keine leichte Aufgabe werden. Schließlich steht hinter jedem Produkt eine ganze Industrie, die bei vermeintlich ungerechten Nachteilen schnell protestieren wird.

Der Wirtschaftsethiker Ingo Pies sieht das Thema Fettsteuer nicht nur aus diesem Grund kritisch. »Eine solche Steuer müsste auch sehr spezifisch auf die Zielgruppe zugeschnitten werden«, sagt der Forscher. Zudem komme es schnell zur Substitution, geschehen unlängst nach der Sonderbesteuerung von sogenannten Alkopops zum Schutz von Jugendlichen. Als diese teurer wurden, wichen viele junge Leute einfach auf Schnaps aus, der weiterhin günstig zu haben war. Eine Fettsteuer macht Pies zufolge darüber hinaus nur dann Sinn, wenn man zusätzlich den gesamten Lebensstil der Zielgruppe zu verändern sucht, etwa durch die Förderung von Sportprogrammen. Und das, so der Wissenschaftler, würde Geld kosten.

»Hier müssen Ökonomen zur Vorsicht raten«, sagt Pies. Denn die Politik sei zwar an Einnahmen durch eine neue Steuer interessiert, nicht aber an Ausgaben durch zusätzlich notwendige Projekte. »Den ›worst case‹ hätten wir dann, wenn die neue Steuer alle belastet, aber niemandem etwas bringt«. Steuererhöhungen seien nun mal ein Instrument, so Pies, das leicht missbraucht werden kann.

Bei den Schulen ansetzen

Bevor man also ernsthaft über eine Fettsteuer nachdenke, sollte man dem Forscher zufolge besser auf Maßnahmen setzen, die wenig oder nichts kosten. »Ich halte es zum Beispiel für einen großen Widerspruch, dass viele Schulen zwar gesunde Mittagessen anbieten, die Schüler aber gleichzeitig am Schulkiosk Süßigkeiten kaufen können«, sagt Pies. Würde man hier das Sortiment umstellen, ließe sich schon viel bewirken.

Auch beim Schulsport sieht Pies großen Verbesserungsbedarf. »Kaum eine Schule organisiert diesen Unterricht so, dass er den Schülern Spaß macht und sie Freude an der Bewegung entwickeln«, bemängelt der Forscher. Und gerade Kinder, die schon Gewichtsprobleme hätten, kämen dabei am schlechtesten weg. »Für sie gibt es teilweise nicht mal geeignete Geräte.« Hier müssten sich Schulen und Eltern zusammensetzen und etwas verändern, um Übergewicht früh zu bekämpfen. Bevor man eine womöglich gar nicht wirksame, aber teure Fettsteuer einführt, so Pies, »sollten wir hier ansetzen und überlegen, was wir ohne große Kosten verändern können.« /