PTA-Forum online
Reizdarmsyndrom

Die optimale Therapie ist individuell

24.07.2015  11:18 Uhr

Von Claudia Borchard-Tuch / Schätzungsweise jeder vierte Erwachsene leidet an einem Reizdarmsyndrom. Die Ursache der Erkrankung ist zwar noch ungeklärt, die Patienten erwarten jedoch eine wirksame Arzneimitteltherapie. Neue Substanz­gruppen wie Serotonin-Modulatoren erweitern die Möglich­keiten der Behandlung.

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist laut Definition die Verbindung von Bauchschmerzen oder -beschwerden mit Veränderungen des Stuhlverhaltens. Trotz gründlicher Untersuchung finden Ärzte keine körperliche Ursache für die Beschwerden. »Funktionelle Darmerkrankungen sind das, was nach intensiver Diagnostik übrig bleibt«, erklärte Professor Dr. Thomas Frieling aus Krefeld auf einem Symposium der MEDICA Education Conference im September 2014.

Das Reizdarmsyndrom betrifft etwa doppelt so häufig Frauen wie Männer. Charakteristisch für RDS ist die große Vielfalt an Symptomen, so zum Beispiel Bauchkrämpfe, Völlegefühl, Verstopfung, Durchfall und Blähungen. Die Bauchschmerzen sind unterschiedlich stark ausgeprägt, manchmal kommt Übelkeit noch hinzu. Je nachdem, welche Beschwerden überwiegen, unterscheiden die Ärzte zwischen einem durchfalldominanten und einem verstopfungsdominanten Reizdarmtyp.

Bevor ein Arzt die Diagnose Reizdarmsyndrom stellt, muss er andere Krankheiten ausschließen, beispielsweise eine chronischen Darmentzündung, Infektionen im Magen-Darm-Bereich oder Tumoren. Um RDS besser von anderen Erkrankungen abgrenzen zu können, wurden 1990 die sogenannten ROM-Kriterien entwickelt und bis heute immer wieder überarbeitet (siehe Kasten). Die ROM-Kriterien erhielten ihren Namen, da sie im Rahmen einer Konsensus-Konferenz von Experten auf dem Gebiet der Gastroenterologie festgelegt wurden.

Laut aktueller Leitlinie sind für die Diagnose RDS drei Kriterien von besonderer Bedeutung:

  • einzelne oder kombinierte chronische Darmsymptome, die länger als drei Monate bestehen,
  • eine relevante Einschränkung der Lebensqualität,
  • keine andere im Rahmen der klinischen Untersuchung erkannte Ursache/Erkrankung für die Beschwer­den.

Entsprechend der aktuellen Leitlinie muss der Arzt die Diagnose zudem durch eine Darmspiegelung (Koloskopie) und bei Frauen auch durch eine gynäkologische Untersuchung absichern.

Stress und Immunsystem

Die Ursache des Reizdarmsyndroms ist immer noch nicht geklärt. Offenbar greifen bei RDS verschiedene Faktoren ineinander, die zu den Beschwerden führen. Unter anderem wurde nachgewiesen, dass mehrere Gene, die Funk­tionen im Magen-Darm-Trakt regulieren, mit einem Reizdarmsyndrom in Verbindung stehen. Außerdem ist bekannt, dass infektiöse Magen-Darm-Entzündungen das Risiko, ein durchfalldominantes Reizdarmsyndrom zu entwickeln, um den Faktor 6,5 erhöhen. Möglicherweise kommt es dabei zu einer lang anhaltenden Immunaktivierung. Auch Stress kann sich auf das Immunsystem ähnlich auswirken. Bei dieser Immunaktivierung in der Darmschleimhaut spielt die lokale Zunahme von Immunzellen (insbesondere Mastzellen und T-Lymphozyten) eine Rolle. Oft befinden sich die Mastzellen in unmittelbarer Nähe von Nervenfasern, sodass der Prozess mit Schmerzen verbunden ist.

ROM-Kriterien

Hauptkriterien

Schmerzen oder Unwohlsein im Bauchraum (Abdomen) über mindestens zwölf Wochen im vergan­genen Jahr begleitet von zwei der folgenden drei Kriterien:

  • Änderung der Stuhlfrequenz
  • Änderung der Stuhlkonsistenz
  • Schmerzen beim Stuhlgang

Nebenkriterien

  • Schleimbeimengungen im Stuhl
  • Blähungen
  • Gefühl der unvollständigen Entleerung

Durch regelmäßige Kontraktionen transportiert die Darmmuskulatur den Nahrungsbrei Schritt für Schritt weiter. Dieser Rhythmus ist bei Patienten mit RDS häufig gestört. Bei durchfalldominantem Reizdarmsyndrom ist die Verweilzeit des Nahrungsbreis verkürzt, beim verstopfungsdominanten Reizdarmsyndrom dagegen verlängert. Oft sammeln sich im Darm übermäßig viele Gase, die den Darm dehnen und so zu Schmerzen führen.

Ein weiteres RDS-Merkmal ist die Störung der intestinalen Barriere. Normalerweise verhindert die Darmschleimhaut, dass Bakterien oder Schadstoffe aus dem Darm unkontrolliert in das Körper­innere eindringen. Biopsien des Dickdarms von RDS-Patienten ergaben eine erhöhte Durchlässigkeit der Schleimhaut. Auch ist die Zusammensetzung der Darmflora bei RDS verändert: Im Darm finden sich unter anderem weniger Acinetobacter und Bifidobakterien.

Individuell behandeln

Die Therapie des Reizdarmsyndroms sollte individuell nach den Symptomen, aber auch nach den Vorlieben des Patienten erfolgen, so Dr. med. Viola Andre­sen, Hamburg, während des Symposiums in Düsseldorf. Meist gelingt eine Besserung der Beschwerden; komplette Beschwerdefreiheit wird dagegen nur selten erreicht. Eines steht fest: Die Basis für den Therapieerfolg ist eine stabile Beziehung zwischen Pa­tient, Arzt und Apotheker.

Manchen Patienten hilft eine Psychotherapie, sowohl die klassische Psychotherapie als auch die kognitive und die Verhaltens-Therapie. Diese können Ängste und depressive Symptome bessern, die im Zusammenhang mit RDS auftreten. Auch gastrointestinale Symptome werden häufig durch Psycho­therapie gelindert.

Ernährung umstellen

Für RDS-Patienten existieren keine allgemeingültigen Vorgaben für Ernährung und Lebensstil. Sinnvoll sind aber Vorschläge, die sich an den bestehenden Symptomen und individuellen Unverträglichkeiten orientieren. Die Befragung von 1200 Patienten ergab: Bei 69 Prozent besserten kleinere Mahlzeiten, bei 64 Prozent das Vermeiden fetter Speisen und bei 58 Prozent die Erhöhung des Faseranteiles der Nahrung die Symptomatik. Im Vergleich zu Gesunden kommt bei Patienten mit Reizdarmsyndrom häufiger eine Lactose-Unverträglichkeit vor. In diesen Fällen ist eine lactosereduzierte Kost empfehlenswert.

Auch die Reduktion der sogenannten FODMAPs (= Fermentable Oligo-, Di-, Monosaccharides And Polyols) in der Ernährung lindert die Beschwerden oft deutlich. Zu den FODMAPs zählen kurzkettige Kohlenhydrate wie Lactose, Fructose, Raffinose, Fructane oder Galac­tose sowie die Zuckeraustauschstoffe Xylit, Sorbit und Maltit. Diese Verbindungen können im Dünndarm nicht vollständig absorbiert werden und sind im Dickdarm einerseits osmotisch aktiv, andererseits werden sie durch Bakterien unter Gasbildung fermentiert. In zahlreichen Lebensmitteln sind FODMAPs enthalten wie Milch und Weizenprodukten, aber vor allem in bestimmten Früchten und Gemüsesorten. Hierzu gehören Äpfel, Birnen, Weintrauben, Brokkoli, Pilze, Zwiebeln und Mais.

Gegen die Schmerzen helfen den meisten Patienten Spasmolytika wie Butylscopolamin, Mebeverin oder Probiotika. Patienten mit starken psychischen Symptomen erhalten von ihrem Arzt auch oft ein Anti­depressivum.

Stuhlgang regulieren

Überwiegt die Obstipation, sind osmotische Abführmittel (Laxanzien) vom Makrogoltyp meist effektiv und gut verträglich. Die Bauchschmerzen werden jedoch durch die Gabe von Makrogol nicht gelindert. Ballaststoffe eignen sich prinzipiell ebenfalls, sollten aber individuell eingesetzt werden, da manche Patienten sie schlecht vertragen. Insbesondere Patienten mit Blähungen und Dehnungsschmerzen im Darmbereich sollten auf Kleie verzichten, da diese die Symptome verstärken könnte.

Leiden die Patienten mehr unter Diarrhö, eignen sich neben den klassischen Antidiarrhoika wie Loperamid auch Cholestyramin oder lösliche Ballaststoffe, ebenso versuchsweise Phytotherapeutika oder Spasmolytika.

Neue Therapieverfahren

Verschiedene Studien deuten auf eine moderate Wirkung von Probiotika bei RDS hin. Die Datenlage ist zurzeit jedoch noch widersprüchlich, und viele Fragen sind ungeklärt, beispielsweise die Therapiedauer, die günstigste Zubereitungsform und welche Mikroorganismen das Probiotikum enthalten sollte. Möglicherweise ist eine individualisierte Therapie die beste, die auf das Mikrobiom des Patienten abgestimmt ist, erklärte Andresen.

Gegen Blähungen und Schmerzen beim durchfalldominanten Reizdarmsyndrom hat die antibiotische Therapie in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. Die Datenlage ist insbesondere für Rifaximin überzeugend, das in einer Dosis von dreimal täglich 550 mg an einer großen Patientenzahl getestet wurde. Nach zehn Wochen besserten sich laut Angabe der Patienten Blähungsgefühl und Schmerzen. Der Therapieerfolg hält vermutlich durchschnittlich vier Monate an.

Relativ neu in der Behandlung des RDS sind Arzneistoffe, die am Serotonin-System angreifen. Da 5-HT4-Rezeptor­agonisten wie Prucaloprid den Transit des Nahrungsbreis beschleunigen, wirken sie beim obstipationsdominanten Reizdarmsyndrom. Im Unterschied dazu verzögern 5-HT3-Rezeptorantagonisten wie Alosetron oder Cilansetron die Magen-Darm-Passage des Nahrungsbreis und sind daher beim durchfalldominatem Reizdarmsyndrom effektiv. Die Arzneistoffe festigen den Stuhl und verringern abdominelle Schmerzen. Bei 25 Prozent der Patienten führen Alosetron und Cilasentron jedoch zu Verstopfung, bei 0,1 bis 0,2 Prozent zu einer Dickdarmentzündung.

Eine Alternative bei obstipations­dominantem Reizdarmsyndrom ist der Guanylatzyklase-C-Rezeptoragonist Linaclotid. Er verstärkt den Einstrom von Chlorid, Bikarbonat und Wasser in das Darminnere, erhöht so die Stuhlfrequenz, die Konsistenz wird weicher und lindert abdominelle Schmerzen. /