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Kolumne

Viele Löffel voll Zucker

08.10.2014  11:06 Uhr

Von Claudia Herwig / Ganz klar: Ich habe ein gesundes Verhältnis zu Zucker. Meistens zumindest. Wenn da nicht die kleinen, gemeinen Verlockungen des Alltags und die Erinnerung an knusprige Zuckerbrote wären.

Ich gehöre zu den Menschen, die im Restaurant zuerst mit penibler Genauigkeit die Dessertkarte studieren, bevor sie über das Hauptgericht nachdenken. Konditoreien haben auf mich eine genauso hohe Anziehungskraft wie der prallgefüllte Geldspeicher von Dagobert Duck auf die gierigen Panzerknacker. Beim Anblick von Cupcakes mit Sahnehaube und Zuckerperlen läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Kurzum: Ich liebe Süßes! Besonders zuckrige Backwaren wie Kuchen, Torten und Plunderstückchen, aber auch allerlei Sorten von Obst. Ein Leben ganz ohne: für mich unvorstellbar!

Das war schon in meiner Kindheit so. Als Baby habe ich mit Leib und Seele Bananenbrei, Apfelmus und süßen Grießbrei verschlungen. Als Kleinkind am liebsten Wassermelone, Erdbeeren und Kirschen. Später zählten Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Spätzle mit Preiselbeeren zu meinen Leibspeisen. Wobei ich mich beim Essen immer an das Verhältnis 1:2 hielt: eine Gabel Spätzle, zwei Gabeln Preiselbeeren, ein Stück Kartoffelpuffer, zwei Löffel Apfelmus.

Zuckerbrot vom Grill

Ich erinnere mich noch an ein Ritual, das meine Schwester und ich pflegten, wenn unsere Eltern im Sommer zum Abendessen den Grill anzündeten. Sobald das »richtige« Essen vorbei war, machten wir Kinder uns Zuckerbrote. Eine kross gegrillte Scheibe Brot, eine dünne Schicht Butter und darüber ein gestrichener Teelöffel Zucker. Die Mischung aus Zucker, zerlaufener Butter und dem erwärmten Brot bildete eine wahre Geschmacksexplosion. »Aber nur einen Löffel voll!«, sagte meine Mutter dann immer mit vorwurfsvollem Blick. Und kaum hatte sie sich umgedreht, hatten wir unsere flinken Finger an der Zuckerdose. Der Zucker krachte zwischen unseren Zähnen und hinterließ – neben klebrigen Kinderhänden – einen samtig-süßen Geschmack im Mund.

Für mich hat jede Jahreszeit ihren eigenen süßen Reiz: Erdbeerkuchen im Frühjahr, Eis im Sommer, heiße Schokolade im Herbst und im Winter, Sie ahnen es, Adventsgebäck. Am liebsten das selbstgebackene meiner Oma. Würde ich meiner gesundheitsfanatischen Freundin von all dem erzählen, was ich mir als Kind zwischen die Kiemen geschoben habe, sie würde wahrscheinlich mahnen: »Zu viel Zucker! Viel zu viel! Nicht gesund! Weiß doch jedes Kind!« Meine Freundin gehört nämlich zu der Sorte Mensch, die als Bettlektüre am liebsten Ernährungsberater lesen und beim Essen immer ihre Nährwerttabelle in greifbarer Nähe haben. Wenn es um Süßes geht, sagt sie immer aus vollster Überzeugung: »Brauch ich nicht. Ich bin nicht so ’ne Süße.« »Ist doch gelogen«, sage ich.

Ein Vierteljahrhundert und unzählige Zuckerbrote und Obsttortenstücke später weiß ich natürlich, dass zu viel Zucker ungesund ist. Zu viel Zucker macht dick. Zu viel Zucker macht träge. Zu viel Zucker kann Krankheiten auslösen. Aber deswegen darauf verzichten? Gar nicht so einfach, weiß ich aus Erfahrung. Denn ich versuche es seit Jahren immer und immer wieder. Das Problem: Zucker ist in fast allen Lebensmitteln enthalten. Er ist in Tütensuppen und in Saucen, in Säften und in Broten.

Verzicht quasi unmöglich

In Phasen, in denen ich mir vornehme, auf Zucker zu verzichten, gleicht mein Alltag deswegen einem Hindernislauf. Wie ein Computerspiel, bei dem es darum geht, Zuckersteinchen aus dem Weg zu gehen. Nur hat mein Spiel Schwierigkeitsgrad »Profi«. Auf dem Weg zur Arbeit lege ich auf Höhe des Bäckers den Turbo ein, damit ich schneller daran vorbeikomme. Im Büro angekommen, mache ich vor dem Café an der Ecke einen Duckjump, um die köstlichen kleinen Apfeltaschen zu überspringen, die es dort gibt. Gehe ich während der Arbeit zum Kopierer, laufe ich einen Umweg, um nicht am Geburtstagskuchen der Kollegin (irgendwer hat immer Geburtstag) vorbeizukommen. Und beim Mittagessen sammle ich Brokkoli- und Karotten-Punkte, damit in meinem Bauch kein Platz mehr für das Gratisdessert ist. Ist der Alltag im Büro geschafft, begegne ich weiteren Zuckerfallen auf dem Heimweg. Erfolgsaussichten, um ins nächste Level des Parcours zu gelangen: gleich Null. An irgendeiner Stelle des Spiels scheitere ich immer. Schlechtes Gewissen inklusive. Die Verlockungen des Alltags sind eben überall. In meinem Haushalt gibt es deswegen keinen Naschschrank und auch keine versteckten Vorräte. Wenn ich etwas Süßes kaufe, dann in kleinen Mengen. Meine Freundin würde mir da womöglich auf die Schulter klopfen.

Habe ich es dann doch tatsächlich einmal geschafft, dem Zucker aus dem Weg zu gehen, kann ich mit Sicherheit sagen, dass meine Laune spätestens nach fünf Tagen in den Keller rauscht. Überall sehe ich auf einmal Kuchen, in der Arbeit haben gleich drei Kollegen gleichzeitig Geburtstag und nachts träume ich von Sachertorte und Biskuitrollen. Stück für Stück entwickle ich mich zu einem weinerlichen Kuchen­junkie auf Entzug. Bis ich irgendwann mit meinen Vorsätzen breche.

Zucker macht glücklich

Es ist kein Wunder, dass es Menschen aus den Industrieländern so schwerfällt, auf Zucker zu verzichten. Denn wir sind viel zu sehr daran gewöhnt. Mein Hausarzt würde diese Phänomen wahrscheinlich so formulieren: »Zucker macht glücklich. Zucker macht zufrieden. Zucker steigert die Laune. Aber: Zucker macht auch süchtig.« »Stimmt«, sage ich. Ich muss es ja wissen.

Wussten Sie, dass wir Menschen im Schnitt 17 Löffel Zucker pro Tag zu uns nehmen? Zucker in Obst ausgeschlossen. 17 Löffel! Das bestätigten Wissenschaftler des Connecticut College in den USA. Meine abstinente Freundin würde bei 17 Löffeln Zucker wahrscheinlich sofort ins Koma fallen – aber davor noch schnell mit erhobenem Zeigefinger klagen: »Weiß doch jedes Kind, dass zu viel Zucker ungesund ist.«

Kürzlich bin ich beim Surfen im Internet – eigentlich auf der Suche nach einem neuen Kuchenrezept – auf einen interessanten Artikel gestoßen. Darin setzten Forscher der Princeton University die Wirkung von Zucker mit der von Heroin gleich. Der Neurotransmitter Dopamin, der beim Verzehr von Zucker im Gehirn ausgeschüttet wird, sei mit für die Entwicklung von Entzugssymptomen zuständig. Zucker, eine Droge? Pah! Hab ich’s doch gewusst. Kein Wunder, dass ich mich nach einer Woche ohne Zucker wie ein Junkie auf Entzug fühle.

Zucker hin oder her, es ist wie so oft im Leben: Ich weiß, zu viel ist nicht gut, ohne kann ich aber auch nicht leben. Und was bringt das schönste Stück Kuchen, wenn man es vor lauter schlechtem Gewissen nicht genießen kann? Aus diesem Grund habe ich mir vorgenommen, von jetzt an nicht mehr komplett zu verzichten. Ganz bewusst genießen, aber in Maßen. Schon Paracelsus wusste: »Dosis sola venenum facit.« (Allein die Menge macht das Gift).

Ich gehe mir jetzt ein Stück Kuchen kaufen! Aber nur ein ganz kleines. /

Neue Richtlinien

Tatsächlich essen wir viel zu viel Zucker, das sagt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie will daher die Richtwerte für den Zuckerkonsum halbieren. Nach bisherigen Empfehlungen sollte bei Erwachsenen weniger als 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr aus Zucker (rund 50 g) bestehen; nun sollen Erwachsene nur noch maximal 25 g Zucker – etwa sechs Teelöffel – pro Tag verzehren, Obst nicht eingerechnet. Krankheiten wie Adipositas und Diabetes soll so vorgebeugt werden, auch gegen Zahnkaries will die WHO so vorgehen. Wie realistisch es ist, den Zucker­verzehr so drastisch zu senken ist jedoch fraglich – Menschen in Industrie­ländern müssten ihren durchschnitt­lichen Konsum um mehr als zwei Drittel reduzieren.